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Mysterien
und ihre Propagandisten
Von
Gerd Höhne/10. Dezember 2007
1.
Evonik: Geburt eines geheimnisumwitterten neuen Konzerns und andere
Absonderlichkeiten
Heute
stand ich etwas Ratlos vor einem Werbe-Großplakat, auf dem die Firma
Evonik verkündete, sie werde in Deutschland einpacken und in
Lateinamerika anpacken, damit dieser Kontinent Hilfe zur Selbsthilfe bekäme.
Edle Menschen, sollte man meinen. Da ist doch das erste Mal ein Konzern
angetreten, der sich überflüssig machen will und seine Kunden
animiert, die von ihnen benötigten Produkte selbst herzustellen. Verblüffend!
Das Marxsche „Kapital“ mit seiner gesamten Mehrwerttheorie ist damit
Makulatur. Ein Konzern, der sich dem edlen Menschentum verschrieben hat.
Auf
der Homepage von Evonik geht es so weiter:
-
„Evonik holt Internationale
Bachakademie Stuttgart zurück ins Ruhrgebiet“. Na also: Die
weltweit missachtete Region Ruhrgebiet, abwertend auch Kohlenpott
genannt, bekommt ihren Großen Sohn Bach zurück… Ach nee, der stammte
aus Thüringen und lebte als Thomaskantor in Leipzig und das liegt
bekanntlich in Sachsen.
Dennoch:
Die sind edle Menschen und die Kumpels in den Bergwerken und Hütten –
pardon: entlassenen und frühverrenteten oder arbeitslosen Kumpels können
sich jetzt Bach-Kantaten in der Essener Philharmonie anhören. Ist doch
auch schon was. Voraus gesetzt, sie bringen den Eintrittspreis auf.
Wer
ist also diese Firma Evonik? O-Ton: „Evonik ist ein moderner Industriekonzern aus Deutschland mit
Geschäften in der ganzen Welt. In unseren drei Geschäftsfeldern
Chemie, Energie und Immobilien verfügen wir über führende
Marktpositionen, die wir konsequent weiter ausbauen. Unser Ziel ist es,
im ersten Halbjahr 2008 an die Börse zu gehen.“
Was
die sind?;
„Evonik:
Der kreative Industriekonzern!“ Das schreiben sie selbst über
sich.
Evonik
ist „kraftvoll an der Spitze“
und „mit besten Aussichten“
Warum,
bitte, sagen die nicht offen raus, was sie herstellen und verkaufen?
Wieso kamen die aus dem Nichts und sind auf einmal ganz oben?
Die
Erklärung: Es handelt sich um die biedere alte „Ruhrkohle
Aktiengesellschaft“ also die RAG, die Subventionen vom Staat kassiert,
Zechen stilllegt, den deutschen Markt mit Importkohle aus Übersee
versorgt usw. Die Importkohle ist in den Ursprungsländern durch Billiglöhne
und unter teils schlimmen Bedingungen gefördert worden. Durch die
gegenwärtig hohen Preise für die Energieträger macht die RAG, alias
Evonik, beste Geschäfte.
Und
hier erklärt sich offenbar die Werbung auf den Plakaten: Sie packen
hier die Gewinne und Subventionen ein, sprich: sacken sie ein, packen
die Zechen ein, sprich: machen sie dicht und dort, in den Ländern in
denen Evonik die Kohlen herholt, packen sie die Ergebnisse der Arbeit
der Kumpels dort an, um sie auf deutsche (oder schweizerische?) Konten
zu transferieren. Marx gilt also nach wie vor, seine Mehrwerttheorie
nicht minder.
Werner
Müller, der ehemalige Wirtschaftsminister der Schröder-Regierung, will
an die Börse. Da meint er, der Kurs der Aktie sei negativ belastet,
denn die Käufer an Kohleabbau, schmutzige Bergarbeitergesichter,
Zechenstilllegungen usw. denken. Unter Evonik kann sich keiner was
vorstellen, den Namen, meint offenbar Müller, kann man ein positives
Image aufmanipulieren. Mal sehen, ob die Rechnung aufgeht.
2.
Hohe Strompreise
und
die Lösung?
Es
ist bekannt, dass die Stromkonzerne sagenhafte Gewisse machen. Jede
einzelne Aktie können die vergolden lassen, die Geldquell sprudelt und
fließt in Strömen.
Wir
Stromkunden aber zahlen, zahlen und zahlen. Begründung:
Zukunftssicherung. Das überzeugt schon lange niemanden mehr.
Jetzt
haben die Verbraucherverbände die Lösung gefunden: Anbieter wechseln!
Auf Großplakaten verkünden sie diese Weisheit. Man soll also vom
Preistreiber Eon zum Preistreiber RWE oder vom Preistreiber Wattenfall
zum Preistreiber Eon, vom Preistreiber RWE zum Preistreiber …
wechseln. Na, wenn es so einfach ist.
Ebenfalls
von den Verbraucherverbänden empfohlen, die Stand-by-Funktion
abzuschalten, ist nett gemeint, löst das Problem auch nicht viel.
Da
sah ich doch ein Plakat, das zum Wechsel des Erdgasanbieters warb. Da
sollen sich die Gaskunden doch einen billigen Gasanbieter aussuchen. Der
ist: eine Tochter von E-on-Ruhrgas. Na, da bleibt es eben im Haus.
Genau
so ist der Rat der Verbraucherverbände zu nehmen. Der Wechsel von einem
Konzern zum anderen wird vielleicht vorübergehend das Familienbudget
entlasten, auf Dauer aber bringt das kaum was. Stromversorger sind eben
im Besitz einer Lizenz zum Gelddrucken.
Die
Verbraucherverbände begaben sich auf das Eis der Logik der
Marktwirtschaft und verbreiteten die Mär, der Kunde sei König und
bestimme die Preise.
Der
wahre Herrscher aber ist das Kapital und dessen Streben nach
Maximalprofiten bestimmt Wirtschaft und
Politik. Niemand kann heute auf Strom verzichten, man kann vielleicht
etwas weniger verbrauchen.
G.H.
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