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SERIE:
GEHEIMDIENSTE IN DEUTSCHLAND OST UND WEST NACH 1945 Teil II:
Kriegsverbrecher
und Naziaktivisten – Geburtshelfer des Sicherheitsapparates der BRD
von
Klaus Eichner
Quelle:
Geheim Nr.
2/2007 27. August 2007
1998
verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz zur Enthüllung der Rolle von
Nazi- und Kriegsverbrechern (Nazi War Crime Disclosure Act).
Auf der Grundlage dieses Gesetzes musste die CIA – zähneknirschend –
eine größere Zahl von Dokumenten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit über
die Beziehungen der US-Geheimdienste mit den westdeutschen Geheimdiensten
deklassifizieren.
Erfahrene
Historiker und Mitarbeiter der Nationalen Archive der USA bildeten eine
„Interagency Working Group“, in der die freigegebenen Dokumente
gesichtet und systematisiert wurden.
Im
Februar 2005 stellte das National Security Archive sein Electronic
Briefing Book No. 146 „The CIA and Nazi War Criminals“ ins Internet.
Die
Arbeitsgruppe Aufklärer der „Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären
Unterstützung e.V.“ (GRH) hat davon 97 der aussagekräftigsten
Dokumente ausgewählt und ausgewertet. Parallel dazu waren die Memoiren
des ersten Verbindungsoffiziers der CIA in Pullach, James H. Critchfield,
erschienen.
Damit
erhalten die Aussagen über die Gründung und Entwicklung der Organisation
Gehlen bis hin zu ihrer Übernahme als Bundesnachrichtendienst in den
offiziellen Staatsdienst der Bundesrepublik im Jahre 1956 eine solide,
quellengestützte Basis und können nicht mehr als „kommunistische
Propaganda“ abgetan werden. Gleichzeitig wird damit aber auch bestätigt,
dass frühere Enthüllungen von DDR-Autoren (Albrecht Charisius, Julius
Mader) in den Grundzügen der historischen Realität entsprachen.
Vor
allem werden die Behauptungen in den Gehlen-Memoiren, es habe keine oder
fast keine belasteten Nazis in seiner Organisation gegeben, nachhaltig
widerlegt.
Die
Entwicklung der Org Gehlen/des BND zur hauptsächlich antisowjetischen
Spionageorganisation erfolgte nicht etwa mit stiller Duldung, sondern mit
vollem Wissen und wohl kalkuliertem politischen Willen unter tatkräftiger
Führung der westlichen Besatzungsmächte und ihrer Nachrichtendienste –
allen voran der USA – auf der Basis gemeinsamer antikommunistischer
Ideologie und zur Sicherung der eigenen nationalistischen Interessen.
Zumindest
für die maßgeblich Handelnden in der Org Gehlen war der 2. Weltkrieg nie
beendet. Aber auch auf der amerikanischen Seite gewannen jene politischen
Kräfte immer mehr an Einfluss auf die US-Nachkriegspolitik, die eine
Auseinandersetzung mit der Sowjetunion für unausweichlich hielten.
Am
17. März 1952 druckte der Londoner Daily Express jedoch einen explosiven
Artikel von Sefton Delmer, einem britischen Publizisten mit
Geheimdienstverbindung, der die Überschrift trug: «Hitler-General
spioniert jetzt für Dollar».
„Achten
Sie auf einen Namen, der Schlimmes verheißt“, begann Delmer seinen
Artikel. „Er steht für den meiner Meinung nach gefährlichsten
politischen Sprengstoff im heutigen Westeuropa. Dieser Name lautet Gehlen
(...). Vor zehn Jahren war dies der Name eines der fähigsten
Stabsoffiziere von Hitler. (...) Heute ist Gehlen der Name einer
Geheimorganisation von gewaltiger und zunehmend größerer Macht (...). Während
er seine Organisation immer weiter ausbaute, krochen jede Menge frühere
Nazis, SS- und SD-Leute (des Himmlerschen Geheimdienstes) in seiner
Organisation unter, wo sie vollen Schutz genossen.
Heute
ist Gehlen der Kopf einer Spionageorganisation, die ihre Agenten in allen
Teilen der Erde hat (...). Die Gefahr, die von dieser Organisation
ausgeht, liegt in der Zukunft. Denn Gehlens Agentennetz ist schon heute in
Deutschland zu einer immensen Untergrund- Macht geworden (...).“
Damit
bestätigte Delmer das, was seit 1948 in verschiedenen ostdeutschen und
sowjetischen Veröffentlichungen über die Rolle und Aufgaben der Org
Gehlen enthüllt worden war.
Der
faschistische Geheimdienst „Fremde Heere Ost“ (FHO) war in den
verbrecherischen Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen, der in den Nürnberger
Prozessen dokumentarisch belegt wurde, voll integriert. Die von Gehlen
verfeinerten Methoden und Taktiken der Verhöre von Kriegsgefangenen
bewegten sich in einem Umfeld von „Kommissarbefehl“,
Gerichtsbarkeitserlass
u.a. menschenverachtender Befehle zur Behandlung sowjetische
Kriegsgefangener und Zivilpersonen, die im Bereich FHO nicht nur bekannt
waren, sondern auch umgesetzt wurden.
FHO
und seine „untadeligen“ Offiziere hatten direkte und indirekte
Mitschuld am Leiden und am Tod unzähliger sowjetischer Kriegsgefangener.
Nach der Auswertung der CIA-Akten aus den vierziger Jahren müssen die Schätzungen
darüber, wie viele ehemalige aktive Nazis in der Organisation Gehlen
arbeiteten, deutlich nach oben korrigiert werden. Danach waren, wie
Spiegel online berichtet, im Sommer 1949 etwa 400 der 4.000 Mitarbeiter in
der Organisation Gehlen frühere Mitglieder von SS, SD oder Gestapo
gewesen. Bei der Suche zur Stärkung des Personalbestands wurden neue
„Experten“ im Kampf gegen den Kommunismus schnell gefunden: ehemalige
SS-, SDLeute sowie Gestapo-Beamte, eine Reihe von ihnen als
Kriegsverbrecher gesucht und mit Kriegsende untergetaucht. Sie alle fanden
eine neue berufliche Heimat in Pullach. Die Organisation Gehlen wurde so
zu einem Auffangbecken für Mitglieder der Nazi-Elite, die auf einen
Neubeginn hofften. Mit falschen Ausweisen und neuen Identitäten
ausgestattet, aber oft auch mit ihren Original-Personalien, konnten sie in
den ersten Jahren der Bundesrepublik unbehelligt ihre abrupt unterbrochene
Laufbahn fortsetzen. Unter Gehlens Fittichen tummelten sich überzeugte
Nazis und skrupellose Karrieristen, Massenmörder und Schreibtischtäter,
denen zwar ihr „Führer“, nicht aber ihr Feindbild genommen worden war
- der Kommunismus.
Alt-Nazis
in Verfassungsschutz und Polizei
In
der langen Reihe von Naziaktivisten im Bundesamt und den Landesämtern für
Verfassungsschutz gibt es eine Ausnahme, das ist der auf Betreiben des
britischen Geheimdienstes eingesetzte erste Präsident des Bundesamtes für
Verfassungsschutz, Otto John, der während des Krieges Kontakte zu
verschiedenen Geheimdiensten hatte, aber auch in die Kreise des
Widerstandes vom 20. Juli 1944 einbezogen war. Durch seinen (freiwilligen
oder erzwungenen?) Übertritt in die DDR 1954 erhielt er von allen
reaktionären Kreisen noch einmal zusätzlich das Stigma eines „Verräters“.
Die
Vizepräsidenten und Abteilungsleiter des BfV und leitende Mitarbeiter der
Landesämter haben allesamt eine Biographie, die sie als Naziaktivisten
ausweist. Zum Teil wurden sie aus der Org Gehlen zur Tätigkeit im
Verfassungsschutz abgestellt.
Hier
nur einige wenige Beispiele:
Richard
Gercken, Leiter der Abteilung IV im BfV; war als SS-Hauptsturmführer
Mitarbeiter im RSHA, Abteilung IV (Gestapo); nachweislich Beteiligung an
der Verfolgung von Antifaschisten in Holland.
Dr.
Gustav Halswick, „Sonderbeauftragter des Präsidenten des BfV“;
SSObersturmbannführer und Lehrer an der Reichsschule der
Sicherheitspolizei; beteiligt an Kriegsverbrechen in Polen und der
Sowjetunion.
Alfred
Wurbs, SS-Hauptsturmführer im Amt IV (Gestapo) des RSHA; Angehöriger
der Waffen-SS-Division „Prinz Eugen“, die auf dem Balkan schwere
Kriegsverbrechen begangen hat; außerdem Angehöriger eines
Einsatzkommandos in Norwegen, das Judentransporte in KZ zusammenstellte.
Mit
Wissen der Bundesregierung unter einem Decknamen im BfV tätig; erst ab
1956 mit Klarangaben Gruppenleiter in der Zentralabteilung V. Insbesondere
im Bundeskriminalamt (BKA) konzentrierten sich Angehörige des früheren
Reichs-Kriminalpolizeiamtes (RKPA), später in der Abteilung IV (Gestapo)
des RSHA tätig, der Einsatzgruppen, die als Todesschwadronen der SS für
die Ermordung von Hunderttausenden Juden, Kommunisten oder nur Angehörige
einer „minderwertigen Rasse“ verantwortlich waren und nicht zuletzt
Angehörige der Geheimen Feldpolizei.
Leitende
Mitarbeiter der Einsatzgruppen finden sich nach 1945 in der Org Gehlen
(z.B. Dr. Six, Karl-Theodor Schütz) bzw. in verantwortlichen Positionen
in Polizeidienststellen der westlichen Bundesländer wieder oder arbeiten
als „Ostexperten“ für den amerikanischen Geheimdienst CIC, so z.B.
Dr. jur. Friedrich Buchardt. u.a. ab 1.7.1936 Leiter des Referats 212
(Deutsche in Polen) im SD-Hauptamt, 1937 Leiter der Baltischen Abteilung
im Wannseeinstitut, ab Februar 1940 Leiter des SD in Lublin, 1941 als
SS-Hauptsturmführer Leiter des SD-Abschnitts Litzmannstadt, zugleich
Politischer Nachrichtenreferent beim Einsatzkommando 7c, von Februar 1943
bis Anfang 1944 Kommandeur des SD-Einsatzkommandos 9 der Einsatzgruppe B,
Anfang 1944 bis Kriegsende als Obersturmbannführer Leiter des Referats
III B 2 (Fremde Völker Ost diesseits der HKL) im RSHA. Im Mai 1945 in
US-Kriegsgefangenschaft, von diesem Zeitpunkt ab enge Zusammenarbeit mit
dem CIC als dessen Ostexperte.
Im
Urteil des Nürnberger Einsatzgruppenprozesses (15.09.1947 bis 10.04.
1948) wird festgestellt:
„Etwa
vier Wochen vor der Invasion Russlands wurden auf Befehl Himmlers
Sonderabteilungen der Sipo und des SD, Einsatzgruppen genannt, gebildet,
um den deutschen Armeen nach Russland zu folgen, Partisanen und Mitglieder
von Widerstandsbewegungen zu bekämpfen und Juden und kommunistische Führer
sowie andere Teile der Bevölkerung auszurotten. Anfänglich wurden vier
derartige Einsatzgruppen gebildet, von denen eine in den baltischen
Staaten tätig war, eine in der Gegend von Moskau, eine in der Gegend von
Kiew, während sich die letzte im Süden Russlands betätigte.“
Eine
schillernde nachrichtendienstliche Karriere kann der spätere Präsident
des Bundeskriminalamtes Paul Dickopf vorweisen.
Nach
seiner Ausbildung als Kriminalist und seinem Eintritt in die SS 1939
begann Dickopf eine Tätigkeit in der Abwehrstelle (Ast) im
Generalkommando des V. Armeekorps in Stuttgart. Diese Abwehrstelle war
Teil der Struktur des Amtes Ausland/ Abwehr unter Canaris. Dickopf wurde
eine besondere Vertrauensstellung in der Untergruppe I (Spionage) übertragen,
indem er V-Leute zu überprüfen hatte. Mitte 1940 erfolgte die Versetzung
in die Abteilung III/F (Gegenspionage gegen fremde Nachrichtendienste im
In- und Ausland).
In
Stuttgart entstand der Kontakt zu dem Schweizer Bankier und Doppelagenten
Francois Genoud, der für das Amt Ausland/Abwehr und den schweizerischen
Geheimdienst spionierte – es gibt auch Vermutungen, dass er mit der
Gestapo zusammengearbeitet hat. Genoud sollte beim späteren Aufenthalt
des Dickopf in der Schweiz eine besondere Rolle spielen. Er war ein
eifriger Anhänger des Nationalsozialismus, Mitbegründer der
schweizerischen faschistischen „Frontistenbewegung“ und hatte persönlichen
Anteil daran, dass hoch belastete Faschisten in das Ausland, unter anderem
nach Spanien, Südamerika und den Nahen Osten, geschleust wurden.
Im
Juni 1942 erhielt Dickopf den Auftrag, in der Schweiz einen Außenposten
des Amtes Ausland/Abwehr aufzubauen. Als Hauptaufgabe wurde die Arbeit
gegen fremde Nachrichtendienste festgelegt. Und jetzt beginnt die Lebenslüge
des Paul Dickopf: Er will sich diesem Auftrag entzogen und mit Hilfe
seines Agenten Genoud am 17.07.1943 die grüne Grenze in die Schweiz überschritten
haben.
Die
Frage nach der Tätigkeit von Oktober 1942 bis Juli 1943 wird von Dickopf
damit beantwortet, dass er seine Vorgesetzten in Berlin und Stuttgart
damit getäuscht habe, einen wichtigen geheimdienstlichen Auftrag zu Ende
bringen zu müssen.
War
diese „Fahnenflucht“, die Paul Dickopf zum „Widerstandskämpfer“
machen sollte, Bestandteil der Kombination des Amtes Ausland/Abwehr für
den Einsatz in der Schweiz? Immerhin wurde ihm bis Anfang 1944 das Gehalt
weitergezahlt und bei der bekannten Praxis des Umgangs mit Verrätern
durch faschistische Geheimdienste ist es ein Wunder, dass er im
Anliegerland Schweiz zu Deutschland, in dem sich bereits Agenten der
deutschen Dienste tummelten, unversehrt geblieben ist.
Von
der Schweizer Abwehr wurde er als Agent Nazideutschlands verdächtigt,
wenn er auch von Anfang an nach Vermittlung von Genoud versuchte hatte,
sich durch Agentenberichte anzudienen.
So
übergab er Informationen über Standorte von Industrieanlagen, Berichte
über Bombardierungen, über die Ernährungslage in Deutschland und über
Absichten der politischen Führung. In 12 Treffs mit dem
Nachrichtenoffizier Olivet, der gleichzeitig Führungsoffizier von Genoud
war, berichtete er auch über die Organisation der Kriminalpolizei, der
Sicherheitspolizei und der Gestapo.8
Seit
1944 unterhielt Dickopf Verbindungen zu amerikanischen Diensten, die ab
Anfang 1945 intensiviert worden sind. Sein Agentenführer war Paul C.
Blum.
Dazu
bestanden ab Anfang 1945 persönliche Kontakte in die US-Gesandtschaft in
Bern zum OSS-Spezialisten Gero von Schulze Gaevernitz, Assistent von Allen
Dulles, dem späteren CIADirektor. Im Januar 1947 erfolgte die endgültige
Ausreise aus der Schweiz nach Deutschland. Hierzu wurde ihm ein Wagen der
US-Gesandtschaft in Bern zur Verfügung gestellt. Dickopf stellte nun
Verbindungen zu den alten Kameraden, unter anderem zu Rolf Holle her; es
begann eine Zeit der regelmäßigen persönlichen Kontakte und der
umfassenden Postverbindungen zu ihnen.
Rolf
Holle war von 1939 bis 1945 Kommissarleiter in Erfurt und Berlin. Im
April 1943 erfolgte seine Beförderung zum SS-Hauptsturmführer im RSHA.
Holle wurde mit der Übernahme des Kriminalpolizeiamtes der britischen
Zone, wo er als graue Eminenz galt, Angehöriger des BKA und wurde dessen
Vizepräsident. H. war einer der engsten Freunde von Dickopf. Nach einer
kurzen Unterbrechung erfolgte ab Februar 1948 die Reaktivierung der
Zusammenarbeit mit amerikanischen Diensten. Dickopf hielt einen besonders
engen Kontakt zur „Historical Division“ der US-Streitkräfte in
Frankfurt/Main, einer Tarndienststelle der US-Geheimdienste und lieferte
als Agent 9610 21 Berichte, der letzte ist unter Nr. IV/50 bekannt. Sein Führungsoffizier
war in dieser Zeit der CIA-Mitarbeiter Thomas Polgar.
Mit
großem Einsatz und Ehrgeiz verfolgte Paul Dickopf das Ziel, ein zentrales
Bundeskriminalamt mit exekutiven Vollmachten unter Einbeziehung der alten
Kameraden zu schaffen. Dabei nahm er alle Möglichkeiten der Einflussnahme
auf die US-Militärregierung wahr und förderte erkennbare Tendenzen in
dieser Hinsicht.
Nach
der Einberufung des Parlamentarischen Rates und dem so genannten
Polizeibrief der drei westlichen Militärgouverneure vom April 1949 an den
Rat, in dem das Einverständnis mit der Bildung einer Bundespolizei geäußert
wurde, begann die große Zeit für Paul Dickopf.
Bereits
im Juli 1949 war in Zusammenarbeit mit Holle eine ausführliche Vorlage
mit detailliertem Organigramm des künftigen BKA fertig gestellt, das
sogar – im Widerspruch zu den Forderungen des Polizeibriefes über die
Trennung von Nachrichtendienst und Exekutive - den Verfassungsschutz mit
exekutiven Vollmachten einschloss. Alle anderen Entwürfe bezeichnete
Dickopf von vornherein als indiskutabel. Dazu gehörten auch die Vorschläge
der Polizeichefs der Länder der Westzone.
Im
November 1949 wurden Dickopf und Holle vom Referenten für die
Kriminalpolizei Dr. Hagemann in das Innenministerium eingeladen. Dabei
erhielt Dickopf den Auftrag, sich um einen Standort für das neue BKA zu
bemühen und eine Bewerbung für das Innenministerium einzureichen. Die
Einstellung erfolgte im Mai 1950 als Kriminalkommissar mit der Aufgabe,
den Aufbau des neuen BKA zu organisieren. Das erledigte er mit großem
persönlichem Einsatz und setzte dabei die Aufträge seiner amerikanischen
Führungsoffiziere um.
Im
Oktober 1953 erfolgte die Einweihung des neuen BKA. Dickopf war tief betrübt,
dass seine bisherige Tätigkeit für dieses Amt in der Eröffnung nicht
ausdrücklich gewürdigt worden ist. Anschließend war Dickopf in
verschiedenen Funktionen im BKA tätig.
Am
19.02.1965 war es endlich soweit, Paul Dickopf wurde als Präsident des
BKA vom Innenminister Höcherl eingeführt. Dickopf hatte sein Ziel
erreicht. Es war ihm gelungen, die alten Kameraden im BKA zu platzieren
und eine Struktur und Aufgabenstellung durchzusetzen, die weitgehend mit
dem damaligen RKPA vergleichbar war.
Unter
den Gratulanten befand sich Thomas Polgar, sein langjähriger CIA-Führungsoffizier,
der inzwischen in Wien seiner Spionagetätigkeit nachging. Eine besondere
Rolle kam der Sicherungsgruppe Bonn zu.
Gedeckt
durch ihren offiziellen Auftrag, den Schutz der Bundesregierung und ausländischer
Staatsgäste zu gewährleisten, war die Sicherungsgruppe von Anfang an ein
Exekutivorgan des Verfassungsschutzes in allen Staatsschutzverfahren.
Damit war bereits ab diesem frühen Zeitpunkt die im Polizeibrief der
westlichen Militärgouverneure zum Entwurf des Grundgesetzes festgelegte
Trennung von Nachrichtendienst und Exekutive (das so genannte
Trennungsgebot) ausgehebelt. Dickopf ließ sich gern als „Vater der
Sicherungsgruppe“ feiern und hatte von Anfang an das Ziel verfolgt, im
Bundeskriminalamt eine Staatsschutzpolizei mit Exekutivbefugnissen zu
bilden, fand dafür jedoch bei seinen amerikanischen Auftraggebern kein
Gehör.
Mit
der Sicherungsgruppe war innerhalb des BKA ein Bereich entstanden, in dem
die „Avantgarde“ der Kalten Krieger versammelt war. Ihre wichtigste
Aufgabe bestand in der „Bekämpfung des Feindes im Osten“. Sie wurde
zum festen Bestandteil des Kampfes gegen Links und gegen die DDR.
Im
April 1952 erfolgte eine bedeutsame Erweiterung der Struktur. Zu der
bereits bestehenden Unterabteilung I (Schutz- und Begleitdienst) kam die
Unterabteilung II (Ermittlungsdienst) – Leiter Kriminalrat Dr. Josef
Ochs - hinzu. 1955 wurden schließlich die Ermittlungsreferate I
(Nachrichtendienst „SBZ“) und II („sowjetischer Nachrichtendienst
und Satellitenstaaten“) gebildet.
Der
Leiter Unterabteilung II der Sicherungsgruppe, Dr. Ochs gehörte von 1939
bis 1941 dem Reichskriminalpolizeiamt (RKPA), Referat V A 2 b. an und
bearbeitete dort Einweisungen in Konzentrationslager durch
Vorbeugungshaftbefehle, die von den örtlichen Kriminalpolizei- Stellen
oder Kriminalpolizei- Leitstellen ausgestellt und von der Berliner
Zentrale zu bestätigen waren.
In
einem Verfahren vor einem Spruchgericht der ehemaligen Britischen Zone
wegen der Ermordung von 33.000 Menschen gab es bereits Hinweise auf eine
Beteiligung des Dr. Ochs.
Auch
seine 4-monatige Internierung 1946/1947 wegen des Verdachts des Erschießens
von Fremdarbeitern war kein Grund, auf die Anstellung im BKA zu
verzichten.
Dem
Verdacht, dass Dr. Ochs 1939 der Einsatzgruppe IV/1 angehörte (
verantwortlich für das „Unternehmen Tannenberg“, das 60.000 bis
80.000 Mordopfer unter der polnischen Intelligenz gefordert hatte), die u.
a. in Thorn /Polen wütete, wurde von den westdeutschen Ermittlungsbehörden
nicht nachgegangen, obwohl bekannt war, dass Ochs in dieser Zeit in Thorn
eine Kripo-Dienststelle eingerichtet hatte.
Eine
weitere charakteristische Biographie hat der frühere SS-Sturmbannführer
Theodor Saevecke. Er war 1939 Angehöriger der Einsatzgruppe VI unter
Leitung von SS-Oberführer Naumann, die nach dem Überfall auf Polen
nachweislich Mordaktionen durchführte. Weitere Stationen seiner
Nazi-Karriere waren:1942/43 Einsatz in Tunis unter Naziverbrecher Rauff,
um angeblich jüdische Arbeitskräfte für die Wehrmacht zu rekrutieren;
1943 Einsatz in der „Bandenbekämpfung“ in der Lombardei/ Verona; 1943
„Partisanenbekämpfung“ auf Korsika; 1944 Beteiligung an der Ermordung
von 15 Geiseln in Mailand.
Nach
dreijähriger Internierung in Dachau arbeitet Saevecke ab 1948 für die
CIA, begann 1951 seine Tätigkeit im BKA und wurde 1956 als Leiter des
Referates „Hoch- und Landesverrat“ in der Sicherungsgruppe eingesetzt.
Straf-
und Disziplinarverfahren in der BRD wurden eingestellt. Noch 1999 erfolgte
durch ein Turiner Militärgericht die Verurteilung zu lebenslanger Haft
als „Henker von Mailand“.
Es
bleibt bis heute eine Ungeheuerlichkeit, dass, obwohl annähernd die
gesamte Führungsschicht von Verfassungsschutz und Polizei im Verdacht von
Nazi- und Kriegsverbrechen stand, keine Reaktionen erfolgten und
Schwerverbrecher in den Reihen von Behörden geduldet wurden, die für die
innere Sicherheit der Bundesrepublik verantwortlich waren.
Die
Serie: Geheimdienste in Deutschland Ost und West nach 1945 beruht auf der
Dokumentation:
„Angriff
und Abwehr – Die deutschen Geheimdienste nach 1945“
Hrsg.
von Klaus Eichner und Gotthold Schramm
Verlag
edition ost in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe, Berlin 2007
Teil
III im nächsten Heft: Holocaust-Täter als Gründerväter des BND
James H. Citchfield: „Auftrag Pullach – Die Organisation
Gehlen 1948-1956“, Verlag E.S. Mittler & Sohn GmbH,
Hamburg-Berlin- Bonn, 2005
Zitiert nach Mary Ellen Reese, Organisation Gehlen, Der Kalte
Krieg und der Aufbau des deutschen Geheimdienstes, 1992, Rowohlt
Berlin Verlag GmbH, S. 192
Barbarossa-Gerichtsbarkeitserlass, von Hitler über das OKW am
13.5.1941 herausgegebener Befehl zu Regelung der Jurisdiktion im
Gebiet Barbarossa. Mit dem B. wurde der Militärgerichtsbarkeit die
Aburteilung von Straftaten ‘feindlicher Zivilpersonen’ entzogen
und ins Ermessen des jeweiligen Truppenführers gestellt. Für
Vergehen deutscher Soldaten gegen die Zivilbevölkerung wurde der
Verfolgungszwang aufgehoben.
Zitiert in: Ausschuß für
Deutsche Einheit: Gestapo- und SS-Führer kommandieren die
westdeutsche Polizei; Januar 1961
Vgl. Laske, Karl: Ein Leben zwischen Hitler und Carlos:
Francois Genoud; Zürich, 1996
zitiert bei Schenk,
Dieter: Die braunen Wurzeln des BKA aus: SBA, Signum 4264, 1985/196,
Bd. 1068, Schweizer Flüchtlingsakte Dickopf
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