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FASCHISMUS
UND HERRSCHENDE KLASSE GESTERN UND HEUTE
von Kurt Gossweiler (zuerst
erschienen 1998)
In
Berlin haben die „Reps“ – die neonazistischen „Republikaner“ –
beim Berliner Ver-waltungsgericht Klage dagegen geführt, vom
Verfassungsschutz und in dessen Bericht als rechtsextreme Organisation
aufgeführt zu werden. Dies sei verfassungswidrig, da sie, die
Republikaner, nur sagten, was auch von den staatlichen Vertretern – von
Kanther bis zum Innensenator Schönbohm – ebenfalls gesagt werde. Dies
konnte das Gericht nicht widerlegen. Es entschied folglich entsprechend
dem Reps-Antrag (laut Meldungen der Berliner Presse vom 1. September
1998).
Was
ein Urteil erkennen lässt
Es
liegt natürlich nahe, in diesem Urteil ein weiteres Zeugnis der rechtsäugigen
Blindheit der bundesdeutschen Dame Justiz zu sehen. Aber würde man damit
dem Gericht nicht Unrecht tun? Muss man ihm nicht vielmehr dankbar sein
dafür, dass es gerichtsnotorisch gemacht hat, wer die eigentlichen Ideen-
und Parolenspender der Ausländerhetze der Neonazis sind – nämlich führende
Repräsentanten der Kanzlerpartei?
Die
Berliner Richter kommen mit ihrem Urteil der Bestätigung einer
Grunderkenntnis der marxistischen Faschismusforschung nahe, nämlich der,
dass der heute beschönigend nur als „Rechtsextremismus“
apostrophierte Faschismus nur in extrem brutaler Form ausspricht und
praktiziert, wohin konservativ-großbürgerliche Kreise – mitunter auch
als reaktionärste Kreise des Finanzkapitals bezeichnet – tendieren. Der
Spruch der Berliner Richter beinhaltet auch unausgesprochen eine
Schlussfolgerung für den wirksamen Schutz der schützenswerten
demokratischen Grundgesetzartikel: Wer im Treiben der „Rechtsextremen“
eine Gefahr für ihren Bestand erkennt, der muss sie erst recht im Wirken
der führenden Regierungsparteien erkennen. Denn in der Tat sind alle
bisher erfolgten Beschneidungen der Grundrechte – von den
Notstandsgesetzen bis zum Großen Lauschangriff – von den
Regierungsparteien ausgegangen. Übrigens ganz so, wie in der
Vergangenheit die Beseitigung der in revolutionären Umbruchzeiten – wie
1918/19 und 1945-1949 – von der Großbourgeoisie entrissenen sozialen
und politischen Zugeständnisse an das Volk immer von den Herrschenden
ausging.
Das
ist auch der Grund dafür, weshalb die Bezeichnung der Vorgänge um den
30. Januar 1933 als „Machtergreifung“ durch die Hitlerfaschisten, wie
sie immer wieder sogar im sozialistischen und kommunistischen
Publikationen zu finden ist, grundfalsch und nichts anderes ist, als die
gedankenlose Übernahme nazifaschistischer Terminologie. Weder 1922 in
Italien durch Mussolini und seine faschistische Partei noch 1933 in
Deutschland durch Hitler und seine NSDAP fand eine „Machtergreifung“
statt; vielmehr wurde in beiden Fällen von den Herrschenden und ihren
Repräsentanten – dem König in Italien, dem Reichspräsidenten in
Deutschland – die Macht an die Faschistenhäuptlinge und ihre Parteien
übertragen. l922 an die Mussolini-Faschisten, damit sie endlich durch die
gewaltsame Niederwerfung der italienischen Arbeiter und Bauern Schluss
machten mit den revolutionären Unruhen; 1933 in Deutschland, damit die
Hitlerfaschisten im Innern und nach außen den Weg frei machten für den
lange geplanten zweiten „Griff nach der Weltmacht“ des deutschen
Imperialismus.
Wenn
die Unternehmerverbände und ihre Bundesregierung ihre Attacken gegen die
von den Arbeitenden nach 1945 erkämpften sozialen Rechte und Sicherungen
bis 1989/90 nur zaghaft und vorsichtig vortrugen, dann in erster Linie
deshalb, weil ihnen die Existenz der Deutschen Demokratischen Republik
nicht erlaubte, ihrer Raubtiernatur so offen freien Lauf zu lassen, wie
sie das nach Beseitigung der DDR immer ungenierter und brutaler tun.
Anders
als 1932 bedürfen sie heute indessen keiner faschistischen Diktatur, weil
durch den Sieg der Konterrevolution über die DDR, die Sowjetunion und
alle sozialistischen Länder Europas die antiimperialistischen Kräfte
aufgesplittert, desorientiert, zu einem großen Teil entmutigt und
demoralisiert und deshalb – zur Zeit jedenfalls – zu keinem
wirkungsvollen Widerstand, geschweige denn zum Gegenangriff fähig sind.
In
der gegenwärtigen Situation ist darum für die deutsche Großbourgeoisie
zwar wie eh und je die Existenz faschistischer Organisationen
unverzichtbar, sind diese doch seit Beginn der zwanziger Jahre integraler
Bestandteil des politischen Waffenarsenals des Imperialismus und haben
doch in der Bundesrepublik – trotz der völkerrechtlichen Verpflichtung
zu ihrer Nichtzulassung – von den Anfängen ununterbrochen nazistische
Parteien legal existiert und wirken heute sogar in dreifacher Ausfertigung
in Gestalt der NPD, der Republikaner und Freys ”Deutscher Volksunion“
DVU. Jedoch eine faschistische Massenpartei, wie es die NSDAP war, oder
gar die Übergabe der Macht an eine solche, das ist für die Herrschenden
heute nicht nur nicht nötig, es würde den Zusammenschluss der Völker
Europas gegen die neue, von Deutschland ausgehende Gefahr und damit das
Ende der mit der D-Mark auf „friedlichem“ Wege erreichten
Vormachtstellung Deutschlands zur Folge haben.
Daher
die bislang erfolgreich praktizierte Politik, die „rechtsextremen“
Parteien wohlwollend und privilegiert, polizeilich vor den Antifaschisten
geschützt, agieren zu lassen, zugleich aber mit all den vielen Möglichkeiten
darauf hinzuwirken, dass sie bei Wahlen keine im Ausland Alarmstimmung
auslösenden Ergebnisse erzielen. In den Wochen vor der Bundestagswahl 98
ist aber immer wieder die bange Sorge in den großbürgerlichen Medien unübersehbar,
ob diese Regie auch diesmal erfolgreich funktioniert; und in den
TV-Sendungen nach den bayrischen Landtagswahlen war den Gesichtern der
Herren Stoiber, Kohl und Hintze die Erleichterung abzulesen, dass es auch
diesmal wieder gelungen war, so viele bayrische Nazis zu veranlassen, ihre
Kreuze ins CDU-Feld zu setzen, dass ihre Partei unter den fünf Prozent
blieb.
Rechtsextreme
im politischen System der BRD
Wozu
aber werden die „rechtsextremen“ Parteien von den Herrschenden überhaupt
noch gebraucht? Welche Funktion haben sie noch im politischen System der
Bundesrepublik?
Erstens
braucht man sie für die Kanalisierung der vorhandenen und unvermeidlich
anwachsenden Unzufriedenheit und des Protestes von unten in „rechte“
Bahnen. Die potentiell systemgefährdende Sprengkraft des sozialen
Protestes soll in systemstabilisierende Gewalt gegen Linke und gegen jene
Minderheiten – unerwünschte Ausländer, Asylsuchende, Obdachlose –
die von den staatlichen Ordnungshütern ins Visier genommen sind,
umgewandelt werden.
Zweitens
braucht man sie für die ideologische Vorbereitung der Bevölkerung zur
widerstandslosen Hinnahme der fortschreitenden Demontage der bürgerlich-demokratischen
Rechte. Man braucht die lautstarken Rufe der Neonazis nach
„Wiederherstellung der Ordnung und Sicherheit“ und „Durchgreifen
gegen die organisierte Kriminalität“, nach einem starken Staat, der,
wie bei Hitler, wieder „Ordnung schafft“ und seine „deutschen Bürger
schützt“.
Drittens
braucht man sie zur Präparierung der öffentlichen Meinung für die
Zustimmung zur zunehmend expansiven und kriegstreibenden Politik der
Bundesregierung. Dieses Gremium schreibt schon ganz unverhohlen fremden
Regierungen – wie etwa der jugoslawischen – vor, was sie zu tun und zu
lassen haben und droht im Weigerungsfalle mit militärischer Intervention
– natürlich im NATO-Auftrag und zur „Sicherung oder Wiederherstellung
des Friedens“, was denn sonst!
Aus
einem Wahlflugblatt der NPD Sachsen lässt sich sehr schön ablesen und
nachweisen, wie genau diese Partei in der Tradition der NSDAP die
Interessen der Herrschenden bedient, indem sie sich den Anschein gibt,
diese zu bekämpfen. Das Flugblatt hat folgenden Wortlaut:
„Die
NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) ist eine moderne und
revolutionäre Partei, die sich im Interesse aller anständigen Deutschen
der Zerstörung unseres Landes durch die Politiker des internationalen Großkapitals
entgegenstellt. Die Politik der Bundesregierung bewerten wir als
kapitalistischen Extremismus und Fundamentalismus. Sie ist im Wesen gegen
das deutsche Volk gerichtet. Wir sind eine antiimperialistische Partei und
solidarisch mit allen Völkern, die sich im Abwehrkampf gegen den
verbrecherischen US-Imperialismus und seine Helfershelfer befinden. In der
Tradition der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung stehend und in
der Geschichte des deutschen Volkes verwurzelt, wenden wir uns gegen alle
volks- und kulturzerstörenden Maßnahmen der EU-Administration, der
Bundesregierung und der Landesregierung. In den Kommunen erleben wir mit
Zwangsprivatisierungen, Ausgliederungen von Dienstleistungen, Schließung
kommunaler Einrichtungen, Abstoßen kultureller Institutionen und
Massenentlassungen unter den einfachen Mitarbeitern die Folgen einer
radikal kapitalistischen Politik. Es ist unser erklärter politischer
Wille, ein politisches Bollwerk gegen den globalen Internationalismus des
Großkapitals zu sein und gegen Zerstörung der über Jahrhunderte
gewachsenen deutschen Nation und ihrer Kultur. Dabei gehört zu unseren
kurzfristigen politischen Zielen, Deutschland nicht zu einem
multiethnischen Kampfgebiet zur Fürsorgestelle von Abenteuern aus aller
Welt und Tummelplatz des organisierten Verbrechens werden zu lassen! Wir
bieten allen Personen und Parteien Partnerschaft und Aktionsgemeinschaft
an, die gegen den volksfeindlichen und profitorientierten Kurs der Banken,
Versicherungen und Großunternehmen stehen.
Unser
natürlicher Partner ist, wer gegen die Herrschaft des internationalen
Kapitals in Form von EU und NATO ist, den Einfluss der Banken,
Versicherungen und Großunternehmen auf die Politik für verderblich
ansieht, die weitere Monopolisierung der Wirtschaft und die Schädigung
der Klein- und Mittelbetriebe ablehnt, gegen die Privatisierung des öffentlichen
Eigentums und kommunaler Leistungen ist und wer nicht bereit ist, die
international betriebene Zerstörung der deutschen Kultur und Mentalität
hinzunehmen.
Deshalb
sehen wir unseren unmittelbaren Gegner in den Führungsmannschaften von
CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen. Da auch die Führungskräfte
der Republikaner, der DVU und anderer Gruppen an die Seite der Parteien
des Großkapitals gerückt sind und sich mit diesen Parteien einem bösartigen
Antikommunismus gegen die Bürger der Ex-DDR einig sind, sehen wir keine
politische Gemeinschaft mit ihnen.
Mit
Sorge erfüllt uns, dass sich Tendenzen in der Führung der PDS
ausbreiten, sich dem politischen Geschäftsgebaren der Altparteien
anzupassen, ihre Wähler zu verraten und sich immer abwertender zur
Geschichte der DDR zu äußern.
Wir
Mitglieder der NPD Sachsen stehen zur ganzen deutschen Geschichte und auch
zur Geschichte der DDR. Die Mehrheit unserer Mitglieder ist im 8. Jahr des
Beitritts der DDR zur BRD der Meinung, dass die DDR das bessere
Deutschland war. Wir wollen deshalb die positiven Erfahrungen aus der DDR
in die deutsche Politik einbringen.
Unsere
Partei ist deshalb offen für alle Bürger, und wir fordern ehemalige
Hoheitsträger und Führungskräfte der DDR auf, in unserer Partei mit
ihrer Sachkunde und ihrem poltischen Kritikvermögen zu wirken.
Schluss
mit der Diskriminierung der Sachsen durch die westdeutsche Landesregierung
in Dresden! Wir sind die Partei für Deutschland und die Deutschen. Für
eine neue Nationale Front des demokratischen Deutschland in Sachsen!”
Wie
sehr dieses Flugblatt in der Tradition der Nazidemagogie steht, wird
deutlich an folgenden Beispielen aus der Propagandaküche der
Hitlerpartei.
Joseph
Goebbels in einer Propagandabroschüre von 1926 „Der Nazi-Sozi”: „Woher
wollen wir die sittliche Berechtigung nehmen, gegen den proletarischen
Klassenkampf anzurennen, wenn nicht zuerst der bürgerliche Klassenstaat
grundsätzlich zertrümmert und abgelöst wird durch eine neue
sozialistische Gliederung der deutschen Gemeinschaft”. (Zitat nach
Kurt Gossweiler, Aufsätze zum Faschismus, Berlin 1988, S. 456)
Gregor
Strasser im Juli 1927 in einem Artikel: „Wir
sind Sozialisten, sind Feinde, Todfeinde des heutigen kapitalistischen
Wirtschaftssystems mit seiner Ausbeute der wirtschaftlich Schwachen, mit
seiner Ungerechtigkeit der Entlohnung, mit seiner unsittlichen Wertung der
Menschen nach Vermögen und Geld statt nach Verantwortung und Leistung,
und wir sind entschlossen, dieses System unter allen Umständen zu
vernichten.” (ebenda)
Schließlich
ein Flugblatt der NSBO zu den Septemberwahlen des Jahres 1932: „Jede
Gegenwehr der durch die letzte Notverordnung des Herrn von Papen aufs
tiefste verelendeten Volksgenossen ist nicht nur moralisch, sondern auch
wirtschaftlich berechtigt. Darum stellt sich die Nationalsozialistische
Betriebszellen-Organisation in diesem Kampf an die Spitze der deutschen
Arbeiterschaft. ...Bei dieser Abwehr verzichten wir auch nicht auf den
Streik. ...Das ist unser Streik gegen Papen und seine Hochfinanz!
...Angesichts des Versagens der Gewerkschaften haben wir die Führung im
Kampf übernommen.” (ebenda S. 462)
In
Geheimgesprächen mit seinen kapitalistischen Sponsoren erläuterte Hitler
den Sinn solch radikaler Nazi-Sprüche am 28. Februar 1926 vor Hamburger
Bankiers, Werftdirektoren und Großkaufleuten, deren Hamburger
Nationalclub von 1919 ihn eingeladen hatte. Originalton Hitler: „Diese
breite, sture Masse, die vernarrt, verbohrt für den Marxismus kämpft,
ist die einzige Waffe für die Bewegung, die den Marxismus brechen
will....Wenn eine Bewegung aber an die breite Masse appellieren will, in
der Erkenntnis, dass man nur mit ihr allein das machen kann, tritt das große
Recht in Erscheinung, dass dann jedes Mittel zu verantworten ist, das zum
Ziel führt.”(ebenda S. 473)
Und
nochmals Hitler: Als er am 19. September 1932 in den Verhandlungen
Hindenburgs mit den Parteiführern ebenfalls zu einer Unterredung mit dem
Reichspräsidenten geladen worden war, und Hindenburg ihn vorwurfsvoll
fragte, „warum die nationalsozialistische Bewegung sich bei dem Berliner
Verkehrsstreik beteiligt habe”, erwiderte Hitler: „Die Leute sind sehr erbittert. Wenn ich meine Leute von der
Beteiligung abgehalten hätte, hätte der Streik doch stattgefunden, aber
ich hätte meine Anhänger in der Arbeiterschaft verloren.” (ebenda
S. 68)
Soviel
zur Klarstellung darüber, welchen Vorbildern die „revolutionäre”,
„antikapita-listische” und „antiimperialistische” Phraseologie des
NPD-Flugblattes folgt.
Es
fällt auf, dass diese „revolutionäre” Phraseologie des
NPD-Flugblattes in auffälliger und ungewohnter Weise von dem bisher von
der NPD Gewohnten abweicht. In diesem Flugblatt fehlen die sonst bei ihr
wie bei den Reps und der DVU vorherrschenden nationalistischen Hetzparolen
fast völlig, und die wenigen nationalistischen Töne gehen fast unter in
der dick aufgetragenen „antikapitalistischen” Kraftmeierei. Das dürfte
einmal damit zu erklären sein, dass die Verfasser der infolge der
Massenarbeitslosigkeit und dem rigorosen Sozialabbau zugespitzten sozialen
Konfliktsituation Rechnung tragen wollten; vor allem aber haben sie
offenbar ein gutes Gespür dafür, dass für die „Ossis” die
Grundwerte „Soziale Gerechtigkeit” und Existenzsicherheit als DDR-Prägung
eine ganz andere Bedeutung besitzen als für ihre westlichen „Brüder
und Schwestern” und dass sie deshalb die soziale Kälte, die mit
„realem Kapitalismus” über sie gekommen ist, viel schärfer und
schmerzhafter empfinden als diese.
Besonders
bemerkenswert ist, wie die NPD das gemeinsame Anliegen aller
altbundesdeutschen Parteien, nämlich, einen erneuten Einzug der PDS in
den Bundestag zu verhindern, wahrnimmt: Während CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne
verhindern wollen, dass mit ihnen Unzufriedene diesmal ihre Stimme der PDS
geben, indem sie diese als Nachfolgepartei der SED und somit als unwählbar
zu brandmarken suchen, zielt die NPD auf die mit dem Anpassungskurs ihrer
Führung unzufriedenen PDS-Mitglieder und Sympathisanten, und dies
keineswegs ungeschickt. Wenn dieses Flugblatt und diese Wahlstrategie der
NPD die Genossen Bisky und Gysi und andere zum Nachdenken darüber
veranlassen würde, auf die Mühlen welcher Kräfte sie mit ihren
DDR-Verunglimpfungen und den unsäglichen „Entschuldigungen“ das
Wasser leiten, dann hätte dieses Flugblatt sogar eine positive Wirkung.
Als letzte Bemerkung zu diesem Flugblatt: Beachtung verdient auch, dass
die NPD sich mit ihren Aktionen gegen die Reps und die DVU genau in die
erwähnte Strategie der Herrschenden einfügt, das braune Potential nie in
seiner tatsächlichen Größe in Erscheinung treten zu lassen.
Wie
groß ist dieses Potential tatsächlich? Und vor allem:
Welche
Gefahr geht von ihm aus?
Es
ist auf jeden Fall beträchtlich größer, als in den Wahlergebnissen zum
Ausdruck kommt. Welche Gefahr von ihm ausgeht, davon zeugen die vielen
Opfer der Untaten der Neo-Braunen: die von ihnen Angezündeten, die Tot-
und zum Krüppel geschlagenen und geschossenen, die terrorisierten Bürger
in den von ihnen zu ”national befreiten Zonen“ erklärten
Stadtvierteln. Sie gewähren zu lassen, bedeutet, den Terror
faschistischer Schlägerbanden und die „Erziehung“
Jugendlicher zu kaltblütigen Totschlägern staatlich zu
konzessionieren. So schlimm, unerträglich und nicht zu dulden dies alles
ist, es darf nicht vergessen lassen, dass die Errichtung einer
faschistischen Diktatur erst dann zur realen Gefahr wird, wenn die
Herrschenden sie wollen.
Sie
haben indessen aus zwei katastrophal daneben gegangenen Versuchen, sich
gewaltsam zum Herren Europas zu machen, gelernt, dass man den anderen Weg
gehen muss, die anderen zu zwingen, der überlegenen Wirtschaftsmacht
Deutschland auch eine politische Führungsrolle einzuräumen. Schon 1916
hat Lenin vorausgesagt: „Unter kapitalistischen Bedingungen können
„Vereinigte Staaten Europas“ nur auf der Grundlage der Verteilung der
Macht und des Einflusses entsprechend dem eingebrachten Kapital entstehen.
Die
schwächeren europäischen „Partner“ Deutschlands haben nur die Wahl
zwischen der Aufrechterhaltung der europäischen Vielstaaterei und dem
wirtschaftlichen und später auch politischen Zusammenschluss zu einer dem
Wirtschaftsriesen USA und den ostasiatischen Konkurrenten ebenbürtigen
Wirtschaftsmacht, was jedoch ohne Akzeptanz der deutschen Hegemonie nicht
zu erreichen ist.
Deshalb
bedarf heute das deutsche Finanzkapital keines Faschismus, um seine
Hegemonie über das „vereinte“ Europa zu errichten – das wäre
vielmehr das alleruntauglichste Mittel.
Das
heißt aber ganz und gar nicht, dass in einer Europa-Union nicht
Krisensituationen eintreten könnten, zu deren Meisterung die Regierenden
kein anderes Mittel mehr sehen, als die Abschaffung jeglicher
demokratischer Rechte und die Errichtung einer – natürlich
„modernen“, mit den neuesten technischen Mitteln der Massenbeobachtung
und -beherrschung ausgerüsteten – neofaschistischen Diktatur.
Sollte
MAI – das berüchtigte „Multilaterale Investitions-Abkommen“ –
tatsächlich abgeschlossen werden, dann könnte so etwas sogar in einer
nicht mehr allzu fernen Zukunft Wirklichkeit werden. Und der Versuch dazu
wäre um so aussichtsreicher, je schwächer der Kampf gegen
neofaschistische Kräfte heute und morgen geführt worden ist. Solange es
Imperialismus gibt, ist die Gefahr des Faschismus gegeben. Über die Möglichkeit
einer Wiederkehr des Faschismus an der Macht wird schon heute mit
entschieden.
Was
man tun kann und tun muss
Deshalb
ist die Frage, was man tun kann und tun muss, um den weiteren Vormarsch
der Neonazis zu stoppen und ihre gesellschaftliche Ächtung zu erreichen,
eine der dringendsten Fragen für jeden Antifaschisten und Demokraten.
Sie
stand denn auch mit im Mittelpunkt des Podiumsgespräches am 13. September
in Berlin am Tage der Erinnerung, Mahnung und Begegnung dieses Jahres.
Dort wurden dazu bedenkenswerte Vorschläge unterbreitet: es müsse eine
öffentliche Meinung der entschiedenen Ablehnung gegen
rechtsextremistische Gedanken, Haltungen und Handlungen geschaffen werden
durch breiteste Aufklärung darüber, was Faschismus sei, welches Unglück
er über das deutsche Volk und die ganze Welt gebracht habe; Aufklärung
vor allem der Jugendlichen, aber auch aller, die mit ihrer Erziehung zu
tun haben, von den Eltern über die Erzieher in den Kindergärten, die
Lehrer, bis zu den Sportfunktionären und sogar den Ausbildern in der
Bundeswehr.
Was
nach meiner Meinung in dem anregenden Podiumsgespräch – trotz Kälte
harrten die meisten Zuhörer bis zum Schluss aus – zu kurz kam, war die
Frage nach den Verhältnissen, die dazu führen, dass Jugendliche – aber
nicht nur sie – für die Naziparolen empfänglich und zum Mitmachen verführbar
werden, und die Neigung zu Gewalt und Kriminalität immer mehr um sich
greift.
Ich
hatte den Eindruck, dass die einen eine Diskussion darüber, dass die Verhältnisse,
wie Massenarbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel und Perspektivlosigkeit eine
entscheidende Ursache für die Verführbarkeit von Jugendlichen durch
Nazis sind, nicht wollten, weil sie fürchteten, das könne als
Entschuldigung für die nazistischen Gewalttaten betrachtet oder ins Feld
geführt werden; andere wieder wollten diese Diskussion nicht, weil sie
mit gutem Grund fürchteten, sie werde hinführen zu einer Kritik an den
herrschenden politischen und ökonomischen Verhältnissen.
Aber
es ist nun einmal eine Tatsache, dass es immer die vom Kapitalismus
hervorgebrachten Krisen mit ihrem Massenelend waren und sind, die dem
Faschismus die Anhänger zutreiben. Es ist deshalb eine blasse Illusion zu
glauben, es genüge massive Aufklärung darüber, was Faschismus ist, um
den Naziparolen und den Naziauftritten ihre Attraktivität zu nehmen.
Wirkungsvoller Antifaschismus muss aufklärerisch und kämpferisch sein.
Er muss aufklären darüber, was Faschismus ist, aber auch über die Verhältnisse,
die ihn hervorbringen, begünstigen, fördern und über die Kräfte, die
ihn gegebenenfalls an die Macht bringen – und wozu.
Wirkungsvoller
Antifaschismus muss den kämpferischen Geist der antifaschistischen
Widerstandskämpfer aus allen Lagern lebendig halten und weitergeben. Er
muss diesem Geist dem gegenwärtigen „rechts-extremistischen“, sprich
faschistischen Terror eine entschlossene Abwehr entgegenstellen. Er muss
aber weitergehen und den Kampf auch um die Beseitigung der Verhältnisse führen,
die den Faschismus hervorbringen und wuchern lassen. Für diesen Kampf
kann man viel von der DDR lernen!
Geschrieben
im September l998, zuerst erschienen in Mitteilungen der Kommunistischen
Plattform der PDS Heft 10/1998, S. 20-27 |