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Wofür
sich ehemalige DDR - Bürger schämen sollten
meint
Dr.-Ing. Peter Tichauer
Es
gab nicht das ganze Jahr über Bananen und Apfelsinen. Zugleich war die
Bevölkerung gezwungen, auf Grund jahrzehntelang stabiler Preise für
Grundnahrungsmittel und Waren des täglichen Bedarfs auf spannende
Preisvergleiche zu verzichten.
Es
gab viel zu wenig Autos. Die Menschen mußten sich 20 Pfennig vom Munde
absparen, um mit Tram, Bus, S-Bahn oder U-Bahn zu fahren.
Die
DDR war ein Unrechtsstaat. Sie besaß eine Institution, die sonst in
keinem zivilisierten Land auf der Welt existiert: einen Geheimdienst.
Der Akzent liegt auf dem Wort einen, hat doch jede vernünftige
Demokratie – von Israel über die USA bis zur BRD – gleich mehrere
davon.
Es
gab keine Reisefreiheit. Kein Ein-Euro-Jobber (nicht mal einen vermochte
man vorzuweisen) konnte – wie heute – problemlos drei- oder viermal
im Jahr an die Südsee fliegen. Post und Eisenbahn, Wasser- und
Stromversorgung seit Ewigkeiten in Staatshand wurden um die Vorzüge der
Privatisierung betrogen.
Man
blockierte die freie Arbeitsplatzwahl, indem man eine Mauer errichtete,
um im Osten ausgebildete Fachkräfte daran zu hindern, im Westen für
die Kapitalisten tätig zu sein.
Weder
Arbeitslose noch Obdachlose, weder Bettler noch hungernde Kinder sorgten
für Abwechslung im Straßenbild.
Das
Verhältnis zu Ausländern war ungesund gut. Den eigenen Leuten wurde
einfach nicht gestattet, ihre nationale Überlegenheit auszuspielen.
Es
mangelte an Gewaltverbrechern aller Art, weshalb in Kriminalfilmen nur
langweilige „Normaldelikte“ gezeigt werden mußten.
Auch
die Freiheit für Kinder und Heranwachsende war drastisch eingeschränkt.
In bedauerlicherweise flächendeckend vorhandenen Krippen und Kindergärten
wurden die Kleinen gezwungen, ihre Notdurft kollektiv zu verrichten.
Man
vergällte Halbwüchsigen mit kostenlosen Zirkeln und
Arbeitsgemeinschaften den Spaß an der Langeweile und am Herumlungern.
Es
gebrach der DDR an der notwendigen Beschränkung der Frauen auf die bewährten
drei Ks: Küche, Kirche, Kinder. Die Gleichberechtigung wurde drastisch
übertrieben. Es gab keine föderale Bildungsvielfalt, bei der jeder
Bezirk (heute Bundesland) über ein eigenes Schulsystem verfügt. Da es
an reichen Eltern fehlte, mußte auch auf Privatschulen verzichtet
werden. Noch schlimmer: Kinder von Arbeitern und Bauern hatten sogar
Vorteile bei der Platzvergabe.
Es
bestanden nur kümmerliche drei Krankenkassen. Heute weiß man, daß
Deutschland mindestens 250 Einrichtungen dieser Art mit entsprechenden
Gebäuden, Vorständen, Aufsichtsräten und anderen Attributen braucht.
Zur
Gartenpflege oder anderen persönlichen Aufgaben mußte man den gesamten
„SVK-Urlaub“ in Anspruch nehmen. Er stand jedem Arbeitenden zu und
betrug sechs Wochen. Ein Zwei- oder Drei-Klassen-Gesundheitswesen war
leider völlig unbekannt. Beim Arzt wurde kein Eintrittsgeld erhoben.
Zuzahlungen für Medikamente oder Kostenerstattung bei Zahnersatz wurden
den Bürgern verwehrt.
Besonders
empörend war die flache Einkommenspyramide. Selbst ein Minister
verdiente höchstens das Fünffache eines guten Facharbeiters. Und das
bei wesentlich längerer Arbeitszeit. Er mußte 20 % Lohnsteuer abführen,
während sie für einen Arbeiter nur 5 % betrug. Infolge der
indiskutabel niedrigen Mieten – sie betrugen maximal 10 % des
Einkommens einer Familie – herrschte lange Zeit Wohnungsmangel. Die Möglichkeit,
eine Luxusvilla in vorzüglicher Lage (und, versteht sich, zu
entsprechendem Preis) zu erwerben oder zu beziehen, beschränkte der
Unrechtsstaat auf Spitzenkünstler.
Die
Bevölkerung wurde gezwungen, im Haushalt auf Wegwerfgeräte zu
verzichten und stattdessen langlebige Industriegüter zu erwerben.
Knapp
ein halbes Jahrhundert hinderte man deutsche Soldaten daran, im scharfen
Einsatz und möglichst weit vom eigenen Land entfernt ihre kriegerischen
Talente zu erproben.
Besonders
verwerflich war die Teilnahme der DDR als unsichtbarer Dritter am
Verhandlungstisch bei Tarifkonflikten in der alten Bundesrepublik.
Der
deutsche Unrechtsstaat besaß – im Unterschied zum deutschen
Rechts-Staat viel zu wenig Einwohner. Er stellte nur 5% der Bevölkerung
des „Ostblocks“ und nicht mal 0,03 % der Weltbevölkerung.
Als
gravierendes Manko für die Demokratie erwies sich das völlige Fehlen
von Listenwahlen. So konnte sich der Bürger nicht zwischen der List der
verschiedenen Listen frei entscheiden.
Besonders
übel war die Einführung des berüchtigten Plebiszits, mit dem die neue
Verfassung der DDR durch allgemeine Volksbefragung 1968 bestätigt
wurde. In der BRD ist ein solcher Mißbrauch der Demokratie
grundgesetzlich ausgeschlossen Als größtes Defizit aber wirkte sich
die Tatsache aus, daß man es nicht verstand, allen Bewohnern der DDR
die hier geschilderten gravierenden Mißstände nachhaltig ins Bewußtsein
zu heben.
Sich
dafür zu entschuldigen, besteht jeglicher Anlaß.
Dr.-Ing.
Peter Tichauer |