|
Was
ist in der Welt wichtig? oder
Von
angeblichen Bergarbeitertöchtern, Heiligen und einer Warschauer
Politposse um einen Elektriker
Von Günter
Ackermann
Kommunisten-online vom 2. Mai 2011 – Drei
Ereignisse der besonderen Art prägten diese Woche vor dem 1. Mai 2011:
1.
eine britische Bergarbeitertochter bekam ihren Traumprinzen,
2.
der wegen seiner vielen Reisen einst eilige Vater wurde posthume zum
heiligen Vater ernannt und
3.
ein Elektriker reist nach Nordafrika.
Beginnen
wir mit dem wichtigsten Ereignis folgt
man der Priorität der Medien – die
Bergarbeitertochter und ihr Traumprinz.
Die
Bergarbeitertochter und ihr Traumprinz
Sehen
wir uns doch alles etwas genauer an. Dass der Traumprinz der zukünftige
König der Briten ist, setze ich als bekannt voraus. Seine Gemahlin, die
Urenkelin eines armen Kumpels, tief im Schacht vor Kohle, ist allerdings
eine Legende. Die Schwiegereltern des zukünftigen King nagen keineswegs
am Hungertuch, sie sind stinkreich. Wenn der Traumprinz seine
Traumprinzessin vom gemeinsam besuchten Eliteinternat her kannte,
so ist es wohl auch im Königreich der Oma des Prinzen nicht üblich,
dass Bergarbeiter ihre Töchter auf Eliteinternate schicken.
Warum
aber dieser ganze Zirkus? Eigentlich gibt es nichts Unwichtigeres als
die Tatsache, dass ein gewisser Willi Windsor ein Fräulein Kate
Middleton ehelicht. Na und? Was ist dran so wichtig? Nichts!
Aber,
dass sich die Briten eine Monarchie leisten, hat nichts damit zu tun,
dass dort die Uhren im Feudalismus stehen geblieben sind. Wir erinnern
uns: England war das erste Land, in dem sich der Kapitalismus
entwickelte. Die Monarchen haben nicht
die Aufgabe die praktischen Regierungsgeschäfte zu erledigen. Das
machen andere. Aber sie verkaufen den Staat des Kapitals als etwas über
den Parteien stehendes, der für alle da ist, hat Gemeinwohl aller im Sinn. Und dafür steht
fürs gemeine Volk die Monarchie, sie soll die wahren
Herrschaftsstrukturen verschleiern.
Prunk,
mit goldener Kutsche, Kronjuwelen, Paläste, Prinzen und Prinzessinnen
sind da sehr hilfreich. Für einen künftigen König gehört es sich
dann auch, einen Medienrummel zu entfachen, wie er vergangene Woche über
uns herein brach.
Der
englische Willi Windsor wurde auch uns verkauft als Beispiel eines Märchenprinzen
eines ach so menschlichen Staates. Wenn wir bei uns schon nicht mehr so
was haben, so doch bei den befreundeten Briten – und das ist ja auch
was. Und das alles lässt sich auch noch Gewinn bringend verwursten.
Denn die Medien dürften das ja nicht für lau übertragen, es wurde kräftig
abkassiert.
Vom einst eiligen Vater zum posthum heiligen
Vater
Man
fragte sich, woher der Papst Johannes Paul II. bei seinen vielen Reisen
immer genau wusste, wo er war. Wenn er irgendwo ankam, fiel er
bekanntlich auf den Boden und küsste diesen. Böse Zungen behaupteten,
dass der Papst den Boden nicht geküsst, sondern abgeleckt und am
Geschmack das Land erkannt habe.
Wie
dem auch sei. Als er das erste Mal nach Deutschland kam, wurde eine
Kollekte für Afrika gesammelt. Es kamen Millionen zusammen – das Geld
aber schimmelte noch Jahre auf den Konten der Vatikan-Bank und gelangte nicht
dahin, wo es hin sollte. Schließlich regte sich darüber sogar die
katholische Caritas auf.
Die
Kirche hatte es also nicht so eilig, Hilfsgelder den Bedürftigen
zukommen zu lassen. Das wiederum ist irgendwie auch klar. Als Papst Karol
Józef Wojtyła dann nach Afrika reiste, verkündete
er den Menschen dort, sie dürften keine Kondome nehmen, das sei Sünde,
sie sollten einfach auf Sex verzichten. Dass in Afrika AIDS grassiert,
wie sonst nirgendwo, war unwichtig. Und das auf einem Kontinent, wo die
Menschen so bitterarm sind, wie sonst nirgendwo auf der Welt, wo die
teuren AIDS-Medikamente für sie unbezahlbar sind.
Sex,
so verkündete er, ist nur zur Befruchtung da, nicht zur
Lustbefriedigung. Wer Sex ausübt zum Lustgewinn. begeht eine Sünde.
Diese
skurrile Lehrmeinung stößt hier bei dem meisten Menschen auf verständnisloses
Lachen, vielleicht auch Kopfschütteln, jedenfalls hält sich niemand
daran – auch kein Katholik. In Ländern der 3. Welt ist das nicht so
und dessen musste er sich bewusst sein. Wenn er den Gebrauch von
Kondomen verbietet, tötet er diese Mesonchen.
Der
gute Vater, der durch die Welt düst, ist offenbar gar nicht so gütig.
Das
zeigte sich auch bei seiner Reise nach Lateinamerika. Damals regierte in
Chile noch die Militärjunta unter Pinochet. Papst Wojtyła
war sich nicht zu schade, dem Massenmörder Pinochet seine Reverenz zu
erweisen und er predigte in dem Stadion von Santiago, in dem nach dem
Putsch die Gegner der Putschisten festgehalten, gefoltert und ermordet
wurden. Der Papst verlor darüber kein Wort.
Das
sind moderne Heilige – pardon: Selige. Aber Selige unterscheiden sich
ja nur von den richtigen Heiligen, dass die Seligen regionale Bedeutung
haben. Wie regional zeigte sich gestern: Es wurde zum Medienspektakel
hochgejubelt, vergleichbar mit der Inszenierung seines Todes vor ein
paar Jahren.
Sein
größter Verdienst war die Überwindung des Kommunismus, sagt man. Dass
er Antikommunist war, ist klar, das ist auch sein Nachfolger und alle
seine Vorgänger waren es. Pius XII. hat sich dabei sogar mit Hitler
eingelassen.
Gehen wir zum Schluss noch kurz auf die
peinliche Lobhudelei z.B. von Wikipedia ein:
„In seiner Kindheit war Wojtyła sehr
sportlich und spielte oft Fußball als Torwart. Er war auch ein Fan des
polnischen Clubs Cracovia Krakau. In seinen prägenden Jahren wurde er
durch zahlreiche Kontakte mit der lebhaften und blühenden Jüdischen
Gemeinde in Wadowice beeinflusst. Oft wurden Fußballspiele in der
Schule zwischen einem jüdischen und einem katholischen Team
organisiert. Karol Wojtyła spielte oft freiwillig als Torwart beim
jüdischen Team, wenn dieses nicht genug Spieler hatte.“
Ist
das nicht rührend? Ein zukünftiger Papst – und Heiliger – hält
die Schüsse der Christen im Tor der Juden beim Spiel Christen gegen
Juden. Allein das reicht zum Heiligen – wenn es denn stimmen würde.
Tatsache
ist, dass die polnische katholische Kirche extrem antijüdisch gesinnt
ist – noch heute. So versuchte Lech
Wałęsa bei der Präsidenwahl
1990 – mit Unterstützung von Klerikern – Punkte gegen seinen
Mitbewerber um das Amt, Tadeusz Mazowiecki, zu gewinnen, indem er ihn in
verleumderischer Absicht unterstellte, Jude zu sein.
Umso mehr damals. Als der Sohn des
Schneiderleins angeblich jüdische Fußballtore gegen christliche
Angreifer schützte, war der polnische Oberpriester, der Primas von
Polen, August Hlond, da ganz anderer Meinung.
Hlond
veröffentlichte 1936 einen
Hirtenbrief in dem er den Juden vorwarf, die Kirche zu bekämpfen und
den Atheismus und Bolschewismus zu verbreiten. Er warnte vor dem
schlechten Einfluss jüdischer Schulen und sprach sich für einen
Boykott jüdischer Geschäfte aus. Und:
„Problem
der Juden wird bestehen, solange Juden Juden bleiben.“
Als
es nach dem 2. Weltkrieg, im Juli 1946, in der Stadt Kielce zu einem
Pogrom kam, bei dem insgesamt
43 Menschen ermordet und achtzig verletzt wurden, stellte sich Hlond vor
die Mörder und meinte, daran seien die Juden selbst Schuld.
Der
jetzt selige damalige Fußballer mag im jüdischen Tor gestanden haben,
aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Es ist kein Hinweis darauf,
dass Papst Johannes Paul Nummer Zwei die Ansichten des Hlond abgelegt
hat. Schon allein die Tatsache, dass er eben jenen Judenfeind Hlond
selig sprechen wollte, zeigt das. Nur massive Proteste von jüdischer
und nichtjüdischer Seite verhinderten es.
Ich
hab’s mir am 1. Mai nicht angetan, dieses widerliche Hokupokus mit
Leiche anzusehen. Das, was ich in der Tagesschau sah, war mehr als
widerlich. Da holt man eine verfaulte Leiche aus dem Grab, stellt den Sarg
offen aus, zeigt eine Ampulle des Blutes des Toten – einfach Ekel
erregend.
Der
1. Mai hat eine andere Bedeutung aber nicht die, eines verfaulten
Oberpriesters. der schon vor Jahren medienwirksam abgetreten und längst
verwest ist. Aber für eine Propagandashow ist ja alles recht –
Mittelalter lässt grüßen.
Ein
Elektriker reist nach Nordafrika
Das
polnische Außenministerium hatte eine grandiose Idee:
Da
die Revolutionen in den arabischen Ländern dümpeln vor sich hin und führen
nicht zur wahren westlich-kapitalistischen Freiheit. Da muss man doch
was machen können, das mächtiger ist, als Gewehre, Panzer und Kanonen.
Mag England Bomber schicken, Deutschland Geld, sie, die Polen, haben
eine wahre Wunderwaffe im Dienste der Freiheit: den Elektriker.
Das
dachte man sich im polnischen Außenministerium und schickte den Elektriker.
Nicht irgendeinen, sondern des Lechek, den legendären Lech
Wałęsa. Der scheint zu einem Exportartikel aufgebaut zu
werden. Im Inland bewegt er kaum noch einen Hund hinter den Ofen hervor,
aber vielleicht bei den Beduinen.
Damals.
1981, ich war deutscher Student in
Polen, erlebte ich das, was Lech
Wałęsa berühmt machte: die Gewerkschaft Solidarność.
Sie
war die spontane Reaktion der polnischen
Arbeiterklasse auf die verrottete PVAP (Polnische Vereinigte
Arbeiterpartei), die damals noch von Edward Gierek geführt wurde.
Wohl keine regierende ehemals kommunistische Partei hat so
konsequent den Weg der
Entartung beschritten, wie die PVAP seit Giereks Vorgänger Gumulka. Als
damals die Wirtschaft durcheinander geriet, schob es Gomulka auf die
Juden und entfachte eine antijüdische Kampagne. Das ging natürlich
schief und Gomulka musste gehen. Gierek drehte die Schraube der
Entartung noch höher. Die Partei degenerierte zum reinen
Karriereverein.
Das
Land lebte auf Pump, man betrieb Wechselreiterei und irgendwann platzte
die Blase. Zunächst geriet die Versorgung ins Schlingern. Eigentlich
nur die Versorgung der normalen Menschen brach zusammen. In riesigen
Supermärkten fand man auf einmal nur noch leere Regale. Wer Geld, vor
allem Devisen, hatte, musste weder in der Schlange stehen, noch litt
Mangel. Auf dem freien Markt gab es alles – zu maßlos überhöhten
Preisen.
Die
Arbeiter, die weder genug
polnisches Geld und schon gar nicht Devisen hatten, wurden sauer. Nicht
nur einfach Brot und Brötchen, Heizung und Strom, Butter, Fleisch, Süßwaren
usw. waren knapp und nur zu unbezahlbaren Preisen „na lewo“
(schwarz) zu bekommen, sogar Bücher, Toilettenpapier, Schreibhefte für
Kinder. Hausgeräte, Textilien usw. waren aus den Regalen verschwunden.
Wer es sich leisten konnte, hatte aber genug davon und das waren eben
nicht die Arbeiter.
Aus
der Unzufriedenheit wurde dann Rebellion. Die bereitete sich von Gdansk
über ganz Polen aus.
Auf
einmal war der Name Lech Wałęsa
in aller Munde. Wer aber genau hinsah und hin hörte, merkte bald, der
große Held ist der liebe Lech keineswegs. Eher ein Simpel. Aber kaum
einer sah hin. Lech Wałęsa erklärte, mitten in einer
Streikwelle im November 1980, man wolle aus Polen ein Land wie Japan
machen. Nun, große, aber leere Worte sind sein Markenzeichen.
Die
PVAP wurde der Entwicklung nicht Herr und nur die Ausrufung des
Kriegsrechts stabilisierte alles – erst einmal. Tatsächlich aber war
es nur der letzte Nagel zum Sarg.
Mit
der Entwicklung in der Sowjetunion unter Gorbatschow wurden dort auch
die letzten Reste von Sozialismus verraten – die PVAP trat ab. Der
letzte Präsident der Volksrepublik Polen, Wojciech Witold Jaruzelski,
der vorher sogar Parteichef der PVAP gewesen war, erblödete sich 1989.
indem er sagte, er sei Präsident aller Polen.
Sein
Nachfolger wurde dann eben jener Lech Wałęsa, vormals
Elektriker auf der Lenin-Werft in Gdansk, dann Vorsitzender der
Gewerkschaft Solidarność und
von westlichen Medien und Politikern zum Superstar hochgejubelt. Auch
die katholische Kirche beteiligte sich – wenn auch mit offenkundigen
Eigeninteresse – am Kult um Wałęsa.
Wałęsa war nicht nur ein guter Werbeträger für die
Konterrevolution, er war darüber hinaus auch eine Art fromme Litfasssäule:
Er lief immer mit einem Button herum, der die Schwatze Madonna von Częstochowa
– ersatzweise auch den Papst – zeigte.
Im Schlepptau war immer ein Pfaffe.
Das
geht offensichtlich darauf zurück, dass der liebe Lech schon in der
Zeit als Gewerkschaftsvorsitzender mit Redeverbot seines Verbandes
belegt worden war. Der hatte nämlich einige Böcke geschossen, über
den nicht nur viele Polen lachten. So erklärte er 1981 in Italien einer
Journalistin auf die Frage, welches Buch er zuletzt gelesen habe, dass
er noch nie ein Buch gelesen habe. Eine Unmöglichkeit in Polen, ein
Land in dem alle gern Bücher lasen. Deshalb waren die Menschen auch
sauer auf den Umstand, dass selbst Bücher damals Mangelware waren.
Lech
Wałęsa bekam also einen zur Seite gestellt, der sprechen
durfte, während der Vorsitzende schweigen musste. Ich glaube es war
Jacek Kuron.
Als
Wałęsa Präsident der Republik Polen war, erschien es mir, das
Land sei rabenschwarz geworden. So jedenfalls war der erste Eindruck. Wenn man
das Radio anmachte, sprach ein Schwarzkittel, desgleichen im Fernsehen.
Man sehe sich mal K-TV an, genau so war damals das offizielle Fernsehen
in Polen. Ich sagte damals, das polnische Fernsehen unterschiedet sich
von dem des Vatikans nur darin, das in Polen neben den Schwarzkitteln
auch der Devier-Clan läuft.
Die
Inflation eskalierte damals. Bei einem Ferienaufenthalt dort lernte ich
mit Millionen beim Einkauf rechnen. Und der Präsident wurde immer mehr
entzaubert. Autoaufkleber wurden beliebt des Inhalts, man schäme sich
seinetwegen oder man verwandte einen Versprecher um sich über ihn
lustig zu machen.
Sein
Bock, den er im Buckingham-Palast schoss, wurde international bekannt.
Der Präsident-Elektriker dozierte vor der verblüfften Queen über die
Elektroinstallation ihres Palastes und er baute eigenhändig Steckdosen
aus.
Der
also soll im Auftrag des polnischen Außenministers den Arabern die
wahre Revolution und Demokratie bringen. In Tunis war er schon, aber außer
einem Höflichkeitsempfang beim amtierenden Präsidenten – also einer
Art Quasi-Jaruzelski – wollte sich niemand die Erkenntnisse des Ex-Präsidenten
und Ex-Elektrikers über Revolutionen anhören. Aber manchmal muss man
die Menschen auch zum Glück zwingen – was derzeit im Nachbarland
Libyen versucht wird. Aber da war der Elektriker auch noch nicht.
Ob
Lech Wałęsa zu Fuß über die Grenze tritt um so als
Freiheitsbringer auf zwei Beinen aufzutreten oder ob er im Flugzeug
fliegend über Tripolis abspringt, ist mir nicht bekannt. Auch nicht, ob
er den alten Button der Jungfrau Maria von Częstochowa
wieder ans Revers steckt und ob ihm sein Beichtvater folgt, weiß ich
auch nicht. Aber er sollte vorher zum Grab vom neuen
Schmalspur-Heiligen, dem seligen Karol
Józef Wojtyła, pilgern. Dessen eben erst vom Amtsnachfolger erneut
bestätigte gute Beziehung nach ganz oben, wird der liebe Lech gut
brauchen können.
G.A.
|