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Guantánamo, mein Alptraum
Artikel veröffentlicht auf Tlaxcala am 11/01/2012
Lakhdar
Boumediene
Übersetzt von
Michèle
Mialane
Herausgegeben von Fausto
Giudice فاوستو
جيوديشي
Auf Kommunisten-online am 20. Januar 2012
Am
Mittwoch, den 11. Januar jährt sich zum 10. Mal die Eröffnung des
Guantánamo-Lagers. Ich habe in diesem Lager sieben dieser zehn Jahre ohne
Rechtfertigung noch Anklagegrund verbracht Die ganze Zeit sind meine
Töchter ohne mich gewachsen. Sie waren noch Babys als ich verhaftet wurde
und nie durften sie mich besuchen oder am Telefon sprechen. Die meisten
Briefe, die sie mir geschrieben, sind zurückgeschickt worden als „nicht
lieferbar“ und aus den wenigen, die ich trotzdem erhalten, war so viel
gestrichen worden, dass keine Spur von Liebe und Unterstützung mehr
daraus zu lesen war.
Einige
US-amerikanische Politiker behaupten, die Häftlinge in Guantánamo seien
Terroristen, aber
nie bin ich einer gewesen. Wäre ich nah meiner Entführung vor Gericht
gestellt worden, so wäre das Leben meiner Kinder nicht verheert worden
und meine Familie hätte die Armut nicht gekannt. Erst nachdem der Oberste
Gerichtshof der Vereinigten Staaten der Regierung befohlen hat, seine
Verfahren vor einen Bundesbezirkrichter zu bringen, bin ich im Stande
gewesen, meine Ehre wieder herzustellen und meine Familie wieder zu
finden.
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Ich
hab Algerien 1990 verlassen um im Ausland zu arbeiten. 1997 zog ich
mit meiner Familie nach Bosnien; mein Arbeitgeber, die Rot
albmondgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate hatte mich
dorthin geschickt. Ich bin in der Amtsstelle von Sarajevo als Leiter der
humanitären Hilfe für Kinder, die bei den Balkankonflikten Angehörige
verloren hatten tätig gewesen und bin 1998 bosnischer Staatsbürger
geworden. Das Leben war schön, aber nach dem 11.9 ist alles anders
geworden.
Als
ich den 19. Oktober 2001 am Vormittag auf meinem Arbeitsplatz ankam,
wartete ein Offizier des Geheimdienstes auf mich und bat mich,
mitzukommen: ich sollte einige Fragen beantworten. Das hab ich ganz
freiwillig getan- aber später wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht mehr
nach Hause durfte. Die Vereinigten Staaten hatten meine Verhaftung und die
von fünf weiteren Männern verlangt. Bei den Tagesnachrichten hieß es,
dass die Vereinigten Staaten den Verdacht hegten, ich sei an einem
Komplott beteiligt und beabsichtigte, das US-Botschaftsgebäude in
Sarajevo in die Luft zu sprengen. Dabei hatte ich keine einzige
Sekunde einen solchen Plan genährt.
Es
war von vornherein ganz klar, dass es sich um einen Irrtum handelte. Der
Oberste Gerichtshof von Bosnien, der hinsichtlich dieser Anklage
Untersuchungen geführt hat, kam zum Schluss, dass ich vollkommen
unbelastet war und sprach mich mangels Beweisen frei. Aber bei meiner
Befreiung wurde ich zusammen mit den fünf anderen von US-amerikanischen
Agenten entführt. Wie Tiere gefesselt wurden wir nach Guantanamo, dem US-
Marinestützpunkt in Kuba per Flugzeug transportiert. Dort traf ich am 20.
Januar 2002 ein.
Damals
hatte ich noch Vertrauen in die US-amerikanische Justiz. Ich glaubte fest,
dass meine Entführer ihren Irrtum einsehen und mich befreien würden. Als
ich jedoch meinen Verhörern die gewünschten Antworten nicht gab - und
wie konnte ich anders, da ich doch nichts verbrochen hatte? - wurden sie
immer gewalttätiger. Man ließ mich mehrere Tage lang nicht
schlafen. Ich musste in schmerzhaften Stellungen stundenlang verharren.
Davon will ich nicht mehr reden, nur vergessen.
Ich
hab zwei Jahre lang einen Hungerstreik gemacht, weil keiner mir sagen
wollte, warum ich verhaftet war. Zweimal am Tag steckten meine Entführer
einen Schlauch in meine Nase, der durch die Kehle bis in den Magen reichte
und schleusten damit Nahrung in meinen Körper. Das war total
unausstehlich doch protestierte ich weiter, weil ich ja unschuldig war.
Im
Jahre 2008 gelangte mein Gesuch um ein legales Verfahren bis zum Obersten
Gerichtshof Der Vereinigten Staaten. In einem Beschluss, der meinen Namen
trägt erklärte der Oberste Gerichtshof, dass „Gesetze und Verfassung
selbst Ausnahmezeiten überdauern müssen und auch in solchen Zeiten
weiter gelten. Dazu sind sie da.“ Der Gerichtshof hat also geschätzt,
dass Häftlinge wie ich das Recht haben, vor Gericht gestellt zu werden,
ganz gleich, welche Anklage gegen sie liegt Der Oberste Gerichtshof hat
also eine grundlegende Wahrheit anerkannt: Auch die Regierung kann Irrtümer
begehen. Ebenfalls ließ sie verlauten, dass „ein Irrtum zur Verhaftung
von Menschen führen konnte für die Dauer von Feindseligkeiten, die eine
Generation oder mehr dauern können und folglich war die Gefahr zu groß,
um ignoriert zu werden.“
Fünf
Monate später hat der Richter Richard J. Leon vom Bundesbezirksgericht in
Washington alle Motive untersucht, die meiner Verhaftung zu Grunde lagen,
einschließlich der geheim gehaltenen Informationen, die ich nie gelesen
oder gehört habe. Die Regierung hat ihre Behauptung zurückgenommen, dass
ich einen Bombenanschlag auf das US-Botschaftsgebäude plante, noch
bevor der Richter sie anhören konnte. Nach der Anhörung hat der Richter
meine Freisprechung sowie die der vier anderen beordert, die in Bosnien
verhaftet worden waren.
Nie
werde ich den Augenblick vergessen, wo ich zusammen mit den vier anderen Männern
in einem widerlichen Zimmer in Guantanamo saß und aus einem Lautsprecher
mit dumpfem Klang anhörte, wie der Richter Leon in einem
Washingtoner Gerichtszimmer seinen Entschluss vorlas. Er forderte die
Regierung auf, keine Berufung einzulegen, denn „sieben Jahre
Frist, bis unser Rechtssystem eine Antwort auf eine so wichtige Frage
gibt, ist nach meiner Einschätzung mehr als zu lang“’. Am 15 Mai 2009
wurde ich endlich befreit.
Heute
lebe ich in der Provence mit meiner Frau und meinen Kindern. Die frz.
Regierung hat uns ein Zuhause angeboten und einen Neuen Start ermöglicht.
ein Haus Ich hab das Vergnügen gehabt, meine Töchter neu kennen zu
lernen und im August 2010 die Freude meinen Sohn Jussuf zu empfangen. Ich
mache den Führerschein, eine Berufsausbildung, baue mein Leben neu auf.
Ich hoffe, wieder im Dienste der Anderen arbeiten zu können, ihnen zu
helfen, aber nach siebeneinhalb Jahren Haft in Guantanamo ziehen die
Menschenrechtlerorganisationen selten wirklich in Betracht, mich
anzustellen. An Guantanamo denke ich nicht gern. Die Erinnerungen sind
allzu schmerzlich. Jedoch teile ich meine Geschichte mit, denn dort sitzen
immer noch 171 Männer, darunter Belkacem Bensayah, der mit mir zusammen
in Bosnien entführt und nach Guantanamo verstellt worden ist.
Ungefähr
90 Häftlinge wurden zur Entlassung freigegeben und sollten aus
Guantanamo verlegt worden. Einige stammen aber aus Ländern wie Syrien
oder China und laufen Gefahr, gefoltert zu werden, wenn sie dorthin zurückgeschickt
werden, oder Jemen, das die USA als „unstabil“ betrachten.
Deshalb bleiben sie dort wie gefangen, ohne jede Zukunftsaussicht - nicht,
weil sie gefährlich sind oder Amerika attackiert haben, sondern einfach,
weil die von Guantanamo hinterlassenen Brandmale sie daran hindern,
irgendwohin zu fahren - und die USA bieten keinem eine Unterkunft.
Ich
habe erfahren, dass mein Fall vor dem Gerichtshof heute in den
Rechtsschulen einstudiert wird. Vielleicht wird es mir mal irgendwie
zufrieden machen. Aber, solange Guantanamo bestehen wird und dort
Unschuldige sitzen, werde ich dort in Gedanken bleiben, bei denen, die ich
dort hinterlassen habe, an diesem Ort des Leidens und der Ungerechtigkeit.

Danke The
New York Times
Quelle:
http://www.nytimes.com/
Erscheinungsdatum
des Originalartikels: 08/01/2012
Artikel
in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/
UNIVERSELLE
THEMEN / Guantánamo, mein Alptraum
Original:
My Guantánamo
Nightmare
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