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Historisches Stadtarchiv in Köln eingestürzt; Rechte: dpaKölscher Klüngel oder

Die unendliche Skandalgeschichte der Kölner U-Bahn

Von Günter Ackermann

Kommunisten-online vom 14. März 2009 – Ich habe eine Reihe von Jahren in Köln gelebt und war da auch politisch aktiv. Zuletzt als politischer Leiter der KPD/ML, Kreisverband Köln. Ich kenne daher auch das politische Leben der Domstadt und auch die Strukturen.

Kölscher Klüngel zu übersetzen  mit Filz erklärt das Phänomen nur zum Teil. Das ist auch Filz, aber zum System erhobener und kultivierter Filz mit gegenseitigen Freundschaften, Seilschaften, Karnevals- und Sportvereins-Zugehörigkeiten, auch Mitgliedschaft in einer politischen Partei und Geschäftsbeziehungen. Das alles zum System erhoben ist kölscher Klüngel. Und vor allem: Wenn mal etwas schief läuft; mafiöses Schweigen und Vertuschen durch alle Beteiligten.

Ein heute nur noch wenig bekanntes Beispiel:

1. Der Bau des neuen Fußballstadion in Köln-Müngersdorf in den frühen 70er Jahren

Die Parteipolitiker der beiden Rathausparteien, die CDU und die damals regierende SPD waren der Meinung, das Fußballstadion in Müngersdorf könne man nicht ernsthaft zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 verwenden, man brauche ein neues. Also riss man das alte ab, beauftragte diverse Baufirmen und Architekten mit Bauvorbereitungen. Dabei ging man ausgewogen mit den Aufträgen in Höhe von etlichen Millionen DM nach Partei-Sponsoren vor.

Und man kalkulierte ein, da Köln das nicht alles bezahlen könne, das Land sich an den Kosten beteiligen wird. Die damals in Köln regierende Mafia aus SPD und CDU war aber zu gierig und beteiligte die FDP nicht am Deal, die spielte am Ort nur eine untergeordnete Rolle.

Am Ort war sie untergeordnet, nicht aber im Land. Der damalige NRW Innenminister Willi Weyer (1917 bis 1987), der auch für Sport zuständig war, verweigerte die Landesgelder. Köln hatte kein Stadion mehr und musste über Jahre sich mit einem Notbehelf begnügen. Aber zur Rechenschaft gezogen wurde niemand.

Das stimmt nicht ganz. Es gab eine Gruppe junger Architekten, die deckten den Klüngel und die Geldverteilung auf. Sie stellten ein Plakat her, auf dem die Beziehungen zueinander grafisch dargestellt waren. Das verteilten sie bei diversen Stellen. Die Folge: Strafverfahren und Beschlagnahme der Plakate.

Aber man getraute sich nicht, die Plakate zu beschlagnahmen, die wir hatten. Es waren an die tausend Plakate. Damals gab es auf dem Neumarkt in der Kölner Innenstadt ein Zelt, das zum „Alternativen Kunstmarkt“ gehörte. Da boten Künstler, die nicht unbedingt anerkannt waren, ihre Werke an. Hier verkaufte auch Josef Boys seine Hüte. Sie blieben aber wie Blei an seinem Stand liegen.

Auch unser Buchladen hatte einen Stand ergattert und dort verteilten wir die Plakate gegen eine Solibeitrag für eine linke Kölner Gruppe, die in Bayern im Knast war. Innerhalb kurzer Zeit waren die Plakate weg. Als die Polizei kam, waren keine mehr da.

Die Stadion-Affäre ist ein Beispiel, aber kommen wir zur U-Bahn.

2. Kölner U-Bahn, der unendliche Skandal

In den 60ern begann der Bau der ersten U-Bahn-Strecken und Anfang der 70er des vorigen Jahrhunderts gingen die ersten Strecken in Betrieb. Bereits damals gab es schwere Pannen. So baute man die Strecke Hauptbahnhof – Neumarkt – Barbarossaplatz fertig, aber nur so, dass die bereits in Köln im Einsatz befindlichen Straßenbahnen sie befahren konnten. Kaum aber war diese Strecke fertig, wollte man eine Bahntrasse bis nach Bonn durchbauen. Dafür aber brauchte man andere Züge und für die waren die Kurven in der U-Bahn zu eng. Also erneuter kostspieliger Umbau der Tunnel, vor allem am Hauptbahnhof.

Champignon-U-Bahn

In Zoo-Nähe sollte eine U-Bahn-Linie über die Amsterdamer Straße nach Niel, zu den Ford-Werken führen. Als alles fertig war und man einige Millionen verbuddelt hatte, meinten die Stadtoberen, man brauche diese Strecke gar nicht. Ratlosigkeit im Rathaus, aber die CDU hatte die rettende Idee: Wir verpachten den Tunnel an einen Betrieb, der Champignons züchtet.

Drei Tunnel-Strecken -- Gesamtlänge 1000 Meter, rund sieben Millionen Mark Kosten -- sind auf Anordnung der sozialdemokratisch kontrollierten Stadtverwaltung wieder zugemauert worden, weil die Bahn jetzt anders fahren soll. Spöttisch erörtert der FDP-Ratsherr Dr. Peter Winkler, Mitglied im kommunalen U-Bahn-Ausschuß, neue Nutzungsmöglichkeiten für die Katakomben des Kölner Planungswesens: "Dort kann man ja Champignons züchten."[1]

Oben:

Champignog-Tunnel

oben:

Nord-Süd-U-Bahn

Das ist kein Witz. Tatsächlich wurden dort im U-Bahntunnel von Beginn der 70er Jahre bis in die letzten Jahre Pilze gezüchtet. Dann wurde da doch noch eine U-Bahn draus.

Nord-Süd-U-Bahn

Eine fette Milliarde Euro kostet das Vergnügen. Damit aber Land und Bund nicht entsetzt abwinken, wenn sie die Domstädter um Zuschüsse bitten, rechnete man alles billiger. Dass der Tunnel durch geologisch schwieriges Terrain gebohrt wird, wurde verdrängt. Dabei hätte man es wissen müssen. Immerhin ist das Stadtgebiet an der Stelle seit der Antike bebaut und bewohnt, es musste mit Brunnen und anderen Hohlräumen gerechnet werden. Aber der Klüngel hatte fette Pfründe zu vergeben, an dem sich mancher eine goldene Nase verdienen kann – und bereits auch verdient hat.

Dass die wichtige U-Bahn-Stadion am Hauptbahnhof bereits das dritte Mal, seit seiner Inbetriebnahme, außer Betrieb genommen werden musste, ist noch das geringere Übel. Auch, dass sich am Rathaus Risse bildeten, nahm man hin. Nur nicht hinsehen, der Klüngel ist wichtiger – und seine Profite.

Am 29. September 2004 kippte der Turm der Kirche St. Johann Baptist 77 cm in Westrichtung, Drunter wurde eben jener U-Bahn-Tunnel gebohrt, der jetzt zum Einsturz des Stadtarchivs und anderer Häuser führte. Es gab Medienrummel – und man ging zur Tagesordnung über. Die Bauarbeiten an der U-Bahn gingen weiter.

Dass immer wieder Unmengen von Wasser einbrachen (der Rhein ist nicht allzu weit) wurde nicht als Gefahr betrachtet, das Wasser pumpte man einfach ab. Dass damit aber der Untergrund unter den Häusern, der löchrig ist, wie ein Schweizer Käse, nahm man nicht zur Kenntnis oder wollte man auch nicht zur Kenntnis nehmen. Auch Risse in den Häusern – selbst die im Gebäude des historischen Stadtarchivs – wurden nicht beachtet. Und immer noch wird weiter gebaut. Mehrere eingestürzte Häuser, zwei Tote (es hätten auch mehr sein können, aber dank des Muts von Bauarbeitern, die die Leute warnten, kam es nicht zu mehr Opfern).

Und die Ratsparteien? Der Oberbürgermeister weiß nicht, kann nichts sagen, hat auf jedem Fall keine Schuld und bedauert alles. Die SPD, unteren Regierung war diese U-Bahn beschlossen wurden, geht auf Tauchstation.

Die Opposition im Rathaus? Jürgen Roters, SPD-Kandidat bei der Oberbürgermeisterwahl: „Ich halte das für nicht akzeptabel" sagte Roters. "Dass wir jetzt in eine Denkpause einlegen ist richtig, aber es kann nicht sein, dass man von dem ganzen Projekt Abstand nimmt, jetzt, da schon so viele Steuergelder verbaut wurden.“ (Spiegel-online vom 04.03.2009)

Der Vertreter der Grünen erklärte, man sei zwar dagegen gewesen, aber jetzt müsse weitergebaut werden. Das war ja auch nicht anders von dieser Partei zu erwarten.

Man sollte meinen, dass wenigstens die Fraktion der Partei „Die Linke“ (ehemals PDS) hier aktiv wurde.

Jörg Detjen, der Fraktionsvorsitzende, erhob seine Stimme – und es wurde ein Stimmchen:

„Das sind sehr komplizierte Details, die schwer verständlich sind. Deshalb fordern wir die beteiligten Bauunternehmen auf, den Sachverhalt schnell aufzuklären. Es kann nicht angehen, dass die Unternehmen sich hinter der KVB verschanzen.
Die beteiligten Firmen haben auch gegenüber der Öffentlichkeit eine Pflicht zur Transparenz. Viele Kölnerinnen und Kölner sind tief betroffen und verunsichert. Es gehört zur Sorgfaltspflicht der mit den Arbeiten betrauten Unternehmen, der Öffentlichkeit darzustellen, wer was und wie in der Baugrube am Stadtarchiv gebaut hat.“

Also nur nicht Ross und Reiter nennen. Detjen, der der AG-Kommunistische Politik angehört, die ihrerseits aus dem maoistischen KBW stammt (bekanntestes Ex-Mitglied Gesundheitsministerin Ulla Schmidt), versucht brav zu sein und labert Schwachsinn.

Nur nicht hinsehen, nur nicht das Kind beim Namen nennen, mitmachen, Pfründe einstreichen und ein mafiöses Schweigegebot, eben Kölscher Klüngel. Aber ich habe von Detjen und seiner Partei auch nicht mehr erwartet.

G.A.

siehe auch: Die SPD, Trienekens und das RWE, Kölscher Klüngel...  mehr


[1]  DER SPIEGEL 39/1971 siehe

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