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SERIE: GEHEIMDIENSTE IN DEUTSCHLAND OST UND WEST NACH 1945 Teil II:

Kriegsverbrecher und Naziaktivisten – Geburtshelfer des Sicherheitsapparates der BRD

von Klaus Eichner

Quelle: Geheim Nr. 2/2007 27. August 2007

1998 verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz zur Enthüllung der Rolle von Nazi- und Kriegsverbrechern (Nazi War Crime Disclosure Act[1]). Auf der Grundlage dieses Gesetzes musste die CIA – zähneknirschend – eine größere Zahl von Dokumenten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit über die Beziehungen der US-Geheimdienste mit den westdeutschen Geheimdiensten deklassifizieren.

Erfahrene Historiker und Mitarbeiter der Nationalen Archive der USA bildeten eine „Interagency Working Group“, in der die freigegebenen Dokumente gesichtet und systematisiert wurden.

Im Februar 2005 stellte das National Security Archive sein Electronic Briefing Book No. 146 „The CIA and Nazi War Criminals“ ins Internet.

Die Arbeitsgruppe Aufklärer der „Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e.V.“ (GRH) hat davon 97 der aussagekräftigsten Dokumente ausgewählt und ausgewertet. Parallel dazu waren die Memoiren des ersten Verbindungsoffiziers der CIA in Pullach, James H. Critchfield, erschienen.[2]

Damit erhalten die Aussagen über die Gründung und Entwicklung der Organisation Gehlen bis hin zu ihrer Übernahme als Bundesnachrichtendienst in den offiziellen Staatsdienst der Bundesrepublik im Jahre 1956 eine solide, quellengestützte Basis und können nicht mehr als „kommunistische Propaganda“ abgetan werden. Gleichzeitig wird damit aber auch bestätigt, dass frühere Enthüllungen von DDR-Autoren (Albrecht Charisius, Julius Mader) in den Grundzügen der historischen Realität entsprachen.

Vor allem werden die Behauptungen in den Gehlen-Memoiren, es habe keine oder fast keine belasteten Nazis in seiner Organisation gegeben, nachhaltig widerlegt.

Die Entwicklung der Org Gehlen/des BND zur hauptsächlich antisowjetischen Spionageorganisation erfolgte nicht etwa mit stiller Duldung, sondern mit vollem Wissen und wohl kalkuliertem politischen Willen unter tatkräftiger Führung der westlichen Besatzungsmächte und ihrer Nachrichtendienste – allen voran der USA – auf der Basis gemeinsamer antikommunistischer Ideologie und zur Sicherung der eigenen nationalistischen Interessen.

Zumindest für die maßgeblich Handelnden in der Org Gehlen war der 2. Weltkrieg nie beendet. Aber auch auf der amerikanischen Seite gewannen jene politischen Kräfte immer mehr an Einfluss auf die US-Nachkriegspolitik, die eine Auseinandersetzung mit der Sowjetunion für unausweichlich hielten.

Am 17. März 1952 druckte der Londoner Daily Express jedoch einen explosiven Artikel von Sefton Delmer, einem britischen Publizisten mit Geheimdienstverbindung, der die Überschrift trug: «Hitler-General spioniert jetzt für Dollar».

„Achten Sie auf einen Namen, der Schlimmes verheißt“, begann Delmer seinen Artikel. „Er steht für den meiner Meinung nach gefährlichsten politischen Sprengstoff im heutigen Westeuropa. Dieser Name lautet Gehlen (...). Vor zehn Jahren war dies der Name eines der fähigsten Stabsoffiziere von Hitler. (...) Heute ist Gehlen der Name einer Geheimorganisation von gewaltiger und zunehmend größerer Macht (...). Während er seine Organisation immer weiter ausbaute, krochen jede Menge frühere Nazis, SS- und SD-Leute (des Himmlerschen Geheimdienstes) in seiner Organisation unter, wo sie vollen Schutz genossen.

Heute ist Gehlen der Kopf einer Spionageorganisation, die ihre Agenten in allen Teilen der Erde hat (...). Die Gefahr, die von dieser Organisation ausgeht, liegt in der Zukunft. Denn Gehlens Agentennetz ist schon heute in Deutschland zu einer immensen Untergrund- Macht geworden (...).“[3]

Damit bestätigte Delmer das, was seit 1948 in verschiedenen ostdeutschen und sowjetischen Veröffentlichungen über die Rolle und Aufgaben der Org Gehlen enthüllt worden war.

Der faschistische Geheimdienst „Fremde Heere Ost“ (FHO) war in den verbrecherischen Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen, der in den Nürnberger Prozessen dokumentarisch belegt wurde, voll integriert. Die von Gehlen verfeinerten Methoden und Taktiken der Verhöre von Kriegsgefangenen bewegten sich in einem Umfeld von „Kommissarbefehl“[4], Gerichtsbarkeitserlass[5] u.a. menschenverachtender Befehle zur Behandlung sowjetische Kriegsgefangener und Zivilpersonen, die im Bereich FHO nicht nur bekannt waren, sondern auch umgesetzt wurden.

FHO und seine „untadeligen“ Offiziere hatten direkte und indirekte Mitschuld am Leiden und am Tod unzähliger sowjetischer Kriegsgefangener. Nach der Auswertung der CIA-Akten aus den vierziger Jahren müssen die Schätzungen darüber, wie viele ehemalige aktive Nazis in der Organisation Gehlen arbeiteten, deutlich nach oben korrigiert werden. Danach waren, wie Spiegel online berichtet, im Sommer 1949 etwa 400 der 4.000 Mitarbeiter in der Organisation Gehlen frühere Mitglieder von SS, SD oder Gestapo gewesen. Bei der Suche zur Stärkung des Personalbestands wurden neue „Experten“ im Kampf gegen den Kommunismus schnell gefunden: ehemalige SS-, SDLeute sowie Gestapo-Beamte, eine Reihe von ihnen als Kriegsverbrecher gesucht und mit Kriegsende untergetaucht. Sie alle fanden eine neue berufliche Heimat in Pullach. Die Organisation Gehlen wurde so zu einem Auffangbecken für Mitglieder der Nazi-Elite, die auf einen Neubeginn hofften. Mit falschen Ausweisen und neuen Identitäten ausgestattet, aber oft auch mit ihren Original-Personalien, konnten sie in den ersten Jahren der Bundesrepublik unbehelligt ihre abrupt unterbrochene Laufbahn fortsetzen. Unter Gehlens Fittichen tummelten sich überzeugte Nazis und skrupellose Karrieristen, Massenmörder und Schreibtischtäter, denen zwar ihr „Führer“, nicht aber ihr Feindbild genommen worden war - der Kommunismus.

Alt-Nazis in Verfassungsschutz und Polizei

In der langen Reihe von Naziaktivisten im Bundesamt und den Landesämtern für Verfassungsschutz gibt es eine Ausnahme, das ist der auf Betreiben des britischen Geheimdienstes eingesetzte erste Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John, der während des Krieges Kontakte zu verschiedenen Geheimdiensten hatte, aber auch in die Kreise des Widerstandes vom 20. Juli 1944 einbezogen war. Durch seinen (freiwilligen oder erzwungenen?) Übertritt in die DDR 1954 erhielt er von allen reaktionären Kreisen noch einmal zusätzlich das Stigma eines „Verräters“.

Die Vizepräsidenten und Abteilungsleiter des BfV und leitende Mitarbeiter der Landesämter haben allesamt eine Biographie, die sie als Naziaktivisten ausweist. Zum Teil wurden sie aus der Org Gehlen zur Tätigkeit im Verfassungsschutz abgestellt.

Hier nur einige wenige Beispiele:

Richard Gercken, Leiter der Abteilung IV im BfV; war als SS-Hauptsturmführer Mitarbeiter im RSHA, Abteilung IV (Gestapo); nachweislich Beteiligung an der Verfolgung von Antifaschisten in Holland.

Dr. Gustav Halswick, „Sonderbeauftragter des Präsidenten des BfV“; SSObersturmbannführer und Lehrer an der Reichsschule der Sicherheitspolizei; beteiligt an Kriegsverbrechen in Polen und der Sowjetunion.

Alfred Wurbs, SS-Hauptsturmführer im Amt IV (Gestapo) des RSHA; Angehöriger der Waffen-SS-Division „Prinz Eugen“, die auf dem Balkan schwere Kriegsverbrechen begangen hat; außerdem Angehöriger eines Einsatzkommandos in Norwegen, das Judentransporte in KZ zusammenstellte.

Mit Wissen der Bundesregierung unter einem Decknamen im BfV tätig; erst ab 1956 mit Klarangaben Gruppenleiter in der Zentralabteilung V. Insbesondere im Bundeskriminalamt (BKA) konzentrierten sich Angehörige des früheren Reichs-Kriminalpolizeiamtes (RKPA), später in der Abteilung IV (Gestapo) des RSHA tätig, der Einsatzgruppen, die als Todesschwadronen der SS für die Ermordung von Hunderttausenden Juden, Kommunisten oder nur Angehörige einer „minderwertigen Rasse“ verantwortlich waren und nicht zuletzt Angehörige der Geheimen Feldpolizei.

Leitende Mitarbeiter der Einsatzgruppen finden sich nach 1945 in der Org Gehlen (z.B. Dr. Six, Karl-Theodor Schütz) bzw. in verantwortlichen Positionen in Polizeidienststellen der westlichen Bundesländer wieder oder arbeiten als „Ostexperten“ für den amerikanischen Geheimdienst CIC, so z.B. Dr. jur. Friedrich Buchardt. u.a. ab 1.7.1936 Leiter des Referats 212 (Deutsche in Polen) im SD-Hauptamt, 1937 Leiter der Baltischen Abteilung im Wannseeinstitut, ab Februar 1940 Leiter des SD in Lublin, 1941 als SS-Hauptsturmführer Leiter des SD-Abschnitts Litzmannstadt, zugleich Politischer Nachrichtenreferent beim Einsatzkommando 7c, von Februar 1943 bis Anfang 1944 Kommandeur des SD-Einsatzkommandos 9 der Einsatzgruppe B, Anfang 1944 bis Kriegsende als Obersturmbannführer Leiter des Referats III B 2 (Fremde Völker Ost diesseits der HKL) im RSHA. Im Mai 1945 in US-Kriegsgefangenschaft, von diesem Zeitpunkt ab enge Zusammenarbeit mit dem CIC als dessen Ostexperte.

Im Urteil des Nürnberger Einsatzgruppenprozesses (15.09.1947 bis 10.04. 1948) wird festgestellt:

„Etwa vier Wochen vor der Invasion Russlands wurden auf Befehl Himmlers Sonderabteilungen der Sipo und des SD, Einsatzgruppen genannt, gebildet, um den deutschen Armeen nach Russland zu folgen, Partisanen und Mitglieder von Widerstandsbewegungen zu bekämpfen und Juden und kommunistische Führer sowie andere Teile der Bevölkerung auszurotten. Anfänglich wurden vier derartige Einsatzgruppen gebildet, von denen eine in den baltischen Staaten tätig war, eine in der Gegend von Moskau, eine in der Gegend von Kiew, während sich die letzte im Süden Russlands betätigte.“[6]

Eine schillernde nachrichtendienstliche Karriere kann der spätere Präsident des Bundeskriminalamtes Paul Dickopf vorweisen.

Nach seiner Ausbildung als Kriminalist und seinem Eintritt in die SS 1939 begann Dickopf eine Tätigkeit in der Abwehrstelle (Ast) im Generalkommando des V. Armeekorps in Stuttgart. Diese Abwehrstelle war Teil der Struktur des Amtes Ausland/ Abwehr unter Canaris. Dickopf wurde eine besondere Vertrauensstellung in der Untergruppe I (Spionage) übertragen, indem er V-Leute zu überprüfen hatte. Mitte 1940 erfolgte die Versetzung in die Abteilung III/F (Gegenspionage gegen fremde Nachrichtendienste im In- und Ausland).

In Stuttgart entstand der Kontakt zu dem Schweizer Bankier und Doppelagenten Francois Genoud, der für das Amt Ausland/Abwehr und den schweizerischen Geheimdienst spionierte – es gibt auch Vermutungen, dass er mit der Gestapo zusammengearbeitet hat. Genoud sollte beim späteren Aufenthalt des Dickopf in der Schweiz eine besondere Rolle spielen. Er war ein eifriger Anhänger des Nationalsozialismus, Mitbegründer der schweizerischen faschistischen „Frontistenbewegung“ und hatte persönlichen Anteil daran, dass hoch belastete Faschisten in das Ausland, unter anderem nach Spanien, Südamerika und den Nahen Osten, geschleust wurden.[7]

Im Juni 1942 erhielt Dickopf den Auftrag, in der Schweiz einen Außenposten des Amtes Ausland/Abwehr aufzubauen. Als Hauptaufgabe wurde die Arbeit gegen fremde Nachrichtendienste festgelegt. Und jetzt beginnt die Lebenslüge des Paul Dickopf: Er will sich diesem Auftrag entzogen und mit Hilfe seines Agenten Genoud am 17.07.1943 die grüne Grenze in die Schweiz überschritten haben.

Die Frage nach der Tätigkeit von Oktober 1942 bis Juli 1943 wird von Dickopf damit beantwortet, dass er seine Vorgesetzten in Berlin und Stuttgart damit getäuscht habe, einen wichtigen geheimdienstlichen Auftrag zu Ende bringen zu müssen.

War diese „Fahnenflucht“, die Paul Dickopf zum „Widerstandskämpfer“ machen sollte, Bestandteil der Kombination des Amtes Ausland/Abwehr für den Einsatz in der Schweiz? Immerhin wurde ihm bis Anfang 1944 das Gehalt weitergezahlt und bei der bekannten Praxis des Umgangs mit Verrätern durch faschistische Geheimdienste ist es ein Wunder, dass er im Anliegerland Schweiz zu Deutschland, in dem sich bereits Agenten der deutschen Dienste tummelten, unversehrt geblieben ist.

Von der Schweizer Abwehr wurde er als Agent Nazideutschlands verdächtigt, wenn er auch von Anfang an nach Vermittlung von Genoud versuchte hatte, sich durch Agentenberichte anzudienen.

So übergab er Informationen über Standorte von Industrieanlagen, Berichte über Bombardierungen, über die Ernährungslage in Deutschland und über Absichten der politischen Führung. In 12 Treffs mit dem Nachrichtenoffizier Olivet, der gleichzeitig Führungsoffizier von Genoud war, berichtete er auch über die Organisation der Kriminalpolizei, der Sicherheitspolizei und der Gestapo.[8]8

Seit 1944 unterhielt Dickopf Verbindungen zu amerikanischen Diensten, die ab Anfang 1945 intensiviert worden sind. Sein Agentenführer war Paul C. Blum.

Dazu bestanden ab Anfang 1945 persönliche Kontakte in die US-Gesandtschaft in Bern zum OSS-Spezialisten Gero von Schulze Gaevernitz, Assistent von Allen Dulles, dem späteren CIADirektor. Im Januar 1947 erfolgte die endgültige Ausreise aus der Schweiz nach Deutschland. Hierzu wurde ihm ein Wagen der US-Gesandtschaft in Bern zur Verfügung gestellt. Dickopf stellte nun Verbindungen zu den alten Kameraden, unter anderem zu Rolf Holle her; es begann eine Zeit der regelmäßigen persönlichen Kontakte und der umfassenden Postverbindungen zu ihnen.

Rolf Holle war von 1939 bis 1945 Kommissarleiter in Erfurt und Berlin. Im April 1943 erfolgte seine Beförderung zum SS-Hauptsturmführer im RSHA. Holle wurde mit der Übernahme des Kriminalpolizeiamtes der britischen Zone, wo er als graue Eminenz galt, Angehöriger des BKA und wurde dessen Vizepräsident. H. war einer der engsten Freunde von Dickopf. Nach einer kurzen Unterbrechung erfolgte ab Februar 1948 die Reaktivierung der Zusammenarbeit mit amerikanischen Diensten. Dickopf hielt einen besonders engen Kontakt zur „Historical Division“ der US-Streitkräfte in Frankfurt/Main, einer Tarndienststelle der US-Geheimdienste und lieferte als Agent 9610 21 Berichte, der letzte ist unter Nr. IV/50 bekannt. Sein Führungsoffizier war in dieser Zeit der CIA-Mitarbeiter Thomas Polgar.

Mit großem Einsatz und Ehrgeiz verfolgte Paul Dickopf das Ziel, ein zentrales Bundeskriminalamt mit exekutiven Vollmachten unter Einbeziehung der alten Kameraden zu schaffen. Dabei nahm er alle Möglichkeiten der Einflussnahme auf die US-Militärregierung wahr und förderte erkennbare Tendenzen in dieser Hinsicht.

Nach der Einberufung des Parlamentarischen Rates und dem so genannten Polizeibrief der drei westlichen Militärgouverneure vom April 1949 an den Rat, in dem das Einverständnis mit der Bildung einer Bundespolizei geäußert wurde, begann die große Zeit für Paul Dickopf.

Bereits im Juli 1949 war in Zusammenarbeit mit Holle eine ausführliche Vorlage mit detailliertem Organigramm des künftigen BKA fertig gestellt, das sogar – im Widerspruch zu den Forderungen des Polizeibriefes über die Trennung von Nachrichtendienst und Exekutive - den Verfassungsschutz mit exekutiven Vollmachten einschloss. Alle anderen Entwürfe bezeichnete Dickopf von vornherein als indiskutabel. Dazu gehörten auch die Vorschläge der Polizeichefs der Länder der Westzone.

Im November 1949 wurden Dickopf und Holle vom Referenten für die Kriminalpolizei Dr. Hagemann in das Innenministerium eingeladen. Dabei erhielt Dickopf den Auftrag, sich um einen Standort für das neue BKA zu bemühen und eine Bewerbung für das Innenministerium einzureichen. Die Einstellung erfolgte im Mai 1950 als Kriminalkommissar mit der Aufgabe, den Aufbau des neuen BKA zu organisieren. Das erledigte er mit großem persönlichem Einsatz und setzte dabei die Aufträge seiner amerikanischen Führungsoffiziere um.

Im Oktober 1953 erfolgte die Einweihung des neuen BKA. Dickopf war tief betrübt, dass seine bisherige Tätigkeit für dieses Amt in der Eröffnung nicht ausdrücklich gewürdigt worden ist. Anschließend war Dickopf in verschiedenen Funktionen im BKA tätig.

Am 19.02.1965 war es endlich soweit, Paul Dickopf wurde als Präsident des BKA vom Innenminister Höcherl eingeführt. Dickopf hatte sein Ziel erreicht. Es war ihm gelungen, die alten Kameraden im BKA zu platzieren und eine Struktur und Aufgabenstellung durchzusetzen, die weitgehend mit dem damaligen RKPA vergleichbar war.

Unter den Gratulanten befand sich Thomas Polgar, sein langjähriger CIA-Führungsoffizier, der inzwischen in Wien seiner Spionagetätigkeit nachging. Eine besondere Rolle kam der Sicherungsgruppe Bonn zu.

Gedeckt durch ihren offiziellen Auftrag, den Schutz der Bundesregierung und ausländischer Staatsgäste zu gewährleisten, war die Sicherungsgruppe von Anfang an ein Exekutivorgan des Verfassungsschutzes in allen Staatsschutzverfahren. Damit war bereits ab diesem frühen Zeitpunkt die im Polizeibrief der westlichen Militärgouverneure zum Entwurf des Grundgesetzes festgelegte Trennung von Nachrichtendienst und Exekutive (das so genannte Trennungsgebot) ausgehebelt. Dickopf ließ sich gern als „Vater der Sicherungsgruppe“ feiern und hatte von Anfang an das Ziel verfolgt, im Bundeskriminalamt eine Staatsschutzpolizei mit Exekutivbefugnissen zu bilden, fand dafür jedoch bei seinen amerikanischen Auftraggebern kein Gehör.

Mit der Sicherungsgruppe war innerhalb des BKA ein Bereich entstanden, in dem die „Avantgarde“ der Kalten Krieger versammelt war. Ihre wichtigste Aufgabe bestand in der „Bekämpfung des Feindes im Osten“. Sie wurde zum festen Bestandteil des Kampfes gegen Links und gegen die DDR.

Im April 1952 erfolgte eine bedeutsame Erweiterung der Struktur. Zu der bereits bestehenden Unterabteilung I (Schutz- und Begleitdienst) kam die Unterabteilung II (Ermittlungsdienst) – Leiter Kriminalrat Dr. Josef Ochs - hinzu. 1955 wurden schließlich die Ermittlungsreferate I (Nachrichtendienst „SBZ“) und II („sowjetischer Nachrichtendienst und Satellitenstaaten“) gebildet.

Der Leiter Unterabteilung II der Sicherungsgruppe, Dr. Ochs gehörte von 1939 bis 1941 dem Reichskriminalpolizeiamt (RKPA), Referat V A 2 b. an und bearbeitete dort Einweisungen in Konzentrationslager durch Vorbeugungshaftbefehle, die von den örtlichen Kriminalpolizei- Stellen oder Kriminalpolizei- Leitstellen ausgestellt und von der Berliner Zentrale zu bestätigen waren.

In einem Verfahren vor einem Spruchgericht der ehemaligen Britischen Zone wegen der Ermordung von 33.000 Menschen gab es bereits Hinweise auf eine Beteiligung des Dr. Ochs.

Auch seine 4-monatige Internierung 1946/1947 wegen des Verdachts des Erschießens von Fremdarbeitern war kein Grund, auf die Anstellung im BKA zu verzichten.

Dem Verdacht, dass Dr. Ochs 1939 der Einsatzgruppe IV/1 angehörte ( verantwortlich für das „Unternehmen Tannenberg“, das 60.000 bis 80.000 Mordopfer unter der polnischen Intelligenz gefordert hatte), die u. a. in Thorn /Polen wütete, wurde von den westdeutschen Ermittlungsbehörden nicht nachgegangen, obwohl bekannt war, dass Ochs in dieser Zeit in Thorn eine Kripo-Dienststelle eingerichtet hatte.

Eine weitere charakteristische Biographie hat der frühere SS-Sturmbannführer Theodor Saevecke. Er war 1939 Angehöriger der Einsatzgruppe VI unter Leitung von SS-Oberführer Naumann, die nach dem Überfall auf Polen nachweislich Mordaktionen durchführte. Weitere Stationen seiner Nazi-Karriere waren:1942/43 Einsatz in Tunis unter Naziverbrecher Rauff, um angeblich jüdische Arbeitskräfte für die Wehrmacht zu rekrutieren; 1943 Einsatz in der „Bandenbekämpfung“ in der Lombardei/ Verona; 1943 „Partisanenbekämpfung“ auf Korsika; 1944 Beteiligung an der Ermordung von 15 Geiseln in Mailand.

Nach dreijähriger Internierung in Dachau arbeitet Saevecke ab 1948 für die CIA, begann 1951 seine Tätigkeit im BKA und wurde 1956 als Leiter des Referates „Hoch- und Landesverrat“ in der Sicherungsgruppe eingesetzt.

Straf- und Disziplinarverfahren in der BRD wurden eingestellt. Noch 1999 erfolgte durch ein Turiner Militärgericht die Verurteilung zu lebenslanger Haft als „Henker von Mailand“.

Es bleibt bis heute eine Ungeheuerlichkeit, dass, obwohl annähernd die gesamte Führungsschicht von Verfassungsschutz und Polizei im Verdacht von Nazi- und Kriegsverbrechen stand, keine Reaktionen erfolgten und Schwerverbrecher in den Reihen von Behörden geduldet wurden, die für die innere Sicherheit der Bundesrepublik verantwortlich waren.

Die Serie: Geheimdienste in Deutschland Ost und West nach 1945 beruht auf der Dokumentation:

„Angriff und Abwehr – Die deutschen Geheimdienste nach 1945“

Hrsg. von Klaus Eichner und Gotthold Schramm

Verlag edition ost in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe, Berlin 2007

Teil III im nächsten Heft: Holocaust-Täter als Gründerväter des BND



[1]  Public Law 105-246, in Kraft getreten am 8.10.1998

[2]  James H. Citchfield: „Auftrag Pullach – Die Organisation Gehlen 1948-1956“, Verlag E.S. Mittler & Sohn GmbH, Hamburg-Berlin- Bonn, 2005

[3]  Zitiert nach Mary Ellen Reese, Organisation Gehlen, Der Kalte Krieg und der Aufbau des deutschen Geheimdienstes, 1992, Rowohlt Berlin Verlag GmbH, S. 192

[4]  Offizieller Titel: Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare – vom 6. Juni 1941 - zählt zu den Völkerrechtsverletzungen der deutschen Wehrmacht während des 2. Weltkrieges. Sie beinhaltete die Anweisung, Politkommissare der sowjetischen Armee nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern sie ohne Verhandlung zu erschießen.

[5]  Barbarossa-Gerichtsbarkeitserlass, von Hitler über das OKW am 13.5.1941 herausgegebener Befehl zu Regelung der Jurisdiktion im Gebiet Barbarossa. Mit dem B. wurde der Militärgerichtsbarkeit die Aburteilung von Straftaten ‘feindlicher Zivilpersonen’ entzogen und ins Ermessen des jeweiligen Truppenführers gestellt. Für Vergehen deutscher Soldaten gegen die Zivilbevölkerung wurde der Verfolgungszwang aufgehoben.

Der Befehl führte zu zahlreichen Willkürakten und nicht selten auch zu den ausdrücklich vorgesehenen „kollektiven Gewaltmaßnahmen“.

[6]  Zitiert in: Ausschuß für Deutsche Einheit: Gestapo- und SS-Führer kommandieren die westdeutsche Polizei; Januar 1961

[7]  Vgl. Laske, Karl: Ein Leben zwischen Hitler und Carlos: Francois Genoud; Zürich, 1996

[8]  zitiert bei Schenk, Dieter: Die braunen Wurzeln des BKA aus: SBA, Signum 4264, 1985/196, Bd. 1068, Schweizer Flüchtlingsakte Dickopf

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