|
Wall
Street ausgebremst
Von
Rainer Rupp
JungeWelt
vom 27. September 2008 – Das weltweite Vertrauen in die Wall
Street ist dahin. Die chinesische Regierung hat die Banken des Landes
angewiesen, US-Finanzinstitutionen kein Geld mehr zu leihen. Umfragen
zufolge (Rasmussen Reports) ist auch in den USA selbst das Vertrauen in
die Finanzwirtschaft auf einen historischen Tiefpunkt gefallen ist. Dies
hat gerade die größte US-Bausparkasse, die Washington Mutual (WaMu),
in die Pleite getrieben. Die Bank war wegen der Hypothekenkrise bereits
stark angeschlagen, als die Kunden diese Woche ihre Konten leer räumten.
Kaum hatte WaMu am Donnerstag Konkurs angemeldet, da stürzte sich die
Großbank J.P. Morgan Chase wie ein Geier auf das Opfer, um es zu
filetieren und die besten Stücke zu Schnäppchenpreisen aufzukaufen.
Und es dürfte so weitergehen, denn trotz Rettungsplan der US-Regierung
rechnen Experten mit zahlreichen weiterer Bankenpleiten.
Apropos
Rettungsplan: Während sich Präsident George W. Bush und die Führungen
der beiden Parteien Donnerstag abend (Ortszeit) in Washington trafen, um
einen Kompromiß dazu auszuhandeln, protestierten in über hundert Städten
US-Bürger gegen die Subventionierung der Wall-Street-Finanzhaie. Sie
forderten statt dessen Hilfe für die Millionen in
Zahlungsschwierigkeiten geratenen Hausbesitzer. Der von
US-Finanzminister Henry Paulson vorgelegte Plan sieht vor, daß den
Banken ihre »Problempapiere« abgekauft werden, ohne daß die Geldhäuser
dafür eine Gegenleistung erbringen. Unter dem Banner »Kein Geld für
Schrott« hatten sich daher auch viele Demonstranten in der New Yorker
Wall Street zusammengefunden und symbolisch mitgebrachten eigenen
Schrott vor den Banken abgelegt.
Trotz
der Proteste schienen bei der von Bush geleiteten Krisensitzung am
Donnerstag alle einig, die Finanzinstitute zu retten. Deren Bosse waren
hocherfreut, als sich die Nachricht verbreitete, man sei in den
Hauptpunkten des 700 Milliarden Dollar teuren Rettungsplans einig
geworden. Doch die Freude war zu früh: Im letzten Moment hatte der »House
Minority Leader« John A. Boehner, eine Art Fraktionsvorsitzender der
Republikaner im Repräsentantenhaus, seine Unterstützung verweigert und
einen vollkommen neuen Plan vorgelegt.
Sechs
Wochen vor den Präsidentschaftswahlen greift Boehners Vorschlag
geschickt die Proteststimmung der Bevölkerung auf – und er sieht so
gut wie kein Geld für die Banken vor. Statt dessen sollen die
Hausbesitzer gerettet werden. Auf diese Weise würden die
Schrotthypotheken saniert und auch die Banker wieder zu ihrem Geld
kommen, so der Plan. Als der vergangene Woche zwischen Finanzminister
und den Geldhäusern besprochen wurde, war er von den Banken rigoros
abgelehnt worden. Laut Washington Post kann Boehner jedoch auf die
Unterstützung der Mehrzahl der Republikaner im Kongreß zählen.
Damit
ist nun eine für die Wahlchancen der Demokraten höchst gefährliche
Situation entstanden. Diese hatten bislang den unpopulären Paulson-Plan
unterstützt, wollten nur kosmetische Änderungen. Und Bushs eigene
republikanische Partei lehnt ihn jetzt überraschend ab. Die Führung
der Demokraten hat denn auch Bush gewarnt, daß sie ebenfalls ihr Veto
einlegen werde, falls nicht auch die Republikaner mehrheitlich
zustimmen. So will das Obama-Lager verhindern, daß die Demokraten
allein für die ungewissen politischen Folgen des Rettungspakets für
die Banken verantwortlich gemacht werden. |