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Chiquita
Giftiges
Geschäft
Von
Roman Berger, Costa Rica
Quelle: WOZ
(Schweiz) vom 31. Mai 2007
Der
US-amerikanische Obstmulti wirbt mit dem Label einer Umweltorganisation -
und erweckt damit den Eindruck, seine Bananen würden fair und
umweltfreundlich angebaut. Doch wie sieht es auf Chiquitas Plantagen
wirklich aus?
Bananenplantagen,
so weit das Auge reicht. Plötzlich fliegt ein Kleinflugzeug mit
dampfenden Sprühleitungen über die Felder. Die Pilzgifte werden auch über
Wohnhäuser, über eine Klinik und eine Schule verteilt. Es riecht süßlich,
kilometerweit. Auf der Straße donnern Lastwagen mit sechzehn Meter langen
Kühlcontainern zum Hafen Limón, wo die Schiffe der drei großen
Bananenmultis Richtung Europa auslaufen: Del Monte, Dole und Chiquita mit
der lächelnden Frau im Logo.
Bei
einer Präsentation im vergangenen Februar in der Masoala-Halle des Zürcher
Zoos beschrieben Chiquita-ManagerInnen aus Costa Rica, wie sich ihr
Unternehmen zum vorbildlichen Multi entwickelt habe. Auf ihren Plantagen
werde ökologisch produziert, und man bezahle überdurchschnittlich hohe Löhne.
Zudem seien die ArbeiterInnen frei, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Besonders hervorgehoben wurde auch, dass die Chiquita-Plantagen seit 2005
von der US-amerikanischen Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance
zertifiziert seien. Als Zeichen dafür tragen die Bananen, die in der
Schweiz in der Migros verkauft werden, jetzt zusätzlich ein Label mit
einem Frosch im Logo, laut Chris Wille von Rainforest Alliance «das
Symbol einer intakten Natur».
Von
der Zürcher Dschungelkonserve zurück zu den Bananenplantagen in Costa
Rica:
Julio*
hat viel Gewicht verloren, das Atmen macht ihm Mühe. Der 26-Jährige ist
«embolsador»: Er überzieht einzelne Bananenbüschel an den Stauden mit
Plastiksäcken, die mit dem auch für Menschen giftigen Insektizid
Chlorpyrifos imprägniert sind. Der Arzt habe ihm dringend empfohlen,
seine Arbeit zu wechseln, sagt Julio. Doch sein Chef erlaube ihm das
nicht.
Brilly*
ist «Schlepper». Er arbeitet am Bananenzug, einer mit Menschenkraft
betriebenen Transportbahn. Sind 25 Bananenbüschel zu je fünfzig Kilo bei
der Transportbahn eingehängt, dann zieht Brilly diese Last im Dauerlauf
durch die Bananenfarm bis zur Packstation. Die Distanz kann bis zu drei
Kilometer betragen. Weil Brilly - wie die übrigen ArbeiterInnen auch -
nach Leistung bezahlt wird, versucht er, pro Tag mindestens sieben «Züge»
zur Packstation zu bringen. Der drahtige Mann leidet häufig an einem
Sonnenstich und muss oft erbrechen. Zudem dauert sein Weg abends nach
Hause mit dem Fahrrad anderthalb Stunden.
Plackerei
ohne Ende
«Die
Produktion ist groß. Wir dürfen die Bananen nicht verlieren.» Mit
diesen Worten bat sie ihr Chef auch an diesem Sonntag zur Arbeit auf, erzählt
Jeanette. Seit mehr als zwei Monaten hat sie keinen arbeitsfreien Tag mehr
gehabt. Wer trotzdem einen Tag ausspannen wolle, nehme eine «Absenz ohne
Erlaubnis» in Kauf. Nach drei «unerlaubten» Absenzen können die
ArbeiterInnen entlassen werden. Die 27-jährige Frau muss in wenigen
Sekunden mit einem kleinen Messer Büschel aus vier bis zehn Bananen
schneiden und aussortieren: Zu große, zu kleine, zu krumme oder zu gerade
gewachsene Bananen haben keine Chance. «Vierzehn Bündel pro Minute»
lautet Jeanettes Plansoll. Der Ausschuss - bis zu einem Fünftel der Ernte
- wandert auf Fliessbändern auf Kleinlastwagen und wird zum nächsten
lokalen Markt gefahren, wo die Bananen für wenige Centavos zu bekommen
sind.
Eine
stressvolle Arbeit hat auch die Verpackerin Rosa*. «Die Kartonschachteln
kommen auf dem Fliessband angerollt. Sie stoßen und drücken uns buchstäblich,
wenn wir das vorgeschriebene Tempo nicht einhalten können», sagt die
25-Jährige. In der Packstation herrsche seit sechs Monaten eine Krise,
weil viele wegen der schlechten Arbeitsbedingungen weggegangen seien. Weil
Rosa noch drei Kinder zu versorgen hat, steht sie morgens um vier Uhr auf.
Oft kommt sie erst abends um sieben Uhr nach Hause.
Der
für Umweltschutz und soziale Fragen zuständige Direktor bei Chiquita,
Luis Garnier, spricht Klartext: «Die Arbeit auf den Bananenplantagen ist
gefährlich und giftig.» Auf Schautafeln werden den ArbeiterInnen die
strengen Schutzmassnahmen erläutert. Ein Embolsador beispielsweise muss
eine mit drei Kohlefiltern ausgerüstete Atemschutzmaske, Handschuhe, eine
Schürze aus Gummi sowie einen Sombrero tragen. Wenn die vorgeschriebenen
Schutzmassnahmen nicht eingehalten würden, habe der Angestellte das
Recht, die Arbeit zu verweigern. Blutuntersuchungen alle vier Monate
seien obligatorisch, und die ArbeiterInnen sollen sich nach der Arbeit in
Entgiftungsschleusen reinigen.
Es
ist drückend heiß und feucht unter den Bananenstauden, wo sich eine
Gruppe von ArbeiterInnen versammelt hat. Die Sicherheitsmaßnahmen seien
zwar ein Fortschritt, sagen einige. Doch die meisten klagen über zu viel
Arbeit. Bei ständig höheren Mengenvorgaben, aber gleichbleibendem oder
gar niedrigerem Lohn sind die Angestellten gezwungen, zwölf bis dreizehn
Stunden am Tag, sechs oder gar sieben Tage in der Woche zu arbeiten. Unter
diesen Bedingungen haben Sicherheit und Gesundheit das Nachsehen.
Gewerkschaftsführer
Ramón Barrantes spricht von einem Klima der Angst. Viele
GewerkschafterInnen seien in den letzten Monaten entlassen worden wegen
angeblicher Verstöße gegen Arbeitsvorschriften. In Wirklichkeit würden
sie wegen ihrer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft ungesetzlich entlassen.
Das mussten auch zwei Gewerkschaftsmitglieder erfahren, die am 16. März
mit giftigen Insektiziden besprayt wurden. Einer der Betroffenen
alarmierte die Betriebsleitung über eine Hotline, der andere wurde in
einer Klinik behandelt. Das Unternehmen bestreitet jede Vergiftung,
beschuldigt aber die Arbeiter der schweren Nachlässigkeit. Verhandlungen
mit den Gewerkschaften werden abgelehnt.
Reine
Propaganda
Chiquita
findet in ihrer gewerkschaftsfeindlichen Haltung Unterstützung beim
Solidarismo. Diese von nationalen und multinationalen Unternehmen
finanzierte, vom konservativen Flügel der katholischen Kirche getragene
Organisation bekämpft seit dem Kalten Krieg die einst starken
Gewerkschaften der BananenarbeiterInnen. Chiquita behauptet zwar,
Solidarismo nicht mehr zu finanzieren. Aber noch immer nehmen
Chiquita-Kadermitglieder dort führende Positionen ein.
«Verträge
und Labels sind reine Propaganda, wenn sie nicht durchgesetzt werden können»,
sagt der Gewerkschaftsführer Gilberth Bermudez. Er wollte kürzlich bei
der Welthandelsorganisation in Genf auf die Probleme der Gewerkschaften
der BananenarbeiterInnen in Costa Rica aufmerksam machen. Doch er wurde
an die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) verwiesen. Tatsächlich
hat diese zwar schon mehrmals Verstöße gegen ihre Normen - auch auf
Chiquita-Farmen - kritisiert. «Doch im Gegensatz zur WTO, die bei
Verletzungen der von ihr beschlossenen internationalen Handelsnormen mit
Sanktionen durchgreifen kann, bleibt die ILO mit ihren bloßen
Empfehlungen ein Papiertiger», sagt Bermudez. Solange sich dies nicht ändere,
seien Labels oder Verträge mit Umweltschutzorganisationen und
Gewerkschaften für Unternehmen nur Teil ihrer Marketingstrategie.
Noch
vor wenigen Jahren stand Chiquita kurz vor dem Bankrott. In der Hoffnung
auf einen Nachfrageboom durch die Öffnung der osteuropäischen Märkte
hatte der Konzern die Anbaufläche allein in Costa Rica fast verdoppelt.
Stattdessen kam es zu einer Überproduktion an Bananen und einem
Preiszerfall. Die Fehlkalkulation zwang Chiquita zu drastischen
Strukturanpassungen: Entlassungen und mehr Arbeit für die Angestellten.
Gleichzeitig hat das Unternehmen in den letzten Jahren die Anzahl eigener
Plantagen stark verringert. Nur noch etwa dreißig Prozent der
Chiquita-Bananen werden heute von der Firma selbst angebaut. Der Rest
stammt von sogenannten unabhängigen Produzenten.
Im
Klartext heißt das: Die Überproduktion, die Verteuerung der in großen
Mengen benötigten Pestizide und Düngemittel, die ständige Bedrohung
durch Naturkatastrophen und Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften und
Umweltschutzorganisationen haben die Rentabilität sinken lassen. Als
Konsequenz hat Chiquita den risikoreichsten und kostenintensiven Teil des
Geschäftes, die Produktion, ausgelagert. Den gewinnbringenden Teil, die
Logistik und Vermarktung, behält der Konzern für sich.
Informationen
von den unabhängigen, einheimischen Produzenten sind schwer zu bekommen.
Sie sind durch Verträge an die Konzerne gebunden. Ihre Früchte müssen
sie zu halbjährlich festgelegten Preisen abgeben. Eine langfristige
Planung ist unmöglich. Den Multis hingegen erlauben diese Kontrakte große
Flexibilität beim Ankauf der Bananen, ein schnelles Wechseln von
Produktionsstandorten und Umstellungen im Sortiment, vor allem aber
Kostenreduzierung und Gewinnmaximierung.
Was
aber geschieht mit den von Chiquita so hoch gehaltenen Standards auf den
Plantagen der unabhängigen Produzenten? Mehr als achtzig Prozent aller
von Chiquita zugekauften Bananen sollen mit dem Froschsiegel von
Rainforest Alliance versehen sein. Aber nur wenige unabhängige Anbauer
haben das SA-8000-Label, das ausschließlich soziale Mindeststandards
garantiert.
Verhaltenskodex
Chiquita
will besser sein als die Konkurrenten. Ein Verhaltenskodex verpflichtet
die MitarbeiterInnen auf sogenannte «core values» (Grundwerte). Sie sind
auf der Rückseite der Visitenkarte der Kaderleute aufgelistet: Integrität,
Respekt, Verantwortungsbewusstsein und so weiter. «Bei uns herrscht
Nulltoleranz gegenüber der Korruption», sagt ein Manager. So zahle
Chiquita etwa dem Zoll von Costa Rica keine Bestechungsgelder mehr, nehme
dafür allerdings jetzt in Kauf, dass gelegentlich Container zu spät
abgefertigt würden und die Bananen deshalb zugrunde gingen. «Kurzfristig
verlieren wir, aber langfristig werden wir mit dieser konsequenten Haltung
die Gewinner sein.» Mit dem Kodex schlecht zu vereinbaren war kürzlich
die Meldung, wonach Chiquita in Kolumbien Schutzgelder an die
rechtsextremen Paramilitärs bezahlt hat, wofür der Multi vom
US-amerikanischen Justizministerium zu einer Busse von 25 Millionen Dollar
verknurrt wurde.
In
Costa Rica herrschen zweifellos stabilere und demokratischere Verhältnisse
als in Kolumbien. Der ehemalige Abgeordnete und bekannte TV-Kommentator Álvaro
Montero stellt dennoch die Frage: «Warum müssen Chiquita und die übrigen
Multis, die während Jahrzehnten die Natur und Menschen unseres Landes
brutal ausgebeutet haben, so wenig an den Staat abliefern?» Seine Erklärung:
«Die Parteien, Politiker und einige führende Journalisten werden von den
Bananenmultis für ihre großzügige Haltung um so reichlicher mit
Cashzahlungen entschädigt.»
*
Namen von der Redaktion geändert.
Frosch
in Gefahr
«Dreimal
in der Woche müssen wir der Unternehmensleitung über die neueste Lage in
den Plantagen Bericht erstatten», erzählen MitarbeiterInnen des
wissenschaftlichen Labors von Chiquita in der Finca San Luis. Die Berichte
dienen als Grundlage für die Chemiedusche, die jede Woche in neuer
Zusammensetzung über die Plantagen versprüht wird.
Das
Insektizid Chlorpyrifos, mit dem die Plastiksäcke behandelt sind, die über
die Bananenbüschel gezogen werden, ist hochgiftig und greift unter
anderem das Nervensystem an. Das Unkraut zwischen den Bäumen wird mit
Herbiziden bekämpft.
Zu
den großen Problemen auf den Plantagen gehören auch die Fadenwürmer.
Die zu ihrer Bekämpfung verwendeten Pestizide gehören zu den giftigsten
Mitteln. Das beispielsweise seit den späten sechziger Jahren und bis 1985
eingesetzte Dibromchlorpropan machte Zehntausende PlantagenarbeiterInnen
unfruchtbar.
Für
die Rainforest Alliance, die Chiquita mit dem Froschlabel zertifiziert,
sind Pestizide erlaubt. Die Plantagen müssen aber eine kontinuierliche
Reduktion der Menge und der Giftigkeit der eingesetzten Chemikalien
nachweisen. Tatsache ist jedoch: Der Frosch auf der Chiquita-Banane könnte
in einer Bananenfarm nie überleben.
Rund
vierzig Kilo zum Teil hochgiftige Chemikalien werden in den
Bananenplantagen pro Hektar und Jahr versprüht. Die Bananenproduktion der
Großkonzerne ist eine von immer mehr Chemie abhängige Monokultur mit dem
Ziel, eine makellos perfekte Banane zu produzieren und maximale Gewinne
abzuwerfen.
Roman
Berger
WOZ
vom 31.05.2007
Siehe
auch
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