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Die
Marktwirtschaft ist frei – so frei, dass
sogar verrecken erlaubt und üblich ist…
Von
Günter Ackermann
Kommunisten-online
vom 3. August 2008 –. Da schrieb uns ein
„So
schrieb der Webmaster G.A.:
(...)
freie Marktwirtschaft gebe. Nun. Letztere gab es auch unter Franco in
Spanien, Pinochet in Chile und auch in Deutschland unter Hitler.
Mensch
Günter, liegst du da nicht etwas daneben? Nazideutschland und „freie
Marktwirtschaft“? Dann wäre die sog. „Arisierung“ für dich also
„freie Marktwirtschaft“? Gab es da nicht sowas wie Berufsverbote,
auch für Selbständige? Wurden außer Juden nicht auch Gegner der Nazis
„enteignet“?
Und
da faselt G.A. von freier Marktwirtschaft. Es ist schon erstaunlich,
dass G.A. noch nicht mitgekriegt hat, dass es keine sozialistische UdSSR
mehr gibt, die gegen den Imperialismus verteidigt werden muss. Putin und
Medwedew sind nicht Lenin und Stalin, ihre Politik ist
imperialistisch-reaktionär“.
1.
Zunächst einmal die Begriffsklärung
Das
Attribut „freie“ bei Marktwirtschaft drückt nicht aus, dass die
Menschen in dieser Marktwirtschaft frei von Ausbeutung sind. Ebenso
wenig wie „soziale“ Marktwirtschaft ausdrückt, dass es da sozial
zugeht.
Marktwirtschaft ist nie wirklich frei, denn es degradiert den
Menschen zum willenlosen Objekt der Gesetze des kapitalistischen
Marktes. Es geht um den Verkauf von Waren zu möglichst hohen Profiten
– egal wie
– und die Ausbeutung von Arbeitskraft des Menschen zu möglichst
niedrigen Preisen. Die Attribute frei und sozial sind rein propagandistisch zu
sehen. Frei ist nur: Waren werden frei getauscht, Ware gegen Geld, Geld
gegen Ware.
Und
sozial geht es da auch nicht zu. Wenn Ludwig Erhard als der Erfinder der
„sozialen“ Marktwirtschaft gilt, so möge er der Erfinder des
Attributs „sozial““ bei Marktwirtschaft sein, das, was es ausdrückt,
gab es schon vorher. Sozialleistungen
waren nie Gaben der Reichen an die Armen.
Zwar steht im deutschen
Grundgesetz in Artikel 14, 2:
„Eigentum
verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit
dienen.“
Aber
was dieser Absatz wert ist, zeigt sich allein schon daran, dass er Teil
eines Artikels ist, der das Eigentums- und Erbrecht garantiert:
Davor
unter 1 steht:
„Das
Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.“
Und
danach unter 3 finden wir:
„Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie
darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art
und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter
gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten
zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle
der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.“
Das
ist der berühmte Absatz des Grundgesetzes, auf den sich die CDU, CSU,
SPD, Linkspartei und sogar der Vorsitzende
der DKP berufen, Leeres Stroh ist das, ebenfalls die soziale
Marktwirtschaft, das zu dreschen sich für Kommunisten nicht lohnt.
Aber
wie ist es mit den Sozialleistungen, dem Wohnungsbau der großen
Unternehmen, wie Thyssen, Krupp, den Bergwerksunternehmen usw.?
Mal
abgesehen davon, dass, als die ersten Zechenhäuser und
Arbeiterwohnungen der Zechen gebaut worden, Ludwig Erhard noch nicht
einmal gezeugt, geschweige denn geboren war.
Die
„Sozialleistungen“ der Zechen- und Stahlbarone rechneten sich für
diese. Sie brauchten Arbeitskräfte, möglichst billige. Aber die gab es
im Ruhrgebiet nicht ausreichend. Die musste man von weither holen und dazu wurden
Wohnungen gebraucht. Also baute man sie.
Und
es waren Schlichtwohnungen. Auch die heute gelobten Zechensiedlungen
waren das. Wenn man den Bergarbeitern keinen Garten gönnte, wo sie sich
Gemüse, Kartoffeln und Obst anbauen konnten, keinen Stall für die
Ziege für die Milch für die Kinder und das Schwein für Sonntags- und
Festtagsbraten, dann hätten sie sich das kaufen müssen, hätten also
mehr Lohn gefordert. Nach dem Muster kann man alle diese sozialen Großtaten
einordnen – ohne Ausnahme.
Ich
fasse zusammen: Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsform, die für
den Kapitalismus typisch ist. Auf dem Markt realisieren sich die
Profite, für den Markt lassen die Kapitalisten produzieren.
Kapitalismus ohne Marktwirtschaft ist Unsinn und nicht möglich – mit
oder ohne die Attribute frei und sozial.
2.
Sozialer Kapitalismus und Sozialstaat
Auch
die staatlichen Sozialleistungen haben solch ein einfache Erklärungsmuster:
Beginnen
wir mit der Einführung der Sozial- und Krankenversicherung in
Deutschland unter Bismarck. In Deutschland herrschte, wie auch in den
anderen Ländern, mit der sich entwickelnden Industrialisierung, ein
entsetzliches Elend unter der Arbeiterklasse. Aber darum ging es
Bismarck nicht.
Es entwickelte sich in der Zeit auch die
Arbeiterbewegung, die damalige revolutionäre Partei war die SPD. Sie
erstarkte in sehr kurzer Zeit. Sie war zum Faktor in der
Klassenauseinadersetzung geworden. Um die Arbeiter von der SPD
abzubringen, verabschiedete der Reichstag auf Antrag Bismarcks im
Oktober 1878 das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen
Bestrebungen der Sozialdemokratie“ (Sozialistengesetz).
Nicht
zufällig wurde in der Zeit des Bestehens des Sozialistengesetzes (bis
1890) die Bismarckschen sog Sozialgesetze auf den Weg gebracht. 1883
wurde die Krankenversicherung und 1889 verabschiedete der Reichstag des
Deutschen Reiches eine Alters-
und Invaliditätsversicherung. Bismarck hoffte, den
Sozialdemokraten damit das Wasser abgraben zu können.
Es
war also keine Einsicht, dass den Arbeitern ein „gerechter“ Anteil
am Reichtum zugestanden werden müsse – das gibt es eh nicht, denn ihnen
gehört eigentlich alles, denn sie erarbeiten allen Reichtum – sondern
es war einfach ein Teil des Kampfes gegen die Partei der Arbeiterklasse.
Also eine Art Zugeständnis an das Proletariat um Schlimmeres für die
Bourgeoisie zu verhindern.
Andere
Sozialleistungen wurden im offenen Klassenkampf erkämpft (z.B.
Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle).
Auch
die Gründe für die relativ hohen Lohnsteigerungen bis in die
70er Jahre, sind hier zu suchen. Aber, so sagt man, es saß immer noch
eine dritte Partei am Verhandlungstisch bei Tarifverhandlungen: die DDR
und das sozialistische Lager. Das stimmte die Kapitalseite nachgiebiger.
Wo
ist hier ein Sozialstaat – ich meine nicht den der DDR, sondern der
kapitalistischen BRD? Schon als die deutsche Wirtschaft in ihre erste
Nachkriegskrise rutschte – 1967 – sprachen einige Kapitalisten von
Sozialklimbim, das abgeschafft gehöre. Aber der Dritte am
Verhandlungstisch verhinderte allein durch seine Existenz, dass massiv
Abbau von Sozialleistungen durchgeführt wurden.
Das
ging erst nach 1990 und auch da nur mit einer Partei, die im Ruf stand,
die unsoziale Politik der Regierung Kohl zurück zu nehmen. Die SPD
schleppt seit ihrer Gründung, bei vielen aus der Arbeiterklasse, das
Image mit sich herum, eine Partei der Arbeiter und kleinen Leute zu sein
und für diese Politik zu machen. Vollkommen zu Unrecht, wie wir wissen.
Wir
erlebten es: Kohl ging und Schröder kam und die SPD-Regierung mit
den Grünen vollzog einen Sozialkahlschlag, den Kohl nie gewagt hätte.
Wenn heute welche aus der SPD die Rücknahme der Agenda 2010 fordern, so
haben die keine Chance sich durch zu setzen. Das wissen sie auch
selbst. Allein die Existenz dieser „Linken“ soll das soziale Image
der SPD zurück gewinnen helfen. Es ist also Betrug.
Zusammenfassend:
Es gibt keinen sozialen Kapitalismus, also auch keine soziale
Marktwirtschaft. Sozial und Marktwirtschaft sind sich widersprechende
Begriffe.
3.
Enteignungen im Kapitalismus
Der
Verfasser der Mail, Mensch Günter,
liegst du da nicht etwas daneben? Nazideutschland und „freie
Marktwirtschaft“? Dann wäre die sog. „Arisierung“ für dich also
„freie Marktwirtschaft“? Gab es da nicht sowas wie Berufsverbote,
auch für Selbständige? Wurden außer Juden nicht auch Gegner der Nazis
„enteignet“?"
Mal
abgesehen, dass ich Johann Behrend nicht kenne, bewusst ist er mir nie
begegnet, sein vertraulicher Unterton also fehl am Platze ist. Aber
sei’s drum.
Wenn
in der Nazizeit kein Kapitalismus herrschte, was dann? Waren die
Reichswirtschaftsführer der Konzerne an irgendwelche Regeln gebunden,
außer denen, Maximalprofite zu erwirtschaften? Unterdrückt wurden
nicht die Konzernherren, unterdrückt wurden die Arbeiter.
Nur ein
einziger Konzernherr war in der Nazizeit inhaftiert: Fritz Thyssen. Der
aber behauptete nicht einmal, wie seine Kumpane aus der Großindustrie,
Gegner der Nazis gewesen zu sein. Der war selbst Nazi.
Thyssen
war allerdings 1939 gegen den Krieg im Westen gewesen. Der wollte nämlich, dass
der Westen gemeinsam mit dem Nazireich die Sowjetunion angreifen solle.
Thyssen, der schon in den 20er Jahren Mitglied und Förderer der NSDAP
war, Hitler 1930 den Kontakt zum Industrieclub in Düsseldorf
verschaffte und der Nazipartei die deutsche Schwerindustrie als
Sponsoren gewann, ging zuerst 1939 in die Schweiz und dann nach
Frankreich. Thyssen wurde nach der deutschen Besetzung verhaftet und in
Deutschland in „Ehrenhaft“ genommen. Thyssen war persönlicher Häftling
des Führers, d.h. kein SS-Scherge durfte ihm ein Haar krümmen.
Ja
sicher, gab es in der Nazizeit die Arisierungen Dass dadurch Nazis, die
vorher Krautkrämer waren, zu Kaufhauskönigen avancieren,
z.B. Helmut Horten, ist unbestritten. Die kapitalistische
Marktwirtschaft aber ist durchdrungen von Enteignungen, sie sind auf der
Tagesordnung und gehören zum Wesen dieses Systems.
Marx
und Engels nannten das das Zeil der Arbeiterbewegung auch „Expropriation
der Expropriateure“, also die Enteignung der Enteigner.
Will
nämlich ein Kapitalist auf dem Markt Bestand haben, so muss er bestrebt
sein, seine Konkurrenten vom Markt zu drängen und sich deren Anteil
unter dem Nagel zu reißen. Genau das war auch in der Nazizeit so, kein
Unterschied zu heute.
Oder
will ein Kapitalist überhaupt einen Profit machen, muss er sich die
Arbeit der Arbeiter aneignen und zahlt ihnen nur den Marktpreis der Ware
Arbeitskraft, aber nicht den Wert der geleisteten Arbeit. Mehrwert, also Profit, ist nichts anderes, als das
Aneignen unbezahlter Arbeit. Das galt auch in der Nazizeit.
Faschismus
ist nichts anderes als eine Herrschaftsform im
Kapitalismus, zwar die brutalste, aber nur eine von vielen. Faschismus ist „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten,
chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des
Finanzkapitals“ (Georgi Dimitroff). – nicht mehr und nicht
weniger!
Faschismus
ist keine andere Gesellschaftsordnung, jenseits der Herrschaft des
Kapitals, sondern eine Herrschaftsform. Das Großkapital bedient
sich es Faschismus dann, wenn es in der bisherigen Form, der der bürgerlichen
Demokratie, seine Profite nicht mehr maximieren kann. Der
Nazi-Faschismus richtete sich nicht in erster Linie gegen die Juden,
sondern gegen die Arbeiterbewegung. Der Judenhass der Nazis war nur
ihrer Beschränktheit zuzurechnen. Die Industriekreise um Thyssen, Krupp
und auch IG-Farben, waren alles andere als Antisemiten. Die IG-Farben
galten bis 1933 als ein quasi jüdischer Betrieb.
Fritz Haber,
Nobelpreisträger, war führender Mitarbeiter von IG-Farben. Bereits
1917 entwickelte er bei der Deutsche
Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m.b.H. (Degesch) ein Verfahren
zur Gewinnung von Blausäuregas zur Schädlingsbekämpfung, genannt
Zyklon A. Das Nachfolgeprodukt, Zyklon B, wurde von der Degesch an die
SS verkauft und wurde zum Massenmord gegen Juden eingesetzt. Natürlich
hat Haber kein Gas zu Massenvergasung von Menschen bewusst entwickelt, aber
Haber war im 1. Weltkrieg an der Entwicklung von Kampfgas gegen Menschen
maßgeblich beteiligt. Seine Frau beging daraufhin Selbstmord.
Enteignung,
ja sogar die Enteignung von Eigentum vermeintlicher oder wirklicher
Feinde, ist keineswegs einmalig. In Israel wurde aus rassistischen Gründen
enteignet und wird es noch heute. Ganz Israel steht auf dem Boden der
von Palästinensern enteignet wurde, die israelischen Siedler im Westjordanland haben arabisches Eigentum an sich
gerissen.
Ich
fasse zusammen: Kapitalismus ohne Enteignungen ist undenkbar. Gerate
der kapitalistische Markt verdrängt Bewerber am Markt zu Gunsten
anderer, auch die Ausbeutung von Arbeitskraft ist Enteignung.
Enteignung auf der der gesamte Reichtum im Kapitalismus herrührt..
Den
Nazis, Pinochet oder Franco zu unterstellen, dort habe auch freie
Marktwirtschaft geherrscht, halte ich ausdrücklich aufrecht. Das ist
keine Verharmlosung des Faschismus, sondern eine nüchterne
Festsstellung, dass der Kapitalismus in seiner höchsten Form, dem
Imperialismus, mit Faschismus schwanger geht. Ein nachhaltiger
antifaschistischer Kampf muss also einhergehen mit einem Kampf für die
sozialistische Revolution, damit dem Ziel der Expropriation der
Expropriateure.
G.A.
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