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Tod
eines Reformers
Von
Gerhard Feldbauer
Vor
45 Jahren brachte die CIA den italienischen Industriellen Enrico Mattei
um
Quelle:
GEHEIM, Nr. 3/2007 vom 10.
Dezember 2007
Mit
keinem Wort wird gegenwärtig mehr Schindluder getrieben als mit dem der
Reformen. Der Abbau dessen, was einst Sozialstaat genannt wurde, wird
als Reform verkauft. Der Widerstand dagegen wird Kommunisten und
konsequenten Linken oder Gewerkschaftern als Ablehnung von Reformen
angekreidet.
Die
Praxis beweist das Gegenteil. Reformerische Konzepte, für die sich
unter Vertretern liberaler oder flexibler Kreise der Bourgeoisie in
Krisensituationen Befürworter fanden, stießen meist auf den Widerstand
der rechten,
vor
allem der reaktionärsten Kreise ihrer Klasse. In nicht wenigen Fällen
wurden die Reformer physisch liquidiert. Obwohl selbst für solche bürgerliche
Politiker die kapitalistische Gesellschaftsordnung die Grundlage von
Reformen darstellte. Ihr Ziel war in der Regel, mit Sozialdemokraten
bzw. Sozialisten oder anderen Reformern eine Klassenzusammenarbeit zu
erreichen, um Krisen ihres Systems zu begegnen und es zu festigen oder
ihm auch auf einzelnen Gebieten günstigere Bedingungen zu verschaffen.
Es sei an Matthias Erzberger oder Walter Rathenau in der Weimarer
Republik erinnert, die in außenpolitischen Fragen versuchten, Reformen
der Regierungspolitik durchzusetzen. Zu ihnen ist sicher auch John F.
Kennedy zu rechnen, der einige zaghafte reformähnliche Zugeständnisse
im Inneren der USA ins Auge fasste. Ein ähnliches Schicksal erlitt der
bürgerlichliberale Olaf Palme. Noch bevor der christdemokratische
Parteivorsitzende Italiens, Aldo Moro, in den 70er Jahren einen
„Historischen Kompromiss“ gegen die faschistische Gefahr mit
IKP-Generalsekretär Enrico Berlinguer einging, gab es bereits bürgerliche
Politiker, die eine reformerischere Zusammenarbeit mit den Kommunisten
suchten. Zu dieser Zeit gab es in der DC noch einen linken Flügel, der
mit den Kommunisten und Sozialisten in der Ablehnung des
Vorherrschaftsstrebens der USA übereinstimmte. Einer ihrer
herausragenden Vertreter war der Abgeordnete Enrico Mattei,
Regierungsbeauftragter des Erdölunternehmens AGIP, das er 1953 in die
staatliche Energiegesellschaft ENI umwandelte, deren Präsident er
wurde. Vor dem Zweiten Weltkrieg Chemieunternehmer, hatte er sich nach
dem Sturz Mussolinis der Resistenza angeschlossen. Bei Kriegsende
kommandierte er eine christdemokratische Partisanenbrigade.
Mattei
versuchte, der durch die Marshallplanlieferungen einsetzenden
wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit Italiens von den USA eine
Barriere entgegenzusetzen. Er weigerte sich, den staatlichen
Energiesektor Italiens der Herrschaft der in der Standard Oil
zusammengeschlossenen US-amerikanischen Erdölgesellschaften, den so
genannten sieben Schwestern, unterzuordnen.
Um
Italien aus der einseitigen Abhängigkeit von der Erdölversorgung durch
die USA zu lösen, schloss er Verträge mit der Sowjetunion, die
vorsahen, 30 % des Landesbedarfs zu sichern. Weitere Lieferungen deckte
er durch Abkommen mit arabischen Staaten ab. Er wandte sich gegen die
reaktionäre von den USA dominierte kapitalistische Restauration, lehnte
es ab, den wachsenden Einfluss der Kommunisten durch repressive
Polizeimethoden zurückzudrängen und forderte, sie in die Lösung der
politischen Krise einzubeziehen.
Er
plädierte dafür, „die Lösung der kommunistischen Frage in Italien
über kraftvolle soziale und ökonomische Reformen herbeizuführen“.
Bei all dem war Mattei alles andere als ein verkappter Kommunist, wie
man in Washington nicht müde wurde, zu propagieren, sondern ein
kapitalistischer Reformer, der bei Gleichgesinnten in bürgerlichen
Kreisen ein offenes Ohr fand.
Eine
Anzahl Großindustrieller, darunter FIAT-Chef Agnelli, brachten dem Kurs
des ENI-Chefs bezüglich der wirtschaftlichen Unabhängigkeit Interesse
entgegen.
Die
CIA sah Mattei als einen „der gefährlichsten Feinde“ der USA, seine
Energiepolitik als „eine Bedrohung der amerikanischen wirtschaftlichen
und politischen Positionen in Italien und im Nahen Osten“ und empfahl
dringend, „entsprechende Maßnahmen“ zu ergreifen.
Im
Januar 1962 scheiterte ein erstes Attentat auf den widerspenstigen
ENI-Präsidenten. Der nächste Anschlag am 27. Oktober 1962 gelang. Mit
seinem Privatflugzeug stürzt Mattei bei Pavia ab. Die New York Times
schrieb am nächsten Tag von Umständen, „durch die der Tod eines
einzelnen eine Bedeutung für die ganze Welt bekommen kann“. Für
Washington brachten diese „Umstände“ mit einem Schlag die Lösung
aller Probleme, die Mattei bereitet hatte. Der Befürworter einer
sozialverträglichen Lösung der „kommunistischen Frage“ war
ausgeschaltet. Matteis Nachfolger Eugenio Cefis unterzeichnete im März
1963 ein langfristiges Abkommen, welches die italienische Ölversorgung
ganz unter die Kontrolle der Standard Oil stellte. Derselbe Cefis wurde
als Finanzier der Faschisten im Geflecht der von der CIA zur
Ausschaltung der Kommunisten betriebenen Spannungsstrategie und der
Verwicklung in faschistische Putschversuche sowie Mafia-Aktivitäten
bekannt.
Die
Aufdeckung von Gladio und die Mafia-Prozesse der 90er Jahre brachten ans
Licht, dass ein Offizier der Leibwache Matteis, der das Flugzeug vor dem
Start inspizierte, zu Gladio gehörte. Die Ermittlungsakte zum Fall
Mattei verschwand kurz nach dem Absturz aus dem Geheimdienstbüro von
Pavia. Drahtzieher des Anschlags waren Leute der Standard Oil und der
CIA, die sich auf Sizilien der Hilfe der Mafia bedienten.
[1]
Zur Zeit des Attentats war John Mc Cone, langjähriger Chef der
CIA-Station in Rom, mit einer Mio. $ Aktienbesitzer und Teilhaber an der
Standard Oil. Als er später Präsident des ITT-Konzerns wurde, den in
Chile die Regierung der Unidad Popular enteignete, gehörte er zu jenen,
die den Putsch inszenierten, der zur Ermordung Präsident Allendes und
zur Errichtung der faschistischen Pinochet- Diktatur führte. |