|
Kapitalistische
Justiz
von
Anna Heinzberger
Zuweilen
kommt die Justiz ins Blickfeld wegen des ein oder anderen
Gerichtsverfahrens oder Urteils. So auch jetzt wegen des Todesurteils
gegen den irakischen Präsidenten Saddam Hussayn. Überwiegend bleibt das
Tun der Justiz jedoch unbehelligt von breiter öffentlicher Kritik.
Die
Inhalte der meisten Artikel linker Autoren, die das Verfahren gegen den
irakischen Präsidenten behandeln, thematisieren richtig den unfairen
Prozess, die willkürliche Richterauswahl durch die Besatzer oder deren
Handlanger, die Voreingenommenheit der Richter und die grundsätzliche
Illegalität des Gerichts, selbst nach bürgerlichen Rechtsnormen, von
Beginn an. Der Bezugsrahmen in diesen Artikeln beschränkt sich auf den
jeweiligen Fall und stellt ihn als eine Farce dar. Mir ist kein Artikel
bekannt, der einen Hinweis auf die grundsätzliche Rolle der Justiz im
kapitalistischen Herrschaftssystem im Allgemeinen oder einen Hinweis auf
die Rolle der Justiz in der Epoche des Imperialismus geben würde.
Vielleicht
halten die Autoren solche Hinweise im Rahmen des Artikels für überflüssig,
oder sie erkennen die Rolle der Justiz nicht. Jedenfalls tun sie so, als
existiere das Rechtsprechungssystem unabhängig von den
Herrschaftsstrukturen und den Interessen der kapitalistischen
Ausbeuterklasse. Sie kommen dann auch regelmäßig zu dem Ergebnis, dass
sie von der kapitalistischen Klassenjustiz fordern nach den
Buchstaben der bürgerlichen Gesetze zu verfahren. Der
Klassencharakter der bürgerlichen Gesetze selbst und die Rolle der Justiz
darin wird nicht hinterfragt.
Besonders
die Deutschen besitzen eine ausgeprägte Gläubigkeit in die Justiz und
Rechtsprechung. Bei jeder Gelegenheit beruft man sich auf Gesetze und
richterliche Entscheidungen.
Das
führt dazu, dass die meisten Menschen die Funktion der Justiz nicht
erkennen und die Handlungen anderer Herrschaftsorgane der Bourgeoisie
nachträglich den Anschein einer Legitimation erfahren. Die Justiz selbst
wird nicht angetastet. Ihr wird sozusagen der „Heiligenschein“
gelassen. Dabei führt sie jedoch ebenso wie Regierung und Parlament nur
verschiedene Funktionen für die Diktatur der Bourgeoisie aus.
Es
erstaunt immer wieder, wie wenig diese Funktionen der Justiz hier
thematisiert werden. Immerhin hat die deutsche Bevölkerung die
historische Erfahrung der faschistischen Diktatur mit seinen Gerichten,
Sondergerichten und der faschistischen Rechtsprechung durch diese hinter
sich.
Die
faschistische Justiz überlebte selbst das offensichtliche Unrecht der
Nazidiktatur praktisch unbeschadet. Der komplette Justizapparat, der einer
umfassenden terroristischen Repression diente, wurde in die Strukturen der
restaurierten westdeutschen Bourgeoisieherrschaft integriert. Er brauchte
sich nicht einmal umzustellen. Er dient weiter der umfassenden Unterdrückung
des Proletariats.
Die
Repression findet täglich in den Gerichten statt. Dabei macht es keinen
Unterschied, ob es sich um ein Amtsgericht, Arbeitsgericht, Sozialgericht,
Strafgericht, Landes- oder Bundesgericht usw. handelt. Lediglich der Grad
der Repression variiert. Selbst wenn sie die bürgerlichen Gesetze korrekt
anwenden, sprechen sie „Recht“ auf der Basis der Gesetze, die von der
herrschenden Ausbeuterklasse gegen das Proletariat geschrieben wurden.
In
der Öffentlichkeit wird die alltägliche Repression nicht wahrgenommen.
Nur bei herausgehobenen Fällen (z.B. Saddam Hussayn oder Milosevic) kommt
eine Diskussion auf. Insofern sind diese Fälle durchaus nützlich, weil
sich an ihnen die spezifische Rolle beschreiben lässt, die von der Justiz
erfüllt wird.
1949
gab sich die deutsche Bourgeoisie selbst einen juristischen Rahmen im sog.
Grundgesetz.
Die BRD hat sich nach der Restauration des Kapitalismus mittlerweile
wieder zu einem imperialistischen Land entwickelt. Daraus ergibt sich für
den Bereich der Rechtsnormen, dass der deutschen Ausbeuterklasse der
juristische Rahmen, den sie sich 1949 selbst gab, inzwischen an vielen
Stellen hinderlich ist. Die räuberische Expansionsnotwendigkeit des
Imperialismus wird zu sehr eingeengt.
Die
aggressivsten politischen Marionetten der Imperialisten jedoch, scheuen
sich schon nicht mehr davor, ganz offen verfassungsfeindliche Forderungen
in aller Öffentlichkeit zu verkünden.
Sie
handeln bereits gegen die eigene bürgerliche Verfassung und die Gesetze.
Sie warten die Absegnung solcher Forderungen durch den Bundestag erst gar
nicht mehr ab. Lediglich die Sorge, dass sich die Machtverhältnisse ändern
könnten lässt sie seufzen. Dann wäre nicht auszuschließen, dass sie
doch noch für ihre Verbrechen vor Gericht stehen. Der Seufzer ist
unausgesprochen gleichzeitig das Geständnis ihrer gesetzwidrigen Taten,
die sie wissend und systematisch begehen.
Für
die Beurteilung der Rolle der Justiz im Imperialismus ergibt sich daraus,
dass sie nicht einmal die bestehenden kapitalistischen Rechtsnormen
durchsetzt, wenn es den Imperialisten nicht in den Kram passt. An zwei
Beispielen soll versucht werden diesen Sachverhalt zu beschreiben.
Der
Fall Khaled al
Masri machte Schlagzeilen und sollte politisch
Interessierten bekannt sein. Es geht um Entführung, und Folter durch
Staatsorgane (CIA) der verbündeten imperialistischen Führungsmacht USA.
Die Fakten sprechen für eine Mitwisserschaft wenn nicht gar
Mitbeteiligung an dem Verbrechen von höchsten deutschen Regierungsstellen
und besoldeter deutscher Beamter am Tatort.
Die
Taten sind bekannt! Das Opfer ist bekannt! Die Organisation der Täter ist
bekannt! Die verdächtigen mutmaßlichen besoldeten Mitwisser oder
Beihelfer sind bekannt!
Bei
den Taten handelt es sich um sog. Offizialdelikte,
die von der Staatsanwaltschaft zu verfolgen sind. Doch nichts geschieht.
Die Staatsanwaltschaft macht keine Anstalten in diesen Verbrechen zu
ermitteln. Den Imperialisten und ihren Marionetten passen die Verdächtigen
nicht in den Kram. Sie haben keinerlei Interesse daran sich selbst vor
Gericht zu stellen. Es scheint ihnen wohl ratsam erst gar keine
Ermittlungen aufzunehmen.
Der
Angriffskrieg der NATO auf Jugoslawien war grundgesetzwidrig und völkerrechtswidrig.
Die Gesetzestexte enthalten auch keine Ausnahmeregelungen für
Angriffskriege, die angeblich ein humanitärer Einsatz sind.
Auf
Befehl der deutschen Regierung wurde mitgebombt und mitgemordet. Bis heute
ebenfalls keine Ermittlungen der angeblich unabhängigen Justiz.
Es
offenbart sich die ganze „Unabhängigkeit“, „Gesetzestreue“ und
„Glorie“ der Justiz. Ihr „Heiligenschein“ löst sich in Nichts
auf. Die eigenen bürgerlichen Gesetze scheinen nicht zu existieren.
Diese
Vorzugsbehandlung durch die Justiz erfahren jedoch nur Imperialisten und
ihre Helfer.
Es
ist nicht damit zu rechnen, dass die Justiz auch bei Meier und Schulze untätig
bleibt, sollten diese ihrem Nachbarn mal eben dabei behilflich sein ein
paar Leute auf dessen Grundstück aus humanitären Gründen etwas zu
foltern und vom Leben zum Tod zu befördern. Es wird ihnen auch nichts
helfen, wenn sie versichern, dass sie sich von den Leuten bedroht fühlten,
und der Nachbar glaubhaft darlegte, dass die Leute ihn vom Grundstück
vertreiben wollten.
Gemessen
an ihrer eigenen Ideologie und Rechtsbegriffen ist die Justiz der jeweiligen
imperialistischen Länder einfach nur lächerlich und verlogen.
Gemessen
an einer marxistischen Betrachtung ist
sie einfach nur ein Organ der jeweiligen Ausbeuterklasse zur Durchsetzung
und Absicherung ihrer Herrschaft.
Um
diesen Zusammenhang zu erkennen und zu begreifen ist kein Jurastudium
erforderlich. Es genügt eine wache Betrachtung der Realität. Vielleicht
ist das Studium notwendig um wortreich und für das Proletariat unverständlich
zu beschreiben, warum die Justiz einen Anlass für Ermittlungen nicht
erkennt.
Auf
diesen grundsätzlichen Sachverhalt sollte in Artikeln schon mal ein
Hinweis erfolgen. Das gilt auch für den Prozess gegen den irakischen Präsidenten
Saddam Hussayn. Es würde der verbreiteten irrigen Auffassung
entgegenwirken, dass in der BRD noch ein - wenigstens nach bürgerlichen
Kriterien - funktionierendes Rechtssystem existiert.
Es
ist grundsätzlich eine Klassenjustiz, nicht nur eine „Sieger“justiz
im Irak oder wie in Den Haag gegen Milosevic. Der Begriff Siegerjustiz ist
eher geeignet Klassencharakter und Funktion der Justiz zu verschleiern,
als dass er Klarheit schafft.
Der
nahtlos übernommene braune Abschaum hat zusätzlich seine Stempel in
Ideologien und Denkmustern der Justiz seit Jahrzehnten hinterlassen.
Der Imperialismus erzeugt aus der ursprünglich bürgerlich-kapitalistischen
Rechtsprechung, die dem Proletariat noch ein erträgliches Dasein ermöglichte,
ganz folgerichtig eine Gesetzgebung und Rechtsprechung, die zu einem
terroristischen Werkzeug gegen das Proletariat wird.
Wir
befinden uns bereits mitten in dieser Entwicklung. Hartz, Überwachung,
Bundeswehreinsatz im Ausland sind schon verwirklichte Mosaiksteine. Der
Bundeswehreinsatz im Inneren wird bereits geprobt. Unterdrückung von
Meinung und Kritik erproben die Imperialisten derzeit in Tschechien
mittels Verbot des kommunistischen Jugendverbands. In der BRD wird bei
Bedarf das Berufsverbot bemüht.
Da
hilft kein Ermahnen, Bekehren und Fordern. Der Augiasstall
muss, einschließlich des darin befindlichen Schwarzwilds,
ausgeräumt werden.
Diese
Aufgabe wird das Proletariat erst nach der Revolution anpacken können,
dann aber hoffentlich gründlich.
Anna
Heinzberger
|