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Chemiekonzern Bayer baut Todespipeline 

Giftgasleitung von 67 km zwischen Dormagen bei Köln und Krefeld-Uerdingen bedroht die Bevölkerung

Von Gerd Höhne/20. Juli 2007

„Wenn hier etwas passiert, ist halb Hilden[1] platt“, sagte ein für den Katastrophenschutz zuständiger Feuerwehrmann auf einer Informationsveranstaltung.

Kohlenmonoxid (CO) ist ein Grundstoff der chemischen Industrie für Kunststoffe und anderes. Kohlenmonoxid ist allerdings auch hochgiftig, geruchs- und farblos. Es entsteht bei sauerstoffarmer Verbrennung, z.B. in Automotoren, Öfen usw., in der Schwerindustrie in Hochöfen (Gichtgas enthält ca. 25% CO) und in Kokereien. In der chemische Industrie wird es aus Methan gewonnen, das bei ca. 900°C und bei Anwesenheit eines Katalysators in Gegenwart von Wasser katalytisch gespalten wird.[2] Es entsteht ein Gemisch aus CO und Wasserstoff.

Hier gewinnt eine weitere Meldung von Bayer an Bedeutung: Auf dem Gelände des „Bayer Chemiepark Dormagen“ (Eigenbezeichnung Bayer) baut die Firma Linde AG. eine Gasfabrik die gigantische Mengen der Gase Wasserstoff und Kohlendioxid produziert. Bei voller Auslastung werden hier 168.000 m3 Kohlendioxid und 432.000 m3 Wasserstoff täglich hergestellt. Das Wasserstoffgas verkauft Linde in Behältern selbst, also z.B. in Gasflaschen, an seine Kunden, das giftige CO kauft Bayer.

Bayer kann diese Menge aber nicht allein in Dormagen verarbeiten, sondern will einen Teil in sein  Werk in Krefeld-Uerdingen rheinabwärts transportieren.

Da CO aber nicht nur giftig ist, sondern auch farb- und geruchlos, kann es nicht durch die menschlichen Sinne wahrgenommen werden. Sollte also einmal ein Leck oder ein Bruch der Gaspipeline vorkommen, so verbreitet sich das Gas unbemerkt über weite Flächen. Es ist nämlich auch schwerer als Luft, setzt sich also in Bodensenken und Tälern fest.

Eine Wiederholung der Katastrophe vom indischen Bhopal vom Dezember 1984, bei dem über 20.000 Menschen bei einem Chemieunfall ums Leben kamen, ist also möglich.

Bayer verweist auf die hohen Sicherheitsstandards der Rohrleitung. So sei vorgeschrieben, dass solche Leitungen nur 1 m tief vergraben werden müssen, Bayer aber die Rohre 1,4 m tief  lege und außerdem sei die Leitung auf 100 bar ausgelegt, der normale Betriebsdruck sei aber nur 13,5 bar. Die Sicherheitsstandards lägen also über den gesetzlichen Sicherheitsnormen. 

Klingt  alles ganz gut – aber der Teufel sitzt im Detail. 140 cm ist keine große Tiefe, man buddelt locker mit Spitzhacke und Sparen so tief – für Bagger einmal in die Erde und man ist so tief. Wenn also bei Baggerarbeiten die Leitung beschädigt wird du bricht – was dann? 

Oder sie verläuft teilweise oberirdisch, direkt neben der Autobahn. Was ist, wenn durch einen Verkehrsunfall auf der Autobahn die Leitung zerstört wird? Dann strömt das Giftgas in die Umgebung und, bis die jeweiligen Schieber geschlossen worden sind, vergiftet es Menschen und Tiere.

Wenn man rechnet, dass nur de Hälfte der stündlichen der CO-Produktion der Gasfabrik in Dormagen von 7.000 m3, also 3.500 m3 pro Stunde, durch die Pipeline nach Krefeld transportiert werden, dann wären in nur dreieinhalb Stunden soviel Giftgas in die Umgebung geströmt, wie ein modernes Gastanksschiff fasst. 

Zum Vergleich: ein Gastankschiff modernster Bauart der norwegischen Reederei Solvang ASA hat ein Fassungsvermögen von 12.500 m³. 

Und das, wie gesagt, ohne Vorwarnung, denn das Gas sieht niemand und riecht niemand. Die Wirkung aber ist tödlich giftig und es ist explosiv.

Wenn also der Feuerwehrexperte aus Hilden erklärt: „Wenn hier etwas passiert, ist halb Hilden[3] platt“, dann besteht dort im Falle eines Havarie Lebensgefahr für 26.000 Menschen – ein zweites Bhopal würde uns blühen.

Warum das alles?

Wie gehabt: Profitmaximierung ist die Ursache. Bisher produzierte Bayer in seinen Werken Dormagen und Krefeld Uerdingen CO selbst. Jetzt werden diese beiden Anlagen still gelegt und es erledigt Linde – Linde gewinnt leichzeitig in der Anlage Wasserstoffgas zum Verkauf an seine Kunden. Das CO verarbeitet Bayer und transportiert den Bedarf für Krefeld-Uerdingen mittels der Pipeline dorthin.

Verständlich, dass sich die betroffenen Einwohner dagegen wehren. So lassen Grundstückseigentümer die Baufirmen nicht auf ihr Land. Aber Bayer droht und die Landespolitik assistiert dem Konzern. So wurde erst im Frühjahr 2007 ein neues Landesgesetz geschaffen, dass es der chemischen Industrie – also vor allem Bayer – rechtlich ermöglicht, die Grundstücke zu nutzen.

So erklärt Bayer erst jüngst am 15. Juli 2007, mit dem Gutachten eines willfährigen Juraprofessors winkend: 

„Das Gesetz berechtigt Bayer MaterialScience unter anderem dazu, die von den Bauaktivitäten betroffenen Grundstücksteile für die Zeit der Bauarbeiten zu nutzen. Der Gesetzgeber betont, dass die Pipeline dem Allgemeinwohl dient und zur Stärkung des gesamten Chemie- und Kunststoffstandortes NRW beiträgt. Unter anderem werden regionale Rohstoff-Engpässe beseitigt.“[4]

Die „Rohstoffengpässe“ sind die von Bayer und hausgemacht, denn es wurde vorher ja die alten Anlagen in Dormagen und Krefeld-Uerdingen still gelegt.

Aus nackter Profitgier wird also hier die Bedrohung von mehreren hunderttausend Menschen billigend in Kauf genommen. Alles sei sicher – sagen sie. Klar, der Profit!

G.H.


[1]  Hilden, eine Stadt über 56.000 Einwohnern im Kreis Mettmann, 15 km südöstlich von Düsseldorf

[3]  Hilden, eine Stadt über 56.000 Einwohnern im Kreis Mettmann, 15 km südöstlich von Düsseldorf.

Bevölkerungsbezogene Risikoeinschätzung im Kreis Mettmann

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