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»Wo Geld
ist, da ist auch Korruption«
Essay.
Soll sich die Öffentlichkeit mit manipulierten Spielen abfinden? Die
deutschen Fußballskandale aus den Jahren 1971, 2005 und heute
Von
Klaus Huhn
jungeWelt
vom 1. Dezember 2009 – Noch bevor am vorletzten Sonnabend die
Bundesligamannschaften in die Stadien liefen, in denen sie um Punkte
kicken wollten, meldete sich der Präsident des bundesdeutschen Fußballbundes
(DFB), Theo Zwanziger, zu Wort. Er bekannte, daß erneut ein Fußballskandal
ins Haus stünde und verkündete: »Wir werden diese Leute bestrafen.
Sie gehören nicht mehr zu uns. Wo Geld ist, da ist auch Korruption.
Wichtig ist der Umgang damit. Die Botschaft ist nicht, daß es passiert,
sondern wie man damit umgeht. Sobald wir wissen, gegen wen ermittelt
wird, werden wir der Staatsanwaltschaft natürlich alles zur Verfügung
stellen, was sie braucht. Es liegt ganz in unserem Sinne, daß die
Staatsanwaltschaft das so aggressiv angeht.« Und dann folgte der
irritierende Satz: »Wenn wir die Dinge unter den Teppich kehren würden,
dann hätten wir das schleichende Gift der Betrügereien und
Manipulationen in unserem Haus.«
Bekannt
war zu dieser Stunde nur, daß Fußballwetten manipuliert worden sein
sollen. Die Neue Osnabrücker Zeitung wußte, daß die
Staatsanwaltschaft Bochum als »Drahtzieher« einen 34jährigen Mann
verdächtigt haben soll, der die Auswärtsniederlage der Osnabrücker
beim FC Augsburg (0:3) am 17. April 2009 und beim 1. FC Nürnberg (0:2)
am 13. Mai 2009 manipuliert haben könnte. Der mdr ergänzte mit dem
wichtigen Hinweis: »Das große Geschäft mit Fußballwetten wird in
China gemacht.« Der stern vom 20. November 2009 schickte einen Reporter
in die »Wettzentrale«, das Berliner »Cafe King«. Deren Pächter, die
Brüder Ante und Milan S., waren schon in den Skandal um den
Schiedsrichter Robert Hoyzer verwickelt und wurden »nach
Medienberichten in Berlin vorläufig festgenommen«. Sonst hatte man nur
die Speisekarte des »Cafe King« ermittelt: »Bauernomelett mit
Salatbeilage und Gewürzgurke«.
Die
Aufregung war enorm, die Kommentare gebührend erregt. Neues Deutschland
hielt das ganze sogar für eine sechsspaltige erste Aufmachung wert und
schlagzeilte: »Größter Betrugsskandal in Europas Fußball«, bekannte
aber in der Unterzeile »Namen von Spielern oder Vereinen noch unbekannt«.
Denn: Genaues wußte niemand, zumal auch der Hinweis auf China nicht mit
Fakten vertieft worden war.
Untere
Spielklassen lukrativ
Das
Wettgeschäft rund um den Fußball ist nicht neu. Es blüht seit einem
knappen Jahrhundert. Fußballwetten wurden in England 1921 offiziell
zugelassen, aber schon lange vorher waren private Buchmacher bei jedem
halbwegs wichtigen Spiel anzutreffen. In der Bundesrepublik agieren
heutzutage zahllose Wettagenturen, an die 40 allein online.
Tatsächlich
bieten »verschobene Spiele« weit größere Gewinnchancen als eine
Manipulation beim Pferderennen, doch sind die Manipulationen in den höchsten
Spielklassen seltener geworden, weil selbst bei Fabelquoten der Aufwand
zu hoch ist – zu viel Bestechungsgelder müßten angesichts der vielen
Beteiligten im Fußball bezahlt werden.
So
halten sich denn auch die Gewinnquoten heutzutage in Grenzen. Zum
Beispiel: Bei einem Heimsieg Bayern Münchens gegen Leverkusen am
vorletzten Wochenende, hätte »Unibet« 1,90 Euro gezahlt, das schließlich
sich ergebende 1:1-Unentschieden ergab bei »Interwetten« einen Gewinn
von 3,50 Euro. Bei einer Bayern-Niederlage hätte »Bet 365« 4,33 Euro
gezahlt. Woraus folgert, daß sich Wettbetrügereien heutzutage
vornehmlich auf untere Spielklassen beschränken, bei denen Abenteurer
eine Chance für hohe Gewinne sehen.
Das
unterscheidet die Situation grundlegend von der des Jahres 1971, als die
Bundesliga von einem Skandal erschüttert wurde, der bis heute nicht
restlos aufgeklärt werden konnte und der von ähnlichen Kommentaren führender
Fußballfunktionäre begleitet war wie der jetzt aufgedeckte. Bis auf
jenen letzten Satz Zwanzigers etwa, denn damals war zuviel unter die
Teppiche gekehrt worden, als daß man diese Floskel hätte verwenden können.
Deshalb
gilt auch: Höchstens ein Drittel aller manipulierten Spiele fliegt auf,
und daß der 1971 ans Licht geratene Skandal in die Öffentlichkeit
geraten war, konnte dem Umstand zugeschrieben werden, daß ein
Vereinsfunktionär – faktisch ein Außenseiter – den Mut aufbrachte,
die Wahrheit zu enthüllen – was er bis zu seinem Tode 1999 bitter
bereute.
Der
Mann hieß Horst-Gregorio Canellas, war 1971 Präsident des
Bundesligaklubs Kickers Offenbach und hatte am 6. Juni 1971 in Hausen
bei Offenbach seinen 50. Geburtstag gefeiert. Es waren viele prominente
Gäste zu der Gartenparty geladen, und alle waren so ahnungslos, daß
sie das Tonbandgerät auf dem Geburtstagstisch für ein Geschenk
hielten. Als die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte, setzte Canellas
das Abspielgerät völlig unvermittelt in Gang und spielte seinen Gästen
– darunter auch Bundestrainer Helmut Schön – einen Zusammenschnitt
von Gesprächen mit Bundesligaspielern, Trainern, Funktionären und
Vermittlern vor. Es waren faktisch die Geständnisse vieler an dem
damaligen Bundesligaskandal Beteiligten.
Arminia
gegen Hertha
In
seiner Ausgabe vom 24. April 1972 hatte der Spiegel begonnen, die
dreiteiligen Canellas-Akten abzudrucken. Sie lesen sich heute noch wie
ein Billigkrimi. Zum Beispiel: »Zur Halbzeit in Westberlins
Olympiastadion eilte der Mittelstürmer von Hertha BSC ans Telefon.
Zoltan Varga, eingekeilt zwischen Reportern, die ihre Berichte
durchgaben, rief seine Frau an, während sich die Mitspieler in einer
Kabine mit Zitronenscheiben erfrischten. ›Ist das Geld da?‹, wollte
der Ungar wissen. Die Frau am Apparat verneinte. Varga zürnte: ›Diese
Schweine, sie wollen ohne uns Ausländer kassieren. Aber denen mache ich
die Sache kaputt.‹ Wütend stürmte er wieder auf das Spielfeld zurück.
Was
Varga kaputtmachen wollte, war die bislang größte Schiebung im europäischen
Fußball. Für das Bundesligaspiel am 5. Juni 1971 gegen Arminia
Bielefeld hatten die vom Abstieg und damit vom finanziellen Ruin
bedrohten Gäste jedem Hertha-Spieler rund 15000 Mark zugesteckt –
insgesamt 250000 Mark. Bedingung: Hertha BSC Berlin, seit fast zwei
Jahren im Olympiastadion unbesiegt, sollte das Spiel gegen Bielefeld
verlieren.
Um
Berlins Starstürmer Varga für das Falschspiel zu gewinnen, hatten die
Bielefelder eigens einen Budapester Schulfreund des Hertha-Spielers, den
in Bielefeld studierenden Jozef Bartos, als Vermittler nach Westberlin
geschickt. Er bot Varga zusätzlich 40000 Mark. Varga akzeptierte, aber
er verlangte das Geld vor dem Spiel. Die Bielefelder ließen ihm
ausrichten: ›Das gibt es erst nach dem Spiel, wie beim Kaufmann.‹
So
kam es, daß Herthas Fußballsöldner Varga in der zweiten Spielhälfte
zu tun beschloß, was die 25000 Zuschauer ohnehin erwarteten – für
Hertha Tore zu schießen und zu siegen. Dennoch stand das Spiel
verabredungsgemäß 0:0. Nun aber ›spielte Varga verrückt‹, so
Mannschaftskamerad Tasso Wild.
Nachdem
er einmal den Ball gegen Bielefelds Torlatte getreten hatte, bewachten
ihn die eigenen Kameraden schärfer als die Gegenspieler. Sie schlugen
ihm die Bälle vom Fuß oder stießen ihn zu Boden. ›Wenn der in den
Spielen vorher immer so wild gespielt hätte, wären wir Meister
geworden‹, meckerte Hertha-Verteidiger Bernd Patzke.
Die
Mühe des zornigen Ungarn blieb vergebens. Arminia Bielefeld siegte im
letzten Spiel der Saison 1:0 und blieb vorerst unter jenen 18 Fußballvereinen,
die in der Bundesliga Millionenumsätze machen dürfen. Den teuer
erkauften Sieg feierte der Bielefelder Klubvorstand mit den Spielern und
ausgewählten Gästen eine Nacht lang im Strandhotel von Travemünde.
Freilich
wußten die Falschspieler, daß sie nicht die einzigen waren, die sich
den Platz in der Bundesliga mit Schmiergeld statt mit sportlichen
Leistungen gesichert hatten. In den letzten Wochen der Spielzeit, in
denen sich entscheiden mußte, welche beiden Mannschaften in die
unattraktive Regionalliga (Es gab zu jener Zeit weder eine zweite noch
eine dritte Liga – K. H.) absteigen sollten, hatten vor allem die
spielschwachen Klubs versucht, Tore und Punkte zu kaufen.
Von
den 72 Spielen an den letzten acht Spieltagen (insgesamt 34) hatten sich
26 zu Manipulationen angeboten; es handelte sich um Spiele, in denen
schwache Klubs gegen solche Vereine antraten, die weder Meister werden
noch absteigen konnten. Tatsächlich wurden 18 Spiele davon nachweislich
gekauft, oder es wurde zumindest der Versuch unternommen, sie zu verfälschen.
Kaum
ein renommierter Klub der westdeutschen Profiliga blieb von den
Manipulationen der Abstiegsgefährdeten unberührt:
Am
17. April 1971 ließ sich die Mannschaft von Schalke 04 für eine
Niederlage gegen Bielefeld 40000 Mark zahlen.
Am
22. Mai sicherte Kölns Nationaltorwart Manglitz dem Verein Rot-Weiß
Oberhausen für 25000 Mark einen 4:2-Sieg.
Eine
Woche später kassierten drei Spieler des VfB Stuttgart für eine
freiwillige Niederlage 45000 Mark von Arminia Bielefeld.
Am
5. Juni investierten die Bielefelder Geld für ein Wunschresultat im
Spiel Braunschweig gegen Oberhausen: Arminia bot 170000 Mark für einen
Braunschweiger Sieg, um Oberhausen auszuschalten, und zahlte dann
immerhin 40000 Mark, weil das Spiel nur 1:1 endete.
Wer
bei dem Schwarzhandel nicht mitbieten konnte oder mochte, blieb auf der
Strecke. Von den abstiegsbedrohten Vereinen hatte einzig Rot-Weiß Essen
ohne Scheckbuch gespielt – und mußte die Bundesliga verlassen. Die
Offenbacher Kickers riskierten einen Einsatz, merkten jedoch bald, daß
sie die Konkurrenz im Korruptionsgeschäft nicht einholen konnten –
und stiegen ab.«
Das
waren einige ans Licht gelangte Tatsachen jener Bundesligasaison, und
die wären – das muß mit Nachdruck wiederholt werden – bis heute
nie bekanntgeworden, wenn sich jener Südfrüchtehändler und
Vereinsvorsitzende Canellas nicht entschlossen hätte, die aufwendigen
Schummelspiele bei seiner Geburtstagsparty aufzudecken. Sein Motiv ist
oft erörtert, aber nie restlos geklärt worden. Viele warfen ihm Neid
vor, weil seine »Investitionen« gescheitert waren, manches spricht dafür,
daß der Fußballfan erbost war, wie man diesen Sport kriminalisiert
hatte. Niemand feierte ihn deswegen, und die eigentlich zuständigen
Staatsanwälte zeigten sich desinteressiert.
Mehr
Kontrollkameras
Wenn
Theo Zwanziger nun fast vier Jahrzehnte nach diesem Skandal lakonisch
mitteilt »Wo Geld ist, da ist auch Korruption« mag man das als eine
der vielen »Nebenwirkungen« des Kapitalismus bewerten, käme aber
nicht umhin, dem Präsidenten des größten deutschen Sportverbandes die
Frage zu stellen: »Soll sich also der deutsche Fußball mit dieser
Erkenntnis abfinden?« Zugegeben: Der DFB hatte 2005 nach dem zweiten
Skandal, in dem sich herausgestellt hatte, daß der Schiedsrichter
Hoyzer Entscheidungen getroffen hatte, die den Wünschen der
Manipulatoren entsprach, ein sogenanntes »Frühwarnsystem«
eingerichtet. Dieses System des privaten Anbieters ISE soll bei hohen
Kursausschlägen Alarm geben. Es schien aber während der jüngsten Affäre
ausgeschaltet gewesen zu sein.
Hinzu
kommt: An jedem Wochenende demonstrieren Fernsehkameramänner, daß sie
mehr sehen als der Schiedsrichter, und den Fernsehzuschauer demzufolge
besser ins Bild setzen als den Mann mit der Trillerpfeife. Tatsächlich
erinnert die Ausrüstung eines Schiedsrichters noch heute an die »Fußballsteinzeit«,
während sich zum Beispiel in der Leichtathletik der Kampfrichter auf
den Zielfilm verlassen kann und notfalls auf das alle Auskünfte
liefernde Zielfoto. Im Fußball hat der Schiedsrichter höchstens die
Chance, zum Linienrichter zu laufen und den zu fragen, was er gesehen
hat. Weder Torkameras noch die Möglichkeit eines der von den
zahlreichen Fernsehkameras aufgezeichneten Bilder zu betrachten, bieten
sich dem Fußballschiedsrichter. Und der oberste Präsident warnt davor,
Tatsachen unter den Teppich zu kehren, anstatt wenigstens für die
Profiligen ab morgen Kontrollkameras installieren zu lassen, die der
vierte Schiedsrichter mit einem Blick kontrollieren könnte. Deshalb:
Wettkneipen zu kontrollieren erinnert an die Sport-Urzeit! Und wenn
Zwanziger auch noch anfügt: »Die Botschaft ist nicht, daß es
passiert, sondern wie man damit umgeht?« ist die Antwort im Grunde
schon gegeben!
Deshalb
noch einen Blick zurück zum Skandal von 1971, denn der Versuch damals,
ihn unter den Teppich zu kehren, war nicht die Fehlentscheidung
irgendeines unkundigen Funktionärs, sondern einer der vielen Versuche
der Fußballfunktionäre zu versichern, daß alles »im Lot sei« und
die Stoppuhr am Arm und die Pfeife im Mund hinreichen, um eine der
aufwendigsten Sportindustrien des Landes zu kontrollieren.
Der
damalige Pressesprecher des Verbandes, Dr. Wilfried Gerhardt, hatte
allen Ernstes erklärt: »Es gibt keinen Fall Bundesliga!« Canellas
habe mit seinen Tonbändern nur sich selbst ein Alibi für eigene mißglückte
Bestechungsversuche verschaffen wollen. »Canellas hat die Spieler verführt«,
behauptete Gerhardt. Und diese Version reichte damals dem DFB, um
Canellas auf Lebenszeit von jedem Amt im deutschen Fußball auszuschließen,
ein Urteil, das man, vom schlechten Gewissen geplagt, fünf Jahre später
wieder aufhob.
Selbst
Staatsanwälte hatten sich eines Tages auf den Weg machen müssen. Nicht
zuletzt, weil inzwischen auch die Medien mobil geworden waren und die
Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Beispiel die Situation mit den
Worten: »menschliche Widerwärtigkeiten, wie Lug und Trug, Erpressung
und Nötigung« charakterisierte. Den Staatsanwälten folgten wiederum
in Scharen die Rechtsanwälte. In seinem Statut hatte der DFB seine
Mitglieder verpflichtet, alle Streitigkeiten vor dem sogenannten
Sportgericht auszutragen. Niemand hatte das Recht, ein ordentliches
Gericht anzurufen. Das hinderte aber Rechtsanwälte nicht, nun
Landgerichte anzurufen, zumal dort unter Eid ausgesagt werden mußte und
unseriöse Auskünfte demzufolge böse Folgen haben konnten. So kam es
auch, daß viele Klagen über Nacht zurückgezogen wurden.
Hohe
Dunkelziffer
Den
Canellas-Erinnerungen war zu entnehmen, daß ihn ein Torwart mit den
Varianten der Korruption konfrontiert hatte. Nationaltorwart Manfred
Manglitz vom 1. FC Köln hatte ihm erläutert, wie man in der Bundesliga
auch auf Umwegen zu Punkten gelangen könnte. Man erinnert sich:
Canellas hatte die Offenbacher in die Bundesliga gebracht, dann ihren
Abstieg erleben müssen, erneut den Aufstieg zuwege gebracht und war
dann mit der Mannschaft erneut in den Abstiegsstrudel geraten. Als er
schon alle Hoffnungen aufgegeben hatte, meldete sich der Essener
Spielervermittler Raymond Schwab bei Canellas’ Trainer Rudolf
Gutendorf und offerierte ihm, »für 80000 Mark ein Spiel zu kaufen«.
Daraufhin signalisierte der: »Boß, wir müssen Spiele kaufen, sonst
sind wir draußen.« Canellas wollte das nicht. Daraufhin packte
Gutendorf seine Sachen. Danach hatte Manglitz am 5. Mai 1971 den
Kickers-Geschäftsführer Willi Konrad angerufen und daran erinnert, daß
sein Klub, der 1. FC Köln, am Abend gegen Rot-Weiß Essen ein
Nachholspiel austragen würde. Und Manglitz soll dem Offenbacher
mitgeteilt haben: »Unsere Jungs haben ein Angebot aus Essen, die lassen
sich das was kosten.« Konrad darauf: »Soll das heißen, daß Köln das
Spiel absichtlich verlieren will?«
Manglitz
bestätigte den Deal und bot Offenbach an, mehr zu bieten. Als die
Antwort ausblieb, rief der Torwart Canellas an und schlug ihm vor: »Also
25000, oder Essen gewinnt!« Canellas war – das muß man wohl annehmen
– so naiv, sich daraufhin beim DFB zu erkundigen, ob die Statuten Prämien
von dritter Seite untersagen und ließ sich vom DFB-Sekretär Horst
Schmidt bestätigen, daß davon nichts im Reglement stünde. Daraufhin
stimmte er zu und schickte Konrad mit dem Geld zu Manglitz. Vor der
Kabine des 1. FC Köln traf man sich. Manglitz gab Konrad einen
Briefumschlag, in dem die Skizze eines Parkplatzes eingetragen war, die
Beschreibung eines Peugeot 204 mit dem Duisburger Kennzeichen »DU-AU
222« und dazu sagte Manglitz: »Dort ist meine Braut, die weiß
Bescheid.«
Tatsächlich
traf der Offenbacher an jenem Parkplatz die Manglitz-Braut, die sich
allerdings zunächst weigerte, die Summe zu quittieren: »Dat war nich
vorjesehen.« Tage später wollte denn Manglitz von Konrad auch die
Quittung zurückhaben: »Damit da nich wat Dummes passiert.« Konrad
vertröstete ihn.
Die
damals ans Licht gelangten Tatsachen wurden nie in einem umfassenden
Prozeß aufgerollt oder gar abgestraft. Als Canellas sich längst nach
Mallorca zurückgezogen hatte, versicherte er eines Abends in einem
Fernsehinterview: »Es wurde noch viel mehr geschoben. Längst ist nicht
alles ans Tageslicht gekommen.« Er versicherte, noch viel mehr
Beteiligte zu kennen, aber inzwischen zu »müde« geworden sei, um die
Spuren preiszugeben.
Einige
Anwälte aber mochten ihre Klienten nicht in die Bredouille geraten
lassen. So zeigte der Bielefelder Anwalt Dr. Karl Lamker die Schalker
Klubfunktionäre Günter Siebert und Heinz Aldenhoven wegen falscher
uneidlicher Aussagen an und versicherte, sie hätten entgegen aller
Beteuerungen von den Manipulationen gewußt. Daraufhin lud der
Bielefelder Oberstaatsanwalt Werner Kny die Schalker vors Amtsgericht,
wo sie einen Eid leisten mußten. Nur der Schalker Schatzmeister
Aldenhoven hatte sich krankschreiben lassen.
Sport
wurde Industrie
Vor
allem dürften damals Torhüter ihren Wettwert erkannt haben. Horst
Wolter, der das Braunschweiger Tor hütete und zur deutschen
Nationalmannschaft der Weltmeisterschaft in Mexiko gehörte, soll am 3.
April 1971 dem Bundesligagegner Eintracht Frankfurt zum Sieg verholfen
haben (das Spiel endete 5:2); die Frankfurter rückten dadurch vom
Abstiegsrang 17. auf den rettenden 16. Tabellenplatz vor. Daraufhin soll
Eintracht Frankfurts Trainer Erich Ribbeck Wolter den Oberhausener Torkäufern
empfohlen haben und versicherte: »Mit dem ist etwas zu machen!« Und
prompt ließ sich der Torhüter im Spiel gegen Oberhausen am 5. Juni
einen »Fehlgriff« gut bezahlen. Das Spiel endete überraschend 1:1 und
Wolter erklärte Journalisten hinterher den Treffer so: »Ich stand auf
dem falschen Bein.«
Doch
es ging damals keineswegs nur um Abstiege, auch Aufstiegsspiele waren
gefragt. So soll sich Oberhausen den Weg in die höchste Liga für 500
Mark Kopfgeld an Hertha Zehlendorf geebnet haben, in dem die den Rivalen
SV Alsenborn ausschalteten.
Die
Geschichte des Skandals von 1971 ist nur als »endlos« zu bezeichnen.
Und immer wieder muß betont werden: Sie wäre ebensowenig ans Licht
geraten wie mit Sicherheit viele andere Spiele seitdem, wenn Canellas
die Lawine nicht losgetreten hätte. Als sie ins Rollen geriet, war
niemand mehr sicher.
Heute
leugnet auch kaum mehr jemand, daß die Spiele des Profifußballs
zweifellos oft sehenswert sind, doch in letzter Konsequenz nur Auskunft
über das Vermögen der Klubs geben. Wer – dank eines auch bei
Niederlagen zahlenden Stammpublikums oder großzügiger Sponsoren, die
im Schatten der Finanzkrise immer rarer werden – über den
stattlichsten Etat verfügt und auf dem Markt aktiv werden kann, muß
nicht vor dem Abstieg zittern. Der Fußballsport ist zur Industrie
geworden, und – wie man weiß – sind auch Konzerne nicht gegen
Manipulationen gesichert!
Klaus
Huhn lebt als Journalist und Verleger in Berlin |