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Kesseltreiben
gegen Klar:
Züchtigungsprogramm
Von
Werner Pirker
Quelle:
jungeWelt vom
01.03.2007
Nicht
Christian Klar hat sich in aller Öffentlichkeit als Gegner der Demokratie
deklariert. Der Angriff auf die demokratischen Grundlagen der Gesellschaft
erfolgt vielmehr aus den Kreisen, die sie zu repräsentieren vorgeben. In
ihren Reaktionen auf Klars Grußbotschaft an die Teilnehmer der
Rosa-Luxemburg-Konferenz vom Januar 2007 ist die unverhüllte Botschaft
enthalten, daß Vorstellungen über eine sozial gerechtetere Gesellschaft
als Ausdruck einer terroristischen Gesinnung zu kriminalisieren und jene,
die ihnen anhängen, für alle Zeiten wegzusperren seien. Allein die
Tatsache, daß der RAF-Gefangene Reflexionen über die Veränderbarkeit
der herrschenden Verhältnisse angestellt hatte, wird von
CSU-Generalsekretär Söder als ein so schwerer Straftatbestand gewertet,
»daß so ein Mann nie auf freien Fuß kommen« dürfe und »bis ans Ende
seines Lebens hinter Schloß und Riegel bleiben« müsse.
Klar
hatte seiner Genugtuung über fortschrittliche Veränderungen in
Lateinamerika Ausdruck verliehen und das »imperiale Bündnis«
gebrandmarkt, das sich ermächtige, jedes um einen eigenständigen
Entwicklungsweg bemühte Land »aus dem Himmel herab zu züchtigen und
ihre ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu
verwandeln«. Und er hatte die Welt als historisch dazu reif befunden, »die
Gespenster der Entfremdung von des Menschen gesellschaftlicher Bestimmung«
zu vertreiben. Von dieser eher abstrakten Beschreibung der Machtverhältnisse
als Gespensterparade fühlten sich offenbar genau die Richtigen
angesprochen.
Die
bürgerliche Demokratie erlebt in der Zeit der neoliberalen Reaktion einen
dramatischen Bedeutungswandel. Präsentierte sie sich früher als nach
vorne offen, so wird nun gemauert, was das Zeug hält. So werden im
deutschen Grundgesetz Bestrebungen nach einer friedlichen Überwindung der
Gesellschaftsordnung ausdrücklich toleriert. Je mehr sich die Demokratie
aber als »liberal« definiert, desto weniger liberal wird sie in ihrem
Umgang mit den Vertretern anderer Demokratievorstellungen. Demokratie und
Kapitalismus haben sich zum »westlichen Wertekanon« verdichtet. Ihn
weltweit durchzusetzen bedarf der Züchtigung auch in den Ländern der
etablierten Demokratie. Da, wo sich die Demokratie vom Kapitalismus nicht
mehr trennen läßt, kann es schon mal passieren, daß sich der
Kapitalismus von der Demokratie trennt.
Christian
Klar, der dem voluntaristischen Konzept eines bewaffneten Kampfes ohne
revolutionäre Voraussetzungen längst abgeschworen hat, ohne deshalb
seinen Frieden mit den »Gespenstern der Entfremdung« geschlossen zu
haben, erscheint als der ideale Sündenbock. Seine Züchtigung beschreibt
den Zustand der Gesellschaft. |