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Griechisches
Drama:
EU
fürchtet Zerfall
| Seit
mehreren Wochen setzen die Hedgefonds aktiv auf die Senkung des
Wechselkurses der europäischen Währung. In diesem Zusammenhang
sei an die Situation im Jahr 1992 erinnert, als George Soros das
Spiel um die Senkung des Pfundkurses begann. Die britische Währung
verlor damals mehr als 30 Prozent ihres Wertes, die Bank of
England musste vorübergehend aus dem Wechselmechanismus des
Europäischen Währungssystems aussteigen. Soros wurde bei dem
Spiel um eine Milliarde Dollar reicher. |
Griechisches
Drama:
EU
fürchtet Zerfall
MOSKAU,
27. Februar 2010 (Wlad Grinkewitsch, RIA Novosti). Am kommenden
Montag sprechen die EU-Finanzminister über die Finanzkrise
Griechenlands.
Griechenlands
desolate Finanzlage hat den Absturz des Euros und Gerüchte über den möglichen
Zerfall der Europäischen Union ausgelöst. Die Debatte über die
Rettung Griechenlands vor dem wirtschaftlichen Ruin hat klar zahlreiche
Widersprüche im Euroraum zu erkennen gegeben. Manche Probleme sind
offensichtlich und werden intensiv besprochen. Die anderen müssen erst
noch diskutiert werden.
Die
Aufregung um den Euro wurde durch die kritische Wirtschaftssituation in
Griechenland heraufbeschworen, dessen Haushaltsdefizit am Ende des
vorigen Jahres 12,7 Prozent erreicht hatte, während die Staatsschulden
300 Milliarden Euro übertrafen.
Außerdem
stellte sich plötzlich heraus, dass die Griechen bei dem EU-Beitritt
unter Mitwirkung einer großen internationalen Bank ihre
Wirtschaftsstatistik verschönert hatten, um den EU-Forderungen
(Haushaltsdefizit bei maximal drei Prozent vom BIP, Staatsschulden bei
maximal 60 Prozent vom BIP) zu entsprechen. Gleichzeitig wurde bekannt,
dass auch Portugal, Spanien und Italien ähnliche Probleme haben – die
gesamten Schulden dieser Länder bei den Banken können bei mehr als 1,3
Billionen Euro liegen.
Bisher
weiß niemand, was getan werden soll. Die stärksten „Motoren"
der europäischen Wirtschaft – Deutschland und Frankreich – wollen
ihre Steuerzahler nicht mit fremden Problemen belasten. Die griechischen
Behörden scheuen sich, ihre Wirtschaftspolitik zu verhärten – die
zehnprozentige Gehaltskürzung in Staatsbetrieben und das Einfrieren der
Gehaltserhöhung haben bereits landesweit Protestaktionen und
Massenunruhen ausgelöst.
Angesehene
Wirtschaftexperten wie Professor Nuriel Rubini, Finanzspekulant George
Soros und die Top-Manager der Bank Société Générale prophezeien den
baldigen Zerfall der Europäischen Union und warnen, dass jegliche Hilfe
für Griechenland dieses unvermeidliche Ende nur aufschieben werde.
Natürlich
verfolgen die Branchenkenner mit ihren Prognose, der Euro könnte „die
Krise nicht überstehen", ihre eigenen Ziele: Seit mehreren Wochen
setzen die Hedgefonds aktiv auf die Senkung des Wechselkurses der europäischen
Währung. In diesem Zusammenhang sei an die Situation im Jahr 1992
erinnert, als George Soros das Spiel um die Senkung des Pfundkurses
begann. Die britische Währung verlor damals mehr als 30 Prozent ihres
Wertes, die Bank of England musste vorübergehend aus dem
Wechselmechanismus des Europäischen Währungssystems aussteigen. Soros
wurde bei dem Spiel um eine Milliarde Dollar reicher.
Aber
in der Situation um den Euro passt der Angriff der Spekulanten durchaus
zu natürlichen Wirtschaftsprozessen. Die Tatsache, dass das vereinte
Europa auf große wirtschaftliche Schwierigkeiten gestoßen ist, ruft
keine Zweifel hervor.
Ein
Teil dieser Probleme liegt auf der Hand: Die EU-Osterweiterung war
politisch und nicht wirtschaftlich bedingt. Nach dem EU-Beitritt der früheren
Ostblock-Staaten hatte die Zahl der EU-Mitglieder um 40 Prozent, die Bevölkerungszahl
um ungefähr 35 Prozent und das BIP nur um fünf Prozent zugelegt.
Mehr
als 50 Prozent des europäischen BIPs wird in Deutschland, Frankreich,
England und den besonders entwickelten Regionen Italiens
„generiert". Eigentlich hatten die damaligen osteuropäischen Anwärter
auch kein Geheimnis aus ihrer Hoffnung gemacht, dass das „alte"
Europa die Modernisierung ihrer Wirtschaften finanzieren, bei der Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit helfen und ihre anderen Probleme lösen würde.
Vor
der Krise hatten sich die europäischen „Geber" diesen
Sachbestand gefallen lassen. Jetzt aber wehren sie sich immer heftiger
gegen die Perspektive, fremde Schulden zu begleichen und ausländische
Gastarbeiter zu empfangen.
Auch
die zahlreichen eigenen Probleme des „alten" Europas sollten
nicht ignoriert werden. Vor allem geht es dabei um die Bevölkerungsüberalterung
und die dadurch zunehmende Lasten im Sozialbereich (Renten, Sozialgelder
usw.). In Deutschland wurde beispielsweise jeder Rentner Mitte des 20.
Jahrhunderts von sieben Erwerbstätigen finanziert. Jetzt sind nur zwei
Erwerbstätige geblieben.
Der
Versuch, demographische Probleme durch die Zuwanderung von Afrikanern
und Asiaten zu lösen, scheint gescheitert zu sein. 2008 wurde im
britischen House of Lords berichtet, dass der Erlös aus der Arbeit der
Einwanderer durch die Auszahlung der vielen Sozialgelder, die zusätzliche
Belastung des Staatsapparats und durch den Anstieg der Wohnungspreise
ausgeglichen wird. Letztendlich hatte die Zuwanderung der Gastarbeiter
negative Folgen für den Lebensstandard der Stammbevölkerung und löste
soziale Spannungen aus.
Zu
den wichtigsten wirtschaftlichen Prinzipien des einheitlichen Europas
wurden einst die Marktwirtschaft und der freie Wettbewerb gezählt. Doch
den europäischen Bauern ist vom Staat der Kauf von Agrarprodukten zu
einem Festpreis garantiert. Dabei kommen die Marktmechanismen der
Preisgestaltung nicht einmal in Frage. Die Subventionen für die Bauern
sind ein kostspieliges „Vergnügen" – für die Finanzierung der
Landwirtschaft werden bis zu 50 Prozent des EU-Haushalts ausgegeben.
Schließlich
ist das „alte" Europa aus der wirtschaftlichen und
sozialpolitischen Sicht sehr unterschiedlich geartet (selbst wenn man
dabei Griechenland, Portugal und Spanien nicht berücksichtigen sollte).
Die
Untersuchungen aus der Vorkrisenzeit - 2000er Jahren - zeugten davon,
dass die Entwicklungsbedingungen für die Unternehmenswelt und die
Methoden zur Regelung des Arbeitsmarkts in Nordeuropa (Finnland,
Schweden, Dänemark, Norwegen) viel effektiver als in Mittel- und Südeuropa
sind.
Die
Arbeitsproduktivität in diesen Ländern entspricht ungefähr dem
US-Niveau, während die durchschnittliche europäische Leistungsfähigkeit
nach verschiedenen Bewertungen um 15 bis 30 Prozent unter der
amerikanischen liegt. Auch das Korruptionsniveau in Nordeuropa ist übrigens
bedeutend niedriger in Mittel- und Südeuropa.
Die
Unterschiede im Euro-Raum sind ein großes Hindernis für effektive
Strukturreformen, die die EU wohl nicht vermeiden kann. Andererseits
beginnen ernsthafte wirtschaftliche Wandlungen üblicherweise nur bei
einer ernsthaften Verschlechterung der Situation. Das bedeutet also,
dass die aktuelle Krise nicht unbedingt den Zerfall, sondern auch einen
Wandel der Europäischen Union anschieben könnte. |