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Käfighaltung
für die Antifa
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Unverhältnismäßiger
Polizeieinsatz gegen Neonazigegner am vergangenen Wochenende in Köln.
Hunderte in Kesseln und Gefangenensammelstellen. Busanreise behindert
Von
Lothar Bassermann
jungeWelt
vom 25. September 2008 – Wenige Tage nach der Verhinderung des von
»Pro Köln« in der Rheinmetropole angekündigten rassistischen »Anti-Islamisierungskongresses«
(jW berichtete) am vergangenen Wochenende wird die Einsatzleitung der
Polizei scharf kritisiert. So wirft die Linke.NRW in einer Erklärung
vom Mittwoch den Beamten bei ihrem Einsatz »die Mißachtung
grundlegender Freiheitsrechte« vor und fordert »lückenlose und
schnelle Aufklärung«.
Beklagt
wird insbesondere die zeitweise Inhaftierung von rund 500
Gegendemonstranten »in viel zu kleinen und offenen Käfigen« einer
Gefangenensammelstelle – unter ihnen nach Angaben von Spiegel online
drei Kinder und 72 Jugendliche. Obwohl das Kölner Amtsgericht bis in
die Nacht besetzt war, seien der dortigen Richterin nur sechs Personen
vorgeführt worden. »Beim Rest wurde schlichtweg die Verfassung mit Füßen
getreten«, heißt es in der Erklärung weiter. Inhaftierte berichteten
laut Spiegel online, die Polizei habe teilweise 30 Menschen in Käfigen
von 36 Quadratmetern zusammengepfercht, andere seien stundenlang in den
Bussen festgehalten worden. Ein Gang auf die Toilette oder ein Anruf bei
den Eltern sei untersagt worden. Nach einem Bericht des »Bündnisses
gegen Pro Köln« wurde die letzte Minderjährige erst um 1.30 Uhr aus
der Gefangenensammelstelle freigelassen. Der Rest der Gefangenen sei
erst zwischen fünf und acht Uhr morgens entlassen worden.
Abgesehen
hatten es die Beamten auch auf Antifaschisten, die aus anderen Städten
per Bus nach Köln gereist waren. Wie Schwerverbrecher wurde
beispielsweise eine Gruppe aus Berlin behandelt, die Köln bereits am
Freitag erreichte, um dort am Abend an einer Demonstration des
antifaschistischen »Ums Ganze«-Bündnisses teilzunehmen. Kurz nachdem
ihr Bus gegen 18 Uhr die Stadt erreichte, durchkämmten Beamte aus zwei
Hundertschaften der Landespolizei mit Unterstützung von Kollegen des
Berliner Landeskriminalamtes über drei Stunden den Bus. Eine Teilnahme
an der Demonstration war den Insassen folglich nicht mehr möglich.
Bei
ihrer Razzia zeigten sich die Beamten recht kreativ: Stöcke mit Fahnen
wurden zu Schlagwaffen erklärt und beschlagnahmt. Der Schutzhelm eines
Fotografen mußte als Uniformierung herhalten. Der Journalist wurde
festgenommen, obwohl er sich als solcher auswies. Ein Antifaschist wurde
wegen Mitführens von Silvesterfeuerwerk inhaftiert. Zudem seien alle
Businsassen zunächst gefilmt und anschließend in Polizeiwagen geführt
worden. Jeweils drei Beamte durchsuchten jeden von ihnen,
protokollierten Kleidungsmarken und erstellten Bewegungsprofile.
Unter
den Beamten war nach jW-Informationen auch Rouven K., der als
Zivilbeamter bereits durch einen umfangreich dokumentierten brutalen
Schlagstockeinsatz bei einer Demonstration gegen das Berliner
Bundeswehrgelöbnis im Jahr 2005 aufgefallen war. Aus Polizeikreisen war
nach der damaligen Prügelattacke zu erfahren, daß K. in den
Innendienst versetzt worden sein soll und die LKA-Ermittlungsgruppe
gegen »linke Straftäter« habe verlassen müssen.
Nach
Ende der Prozedur am Freitag abend teilte man allen Businsassen mit, daß
sie sich wegen ihres »unfriedlichen Charakters« bis zum späten
Samstag abend nicht in der Kölner Innenstadt aufhalten dürften und
andernfalls in Gewahrsam genommen würden. Mehrere Betroffene kündigten
jW gegenüber an, gegen den Polizeieinsatz juristisch vorzugehen.
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Zwölf
Stunden ohne Rechte -
ein
Augenzeugenbericht
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Interpool.tv
vom 21. September 2008 – „Ich will hier durch“, sagte ich zu
einem jungen Polizisten. „Hier ist jetzt kein Durchkommen“,
erwiderte er schroff. „Warum ?“ fragte ich. „Ist halt so“,
lautete seine Begründung. „Warum halten sie mich jetzt hier fest ?“
fragte ich. „Finden sie sich einfach damit ab, dass sie jetzt hier
genauso viele Rechte haben, wie alle anderen auch. Nämlich gar keine!
Finden sie sich damit ab, dass wir ihnen die Freiheit geraubt haben.“
Mit diesen Worten drehte er sich kurz zu seinen Kollegen und schaute
danach starr in die Menge der Demonstranten.
Es
war etwa 15 Uhr.
Ich
setzte mich in die Sonne, las eine „taz“, die mir zuvor ein
Demonstrant geschenkt hatte. Die Eingekesselten waren ruhig, fanden sich
erstmal mit der Situation ab. Dass wir Stunden später in Käfige
eingesperrt werden sollten, hatte sicherlich zu diesem Zeitpunkt noch
niemand gedacht. Immer wieder gingen die Demonstranten zu den
Polizisten, um zu fragen, wie lange sie noch eingekesselt bleiben
sollen. Die Polizisten schüttelten die Köpfe. „Wissen wir nicht“,
sagten die Herren und Damen in grün. „Können sie mir dann mal bitte
erklären, mit welcher Begründung mich hier festhalten“, fragte eine
Duisburgerin, die sich ursprünglich auf dem Weg zum Kölner Bahnhof
befand und dann eingekesselt wurde. Ein Polizist schaute sie an, schob
seine Polizeimütze hin und her. Er überlegte. „Sie waren einfach zur
falschen Zeit, am falschen Ort.“ „Das ist keine Argumentation“,
sagte sie wütend. „Worin ist das Festhalten begründet ?“ wollten
sie wissen
Ein
älterer Polizist meldete sich zu Wort: „Irgendjemand in dieser Gruppe
hat eine Straftat begangen. Und denjenigen wollen wir nun finden.“ Er
zuckte mit den Schultern. „Mehr kann ich ihnen auch nicht sagen. Ich führe
hier nur Befehle aus.“
Etwa
eine Stunde später wollte das erste junge Mädchen auf Toilette.
„Kann ich mal auf Klo?“ fragte sie die Polizisten sichtlich nervös.
„Wir kümmern uns darum“, war die nüchterne Antwort der Beamten.
„Ich muss aber mal. Ganz dringend“, fuhr sie fort. Der Beamte zuckte
mit den Schultern. Das Mädchen ging zu einem der zwei Sanitäter, die
sich auch im Kessel befanden. Sie durften auch nicht durch die
Polizeiabsperrungen gehen. „Die wollen mich nicht auf Klo lassen.“
erzählte das Mädchen dem Sanitäter aufgebracht. „Das ist Nötigung“,
stellte der Sanitäter fest. Es war ein großer junger Mann mit braunen
Haaren, der bereits seit drei Jahren als Sanitäter arbeitet. Während
die Männer in eine Häuserecke pinkelten, die sich genau neben einer
der Polizeiabsperrungen befand, behalfen sich die Frauen mit einem
selbstgebauten Klo aus Transparenten. Toilettenpapier erhielten sie von
den Sanitätern. Aus der Häuserecke stank es.
Um
16.34 stellte die Polizei Gitter auf, die vorher antransportiert wurden.
Die Straße war nun endgültig dicht. Eine Polizistin sprach durch den
Lautsprecher: Sie forderte die Demonstranten auf, die Versammlung aufzulösen.
Dreimal. „Ihr seid ja witzig“, rief ein junger Demonstrant und ging
auf die Polizisten zu, die sich hinter der Absperrung befanden. „Ihr
lasst uns doch gar nicht durch. Ihr sperrt uns hier ein und fordert uns
auf, die Versammlung aufzulösen. Wir würden ja gerne gehen. Aber ihr
lasst uns nicht durch.“ Er schüttelte den Kopf, drehte sich um und
fluchte. „Wir sind alle Paragraph 129a“, sagte ein anderer
Demonstrant, der vor der Absperrung stand. „Mindestens“, rief ein
anderer Demonstrant erbost zu.
Dreimal
wurden die Demonstranten von der Polizei aufgefordert, die Versammlung
aufzulösen. Um 16:48 Uhr kam eine Durchsage von einem Demonstranten,
der ein Megafon bei sich trug: „Ich habe gerade erfahren, dass alle,
die sich in diesem Kessel befinden, festgenommen werden sollen.“ Ein
Raunen ging durch die Menge. Ich schaute mich um. Ich sah hier keine
gewaltbereiten Linksautonomen mit Glasflaschen und Feuerwerkskörper.
Ich sah unter den festgehaltenen Demonstranten junge Mädchen, die
aufgebracht mit ihren Eltern telefonierten, ich sah ein Mädchen, das in
den Armen ihrer Freundin weinte. Und sich die Tränen aus dem Gesicht
wischte. Ihre Augen waren rotgeweint.
Eine
Frau erbrach sich. Einige Jungs spielten mit Plastikflaschen Fußball.
Ich
schaute an den Häusern hoch. Die Gardinen waren zugezogen. Niemand
schaute auf uns runter. Niemand ? Doch, ich entdeckte drei
Polizeibeamten auf dem Dach eines entfernten Hauses. Sie waren nur kurz
zu sehen. Dann verschwanden sie wieder aus meinem Sichtfeld. „Was kann
uns denn jetzt passieren ?“ fragte ein Mädchen. „ Ich bewerbe mich
gerade für ein Stipendium.“ „Mach dir mal keine Sorgen“,
versuchte eine hübsche Demonstrantin das Mädchen zu beruhigen. Ein
Hubschrauber flog über den Kessel in der Rheingasse. Er donnerte laut
über den Köpfen der Demonstranten. Die Rheingasse ist eine einspurige
Straße, ein großer Baum steht am Wegesrand. Zwei Autos waren geparkt.
Einige Demonstranten hatten sich hingesetzt und sich gegen die Häuserwände
gelehnt. Einige von ihnen schlossen die Augen. Die anderen schwiegen
oder fluchten lautstark.
Ich
traf ein Mädchen, das mir erzählte, sie sei erst fünfzehn Jahre alt.
Ihre Haare hatte sie zu zwei Zöpfen gebunden. „Ich will noch mal
fragen, warum ich hier festgehalten werde. Vorhin, als ich durch
die Absprerrung durch wollte, haben die Polizisten mich sehr ruppig zurück
geschubst.“ Sie ging auf einen Polizisten zu. Er erklärte ihr, es
bestehe der Verdacht, sie habe eine Straftat begangen. „Welche
denn?“ wollte das Mädchen wissen.. „Das weiß ich auch nicht“,
antwortete er. „Ich war ja nicht dabei“, bemerkte er. Eine andere
Demonstrantin ging auch auf den Polizisten zu. Die Blondine wollte auch
wissen, was ihr vorgeworfen wird. Der Polizist zuckte mit den Schultern:
„Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehr kann ich
nicht sagen. Ich befolge nur den Befehlen.“ „Das ist
Freiheitsberaubung“, erboste sich die Frau. Der Polizist sagte nichts
mehr. Er schaute starr an ihr vorbei.
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