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Medienzar,
Industriekapitän und ultrarechter Politiker
Alfred Hugenberg
Einer
der wichtigsten Steigbügelhalter Hitlers

O
Hugenberg, o Hugenberg,
wie lügen deine Blätter |
Generalangriff
von rechts
Geschichte.
11.
Oktober 1931: Harzburger Front – eine »Kriegserklärung«
Von
Manfred Weißbecker
Quelle;
jungeWelt
vom 10.10.2011 |
Generalangriff
von rechts
Geschichte.
11.
Oktober 1931: Harzburger Front – eine »Kriegserklärung«
Von
Manfred Weißbecker
Quelle;
jungeWelt
vom 10.10.2011
Auf
Kommunisten-online am 11. Oktober 2011 – Was am morgigen Tag vor
80 Jahren in Bad Harzburg geschah, gehört zu jenen geschichtlich außerordentlich
bedeutsamen Ereignissen, die deutlich zu erkennen geben, wer die
Ergebnisse der Novemberrevolution zu revidieren versuchte, wer Schritt für
Schritt das Ende der Weimarer Republik vorbereitete, wer also mit Fug
und Recht als Totengräber eines parlamentarisch-demokratischen
Regierungssystems zu bezeichnen ist. Verfechter schlichter
Extremismustheorien finden da schwerlich überzeugende Widerworte, zumal
es Attacken nationalkonservativer Kreise gegen die neuen Verhältnisse
– stets verknüpft mit Bemühungen um Wiederaufrüstung und Revanche für
den 1918 verlorenen Krieg – von Anfang an gegeben hatte. Zwar
scheiterten sie zumeist: der Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920 oder
das Hitlersche Unternehmen im November 1923. Die Ermordung
sozialistischer und bürgerlich-demokratischer Politiker verhalf
ebenfalls nicht zu erstrebtem Erfolg. Auch die nationalistisch geprägten
Volksentscheide gegen den Young-Plan (1929) sowie gegen die
sozialdemokratische geführte Regierung Preußens (1931) verfehlten ihr
Ziel. Dennoch verschob sich in der Regel das politische Kräfteverhältnis
ein wenig nach rechts, verfestigte sich jener Boden, auf dem
alldeutsch-völkischer Nationalismus und schließlich der
faschistisch-rassistische Ungeist triumphieren konnten.
Im
Sommer 1931, mitten in einer Welle von Bankrotterklärungen großer
Banken, startete die konservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP)
einen neuen Versuch, die vom Präsidialregime des Reichskanzlers
Heinrich Brüning bereits eingeschränkten, jedoch noch vorhandenen
parlamentarisch-demokratischen Regeln des Regierens vollends zu
beseitigen. Alfred Hugenberg, seit 1928 Chef der Partei und in ihr mit
»diktatorischen Vollmachten« ausgestattet, ergriff die Initiative und
versuchte, alle im Reich wirkenden rechten Kräfte für ein großes,
aufsehenerregendes Treffen zu mobilisieren. Nachdrücklich und vor allem
in politisch beeindruckender Gemeinsamkeit sollte dieses vom Reichspräsidenten
Paul von Hindenburg verlangen, Kanzler Brüning zu entlassen.
Vorstoß
der Monopole
Was
damit bezweckt war, brachte eine Gruppe prominenter Industrieller zu
dieser Zeit in einem Brief an Brüning auf den Punkt: »Man muß der
Wirtschaft die Fesseln abnehmen und ihr das Wirtschaften nach den ewig gültigen
ökonomischen Gesetzen wieder freigeben, damit sie ihre Kräfte
entfalten kann.« Am 6. September schrieb Paul Reusch, Generaldirektor
der Gutehoffnungshütte, an Ludwig Kastl, geschäftsführendes Präsidialmitglied
des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (RDI), er sei der Meinung,
daß Brüning die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt habe. Der
Kanzler habe nicht den Mut aufgebracht, sich »von der Sozialdemokratie
zu trennen« und den Einfluß der Gewerkschaften, auf die alles »Unheil«
zurückzuführen sei, zu brechen. Daher müsse er von der Industrie »auf
das allerschärfste bekämpft werden«. Wenige Wochen darauf, am 29.
September, kritisierten elf der bedeutendsten Wirtschaftsverbände in
einer »Gemeinsamen Erklärung« die »Inaktivität« der Regierung.
Obgleich der RDI als wichtigster Industriellenverband sich nicht auf
einen Generalangriff auf Brüning festlegen lassen wollte, schrumpfte
sein diesem gebotener Rückhalt zusehends. Wie andere Wirtschaftsverbände
vertrat er auch die Meinung, es müsse Schluß gemacht werden mit einem
»politisch diktierten Wirtschaftssystem«. Es dürfe keinerlei Kompromiß
geben zuungunsten »individualistischen« Wirtschaftens. Daher wurde
gefordert, die Ausgaben der öffentlichen Hand weiter umfassend
abzubauen, das Tarif- und Schlichtungswesen zu »reformieren« und sich
abzuwenden von einer »übertriebenen Ausweitung der Sozialversicherung«
einschließlich der Arbeitslosenversicherung sowie von einer »Überspannung
des Fürsorgeprinzips«.
Parallel
und ganz im vorgegebenen Sinne inszenierte der Alldeutsche Verband eine
Briefkampagne: Personen, auf deren Urteil der Reichspräsident großen
Wert legte, schrieben diesem fordernd, er möge den Weg zu einer »nationalen
Rechtsregierung« unter einem Kanzler Hugenberg freimachen. Zu den
Absendern gehörten der westfälische Großgrundbesitzer Fürst zu
Salm-Horstmar, der Vorsitzende des Reichslandbundes, Graf Eberhard von
Kalckreuth, Prinz zu Schoenaich-Carolath als Sprecher schlesischer
Magnaten, Emil Kirdorf als Senior der Ruhrindustriellen, Fritz Thyssen,
Albert Vögler und Ernst Brandi von der Vereinigten Stahlwerke AG, dem
größten deutschen Montantrust, Generaldirektor Fritz Springorum vom
Hoesch-Konzern, Louis Ravené vom Eisengroßhandel, der Hamburger
Werftenherr Rudolf Blohm u.a.m. Bei der Zusammenkunft in Harzburg hieß
es dementsprechend, die »nationale Opposition« stehe vor der
Einleitung eines »Entscheidungskampfes«, denn es gelte nunmehr, das »heutige
System« endgültig niederzuringen.
Ort
und Termin des Treffens waren sehr bewußt gewählt: Das am Nordrand des
Harzes gelegene Städtchen gehörte zum Freistaat Braunschweig, an
dessen rechtsgerichteter Regierung sich seit kurzem auch Nazis
beteiligen durften. Verbote oder Protestdemonstrationen schienen da
nicht in Sicht oder wurden als leicht zu verhindern betrachtet. Die
demonstrative Zurschaustellung eigener Macht sollte wenige Tage vor
einer neuen Sitzung des Reichstages stattfinden, nachdem dieser ein
halbes Jahr lang in eine Zwangspause geschickt worden war. DNVP und
NSDAP planten, am 13. Oktober einen Mißtrauensantrag gegen die
Regierung zu stellen. Diesem sollte zuvor außerordentlicher Nachdruck
und breite Popularität verliehen werden.
Brüning
– noch von einer bourgeoisen Mehrheit gestützt sowie vom Vertrauen
Hindenburgs getragen – konterte allerdings und bildete sein Kabinett
am 9. Oktober um. Entlassen wurde Joseph Wirth, der sich schärfer als
andere Minister gegen die Nazipartei gewandt und nicht viel vom
Vorschlag des Reichswehrministers Wilhelm Groener für ein Verbot der
KPD gehalten hatte. Doch ausgerechnet letzterem wurde zusätzlich das
Amt des Innenministers übertragen, womit er über zwei der wichtigsten
Machtinstrumente des Staates verfügte. Der Kanzler übernahm auch das
Amt des Außenministers. Neuer Wirtschaftsminister wurde Hermann
Warmbold, ein Vorstandsmitglied der I.G. Farbenindustrie AG, des größten
europäischen Chemieunternehmens. Weitere Großindustrielle einzubinden
mißlang jedoch, so daß rechte Kreise die Neuformierung der
Regierungsmannschaft als eine »Notlösung« bewerteten.
»Gesinnungsgemeinschaft«
Der
das Harzburger Treffen vorbereitende Arbeitsausschuß hielt die
Kabinettsumbildung für völlig unzureichend. Sein deutschnationales
Mitglied, der Reichstagsabgeordnete Otto Schmidt aus Hannover, erklärte
in der Presse, man könne trotz dieser »Rechtsverlegung (…) in Ruhe
zur Tagesordnung übergehen«. Im Klartext bedeutete dies, auf keinen
Fall vom Kurs auf eine Radikallösung sowohl in der Innen- als auch in
der Außenpolitik abgehen zu wollen. Pathetisch klang hingegen die
Formulierung, das Treffen werde »lebendiger Ausdruck eines Kräftestromes«
sein, der nicht aufgehalten werden könne. Stolz berichtete Schmidt von
neuen Zusagen zur Teilnahme, wodurch sogar »die durch die Raumverhältnisse
leider gezogenen Grenzen« weit überstiegen würden. Man wolle keine
neuen Organisationsformen, auch keine neue »Arbeitsgemeinschaft«
schaffen, sondern eine »geschlossene Front«, die »nach einem
einheitlichen Plan unter Ausschaltung aller Kompetenz- und Führerstreitigkeiten«
als Grundlage der angestrebten neuen Regierung zu wirken habe. Man
sprach von einer »politischen Gesinnungsgemeinschaft«, die alle Brücken
zur Sozialdemokratie abbreche. Deren Politik des »kleineren Übels«
sah man im Grunde schon für überflüssig und hinderlich an. Es sei »ein
Ding der Unmöglichkeit, daß bewußt konservative Gruppen und Marxisten
sich in der ›schöpferischen Synthese‹ Brünings zusammenfinden«,
hieß es. Damit folgte man der Linie, die der RDI bei Beginn der
Weltwirtschaftskrise vorgegeben hatte: Bruch jeglicher Zusammenarbeit
mit SPD und Gewerkschaften.
Jene
Intentionen, welche die NSDAP mit ihrer Beteiligung am Treffen der
stockreaktionären Kreise verfolgte, benannte Joseph Goebbels am 9.
Oktober 1931 im Berliner Sportpalast: Sinn der angekündigten Tagung in
Bad Harzburg sei ein »grundlegender Systemwechsel« und die Bildung
einer neuen Regierung, und in dieser werde seine Partei als größte
Kraft in der »Widerstandsfront« für sich die Führung beanspruchen.
Das Ziel heiße schärfste Opposition gegen die Regierung, endgültiger
Sturz des Kabinetts und Machtübernahme durch die nationale »Aufmarschfront«.
Offen bezeichnete er das Harzburger Treffen als »Kriegserklärung« an
die Adresse der bestehenden Reichsregierung.
Nazipartei
wird salonfähig
Im
Vorfeld der Zusammenkunft zeigte sich, daß einer ganzen Reihe von Großunternehmern
und Großgrundbesitzern, Generälen der Reichswehr und Monarchisten die
Entwicklung nach rechts weder schnell noch weit genug ging. Seit dem Frühjahr,
verstärkt ab Sommer 1931 forderten sie eine abrupte Hinwendung zu einer
autoritären Diktatur. Unter der Parole »Unternehmer an die Front!«
verlangten sie von ihresgleichen auf allen Gebieten mehr politische
Aktivitäten, um die Regierungspolitik rigoros auf ihren Kurs festlegen
zu können. Ganz in diesem Sinne gestalteten sich die Verbindungen
zwischen den NSDAP-Führern und Angehörigen des Finanz- und
Industriekapitals, des großen Grundbesitzes und zur Militärkaste immer
enger. So konnte die Partei nunmehr, anders als noch zur Zeit des
Volksbegehrens gegen den Young-Plan, vollständig gleichberechtigt
auftreten. Gleichsam geadelt durfte sich Hitler fühlen, als er
unmittelbar vor seiner Fahrt nach Bad Harzburg erstmalig vom Reichspräsidenten
zu einem Gespräch empfangen worden war.
Weder
das terroristische Auftreten noch das rassistisch-antisemitische Gebaren
der NSDAP und erst recht nicht ihre Mitwirkung an der »Harzburger Front«
hinderten Großindustrielle, sich für diese zu engagieren. An den
Beratungen und Kundgebungen des 11. Oktober beteiligten sich einige
bekannte wie auch weniger prominente Generaldirektoren und Direktoren
aus Bergbau und Hüttenwesen, der Kali- und der Werftindustrie; andere
stimmten zwar mit den Ideen der Organisatoren überein, zeigten sich
aber nicht bereit, dies auch öffentlich zu bekunden. Möglicherweise
befürchteten sie, Brüning werde seine Drohung wahr machen und im Falle
seines Sturzes pikante Details aus dem Innenleben von Großindustrie und
Bankwesen publizieren. Vertreten waren ferner der ehemalige Präsident
der Reichsbank, Hjalmar Schacht, und der Bankier Emil Georg von Stauß,
die Generale Hans von Seeckt, Rüdiger Graf von der Goltz und Walther
Freiherr von Lüttwitz, der Hohenzollernprinz Eitel Friedrich von Preußen
sowie eine Reihe von Großagrariern und Funktionären des
Reichslandbundes.
Heerschau
der »Nationalen«
So
vorbereitet und werbetechnisch perfekt inszeniert versammelte sich in
Bad Harzburg die größte Schar der politischen Rechten, die man jemals
öffentlich beisammen gesehen hatte. Das Treffen begann mit einer
Kundgebung und der Parade mehrerer paramilitärischer Formationen –
2000 Mann aus der SA und 3000 Stahlhelmer. Als erstere die Tribüne
passiert hatten, verließ Hitler diese und nahm auch nicht am
gemeinsamen Mittagessen teil. Am Nachmittag drängten sich die
Teilnehmer im großen Saal des Harzburger Kurhauses dicht an dicht, wie
die Presse berichtete. Auch in den benachbarten Räumen lauschten
Hunderte Gäste den Tiraden der Redner. Im Hause habe ein geradezu
lebensgefährliches Gewühl geherrscht, vor allem als die Führer von
DNVP und NSDAP den Saal betraten und dort von sich immer wiederholenden
Rufen »Heil Hugenberg!« bzw. »Heil Hitler!« begrüßt wurden. Diese
Ovationen hätten etwa zehn Minuten lang gedauert. Geredet wurde danach
viel, wobei inhaltliche Unterschiede kaum zu erkennen waren, gleich ob
da Hugenberg, Hitler, die Stahlhelm-Vorsitzenden Franz Seldte und
Theodor Duesterberg, Graf Eberhard von Kalckreuth vom Reichslandbund,
Schacht, der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß,
oder ein weiterer Graf, Rüdiger von der Goltz, der die Vereinigten
Vaterländischen Verbände Deutschlands führte, auftraten.
Allen
in ihrer Kritik an Brüning regelrecht wetteifernden Rednern galt stürmischer
Applaus. Den erhielt in hohem Maße Hitler, vor allem aber Schacht, der
allein mit seinem unangekündigten Erscheinen und seinem Vortrag großes
Aufsehen erregte. Nach seiner Aussage diene die deutsche Währung nur
noch dazu, »die Illiquidität unserer Finanzinstitute und der öffentlichen
Hand zu verbergen«. Es gelte, so bekannte er, »grundsätzliche«
Fehler des Systems zu kritisieren, »anstatt bei den einzelnen Tatsachen
unseres Elends zu verweilen«.
Die
Entschließung, die feierlich in Harzburg angenommen und entsprechend
bejubelt wurde, beschrieb apokalyptisch die Lage des Reiches. Die
Regierungen und der Staatsapparat hätten versagt »gegenüber dem
Blutterror des Marxismus, dem fortschreitenden Kulturbolschewismus und
der Zerreißung der Nation durch den Klassenkampf«, sie hätten gegenüber
dem Ausland eine »Politik der Unterwürfigkeit« betrieben und
Deutschland politisch, wirtschaftlich und militärisch »entmannt«.
Hindenburg wurde beschworen, in »letzter Stunde durch Berufung einer
wirklich nationalen Regierung den rettenden Kurswechsel« herbeizuführen:
»Nur der starke nationale Staat kann das Leistungsprinzip in jeder Form
verwirklichen und die zur Herbeiführung einer wahren Volksgemeinschaft
notwendigen sozialen Maßnahmen durchführen.« Am Ende hieß es
vielsagend: »Wir verlangen von allen Volksgenossen Pflichterfüllung
und Opfer.«
Vom
Kompagnon zum Favoriten
Die
Schlachtordnung gegen die Weimarer Republik, gegen das Kabinett Brüning
und die deutsche Arbeiterbewegung schien hergestellt, wenngleich noch
nicht bis ins einzelne. Denn nichts konnte eine Tatsache verdecken:
NSDAP und DNVP hatten sich weder über Führung und Zusammensetzung des
Kabinetts noch über dessen Programm geeinigt. Da aber weder die
Konservativen noch die Nazis eine Chance sahen, auf eigene Faust
voranzukommen, ließ sich absehen, daß über alle
Meinungsverschiedenheiten hinweg sich die Verständigungsversuche
wiederholen würden. Hitler und die Seinen waren auf dem besten Wege, in
diesem gemeinsamen Konzert die erste Geige zu spielen, sich vom
Juniorpartner und Kompagnon zum Favoriten zu mausern. Für die NSDAP
sprach, daß sie über eine im großen und ganzen einheitliche
Parteispitze verfügte und zunehmend einen Massenanhang aufbieten
konnte, während Person und Politik Hugenbergs auch in der DNVP
umstritten waren und deren Partei- und Wählerbasis stagnierte.
Allerdings konnten die deutschnationalen Führer noch darauf vertrauen,
in der deutschen Gesellschaft und quer durch alle Oberschichten als die
politische Kraft zu gelten, deren Haltung zu Tradition, Macht, Eigentum,
Privilegien keinem Zweifel unterlag, und daß sie nicht nur die älteren,
sondern auch die vertrauteren Beziehungen zu Hindenburg und den Militärkreisen
besaßen. Daher beanspruchten sie ehrgeizig und hochmütig die Führungsrolle.
Sie glaubten, Hitler und seine Partei als ihre Hilfskräfte in Dienst
nehmen zu können. Allerdings wies das Zustandekommen der zeitweiligen
antirepublikanischen Einheitsfront am 11. Oktober 1931 stärker als
jedes Ereignis vorher darauf hin, daß die äußersten Rechtskräfte
sich energisch und mit wachsenden Erfolgsaussichten an die Regierung zu
drängen verstanden.
Keine
Woche war seit der Kundgebung in Harzburg vergangen, als in Braunschweig
100000 SA-Leute aufmarschierten. Sie fielen in proletarische Viertel
ein, töteten drei Arbeiter und verletzten 70 schwer. Die blutige
Demonstration unterstrich noch einmal den Führungsanspruch der NSDAP
innerhalb der Opposition. Aus dem Treffen in Harzburg, so erklärte ein
Naziführer bei einer Veranstaltung in der Berliner »Neuen Welt«, könne
nicht geschlossen werden, daß »Hitler mit Hugenberg Hand in Hand gehe«.
Erneut wurden die angeblich grundlegenden Differenzen zwischen NSDAP und
DNVP »auf sozialem Gebiete« hervorgekehrt und die eigene Partei als
Kraft des Fortschritts hingestellt. Als deutschnationale Blätter die
NSDAP-Führer der Untreue bezichtigten und Meldungen über Verhandlungen
zwischen der NSDAP und dem Zentrum verbreiteten, dementierte Hitler dies
nicht nur, sondern erklärte, das System werde durch die NSDAP und nicht
durch die DNVP gestürzt werden. Wechselseitig beschuldigten sich die
Harzburger Partner, am Zerfall der Front schuld zu sein.
Dennoch
markierte das Treffen von Bad Harzburg eine neue Phase im Ringen der
Reaktion um die Aufhebung sozialer und demokratischer Rechte, um die
Zerstörung der geltenden bürgerlich-demokratischen Verfassungsordnung.
Trotz aller Konkurrenz untereinander (sie wird von einigen
Geschichtsschreibern zu Unrecht, aber gern und mit entsprechenden
Hintergedanken in den Vordergrund gehoben) verbündeten sich die großen
Parteien der deutschen Rechten erneut und leiteten schließlich am 30.
Januar 1933 als »Regierung der nationalen Konzentration« den
schrecklichsten Teil deutscher Geschichte ein.
»Im
Gleichschritt zur Diktatur« – so lautet treffend der Titel einer
Ausstellung, die seit Februar 2009 in der Wandelhalle des Bad Harzburger
Kurbetriebes an den 11. Oktober 1931 erinnert. Sie wurde im Juli 2011
teilweise zerstört.
Aus
den Quellen:
Aus
dem Artikel »Vor dem Bankrott«, verfaßt von Heinz Pol und veröffentlicht
in Die Weltbühne vom 9. Dezember 1930:
»Der
Zusammenbruch der Demokratie in Deutschland geht mit einer Schnelligkeit
vor sich, die im direkten Zusammenhang mit der Brüchigkeit des Systems
steht: die Verfassung von Weimar, die Errungenschaften der Revolution,
der sogenannte republikanische Gedanke – alle diese Dinge waren
unmittelbar abhängig und lebten nur von der Gnade oder Uneinigkeit
ihrer Gegner. Die Demokratie stirbt dahin, weder in Schönheit noch etwa
unmerklich, sondern in aller Öffentlichkeit, auch von den Dümmsten
bemerkt. Das Unheil, auf das man zwölf Jahre wartete – jetzt tritt es
durch die Tür.«
Aus
einem Brief des sächsischen NSDAP-Gauleiters Martin Mutschmann an den
Fabrikbesitzer Fritsche:
»Lassen
Sie sich doch nicht immer durch die Schlagworte ›Nieder mit dem
Kapitalismus!‹, die wir auf unsere Plakate schreiben, verwirren. Diese
Schlagworte sind notwendig. Sie müssen wissen, mit der Losung
›Deutschnational oder National‹ allein würde es nie möglich sein,
unser Ziel zu erreichen. Wir müssen die Sprache der verbitterten
sozialistischen Arbeiter sprechen, sonst werden sich diese nie bei uns
zu Hause fühlen. Aus diplomatischen Gründen können wir nicht mit
unserem wirklichen Programm herauskommen, ohne dessen Durchführung von
vornherein unmöglich zu machen.«
Aus
einer Rede des Aufsichtsratsvorsitzenden der I.G. Farbenindustrie AG,
Carl Duisberg, vor Mitgliedern der Industrie- und Handelskammer am 23.
Juni 1931 in Düsseldorf:
»Kommt
nun ein Mann, der bewiesen hat, daß er keine Hemmungen hat, und der
gesonnen ist, den Geist der Frontgeneration in friedlicher
Befreiungsarbeit einzusetzen und zu verwirklichen, so muß diesem Mann
auch unbedingt Folge geleistet werden.«
Aus
der Rede Alfred Hugenbergs vom 11. Oktober 1931:
»Was
Arbeitslosigkeit der industriellen Völker heißt, weiß jetzt die ganze
Erde. Ihr wird der erste große Kampf der regierenden Nationalen
Opposition gelten. Die Arbeitslosigkeit hängt eng mit dem zweiten
Weltkrieg zusammen, den ein irregeleitetes internationales Kapital heute
gegen das nationale Kapital und die nationale Volkswirtschaft der ganzen
Welt führt. Da der Brennpunkt dieses Krieges Deutschland ist, kann die
Erlösung von der Geißel der Arbeitslosigkeit nur von Deutschland aus
kommen. Sie kann auch, da der andere treibende Grund der deutschen
Arbeitslosigkeit der Marxismus ist, nur von den Gegnern des Marxismus,
nur von der deutschen Nationalen Opposition kommen.«
Aus
der Rede Hjalmar Schachts:
»Ich
überlasse es Ihnen zu urteilen, wohin ein marxistisches
Gewerkschaftssystem zu klassifizieren ist, welches ohne Rücksicht auf
den Erfolg der Wirtschaft seine Ansprüche mit politischen Mitteln
durchzusetzen sucht. Es bedarf einer grundsätzlichen Umstellung in
unserem Volke dahin gehend, daß jeder einzelne, wo immer im
Produktionsprozeß er steht, verantwortlich ist für den Erfolg des
Ganzen. Wenn das Wort Demokratie überhaupt noch einen Sinn haben soll,
so bedeutete es die Einordnung des einzelnen, Unternehmers wie
Arbeiters, unter die große Forderung des Gemeinnutzes.«
Aus
einem Vortrag von Peter Schyga, Vorsitzender des Vereins Spurensuche
Harzregion e.V., zur Ausstellung »Im Gleichschritt zur Diktatur«
(20.1.2011):
»Die
Terror- und Vernichtungsdynamik startete nicht in Bad Harzburg, doch
ihre Wurzeln waren hier geerdet, die inneren Triebkräfte ihrer Akteure
wurden hier geweckt (…) Hier wurde der Knoten gelöst, der latente
Einstellungen und Ansichten im Privaten, am Stammtisch, im
Kriegerverein, bei irgendwelchen Weihen gefangenhielt. Bad Harzburg
bewirkte, daß schwelende antidemokratische und antirepublikanische
Einstellungen und Verhaltensmuster sich Raum verschaffen konnten hin zur
bedingungslosen Unterstützung der Nationalsozialisten.«
Im
August erschien von Manfred Weißbecker im PapyRossa Verlag: Das
Firmenschild: Nationaler Sozialismus. Der deutsche Faschismus und seine
Partei 1919 – 1945, Köln 2011, 218 S., 14,90 Euro. Der Band
enthält zahlreiche Texte, die erstmals in jW erschienen sind
junge
Welt
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DIE
ERSTEN DREI JAHRE IM „TAUSENDJÄHRIGEN
REICH”
Von
Kurt Gossweiler
Auf Kommunisten-online am 11. Oktober 2011 – 1928 mit den Eltern
– d.h. mit meiner Mutter und ihrem zweiten Mann, Adolf Reichle – ,
von Stuttgart nach Berlin übergesiedelt, war ich seit 1931 Schüler der
damals weithin bekannten Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln des
sozialdemokratischen Schulreformers Fritz Karsen. Mit meinem Schulfreund
aus der Volksschule, Werner Steinbrink, mit dem ich gemeinsam an die
Karl-Marx-Schule (KMS) übergewechselt war, traten wir dort in die
kommunistische Schülerorganisation ein, die sich „Sozialistischer Schülerbund
(SSB) nannte. Einige unserer neuen Klassenkameraden waren in der
sozialdemokratischen „Sozialistischen Schülergemeinschaft” (SSG)
organisiert, was jedoch unserem Zusammengehörigkeitsgefühl als Schüler
unserer Karl-Marx-Schule keinen Abbruch tat.
Der
Besuch dieser Schule hat in mancherlei Hinsicht lebenslange Wirkungen
getan, die nachhaltigste und glücklichste dadurch, dass ich in die
gleiche Klasse kam wie das Mädchen , das allen, die uns kennen, als
Edith Gossweiler bekannt ist.
Als
das Jahr 1933 begann, war ich 15 Jahre alt und in der Obertertia. Die
letzten Monate des alten Jahres hatten – wie wir vom SSB es sahen –
einige Ereignisse gebracht, die uns mit gestärkter Zuversicht dem neuen
Jahr entgegensehen ließen. Das war einmal die große Herbststreikwelle
mit dem BVG-Streik als Höhepunkt, die den Reichskanzler Papen zum Rücktritt
zwang, und das war zweitens das Ergebnis der November-Reichstagswahlen:
die KPD hatte siebenhunderttausend Stimmen hinzugewonnen gegenüber der
Reichstagswahl vom Juli 1932, die Nazipartei aber hatte zum ersten Mal
seit 1928 nicht mehr Stimmen hinzugewonnen, sondern zwei Millionen
Stimmen verloren! Aber wir waren uns doch auch darüber klar, dass damit
die Gefahr einer Nazidiktatur noch nicht beseitigt war.
Der
Januar 1933 brachte trotz der Beschwichtigungspolitik der
Schleicher-Regierung in der zweiten Hälfte eine enorme Zuspitzung der
Polarisierung der Kräfte.
Am
22. Januar marschierte die SA, geschützt durch eine beidseitig
begleitende Polizeikette und gepanzerte Polizeifahrzeuge, durch das röteste
Berlin am Karl-Liebknecht - Haus, dem Sitz des Zentralkomitees der KPD
vorbei, durch eine Gasse wütender, sie verfluchender und zur Hölle wünschender
antifaschistischer Berlinerinnen und Berliner, ich natürlich mit dabei,
der ich zu meiner großen Freude in der Menge auch Erich Mühsam
entdeckte, der wie wir alle seiner Wut und seinem Hass gegen die Nazis
lautstark Ausdruck gab.
Drei
Tage später, am 25. Januar, war ich dabei, als das antifaschistische
Berlin auf diese Naziprovokation eine machtvolle Antwort gab: bei
bitterster Kälte zogen Hundertdreißigtausend in einem stundenlangen
Marsch aus allen Stadtteilen zum Karl-Liebknecht-Haus und bekundeten
dort Ernst Thälmann und den anderen Genossen der Führung der
Kommunistischen Partei ihre Entschlossenheit, den Machtantritt des
Faschismus nicht zuzulassen.
Die
Herrschenden, die entschlossen waren, Hitler die Macht zu übertragen,
ließen sich davon allerdings nicht beeindrucken, wussten sie doch, dass
sie sich auf die Führung der SPD und der Gewerkschaften würden
verlassen können: die würden einer „legalen” Übertragung der
Macht an Hitler keinerlei Widerstand entgegensetzen, sondern ihren Anhängern
Stillhalten verordnen.
Als
wir dann am 30. Januar die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erfuhren,
haben wir – die Genossen des SSB und die Schulkameraden der KMS –
bei weitem nicht ermessen können, was das für uns, für Deutschland
und die Welt bedeuten würde. Wir hatten natürlich keinen Zweifel an
der Brutalität der Nazis und daran, dass Hitler Krieg bedeutete. Aber
wir waren überzeugt davon, dass es auch den Nazis nicht gelingen würde,
acht Millionen Arbeitslosen wieder Arbeit zu geben. Es fehlte uns
entschieden die Fähigkeit zu einer realistischen Einschätzung, wie sie
Ernst Thälmann in seiner Rede am 7. Februar 1933 auf der illegalen
ZK-Tagung der KPD in Ziegenhals vortrug, die wir damals natürlich noch
nicht kennen lernten.
Aber
wir und der Kreis unserer Bekannten sollten schnell ganz persönlich von
einschneidenden Veränderungen betroffen werden. Wir wohnten damals in
der berühmten Britzer „Hufeisensiedlung” des Architekten Bruno
Taut, in der jede Straße den Namen einer Figur aus den Werken von Fritz
Reuter trägt, daher auch der Name „Fritz-Reuter-Siedlung”.
Zu
den unmittelbar nach der faschistischen Reichstagsbrandstiftung vom 27.
Februar Verhafteten gehörte auch Erich Mühsam. Mit ihm und seiner Frau
Zenzl, die in unserer Nachbarschaft wohnten, waren meine Eltern
befreundet.
Einige
Tage nach Erichs Verhaftung kam Zenzl zu meiner Mutter und fragte sie,
ob sie bereit sei, Kladden von Erich bei uns zu verstecken. Natürlich
sagte meine Mutter zu, und wir versteckten einige davon unter dem
Kleiderschrank, andere im Ofen des Schlafzimmers meiner Eltern. Es
dauerte aber gar nicht lange, da kam eines Tages ein Polizeibeamter in
Begleitung eines SA-Hilfspolizisten, um eine Haussuchung bei uns
durchzuführen. Meine Mutter lag an diesem Tage krank im Bett. Der
Polizist hieß den SA-Mann im Flur zu warten, er werde die Durchsuchung
vornehmen. Er schaute sich im Zimmer um und leuchtete mit seiner
Taschenlampe auch in den Ofen. Meiner Mutter und mir stockte das Herz.
Der Polizist machte aber seine Lampe wieder aus und ging hinaus, und
sagte nur kurz zu dem SA-Mann: „Da ist nichts”. Offenbar war das
noch einer aus der alten sozialdemokratischen Preußenpolizei, der den
Nazis ebenfalls nicht grün war.
Natürlich
sagten wir Zenzl gleich, was passiert war, und sie holte deshalb die
Kladden wieder ab, um sie sicherer unterzubringen.
Das
war auch sehr notwendig, denn wenn irgendwo in diesen Monaten eine
Anti-Nazi-Losung in Britz auftauchte, gehörten wir, die wir zu jeder
der fünf Wahlen 1932 die rote Fahne mit Hammer und Sichel herausgehängt
hatten, zu den Tatverdächtigen, bei denen eine Haussuchung durchgeführt
wurde. Wir konnten uns in Britz schon aus diesem Grunde nicht mehr
halten.
Meine
Eltern pachteten ein kleines Grundstück in Grünau, auf dem mein Vater,
der Architekt, aber seit Jahren arbeitslos war, zusammen mit seinem
Bruder ein kleines Häuschen errichtete. Solange daran noch gebaut
wurde, wohnten meine Eltern bei Bekannten, ich selbst kam zunächst bei
Zenzl Mühsam unter, bekam dann aber Unterkunft in der Wohnung meines
Schulkameraden Lussi Abramovitsch, mit dem ich sehr eng befreundet war.
Er wohnte bei seiner Mutter in Wilmersdorf, die als Psychotherapeutin
arbeitete. Die Eltern Lussis waren geschieden, sein Vater war der
bekannte Menschewik Abramovitsch und lebte in Brüssel.
Lussi
verbrachte fast den ganzen Tag nach der Schule in einem Kinderheim.
Dessen Träger war ein ”Verein zum Schutz der Kinder russischer Juden
in Deutschland”. Lussi führte mich dort ein, und ich war das ganze
Jahr 1933, solange ich bei Lussi wohnte, zu diesem Heim gehörig und von
allen kameradschaftlich in ihren Kreis einbezogen.
Damals
waren aus Protest gegen den Antisemitismus der Nazis die Kommunisten,
die ich kannte, genau wie ich selbst, „Philosemiten”, obwohl uns früher
nie interessiert hatte, ob einer Jude oder was sonst war.
Der
zweite große Einschnitt nach dem 30. Januar, der mich und meine Mitschüler
persönlich betraf, war die Liquidierung der Karl-Marx-Schule und ihre
Umwandlung in eine dem braunen Ungeist entsprechende Lehranstalt.
Am
21. Februar wurde Fritz Karsen abgesetzt, für eine kurze Zwischenzeit
wurde sein Stellvertreter, ebenfalls ein progressiver Schulreformer,
Karl Sturm, Leiter der Schule. Eine seiner ersten Maßnahmen war die
Einberufung des Schülerrates, der aus je einem Vertrauensschüler aus
jeder Klasse bestand. Ich habe an dieser Sitzung als Vertreter unserer
Klasse teilgenommen. Hauptgegenstand der Sitzung war eine Vertrauenserklärung
für den abgesetzten Direktor Fritz Karsen, die von seinem Nachfolger
vorgelegt und einstimmig – sogar mit der Stimme des einzigen Nazi-Schülers
in dieser Runde – angenommen wurde.
Aber
auch Sturm wurde sehr bald abgesetzt, und nach einem weiteren kurzen
Direktorat eines zweiten provisorischen Nachfolgers wurde der Nazilehrer
Schwedtke zum Direktor ernannt. Er war an der KMS im Jahre 1929 schon
einmal für ein halbes Jahr als Lehrer tätig gewesen, aber wegen
mangelnder pädagogischer Fähigkeiten gescheitert und hatte deshalb die
Schule im Zorn wieder verlasssen und führte von da an einen giftigen
Verleumdungsfeldzug gegen die Karl-Marx-Schule in der großbürgerlichen
Presse, wie Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ), Börsenzeitung,
Kreuz-Zeitung u.a.
Jetzt
wurden die meisten der bisherigen Lehrer entlassen, so auch unser
Klassenlehrer Alfred Lewinnek und unser Deutschlehrer Alfons Rosenberg.
Lewinnek wurde von uns wirklich verehrt, und viele aus unserer Klasse
hielten noch längere Zeit Kontakt zu ihm aufrecht. Da er ganz in
unserer Nähe – in Bohnsdorf, einem Nachbarort von Grünau - wohnte,
besuchte ich ihn sehr oft, solange er noch im Lande war. Erst im Jahre
1939 emigrierte er, wie ebenfalls Alfons Rosenberg, zu dem ich auch ständig
Kontakt hielt, nach England. Nach dem Kriege wurde in den sechziger
Jahren der briefliche Kontakt wieder hergestellt, in den achtzigern -
leider erst nach dem Tode von Alfred Lewinnek -, konnte ich in London
Frau Lewinnek und Alfons Rosenberg besuchen.
Wir
bekamen nun eine neue Klassenlehrerin, ein Fräulein Schwarzer, das uns
– sei es aus braunem oder einfach aus Dienst- Eifer aufforderte,
geschlossen in die Hitlerjugend (HJ) bzw. die Mädchen in den „Bund
deutscher Mädchen” (BdM) einzutreten. Das haben wir geschlossen
verweigert. Daraufhin stellte sie uns ein Ultimatum: sie werde uns für
zehn Minuten verlassen. Wenn sie wiederkomme, dann müsse sich jeder von
uns entweder für die HJ/BdM oder für den „Verein für das Deutschtum
im Ausland” (VDA) entschieden haben.
Nachdem
sie gegangen war, wurden wir uns nach kurzer Beratung einig: Wir teilten
ihr mit, dass wir geschlossen dem VDA beitreten und Werner Steinbrink
schon zu unserem Gruppenvorsitzenden gewählt haben. So geschah es auch,
als sie wiederkam und nach unserer Entscheidung fragte. Mit etwas säuerlicher
Miene nahm sie das zur Kenntnis, gab sich aber damit zufrieden.
Im
SSB hatten wir uns bisher vor allem damit beschäftigt, regelmäßige
Versammlungen aller Neuköllner Mitglieder zum aktuellen Geschehen
durchzuführen, uns an Demonstrationen, an Wahlagitationen zu beteiligen
und in kleineren Gruppen die grundlegenden Schriften von Marx, Engels
und Lenin zu studieren.
Jetzt
musste die Arbeit auf die Illegalität umgestellt werden. Die Schulung
wurde natürlich weitergeführt. Als neue Betätigungen kam aber hinzu
die Verteilung von zentralem illegalem Material, wie die Rote Fahne oder
auch Erklärungen und Flugblätter zu bestimmten Ereignissen, wie etwa
dem Reichstagsbrand und zum Dimitroff-Prozess; ferner die Anfertigung,
Verteilung und Anbringung selbstgefertigter Klebezettel, seltener auch
eigener Flugblätter.
Die
Liquidierung der KMS führte dazu, dass viele Schüler aus den weiter
entfernten Stadtteilen Berlins, darunter vor allem auch Genossen des
SSB, in eine in ihrem Stadtteil gelegene Schule überwechselten. Der SSB
zerfiel auf diese Weise, und seine Mitglieder wurden in die jeweilige
Stadtteilorganisation des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD)
eingegliedert. Auf diese Weise wurden Werner Steinbrink und ich Mitglied
des KJVD Unterbezirk Süd-Ost, dessen bisherige Mitglieder keine Schüler,
sondern junge Genossinnen und Genossen waren, die schon im Berufsleben
standen. Leiter des Unterbezirks war unser bisheriger Vorsitzender des
SSB, Herbert Ansbach, der auch Schüler einer der oberen Klassen der KMS
gewesen war. Zur Leitung gehörte auch Herbert Baum, der spätere Begründer
und Leiter der nach ihm benannten Gruppe jüdischer Jugendlicher. Werner
Steinbrink wurde ebenfalls in die Leitung aufgenommen und arbeitete eng
mit Herbert Baum zusammen, dies auch, nachdem, durch die Nürnberger
Gesetze erzwungen, aus Sicherheitsgründen eine organisatorische
Trennung von den jüdischen Genossen erfolgt war.
Werner
Steinbrink unternahm im Auftrage des Verbandes im Sommer 1933 eine
Tramper- Reise nach Paris zu einem internationalen kommunistischen
Jugendtreffen, bei dem auch eine Beratung der KJVD-Führung mit
Jugendgenossen aus Deutschland durchgeführt wurde.
Im
Sommer 1934 unternahm er eine solche Reise ein zweites Mal, diesmal aber
nicht alleine, sondern er nahm noch zwei Genossen aus unserer Gruppe, nämlich
mich und noch einen anderen Genossen, mit. Uns dreien schlossen sich
noch in Berlin – offenbar vorher mit Werner verabredet – drei
Jugendgenossen der von Brandler und Thalheimer nach ihrem Ausschluss aus
der KPD 1928 gegründeten „KPD-Opposition” (KPO) an, die – wie mir
erst in Paris klar wurde – ihre beiden zu dieser Zeit, wie sie
wussten, in Paris lebenden Parteiführer besuchen wollten.
Wir
starteten am 4. Juli 1934 – 4 Tage nach dem Blutbad des 30. Juni in
Nazi-Deutschland – in zwei Gruppen mit dem Etappenziel Saargebiet,
weil das damals noch nicht zu Deutschland gehörte, sondern unter Völkerbundsmandat
stand. Daher war es möglich, ohne Passkontrolle aus Deutschland ins
Saargebiet, und von da ebenfalls ohne Passkontrolle nach Frankreich zu
kommen. Das war wichtig , weil nur drei von uns einen gültigen Pass
hatten, die anderen also gewissermaßen auf Schleichwegen nach
Frankreich gelangen mussten.
Am
11. Juli erreichte ich das Saargebiet, bekam aber kein Auto nach Saarbrücken,
sondern nach Neunkirchen. Der Fahrer war sehr freundlich und bot mir ein
Nachtquartier in seinem Hause an, was ich natürlich sehr gerne annahm.
Bei ihm hörte ich die Abendnachrichten, und was da gemeldet wurde, erfüllte
mich mit tiefer Trauer und unbändiger Wut auf die Nazis: Es wurde die Lügenmeldung
verbreitet, Erich Mühsam habe im Konzentrationslager Oranienburg
Selbstmord begangen. Sie hatten also – das war mir klar – den ihnen
seit den Tagen der Münchner Räterepublik verhassten mutigen Erich Mühsam
ermordet! Diese Nachricht ließ mich lange keine Ruhe finden.
Am
folgenden Tag kam ich dann nach Saarbrücken. In der dortigen
Jugendherberge trafen am Abend auch die anderen vier Genossen ein. Aber
Werner Steinbrink war nicht dabei, wir hatten ihn schon seit
Frankfurt/Main nicht mehr gesehen. Wie sich in Paris herausstellte, war
er schneller als wir vorangekommen und schon vor uns in Paris
eingetroffen.
Im
Saargebiet war der Wahlkampf für die Saarabstimmung im Januar 1935 im
vollen Gange. Dort hatten sich die KP Saar und die SP Saar am 2. Juli in
einem Einheitsfrontabkommen zum gemeinsamen Kampf gegen den Anschluss
des Saargebiets an Deutschland, für den „Status quo”, also für die
Beibehaltung des bestehenden Zustandes, geeinigt.
Wir
hatten damals den Eindruck, dass die Stimmung der Bevölkerung
mehrheitlich gegen den „Anschluss” war; in der Öffentlichkeit gab
es in diesen Tagen drei beherrschende Themen, und alle drei waren gegen
die Nazis und gegen den „Anschluss” gerichtet: erstens die Ermordung
Röhms, Gregor Strassers, Schleichers und vieler anderer in Deutschland;
zweitens noch immer die Niederlage der Nazis im Reichstagsbrandprozess;
kein Mann war – so unser Eindruck – auch im Saargebiet populärer
und mehr bewundert als Georgi Dimitroff. Drittens – mit Dimitroffs
Sieg über die Nazis eng zusammenhängend – eine breite Kampagne zur
Befreiung Ernst Thälmanns.
Wir
erfuhren aus Gesprächen und von Plakaten, dass in der Vorbereitung auf
die Volksabstimmung im Januar ein Mann eine ganz hervorragende Rolle
spielte: Erich Weinert. Er wohnte zu dieser Zeit im benachbarten Forbach
in Frankreich, und sprach und rezitierte in unzähligen Versammlungen im
Saargebiet, darunter auch sein gerade erst 1934 geschaffenes Thälmann-Lied.
(1) Wir bekamen es erst in Paris in die Hand und es hat mich so sehr
beeindruckt, dass ich es – in einer Schuhcremschachtel verborgen –
nach Deutschland heimbrachte.
Leider
ist es fast in Vergessenheit geraten, deshalb will ich hier wenigstens
die erste und letzte Strophe zitieren:
Ernst
Thälmann, der ging uns voran – die Faust geballt zum Schlagen.
Kolonnen
wuchsen Mann an Mann – den Kampf voran zu tragen.
Er
ging voran, wo die Fahne braust – Für den Kameraden Thälmann: Hoch
die Faust!
Dimitroff
haben wir befreit – weil wir die Welt entflammten.
Drum
wieder in die Ohren schreit – den Henkern, den verdammten:
Die
Welt ist wach, die Empörung braust! – Für den Kameraden Thälmann:
Hoch die Faust!
Als
wir am 13. Juli die Grenze überschritten und nach Forbach kamen, war es
für uns selbstverständlich, auch Erich Weinert und seine Frau
aufzusuchen und ihnen die Grüße der Genossen in Deutschland zu übermitteln.
Zunächst
aber kamen wir in eine brenzlige Situation. Man sah unserem Aufzug -
kurze Hosen und Tornister auf dem Rücken – an, woher wir kamen. Das
veranlasste einen Forbacher Bürger, uns als „Boches” zu beschimpfen
und von uns zu verlangen, das wir uns in der nächsten Polizeiwache
anmelden sollten. Wir erklärten ihm, dass wir das sowieso getan hätten,
was natürlich nicht stimmte. Aber wir drei, die wir Pässe bei uns
hatten, gingen dann wirklich auf die Wache und ließen uns einen Stempel
in den Pass drücken, während die anderen drei Passlosen sich unauffällig
verdrückten. Ein anderer Bürger, der das Ganze beobachtet hatte,
sprach uns danach an und fragte, wo wir herkämen und wo wir hinwollten.
Wir sagten ihm, dass wir Hitlergegner seien und vorhatten, nach Paris zu
einem Jugendtreffen zu trampen und in Forbach Erich Weinert zu besuchen.
Darauf sagte er, wenn das so sei, dann sollten wir erst mit ihm in das
Lokal zu seinen Genossen kommen – er war ein Genosse der KP
Frankreichs.
In
der Gaststätte stellte er uns den dortigen Genossen vor, und wir
beantworteten ihre vielen Fragen über die Verhältnisse in Deutschland.
Dann sagten sie uns, wie wir zu Erich Weinert kommen würden. Nach einem
herzlichen Abschied begaben wir uns zu der angegebenen Adresse zu Erich
Weinert. Unser Besuch hatte ja etwas Überfallartiges an sich, war aber
für ihn und seine Frau wiederum nicht etwas Einmaliges. Es war ihnen
immer eine Freude, solche unerwarteten Besuch aus Deutschland zu
bekommen, so auch jetzt der unsrige.
Das
war am Freitag, den 13. Juli. An diesem Tag kamen wir noch bis St. Avold,
wo wir dann in einem Kornfeld übernachteten und am nächsten Morgen, am
Morgen des 14. Juli, durch das Pferdegetrappel und die schmetternden
Trompeten einer Kavallerie-Einheit geweckt wurden, die auf dem Weg zu
einer Parade zu Ehren des Nationalfeiertages vorbeiritten.
Am
diesem Tag kamen wir über Metz, Verdun und Reims bis nach Soissons, und
am 15. erreichten wir unser Ziel – Paris. Unser erster Anlaufpunkt war
die Pariser Ferien-Adresse unseres ehemaligen Deutschlehrers, Alfons
Rosenberg. Als wir dort eintrafen, saß zu unserer großen Erleichterung
Werner Steinbrink, von dem wir seit Tagen nichts mehr gesehen und gehört
hatten, gemütlich am Tisch. Wir waren endlich wieder komplett und
hatten unseren „Chef” wiedergefunden. Werner hatte schon die
Verbindungen zu den in Paris befindlichen Genossen der Leitung des KJVD
aufgenommen.
Wir
kamen bei einem deutschen Emigranten, Werner Less, unter, der erst vor
kurzem Deutschland verlassen hatte. Ich hatte ihn in Berlin
kennengelernt, als ich bei Lussi wohnte. Er war mit Lussi befreundet und
damals ein führendes Mitglied im jüdischen Pfadfinderbund. Dadurch
hatte ich auch einige Wanderungen mit ihnen mitgemacht und einige ihrer
Lieder gelernt. Jetzt freuten wir uns sehr, uns wiederzusehen.
Wir
blieben bis 26. Juli in Paris. Die Tage waren angefüllt mit Treffen mit
französischen Jugendgenossen und damit, die großartige Hauptstadt
Frankreich so gut, wie das in so kurzer Zeit möglich ist,
kennenzulernen. Dabei war uns Alfons Rosenberg, der Paris kannte und
liebte, ein Führer, wie wir ihn besser kaum finden konnten.
Aus
der Fülle der Erlebnisse sollen nur noch zwei erwähnt werden. Wir
waren schon zwei, drei Tage in Paris, als Fritz Rabinowitsch, der Leiter
der KPO-Jugend-Dreiergruppe, vorschlug, Heinrich Brandler und August
Thalheimer, die in Paris lebten, zu besuchen. Trotz der Vorbehalte, die
wir drei KJVDler gegen die KPO hatten – die bei uns gewöhnlich als
„KP Null” bezeichnet worden war – , stimmten wir dem Vorschlag zu,
weil wir, beeindruckt und belehrt von der Einheitsfront von KP und SP im
Saargebiet, uns sagten, im Kampf gegen den Faschismus müssten die
Differenzen zwischen den Antifaschisten zurückgestellt werden.
So
begaben wir uns also alle sechs zu den beiden Führern der KPO, zu denen
wir in einem Mietshaus viele Treppen bis zu ihrer kleinen Dachwohnung
hinaufsteigen mussten. Die beiden waren natürlich hocherfreut über den
Besuch ihrer drei Jugendgenossen und auch darüber, dass es denen
gelungen war, auch uns zu bewegen, mitzukommen. Natürlich hatten die
beiden viele Fragen zur Einschätzung der politischen und
wirtschaftliche Lag in Deutschland. Die Beantwortung war Sache unserer
drei KPO-Genossen, wir anderen drei blieben interessierte Zuhörer.
Die
zweite erwähnenswerte Begegnung war die folgende: Wir saßen in einem
Café, als uns ein Mann in einer Fliegeruniform ansprach und uns fragte,
ob wir aus Deutschland kämen. Es ergab sich ein Gespräch mit ihm, in
dem er sich als Pilot einer dänischen Fluggesellschaft vorstellte. Er
bot sich an, uns einige Sehenswürdigkeiten von Paris zu zeigen, und wir
nahmen das an und zogen mit ihm im Pariser Zentrum umher. Unterwegs
begegneten wir zwei jungen Leuten, die ihn auf deutsch begrüßten und
von denen er uns sagte, das seien Bekannte von ihm, Studenten aus
Deutschland. Die schlossen sich uns an, und schließlich führte er uns
zu einem Restaurant und lud uns ein, auf seine Kosten ein Getränk zu
nehmen. Dabei zeigten er und die angeblichen Studenten sich sehr daran
interessiert, woher wir kamen und welchen Beruf wir hätten. Wir waren
uns ziemlich sicher, es bei ihnen mit Gestapo-Spitzeln zu tun zu haben.
Um das überprüfen zu können, baten wir den „dänischen Piloten”
um seine Adresse, weil wir uns von ihm noch gerne weiter helfen lassen
wollten, Paris besser kennenzulernen. Er gab uns also als seinen Namen
Viggo Treborg an und nannte uns eine Adresse, wo sich angeblich das Büro
seiner dänischen Fluggesellschaft befände. Als wir am nächsten Tag
die genannte Adresse aufsuchten, gab es dort weder einen Viggo Treborg
noch eine dänische Fluggesellschaft.
Wir
hatten also in Paris auch ein unvergessliches Lehrstück über die
Arbeitsmethoden der Gestapo im Ausland kennengelernt.
Am
26. Juli begaben wir uns auf die Rückreise, wie beim Trampen
unvermeidlich, nicht mehr alle zusammen. In den ersten Augusttagen waren
wir wieder in Berlin. Die drei KPO-Genossen habe ich danach aus den
Augen verloren. Von Werner Steinbrinck erfuhr ich – es mag 1935 oder
1936 gewesen sein –, dass Fritz Rabinowitsch bei einem versuchten
Grenzübergang in die Tschechoslowakei gefasst und ermordet worden ist.
Einen der beiden anderen KPO- Genossen – ich weiß nur noch seinen
Vornamen, Georg – traf ich erst in der DDR wieder, er war SED-Genosse
und arbeitete bei der Berliner Volkspolizei als Kriminalist. Er ist
inzwischen verstorben.
Am
13. Januar 1935 fand im Saargebiet die Abstimmung über seine Zukunft
statt: Beibehaltung des Status quo oder Anschluss an Nazi-Deutschland.
Das Ergebnis war eine unerwartete Enttäuschung für uns: Von 528 005 Wählern
stimmten 477 119 für den Anschluß! Nach der Stimmungslage, die wir im
Sommer 1934, nach der so genannten „Röhm-Affäre” und der Einigung
der beiden Arbeiterparteien zum gemeinsamen Vorgehen erlebt hatten,
hielten wir eine Mehrheit für den Status quo nicht nur für möglich,
sondern für fast sicher.
Aber
in der zweiten Jahreshälfte hatten die Nazis im Saargebiet offenbar mit
großem Erfolg an die „nationalen Gefühle” appelliert, und zugleich
mit einer terroristischen Einschüchterungskampagne vielen den Mut
genommen, gegen den Anschluss zu stimmen. Dazu kam, dass die reaktionäre
nazifreundliche französische Regierung deutlich machte, dass sie nichts
gegen den Anschluss des Saargebiets an Deutschland einzuwenden hätte.
Der Außenminister Laval erklärte öffentlich, dass Frankreich am
Ausgang der Abstimmung nicht interessiert sei.
Damit
gab er das Leitmotiv der Regierungen Frankreichs und Englands an, das im
Jahre 1935 bis zum Münchener Abkommen 1938 und bis zur Hinnahme der
Besetzung der Tschechoslowakei 1939 ihrer Deutschlandpolitik zugrundelag:
Zulassung und Förderung der Stärkung und Aufrüstung Deutschlands als
Stoßkeil und Rammbock für den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.
Am
16. März 1935 führte die Hitlerregierung die Allgemeine Wehrpflicht
ein, am 18. Juni gab die englische Regierung Deutschland grünes Licht für
die Aufrüstung zur See durch ein Flottenabkommen mit Deutschland, das
diesem erlaubte, eine Kriegsflotte in der Größe von 35 Prozent der
britischen Flotte aufzubauen, bei U-Booten sogar 45 Prozent.
Am
26. Juni wurde das „Reichsarbeitsdienstgesetz” erlassen, durch das
alle männlichen Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren ein halbes Jahr
gegen ein Taschengeld Zwangsarbeit leisten mussten, vor allem beim
Aufbau von Rüstungsobjekten, und in Ostelbien vorzugsweise auf den
Junkergütern, und gleichzeitig durch vormilitärische „Erziehung”
zu künftigem Kanonenfutter gedrillt wurden.
Natürlich
war all dies auch Gegenstand unserer Diskussionen in der KJVD-Gruppe.
Hatten schon Dimitroffs Bekenntnis vor dem faschistischen Gericht zur
Sowjetunion und seine Befreiung und die seiner mitangeklagten Genossen
Popoff und Taneff aus den Klauen der deutschen Faschisten durch die
Verleihung der Staatsbürgerschaft der UdSSR unser Vertrauen in die
Sowjetunion als voll berechtigt bestätigt, so noch viel mehr die
Tatsache, dass die Sowjetunion die einzige Macht in der ganzen Welt war,
die konsequent dem faschistischen Deutschland entgegentrat und um eine
kollektive Abwehrfront gegen deutsch-faschistische Aggressionen bemüht
war. Dabei unternahm die Sowjetunion Schritte, die mit unseren
bisherigen Vorstellungen über die Beziehungen eines sozialistischen
Staates zu imperialistischen Staaten nicht entsprachen. So der Beintritt
der Sowjetunion zum Völkerbund am 18. September 1934, und erst recht
der Abschluss eines Militärbündnisses mit einem imperialistischen
Staat, wie er mit dem Beistandspakt zwischen Frankreich und der
Sowjetunion am 2. Mai 1935, und danach am 16. Mai auch mit der
Tschechoslowakei, vollzogen wurde.
Bisher
war der Völkerbund für uns eine von den Imperialisten beherrschte und
vor allem gegen die Sowjetunion gerichtete Institution, und bisher
hielten wir ein regelrechtes Militärbündnis der Sowjetunion mit einem
imperialistischen Staat, wie Frankreich, für unzulässig.
Der
Geschichtsverlauf in seinen Widersprüchen lehrte uns aber, das
dialektische Denken aus der Theorie in die Praxis umzusetzen. Mit dem
Aufkommen des faschistischen Deutschland war eine neue Weltsituation
entstanden: einerseits war dieser Staat die Speerspitze des
Weltimperialismus gegen die Sowjetunion. Zum anderen aber war das ein
Staat, der nicht nur die Sowjetunion, auch nicht nur seine unmittelbaren
Nachbarn, sondern alle Völker und Staaten bedrohte und der gefährlichste
Herd eines neuen Weltkriegsbrandes war.
Und
zum dritten war die Sowjetunion zu einer Macht emporgewachsen, ohne
deren Mitwirkung eine erfolgreiche Bändigung des faschistischen
Aggressors oder, im Falle dies nicht gelang, ein militärischer Sieg über
den deutsch-faschistischen Aggressors kaum denkbar war. Aus alledem
ergab sich, dass seine Bändigung bzw. ein Sieg über den
deutsch-faschistischen Imperialismus im Interesse aller Völker lag,
dass ein solcher Sieg aber zugleich ein Sieg über die Hauptkraft des
Weltimperialismus und somit eine Stärkung aller antiimperialistischen
und sozialistischen Kräfte sein würde.
Deshalb
war es in dieser neuen Weltsituation eine Pflicht der Sowjetunion, durch
ihren Eintritt in den Völkerbund zu versuchen, diesen aus einem
Instrument der Organisierung des gesamtimperialistischen Kreuzzuges
gegen die Sowjetunon in ein Instrument der Organisierung eines Systems
kollektiver Sicherheit zur Bändigung des deutsch-faschistischen
Aggressors umzuwandeln, und ferner zu versuchen, durch militärische
Beistandspakte eine mächtige Militärallianz zustande zu bringen, um
den Aggressor an der Aggression zu hindern, oder aber ihm eine
zerschmetternde Niederlage zu bereiten.
Kurzum,
schon jetzt – noch bevor die Sowjetunion sich als der einzige Staat
erwies, der dem republikanischen Spanien gegen die deutsch-italienische
Intervention aktive Hilfe leistete – bewies die Politik der
Sowjetunion, dass sie unser Vertrauen verdiente. Darin bestärkten uns
auch die Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Kommunistischen
Internationale (25. 7. – 20. 8. 1935) und der „Brüsseler
Konferenz” der KPD (3. - 15. 10. 1935), deren Materialien wir – natürlich
erst erheblich später – in Gestalt illegaler Tarnschriften erhielten.
Das
Jahr 1935 brachte auch weitere scharfe Einschnitte im ganz persönlichen
Leben. Die meisten Mitschüler meiner Klasse verließen jetzt mit dem
„Einjährigen” die Schule, um sich ins Berufsleben zu begeben, so
auch Werner Steinbrink.
Am
15. September 1935 wurden die „Nürnberger Gesetze” erlassen. Das
bedeutete, dass alle jüdischen Schüler und Schülerinnen die Schulen
verlassen und entweder in bereits bestehende oder eigens neugeschaffene
Schulen für jüdische Kinder und Jugendliche überwechseln mussten. Das
betraf auch meinen Freund Lussi. Er ging in eine der jetzt von der jüdischen
Gemeinde eingerichteten Schulen, die jüdische Kinder für die Übersiedlung
nach Palästina vorbereiteten, und im Jahr 1936 verließ er Deutschland
im Rahmen der „Kinderalija” in Richtung Palästina. Als wir uns
verabschiedeten, war er – wie ich – überzeugter, wenn auch – im
Unterschied zu mir – nicht organisierter Kommunist. Aber er sagte mir,
er sei entschlossen, in Palästina der Kommunistischen Partei
beizutreten. Es kam aber anders. Wir blieben – das war leichtsinnig,
aber wir mussten einfach voneinander wissen, wie es dem anderen erging
– in Briefwechsel miteinander. Er wurde Mitglied eines Kibbuz. Seine
ersten Briefe sprachen davon, dass er bei seiner bisherigen Haltung
geblieben war. Aber dann kam ein Brief, der mir deutlich machte, dass er
zum Zionisten – einem ‚linken‘, aber eben doch zu einem Zionisten
– geworden war; er habe, schrieb er, entdeckt, dass er kein Europäer,
sondern ein „Orientale” sei. Im gleichen Brief aber – und das
konnte ich überhaupt nicht begreifen – schrieb er in Worten höchster
Begeisterung, ich müsse unbedingt Nietzsches „Zarathustra” lesen.
Ich tat’s und schrieb ihm als Antwort, bei Nietzsche bestätige sich,
dass die schönsten Blüten mitunter die giftigsten seien.
Unser
Briefwechsel musste aber 1937 wegen erneuter Haussuchungen bei uns
eingestellt und alle Briefe Lussis vernichtet werden. Von seiner Mutter
erfuhr ich dann, dass er 1938 bei einem Gefecht mit Arabern umgekommen
ist. So wurde Lussi das erste Opfer des Faschismus aus unserer Klasse
der ehemaligen Karl-Marx-Schule.
Ihm
sollten noch viele folgen: jene, die im Kriege fielen, vor allem aber
Werner Steinbrink, der am 18. August 1942 zusammen mit Herbert Baum und
anderen Mitgliedern der Herbert-Baum-Gruppe in Plötzensee hingerichtet
wurde dafür, dass sie am 18. Mai die von den Nazis im Berliner
Lustgarten eröffnete Hetzausstellung „Sowjetparadies” in Brand
gesetzt hatten.
Doch
zurück zum Jahr 1935. In diesem Jahr ereignete sich noch etwas, was
weitab von allgemeinem öffentlichem Interesse lag und von dem ich erst
viele Jahrzehnte später erfahren sollte, dass es doch auch für mich
von Bedeutung war, weil von ihm ausgehend eine Persönlichkeit
heranwuchs, die nicht geringen Einfluß auf meine Tätigkeit als
Historiker und Faschismusforscher ausüben sollte: Am 8.Februar 1935 kam
ein Knäblein zur Welt, das auf den Namen Manfred getauft wurde, und
das, zu einem weltbekannten und anerkannten Historiker herangewachsen,
nunmehr, im Jahre 2005, seinen 70. Geburtstag begeht.
Ihm,
Manfred Weißbecker, verdanken es Jena und seine Universität, wenn sie
zu DDR-Zeiten ein Zentrum schöpferischen Forschens über die grausamste
und extremste Frucht am Baume des Imperialismus, über den Faschismus,
wurden, und Jena das – wenn auch in sehr vermindertem Maße – auch
heute noch ist; zu einem Zentrum, das zu einem Anziehungspunkt für
Faschismusforscher aus beiden deutschen Staaten und darüber hinaus
wurde. Durch Manfred Weißbecker wurde mir Jena so vertraut, wie keine
andere Stadt der DDR außerhalb Berlins, (unseren Lieblings-Urlaubsort
Lychen einmal ausgenommen.)
Ich
verdanke Manfred viele wichtige Anregungen, die Möglichkeit zur
Mitarbeit an großartigen internationalen Spitzenleistungen, wie etwa
dem schon zum Klassiker gewordenen „Handbuch der Parteien”, die Möglichkeit
zu fruchtbarem, mitunter auch sehr kontroversem Meinungsstreit, und bin
sehr froh, meinen Dank für all das durch einen Beitrag zu diesem Bande
abstatten zu dürfen.
Erschienen
in: Kurt Pätzold und Erika Schwarz (Hrsg.), „Europa vor dem Abgrund -
Das Jahr 1935 - Dem Historiker Manfred Weißbecker zum Siebzigsten”,
Papyrossa Hochschulschriften Nr. 57, Köln, 2005, S. 146 - 155
Anmerkung:
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