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Ist
die EU ein einziger Solidar-Verein zum Wohle
der Menschheit?
Oder
zahlen die Deutschen, kassieren tun aber die anderen?
Von
Günter Ackermann
Kommunisten-online
vom 10. Dezember 2010 – Da faseln sich die Herrschenden was
zusammen. Deutschland zahle für die Schulden der leichtsinnigen
Schuldenstaaten Südeuropas und Irlands. Das Geld, das wir den Griechen
und anderen in den Rachen werfen,
muss dann den Arbeitslosen und anderen Empfängern von
Sozialleistungen vorenthalten werden. Das meint jedenfalls die bürgerliche
Journaille und die immer um unser Wohlergehen besorgte Bundesregierung.
Aber
gut informierte Menschen trauen dem nicht, was aus dem Munde der Merkel,
Westerwelle und Konsorten kommt. So dichtete vor ein paar Jahren Frau
Merkel den 1,330 Mrd. Chinesen an, die Schuld an den damals steigenden
Preisen für Milchprodukte zu tragen. Sie tränken. Posaunte sie in die
Welt, auf einmal Milch und das führe zu einem sprunghaften Anstieg des
Milchkonsums, zur Verknappung vol Milch und somit zu hohen Preisen.
Logisch? Aber: Etwa 90% der Erwachsenen in China sind
Laktose-intolerant, d.h. sie können nach ihrer Kindheit den Milchzucker
nicht mehr verarbeiten, weil das das Enzym Laktase nicht mehr gebildet
wird.
So
auch diesmal. Einen Großteil der Schulden der angeblichen
Schuldenstaaten haben ihre Kredite entweder von deutschen
Banken für Importe aus Deutschland oder von anderen Banken,
ebenfalls für Einfuhren deutscher Waren. Wenn also die EU – unter
Beteiligung der Deutschen – den Schuldnerstaaten „hilft“, so
helfen sie in Wirklichkeit den deutschen Banken und der deutschen
Exportindustrie aan ihr Geld zu kommen. Dass diese Länder dann
faktisch ihre Souveränität aufgeben müssen und die in EU-Hände –
faktisch deutsche – geben müssen, ist ein gewollter Nebeneffekt.
Aber
diese Euroländer können nicht mehr so stark einkaufen. Wie bisher –
ihnen fehlt das Geld für Maschinen Made in Germany und anderen
deutschen Produkten. Die Exporte in diese Länder brechen ein.
Es
wären nicht deutsche Banker und Exporteure, wenn diese sich nicht längst
nach Ersatzmärkten umgesehen hätten. Die fanden sie in Osteuropa und
Asien. Russland wird in Zukunft noch wichtiger beim Bezug von Erdgas und
Erdöl werden. Die im Bau befindliche Schröder-Pipeline von Russland
nach Deutschland durch die Ostsee steht beispielhaft da. Dass die
deutschen Konzernherren es gern sehen, wenn die die Erdgas-Euros auch
hierher zurück schicken, ist klar.
Der
Euro, der vor allem der deutschen Exportwirtschaft Riesengewinne
einbrachte und die kleineren Staaten benachteiligte, wird nunmehr eher
zum Nachteil.
Und
da kommt eben einer der bekanntesten Manager auf Ideen: Hans-Olaf
Henkel, ehemaliger umtriebiger Chef des Elektronik-Multi IBM für
Europa, Mittlerer Osten und Afrika mit Dienstsitz in Paris und Ex-Präse
des BDI, hat ein Buch geschrieben“ „Rettet unser Geld - Deutschland
wird ausverkauft!“. Klar, ein Manager hat immer die Rettung des Geldes
im Kopf, vor allem des eigenen. Deutschland soll danach die Herrschaft
über die Euro-Länder des Nordens, also die wirtschaftlich stärksten,
übernehmen und Frankreich soll über die Habenichtse herrschen. Die
Berliner sagen: „Nactijall ik hör dir trapsen.“
Ob
das realisierbar ist, sei dahin gestellt. Es ist ja auch ein Vorteil für
die deutsche Wirtschaft, wenn sie einen sehr großen Wirtschaftsraum
verfügten. Man kann z.B. in Deutschland die Löhne drücken, indem man
billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland herein holt oder ganze Betriebe
dorthin verlagert. Henkel hat wohl zu kurz gedacht.
Aber
nichts ist zu kurz gedacht, dass nicht andere Kurzdenker das
Kurzgedachte kurz nach denken. Rainer Brüderle (FDP) bei der Buchpräsentation
in Berlin offen für Henkels Schrift. Mit diesem Vorgehen habe er „in
der schwarz-gelben Koalition Stirnrunzeln“ hervorgerufen, hieß es in
den Medien über die Uneinigkeit in der Bundesregierung.
Brüderle,
neben der Westerwelle, das kurz zweite denkende Brüderle der Koalition,
hatte sicher wieder mal seine engere Klientel im Kopf, die die
FDP-Kassen aufbessern. Hans-Olaf Henkel soll nicht Mitglied der FDP
sein, aber bei den Wahlen hat er sie unterstützt – wohl nicht nur
ideell.
G.A,
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Die
deutsche Transferunion
BERLIN
www.german-foreign-policy.com/
vom 09.12.2010 - In Berlin schwillt die Debatte über eine mögliche
Zweiteilung der Eurozone an. „Deutschland zahlt, Europa kassiert“,
heißt es in einflussreichen Medien; die EU sei auf dem Weg, eine
„Transferunion“ zu werden. Erste Berliner Spitzenpolitiker gehen
mittlerweile zu offenen Solidaritätsbekundungen für erklärte
Euro-Skeptiker über. Die Gemeinschaftswährung sei, urteilen
Pressekommentatoren, im Kern kein wirtschaftliches, sondern ein
politisches Projekt; „die Aufgabe der D-Mark“ sei „der Preis“
gewesen, „den die Franzosen für die Wiedervereinigung forderten“.
Dies räche sich nun. Tatsächlich sind es handfeste Interessen der
dominierenden deutschen Exportindustrie, die zu der Intensivierung der
Debatte über die Zukunft des Euro führen. Bislang gelingt es der
Bundesrepublik, gegenüber den südeuropäischen Euroländern beträchtliche
Handelsüberschüsse - faktische Vermögenszuwächse - zu erzielen. Die
jetzt im Süden erzwungenen Sparprogramme stellen diese Überschüsse in
Frage, während zugleich der Anteil der Ausfuhren in Nicht-Euro-Staaten
deutlich wächst. Damit gewinnt der Stimmungswandel innerhalb der
deutschen Funktionseliten neue Dynamik.
„Rettet
unser Geld“
„Rettet
unser Geld - Deutschland wird ausverkauft!“ - unter diesem Titel
stellte der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der deutschen
Industrie (BDI) Hans-Olaf Henkel kürzlich sein neues Buch vor, in dem
er für eine Aufspaltung der Eurozone in eine „Nord“- und eine „Südgruppe“
wirbt. Henkel schwebt vor, die ökonomisch avancierte „Nordgruppe“
solle unter der „Führung Deutschlands“ verbleiben, während
Frankreich die „flexible Südgruppe“ der überschuldeten
Euro-Staaten zu leiten habe.[1] Sein Plädoyer für ein
Zwei-Klassen-Europa gewinnt in den deutschen Medien zusehends an
Popularität.[2] Auch erste Berliner Spitzenpolitiker stellen sich
mittlerweile an seine Seite. So warb Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle
(FDP) bei der Buchpräsentation in Berlin offen für Henkels Schrift.
Mit diesem Vorgehen habe er „in der schwarz-gelben Koalition
Stirnrunzeln“ hervorgerufen, hieß es in den Medien über die
Uneinigkeit in der Bundesregierung.[3]
Ein
riesiger Vermögenstransfer
Gegner
von Henkels Überlegungen halten ihm entgegen, dass gerade die Eurozone
- und hier insbesondere deren südeuropäische Peripherie - zu den
wichtigsten Exportmärkten der deutschen Industrie gehörte und immer
noch gehört. Gut zwei Drittel aller Exporte aus Deutschland gehen in
die Europäische Union, wobei gut 40 Prozent auf die Eurozone entfallen.
Von entscheidender Bedeutung sind dabei die Außenhandelsüberschüsse,
die deutsche Unternehmen größtenteils gegenüber den Ländern der
Eurozone erzielen. Im Jahr 2007 etwa konnte Deutschland nahezu zwei
Drittel (114 Milliarden Euro) seines gesamten Handelsbilanzüberschusses
von 195 Milliarden Euro innerhalb der Eurozone realisieren. Seit der
Einführung des Euro als Bargeld bis zum zweiten Quartal 2010 gelang es
der deutschen Exportwirtschaft, gegenüber den übrigen Euroländern
einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 672 Milliarden Euro zu
erreichen. Dieser Betrag entspricht faktisch einem Vermögenstransfer
zugunsten der deutschen Exportindustrie.
Der
Süden als Finanzier
Bei
der Eurozone handelt es sich demnach tatsächlich um eine
„Transferunion“ - allerdings nicht um eine, bei der Deutschland
andere Staaten finanzieren würde, sondern um eine, bei der die
deutschen Exportüberschüsse - die gleichbedeutend mit Vermögenszuwächsen
sind - mit einer ausufernden Defizitbildung der schwächeren südeuropäischen
Volkswirtschaften beglichen wurden. Der deutsche Exportboom, der zur
Verschuldung der südeuropäischen Staaten maßgeblich beitrug, wurde
tatsächlich erst durch den Euro möglich: Die Einheitswährung nahm den
Mittelmeerländern die Möglichkeit, mittels Währungsabwertung ihre
Konkurrenzfähigkeit zumindest ansatzweise wiederherzustellen.[4]
Wichtiger
als die Euro-Peripherie
Befürworter
von Henkels Forderungen innerhalb der deutschen Eliten gründen ihre
abweichenden Überlegungen ebenfalls auf ökonomische Erwägungen.
Demnach habe sich beim derzeitigen exportgetriebenen
Wirtschaftsaufschwung in der Bundesrepublik vor allem „der Handel mit
Ländern außerhalb des Euro-Raums sehr dynamisch entwickelt“. Die
„aufstrebenden Länder in Osteuropa“ seien zu wichtigen Absatzmärkten
der deutschen Exportindustrie geworden und hätten folglich „noch stärker
an Bedeutung gewonnen als die Euro-Peripherie“. Auch mit Asien, heißt
es, mache die deutsche Wirtschaft „glänzende Geschäfte“. Dafür
benötige man den Euro nicht.[5]
Verbrannte
Erde
Tatsächlich
verliert Südeuropa seit Beginn der Krise als Absatzmarkt für die
deutsche Exportindustrie zusehends an Bedeutung. Seit die dortige
Verschuldungsdynamik nicht mehr aufrechterhalten werden kann, sinken
auch Deutschlands Exportüberschüsse in die Region. Die überschuldeten
Volkswirtschaften, die vor jahrzehntelangen Perioden ökonomischer
Stagnation stehen, gleichen aus Sicht deutscher Unternehmer
„verbrannter Erde“, die künftig nicht mehr als wachsender
Absatzmarkt fungieren kann. So sank beispielsweise der deutsche Handelsüberschuss
gegenüber Spanien von 26,9 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf nur noch
12,3 Milliarden im Jahr 2009. Ähnlich verhielt es sich beim deutschen
Italien-Geschäft: Die Handelsüberschüsse sanken von 19,8 Milliarden
im Jahr 2007 auf 13,4 Milliarden im Jahr 2009. Rückläufige Handelsüberschüsse
verzeichnet Deutschland auch gegenüber Griechenland und Portugal. Die
Eurozone bildet insgesamt im Rahmen der jüngsten deutschen
Exportoffensive das Schlusslicht: Die deutschen Exporte dorthin legten
nach den schweren krisenbedingten Einbrüchen des Jahres 2009 zwischen
Januar und Oktober 2010 nur um 13,3 Prozent gegenüber dem
Vorjahreszeitraum zu, während die deutschen Gesamtausfuhren im besagten
Zeitraum um 19,1 Prozent wuchsen. Insbesondere Asien - mit einer
Exportzunahme von rund 30 Prozent - und auch die Russische Föderation -
Exportanstieg: 26 Prozent - gehörten zu den Wachstumstreibern der
deutschen Exportmaschinerie.
Maximaler
Nutzen
Kern
der aktuellen Debatte um die Zukunft des Euro ist eine Abwägung
zwischen den steigenden Kosten, die zur Aufrechterhaltung der Eurozone nötig
sind, und den Exportvorteilen, die die Währungsunion Deutschland
bietet, die jedoch deutlich und mit wachsendem Tempo schwinden. Vorläufig
erleben „Reformvorschläge“ eine Konjunktur, die - wie Henkels Überlegungen
- darauf hinauslaufen, die überschuldeten südeuropäischen Staaten aus
der Eurozone auszuschließen, ohne aber den Euro gänzlich aufzugeben.
Dies soll die Vorteile der Gemeinschaftswährung weitestmöglich
bewahren und zugleich die künftigen Krisenkosten für Deutschland
minimieren - für den bislang größten Profiteur der tatsächlichen
Euro-“Transferunion“.
Weitere
Hintergründe zum Thema finden Sie hier: Die
deutsche Frage, Das
Undenkbare denken, Unter
ökonomischem Protektorat, Die
Macht in Europa, Wilhelminismus
pur, Das
Spardiktat, Die
neue deutsche Frage (I), Die
neue deutsche Frage (II), Die
neue deutsche Frage (III), Das
Brecheisen als Führungsinstrument, Das
neue deutsche Europa und Europas
Stunde Null.
[1]
Koalition fürchtet den Euro-Aufstand; www.spiegel.de 06.12.2010
[2] s. auch Europas
Stunde Null
[3] Koalition fürchtet den Euro-Aufstand; www.spiegel.de 06.12.2010
[4] s. auch Sparen
für Deutschland
[5] Wer vom Euro profitiert; Frankfurter Allgemeine Zeitung 06.12.2010 |