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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 12. Februar 2007
GegenStandpunkt – Kein
Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 14. Februar 2007
Der
Fall Kurnaz
Wozu
ein Folteropfer doch alles gut ist!
Quelle:
GegenStandpunkt
vom 14. Februar 2007
Rund
viereinhalb Jahre schmort Murat Kurnaz in Guantánamo im Militärgefängnis
der USA unter den dort üblichen, bekannt rauen Haftbedingungen. Von „Käfighaltung“
der gefangenen Muslime erfuhr man schon Anfang 2002 und auch davon, dass
Folter die dort übliche Verhörmethode war. Doch „das Schicksal des
jungen Islamisten hatte zwischen 2002 und 2005 nur mäßige Aufmerksamkeit
gefunden“, berichten die Medien, deren Beruf es bekanntlich ist, die
Aufmerksamkeit ihrer Leser- und Hörerschaft auf die Affären zu lenken,
die echte Aufmerksamkeit verdienen. Mitte Januar 2007 lösen nun „die
Leiden des Murat Kurnaz“ auf einmal einen „politisch-publizistischen
Orkan“ aus, nämlich nach seiner Befragung im
BND-Untersuchungsausschuss. Regierung und Opposition zeigen sich von
seinen Schilderungen im Ausschuss „tief beeindruckt“ und tun
gemeinschaftlich so, als ob ihnen die Methoden der Amis, verdächtige
Muslime etwas härter anzufassen, nicht völlig vertraut wären. Presse
und Fernsehen walten ihres Amtes, bohren nach und werfen viele kritische
Fragen auf. Die sind interessant.
Die
erste lautet: „Musste der Bremer Kurnaz länger als nötig im
US-Lager Guantánamo ausharren?“ „Länger als nötig“ ist also
der kritische Punkt. Wer so fragt, der hält es für keinen Skandal, wenn
verdächtige „islamistische Terroristen“ zuallererst mal ins Lager
verfrachtet werden. Da trifft es auch für die Menschenrechtsfreunde
allemal die Richtigen. Und auch wenn heute nach allgemeinem Konsens bei
Kurnaz „schon früh alles für seine Unschuld sprach“ und auch
die USA mit ihrem Fang nicht mehr viel anzufangen wussten, dann reichen
die Jahre im Foltercamp der deutschen Presse noch lange nicht für einen
Skandal. Und zwar weil man damals wie heute in deutschen Redaktionsstuben
ziemlich viel Verständnis dafür hat, dass jemand von den Amis
eingebuchtet wird, „der einen Monat nach den Anschlägen vom 11.
September 2001 nach Pakistan reist, um angeblich mehr über seinen
islamischen Glauben zu lernen“.
Zum
anderen geizen die publizistischen Menschenrechtsfreunde aber nicht mit
kraftvollen Worten, die das „furchtbare Schicksal des unschuldigen
Opfers in Guantánamo“ so beeindruckend vor Augen führen sollen.
Die eigentliche Affäre, auf die sie die Aufmerksamkeit lenken wollen, ist
für sie die folgende: „Hat das Verhalten der damaligen rot-grünen
Bundesregierung dazu geführt, dass Kurnaz nicht freikam, auch nachdem
seine Unschuld feststand?“ – Diese Frage wird aufgeworfen und nach
Sichtung der Informationen, die der Presse aus den BND-Untersuchungsausschüssen
zugespielt wurden, ist sie sich schnell einig: „Im Prinzip schuldig!“
Unter dem Titel „Ein Opfer des Staates“ kommentiert ein Leitartikel in
der Süddeutschen Zeitung vom 23.1. die Affäre so:
„Die
ehemalige Regierung in Berlin, die öffentlich immer ihre Sorge über das
US-Lager Guantánamo bekundete, hat Kurnaz der amerikanischen Willkür für
viele Jahre ausgeliefert und mit bürokratischem Eifer sichergestellt,
dass er nicht nach Deutschland zurückkehren konnte.“
Der
Leitartikler meint, die damalige Regierung eines Widerspruchs überführen
zu können: Da hat sie sich immer auf eine „menschenrechtsorientierte Außenpolitik“
(Joschka Fischer) berufen, hat ihre Sorge über den US-Umgang mit
Terroristen in Guantánamo ausgedrückt, aber wie sah ihre eigene Praxis
aus? Was der Schreiber da als Diskrepanz zwischen Reden und Tun festhält,
dafür hatte die Schröder-Fischer-Regierung folgende Gründe: Die
damalige Bundesregierung war unzufrieden mit der untergeordneten Stellung,
die ihr die US-Regierung im weltweiten amerikanischen Antiterrorkrieg
verpasst hat. Sie wollte sich der US-Forderung nach einer weltweit
geschlossenen Allianz gegen den Irak unter alleiniger Führung und
Befehlsgewalt der USA nicht anschließen. Dennoch wollte sie sich damit
nicht offen in Gegensatz zu den USA setzen. Also drückte sie diese
Distanz unter anderem auf diplomatische Art und Weise als „Sorge“ über
Guantánamo aus, dass sie sich einen solchen Umgang mit verdächtigen
Terroristen, wie ihn die USA nicht nur in Guantánamo praktizieren, nie
und nimmer selber erlauben würde. Dass dies eine Lüge war, wird spätestens
dann klar, wenn der heutige Außenminister Steinmeier sich gegen den
Vorwurf, Kurnaz im Stich gelassen zu haben, mit der Parole verteidigt:
„Im Zweifel für die Sicherheit!“. Ihm war – wegen der
„Sicherheit“! – offensichtlich ganz recht, was die USA mit von ihnen
als Verdächtige ausgemachten Leuten veranstalten. Der Leitartikler von
der SZ nimmt die genannte deutsche „Sorge über Guantánamo“ und die
Forderung nach einer „menschenrechtsorientierten Außenpolitik“ also
nicht als diplomatische Gesten zwecks Distanzierung von der amerikanischen
Antiterrorpolitik, sondern als ernsthafte politische Absicht und entdeckt
dann folgerichtig eine Abweichung von der wirklichen, von der damaligen
Regierung für zweckmäßig erachteten Praxis – und die bestand nun mal
darin, die einmal ausgemachten Terrorverdächtigen auf Nimmerwiedersehen
draußen zu halten.
Wenn
Zeitungsschreiber wortreich betränen, was die deutsche Politik angeblich
an Kurnaz verbrochen hat, dann geht es ihnen also nicht um den Schaden,
der Kurnaz zugefügt wurde, sondern um den Schaden für die Glaubwürdigkeit
deutscher Außenpolitik. Die will nämlich alternativ zur amerikanischen
in der Welt auftreten und anderen Staaten mit dem Titel
„Menschenrechte“ ihre Ansprüche auf Kontrolle und Hineinregieren
geltend machen – mit demselben Titel übrigens, den auch die USA für
ihre Kriege in Anspruch nehmen. Diese deutsche Tour erscheint dann im
Vergleich zu den USA als „friedlichere“ und „ehrlichere“
Alternative in der Weltpolitik. Dabei hat diese deutsche Alternative nur
den einen schlichten und für die deutsche Außenpolitik ärgerlichen
Grund, dass sie über ein überlegenes Gewaltpotenzial von der Größenordnung
der USA nicht verfügt.
Der
„Fall Kurnaz“ lässt diese edle Alternative nun in einem etwas anderen
Licht erscheinen. Und es wird die Frage gestellt: „Saßen also
Heuchler im Kanzleramt“? Diesen Angriff kontert der damals zuständige
Kanzleramts- und heutige Außenminister, auf den der Vorwurf gemünzt ist,
assistiert vom früheren Innenminister mit den Worten: „Im Zweifel für
die Sicherheit!“ Von wegen, da klafft ein Widerspruch zwischen Worten
und Taten, sind doch den Dokumenten, die der Presse zugespielt werden, die
politischen Kalkulationen unschwer zu entnehmen, die zu solchen Brutalitäten
führen, wie sie Kurnaz widerfahren sind. So geht es eben zu, wenn sich
Staatsmänner, wie Steinmeier sagt, „in sehr schwierigen Zeiten der
Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes stellen.“ Für die
demokratische Presse sind solche politischen Berechnungen samt ihren
brutalen Konsequenzen keine Kritik wert, sondern ein gefundenes Fressen.
Ihr Handwerk besteht genau darin, den publizistischen „Orkan“
anzuheizen, der nicht nur die Auflagen stärkt, sondern die Dinge auf den
Punkt bringt, auf den es ihrem Urteil nach eigentlich ankommt: „Es
ist der Punkt, an dem sich das politische Schicksal von Außenminister
Frank-Walter Steinmeier entscheiden könnte.“ (SZ, 22.1.)
Seinem
Schicksal darf man ab jetzt seine volle Aufmerksamkeit schenken. Dieser
Austausch des Objekts der Anteilnahme – „Wird aus dem Fall Kurnaz
ein Fall Steinmeier?“ – macht die Sache mit Kurnaz jetzt so richtig
spannend. Schließlich geht es ab sofort nicht mehr wesentlich um die
gewaltträchtigen Berechnungen der Sicherheits- und Ausländerpolitik der
Regierung damals wie heute. Die werden vielmehr unter dem Blickwinkel
besichtigt, ob der amtierende Außenminister nach dem Urteil der Presse
die damaligen Entscheidungen glaubwürdig genug rechtfertigen kann und sie
damit in Ordnung gehen; oder ob er sich als „kaltherzig“ zeigt
und mit einer „infamen Verteidigungslinie“ ein schlechtes Bild
auf das Amt wirft. Er muss sich durch die kritische Presse fragen lassen,
ob er den Schein der menschrechtsfreundlichen sittlichen Überhöhung
deutscher Außenpolitik noch glaubwürdig zu repräsentieren vermag, wenn
er solche Entscheidungen fällte wie die damals im Fall Kurnaz –
Entscheidungen übrigens, die Alltag in diesem Amt sind. So wird das
Publikum nach der Um- und Fortschreibung des Dramas um Kurnaz mit dem
Krimi „Außenminister Steinmeier – Gefangener seiner
Vergangenheit“ (Spiegel, 4/07) unterhalten und kann sich sein Urteil
bilden anhand der Rezensionen, die die Presse kritisch verteilt. Und zwar
genau entlang der Maßstäbe, die von nirgendwo anders herstammen als aus
dem Außenamt. So kann das lesende und fernsehende Publikum in seiner
Funktion als Wähler der Notengebung der Sachverständigen in den
Redaktionen summa summarum recht geben und Steinmeier in ein Umfragetief
stürzen: Um 22 Prozentpunkte ist die Zustimmung zu seiner Amtsführung
laut Politbarometer gesunken.
Weitere
spannende Fragen stehen allerdings noch bevor: Ob ihn seine Stellung als
wichtiger SPD-Minister in der Großen Koalition in der Machtkonkurrenz der
beiden Parteien eher unangreifbar macht? Oder ob Beck nach seinem Posten
geiert? Oder ob Merkel andere Berechnungen an ihm bzw. mit ihm durchzieht?
Stürzt er über den deutschen Türken oder hält er sich? Das sind die
wirklich wichtigen Fragen, die sich uns – geht es nach den
Propagandisten der deutschen Öffentlichkeit – in Bezug auf die
„Schilderung der Leiden“ des Murat Kurnaz stellen sollten.
(Zitate,
sofern nicht angegeben, Bild, SZ, Spiegel und FAZ vom 23.1.–31.1.) |