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„Heimatvertriebene“
hetzen wie eh und je
Historisch“
vermintes Gebiet
BERLIN
german-foreign-policy
vom 30.08.2011 (auf
Kommunisten-online am 1. September 2011) – Der Bund der
Vertriebenen (BdV) eröffnet seine bundesweiten Veranstaltungen zum
diesjährigen „Tag der Heimat“ mit neuen Forderungen und heftigen
Attacken gegen mehrere osteuropäische Nachbarstaaten. Die
Bundesregierung müsse endlich den nationalen Gedenktag für die
„Opfer der Vertreibung“ realisieren und bei künftigen
Auslandsreisen auch BdV-Funktionäre in ihre Begleitdelegationen
aufnehmen, verlangt BdV-Präsidentin Erika Steinbach. Über die frühere
Tschechoslowakei behauptet die Bundestagsabgeordnete, das
Konzentrationslager Theresienstadt sei dort nach Kriegsende „fleißig
weiter betrieben“ worden, „auch ohne Hitler“. Steinbach verbindet
ihre Invektive mit harten Angriffen gegen die jährlichen Moskauer
Feiern zum Jahrestag des Sieges über Nazideutschland und kündigt neue
Gedenkaktivitäten ihres Verbandes an. Die Äußerungen wurden auf einer
BdV-Veranstaltung am vergangenen Samstag in Berlin getätigt, die
Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel mit Grußworten
würdigten. Sie schlagen den Ton für lokale Veranstaltungen zum „Tag
der Heimat“ an, die im kommenden Monat im gesamten Bundesgebiet
stattfinden.
Auch
ohne Hitler
Wie
BdV-Präsidentin Erika Steinbach (CDU) am vergangenen Samstag in ihrer
Rede beim Berliner Festakt zum „Tag der Heimat“ behauptete, seien
auch nach dem Sieg über das NS-Regime noch „Terror“-Praktiken in
Ost- und Südosteuropa zu beklagen gewesen. Über die Nutzung der Gebäude
vormaliger NS-Konzentrationslager zur Internierung umzusiedelnder
Deutscher, aber auch von NS- und Kriegsverbrechern äußert Steinbach in
einer Formulierung, die die Alliierten und die befreiten Staaten in die
Nähe der deutschen KZ-Verbrecher rückt: „Buchenwald und
Theresienstadt wurden fleißig weiter betrieben, auch ohne Hitler.“[1]
Die BdV-Präsidentin, die zur Zeit als Sprecherin für Menschenrechte
und Humanitäre Hilfe dem Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion angehört,
hatte bereits zum Tag der Heimat 2008 behauptet, die einst von den Nazis
überfallenen Länder Ost- und Südosteuropas seien „auch nach dem
Krieg noch“ lange Jahre „eine gigantische Sklavenhalter-Region“
gewesen.[2] Dieses Jahr fügte Steinbach in Anspielung auf die
Anwesenheit westlicher Politiker bei den russischen Feierlichkeiten zum
9. Mai - dem Jahrestag der Befreiung von der NS-Terrorherrschaft -
hinzu, sie könne „keinerlei Verständnis dafür aufbringen, wenn
demokratische Politiker an den jährlichen Siegesparaden in Moskau
teilnehmen“. Hitler und Stalin seien schließlich „Spießgesellen“
gewesen, „die sich zunächst ihre Beute genüsslich teilten, bis der
eine über den anderen herfiel“.[3] Am 9. Mai gebe es daher in
Russland nichts zu feiern.
„Wurzeln
der Vertreibung“
In
ihrer Rede kündigte Steinbach im Anschluss an die Invektiven gegen
mehrere Nachbarstaaten an, der BdV werde seinem Geschichtsbild in der näheren
Zukunft mit verschiedenen eigenen Initiativen Ausdruck verleihen. So
werde die BdV-Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ am 25. Oktober
im Deutschen Bundestag eine neue Ausstellung eröffnen und diese ab März
2012 zusammen mit den beiden Vorgängerprojekten als „Trilogie“ im
Berliner Kronprinzenpalais präsentieren.[4] In den drei Ausstellungen
wird eine Zeitspanne behandelt, die von den Ursprüngen des
„Deutschtums“ in Ost- und Südosteuropa bis zur Integration der
Umgesiedelten in der Bundesrepublik reicht. Dabei könne, behauptet
Steinbach, „der historische Kontext zum Vertreibungsgeschehen nicht
kurzsichtig und ahistorisch an den Beginn des Zweiten Weltkriegs geknüpft“
werden.[5] Stattdessen reichten die „Wurzeln der Vertreibung“ bis in
die „Mitte des 19. Jahrhunderts“ zurück. Dieser Zeitpunkt benennt
die Phase, in der sich etwa auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen
Republik Widerstand gegen die Unterdrückung der tschechischsprachigen
Minderheit im Habsburgerreich zu regen begann und - ähnlich wie im
damals zwischen Preußen, Österreich und Russland geteilten Polen -
eine nationale Bewegung nach Unabhängigkeit von den deutschsprachigen
Herrschern strebte. Steinbach zitiert den inzwischen verstorbenen
SPD-Politiker Peter Glotz: „Wer wirklich gegen Vertreibungen (...) kämpfen
will, der muss die ganze Kette der Ursachen beleuchten.“
Gemeinsam
gestalten
Steinbach
zufolge haben mehrere Staaten Ost- und Südosteuropas ihre angebliche
Schuld an der Umsiedlung der Deutschen inzwischen eingeräumt oder
zumindest Bedauern darüber ausgedrückt. Dies gelte etwa für Ungarn (german-foreign-policy.com
berichtete [6]), aber auch für die Slowakei und Rumänien. So habe das
slowakische Parlament bereits am 12. Februar 1991 eine Erklärung
verabschiedet, in der es heiße, man sei sich „bewusst, dass die
Slowakei mit der Evakuierung und nachfolgenden Vertreibung deutscher
Mitbürger“ eine „ethnische Gruppe“ verloren habe, „die über
Jahrhunderte hinweg (...) in bedeutendem Maße für die kulturelle
Mannigfaltigkeit unseres Landes sorgte“. Die Karpatendeutschen waren
nach Kriegsende umgesiedelt worden, weil sie weithin mit den Nazis
kollaboriert und sich an der Zerstörung der Tschechoslowakei beteiligt
hatten. Ohne dies auch nur indirekt zu erwähnen, hieß es 1991 in der
Parlamentserklärung: „Heute reichen wir euch allen, Zeugen früherer
Zwietracht, den Vertriebenen und ihren Nachkommen, von der Slowakei aus
freundschaftlich die Hand. (...) Lasst uns gemeinsam an der Gestaltung
der vergangenen Heimat arbeiten.“[7] Steinbach zufolge hat unlängst
der Außenminister Rumäniens bei einem Treffen aus Rumänien
umgesiedelter Deutscher eine ähnliche Erklärung abgegeben und sich
„vor den Opfern des kommunistischen Unrechts verneigt“; gemeint
waren deutschsprachige Umgesiedelte. Ähnliche Äußerungen gebe es,
bekräftigte Steinbach, aus dem Baltikum sowie aus einigen
Nachfolgestaaten Jugoslawiens.
Nicht
nur Wirtschaftsdelegationen
„Nur
einige wenige Staaten in Europa“, fuhr Steinbach vor allem mit Blick
auf Polen und auf die Tschechische Republik fort, „versperren sich
nach wie vor dem Miteinander.“ Deshalb müsse jetzt „die deutsche
Politik“ Druck ausüben. Sie „appelliere an die Bundesregierung“,
äußerte die BdV-Präsidentin, bei Reisen ins Ausland in Zukunft
„nicht nur Wirtschaftsdelegationen“, sondern „auch Vertreter der
Vertriebenen“ mitzunehmen.[8] Dies sei „gerade dann vonnöten, wenn
es sich um historisch vermintes Gebiet handelt“. Es ist unschwer zu
erkennen, dass Steinbach dabei vor allem künftige Reisen nach Warschau
und Prag im Sinne hat. Abschließend sprach sich Steinbach dafür aus,
den „Nationalen Gedenktag für die Opfer der Vertreibung“ endlich zu
realisieren; genau dies hatte der Deutsche Bundestag im Februar bei der
Bundesregierung in Auftrag gegeben. Nach wie vor ist dafür vor allem
der 5. August im Gespräch, der Tag, an dem im Jahr 1950 die „Charta
der deutschen Heimatvertriebenen“ verabschiedet wurde. In der
„Charta“ heißt es, die „Vertriebenen“ seien die „vom Leid
dieser Zeit am schwersten Betroffenen“. Ihr Schicksal sei „ein
Weltproblem, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und
Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert“.
Bundesbeflaggung
Der
diesjährige „Tag der Heimat“, den der BdV und seine Präsidentin
mit der Veranstaltung vom vergangenen Samstag einläuteten, wird
bundesweit begangen. Zahllose BdV-Landes-, Bezirks- und Kreisverbände führen
öffentliche Veranstaltungen durch, um der Flucht und der Umsiedlung
vieler Deutscher aus Ost- und Südosteuropa zu gedenken. Die Invektiven
und die Forderungen der BdV-Präsidentin schlagen den Ton an, der die für
die nächsten Wochen angekündigten Veranstaltungen im gesamten
Bundesgebiet prägt. Für den Tag der Auftaktveranstaltung, den
vergangenen Samstag, hatte das Bundesinnenministerium die Beflaggung
aller Behörden und Dienststellen des Bundes sowie sämtlicher ihnen
unterstellter Einrichtungen angeordnet. Auch die landesweiten sowie die
örtlichen Veranstaltungen zum Tag der Heimat finden in aller Regel in
enger Kooperation mit Vertretern der jeweiligen staatlichen Ebene statt
- in Anwesenheit von Landesministern sowie kommunaler Prominenz.
Weitere
Informationen zur Politik des BdV und seiner Mitgliedsverbände finden
Sie hier: Heute
ist es das Gleiche, Revisionsoffensive,
Pflichtthema
„Vertreibung“, Sklavenhalter,
Ein
Lernort, Tage
der Aggression, Die
deutsche Ostsiedlung, Auf
der Lauer, 60
Jahre Aggressionen, Weichen
für die Zukunft, Wertegemeinschaft
Europa, Geschichte
à la carte, Genauso
böse wie die Deutschen, Nürnberg
II, Die
eigentliche Provokation und Europas
Werteordnung.
[1]
Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung. Rede der Präsidentin
Erika Steinbach MdB zum Tag der Heimat in Berlin, 27. August 2011
[2] „Erinnern und Verstehen“. Tag der Heimat 2008. Rede der Präsidentin
Erika Steinbach MdB am 6. September 2008. S. dazu Sklavenhalter
[3] Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung. Rede der Präsidentin
Erika Steinbach MdB zum Tag der Heimat in Berlin, 27. August 2011
[4] zu den beiden ersten Ausstellungen („Erzwungene Wege“, „Die
Gerufenen“) s. Die
Perspektive der Täter und Die
deutsche Ostsiedlung
[5] Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung. Rede der Präsidentin
Erika Steinbach MdB zum Tag der Heimat in Berlin, 27. August 2011
[6] s. dazu Ein
besonderes Verhältnis und Das
deutsche Blutsmodell (I)
[7], [8] Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung. Rede der
Präsidentin Erika Steinbach MdB zum Tag der Heimat in Berlin, 27.
August 2011 |