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Der
Kapitalismus in der Gegenwart
DIE
KONZENTRATION DES KAPITALS
von
Fernando Arribas García,
Leiter
des Instituts für Politische und Gesellschaftliche Studien
„Bolívar-Marx“
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Caracas,
13. Mai 2011, Tribuna Popular (TP) / Sonderausgabe in Tribuna Popular
Nr. 189. (auf Kommunisten-online am 17. Mai 2011) – Wir lesen
weiterhin die Grundaussagen der marxistisch-leninistischen Wissenschaft
angesichts der Prozesse und Ereignisse in der gegenwärtigen Entwicklung
des weltweiten Kapitalismus. Heute wollen wir über die Tendenz zur
Konzentration des Kapitals in den Händen von immer weniger Kapitalisten
sprechen. Diese Tendenz wurde von Marx schon vor über 160 Jahren als
wesenseigen für die kapitalistische Gesellschaftsordnung erkannt. Sie führt
früher oder später zur Monopolisierung der Wirtschaft.
Die
Konzentration der wirtschaftlichen Macht in relativ kleinen Kreisen
verleiht diesen Kreisen unvermeidlich einen unermesslichen Einfluss auf
das allgemeine Leben der Gesellschaft. Dies hat die Konzentration der
politischen Macht in denselben Händen zur Folge. Und wie wir Marxisten
betonen, läuft der Kapitalismus aus seinem Wesen heraus der vollen
Entwicklung der fortgeschrittensten Formen der Demokratie zuwider.
Trotzdem
behaupten die von den Propagandisten des Kapitalismus und allgemein von
den Mehrheiten der Völker in aller Welt akzeptierten Meinungsführer
genau das Gegenteil. Sie bedienen sich dabei eines gewöhnlichen
Sophismus: Der Kapitalismus fördere die wirtschaftliche Freiheit und
das freie Unternehmertum. Deswegen würde die kapitalistische
Gesellschaft DIE FREIHEIT fördern. Demzufolge, so sagen jene Verfechter
des Kapitalismus, wäre Kapitalismus gleich Demokratie. Und jegliche
Absicht, ihn zu bekämpfen, wäre ein Synonym für Totalitarismus.
Nach
dem Ende des Versuchs des Aufbaus der Sozialismus in der Sowjetunion und
den anderen Ländern wurde diese Meinungsströmung zur beinahe absolut
vorherrschenden in der ganzen Welt. Und die Stimmen, die darauf
aufmerksam machen wollten, wie falsch diese Argumentation schon in ihren
Grundlagen ist, wurden zum Schweigen gebracht oder ignoriert.
Tatsache
ist, dass die unterstellte „wirtschaftliche Freiheit“, die der
Kapitalismus entwickelt, unaufhaltsam in der Entwicklungsphase der
„freien Konkurrenz“ dazu führt, dass die Kleinunternehmen von den
Großunternehmen geschluckt werden. Im Ergebnis dessen werden die Großunternehmen
immer größer und mächtiger.
Das
ist die grundlegende Logik des Kapitalismus. Wenn man dies ungehindert
so laufen lässt, führt es immer in die Spirale der Monopolisierung und
zum Ende der da ausposaunten Freiheit. Die Reformisten meinen jetzt
dazu, dass der Schutz der Freiheit des Kapitalismus darin besteht, den
Kapitalismus in seiner Handlungs- und Entwicklungsfreiheit einzuschränken
und ihn mit Gesetzen zu bändigen.
Aber,
wie schon oft nachgewiesen worden ist, setzt sich letztlich immer das
Wesen des Kapitalismus gegen jegliche Absicht seiner Reformierung durch.
Genau dies ist in der kürzlichen wirtschaftlich neoliberalen
Entwicklungsphase geschehen, die ihre größte Kraft in den achtziger
und neunziger Jahren erreichte: die gesetzgeberischen und
administrativen Mittel, die den Kapitalismus einige Jahrzehnte lang in
seinen natürlichen Tendenzen gemäßigt hatten, wurden demontiert. Und
es beschleunigte sich der Prozess der Konzentration des Kapitals.
Dies
trug seinerseits dazu bei, Bedingungen zu schaffen, die zur Krise von
1990-1992, 2001-2002 und 2007-2008 führten. Eben auch zur jüngsten
kapitalistischen Weltwirtschafts- und Finanzkrise, die in ihren
Auswirkungen so schwerwiegend war, dass sich einige kapitalistische
Regierungen gezwungen sahen, auf die Wiedereinrichtung von gewissen
staatlichen Interventionsmechanismen und Regulierungen in den Belangen
der Wirtschaft zurückzugreifen.
MEHR
MACHT IN WENIGER HÄNDEN
Als
Ergebnis der neoliberalen Deregulierung hat die US-Wirtschaft in den
neunziger Jahren eine Verstärkung der Konzentration des Kapitals
durchgemacht. Die großen Konzerne sind viel rascher als der Rest der
Wirtschaft jenes Landes gewachsen. Dies veranschaulicht die Grafik 1.
Sie vergleicht von Jahr zu Jahr die Gesamtgröße der 500 größten
US-Konzerne, der sogenannten Fortune 500 oder F500, gemessen an ihren
Brutto-Einkünften und in einen Vergleich gesetzt mit der Gesamtgröße
der Wirtschaft des Landes, gemessen im BIP anhand von Angaben aus den
Zeitschriften Fortune und Forbes, der Zeitung The Wall Street Journal
und der Informationsblätter des IWF.
Zwischen
1994 und 2009 stiegen die Einnahmen der F500 um das 2,4-fache an, was in
absoluten Zahlen einen Anstieg von 4,2 Mrd. auf ca. 10 Mrd. Dollar
ausmachte. Demgegenüber konnte das BIP der USA sich im gleichen
Zeitraum nicht einmal verdoppeln, was in absoluten Zahlen einen Anstieg
von 7,1 auf 14,1 Mrd. Dollar ausmachte. Ergebnis: Der mathematische
Bezug zwischen der Gesamtgröße der F500 und der Gesamtgröße der
US-Wirtschaft veränderte sich von 0,60 auf 0,71 im Verlauf von mal
gerade 15 Jahren. (Grafik 1)
Grafik
Nummer 1
Im
Klartext: 2009 kamen die Gesamteinkommen der F500 auf 71% der Gesamteinkünfte
der US-Wirtschaft. Wenn wir in Betracht ziehen, dass es etwas mehr als 6
Millionen registrierte Firmen in den USA gibt, dann kostet es uns keine
große Anstrengung zu begreifen, dass die überwältigende Masse dieser
Firmen bei diesem Vergleich irrelevant abschneidet. Das Gewicht der F500
erdrückt jenes der übrigen riesigen Masse an Firmen. Dies obwohl auch
unter den übrigen Firmen einige von ganz beachtlichem Umfang sind. Wie
die Grafik 1 veranschaulicht, verstärkte sich die Tendenz zur Vergrößerung
dieser Ungleichheiten.
Kann
jemand redlich glauben, dass die Meinungen und Interessen der Mitglieder
des Familienclans Walton, der Eigentümer der Handelskette Wal-Mart und
damit des größten Unternehmens unter den F500 und einem Einkommen in Höhe
von 3% des BIP der USA, denselben Einfluss haben wie jene eines Eigentümers
einer kleinen oder mittelgroßen Firma mit unbedeutendem Gewicht in der
US-Wirtschaft? Kaum zu reden von den Meinungen und Interessen der
Lohnarbeiter und dem Gewicht von Meinungen und Interessen von jemandem
von ihnen....
Der
große Fisch ist die Nahrung für den größten Fisch
Aber
dieser Prozess der Verstärkung der Akkumulation des Kapitals und der
Ungleichheiten trennt nicht nur immer mehr die 500 größten Konzerne
von der restlichen großen Masse an Firmen der US-Wirtschaft ab. Auch
innerhalb der F500 gibt es eine starke Tendenz zur Akkumulation. Sie führt
zwischen den Konzernherren der F500 zu immer stärker sich
unterscheidenden Einkommen. Dies wird in der Grafik 2 nachgewiesen. Dort
zeigt sich die Einkommensverteilung nach Stufen im Gesamteinkommen der
F500 von 1994 bis 2009. Jede der 10 Stufen umfasst 50 Konzerne,
eingeordnet nach der Menge ihrer Brutto-Einnahmen. (Grafik 2)
Grafik
Nummer 2
Der
Anteil der reichsten Konzerngruppe stieg von 40% am Gesamteinkommen der
F500 im Jahr 1994 auf beinahe 47% im Jahr 2009. Während zugleich bei
der einkommensschwächsten Konzerngruppe der F500 deren Anteil am
Gesamteinkommen der F500 von 3% auf kaum mehr als 2% zwischen 1994 und
2009 gesunken ist.
Zwischen
diesen beiden Konzerngruppen am oberen und unteren Rand der Grafik
liegen acht Konzerngruppen, die insgesamt 400 Konzerne ausmachen und
nicht zu den allerreichsten zählen und auch Boden in jenen 15 Jahren
verloren haben, was jeweils zwischen 0,5 und 1% an
Einkommensanteilsverlust in der F500 bei diesen Konzernen ausmacht.
Außer
der obersten Konzerngruppe konnte nur die zweitreichste Konzerngruppe
netto zu mehr Anteil am Gesamtvermögen der F500 kommen, auch wenn dies
lediglich 0,3% ausmachte.
Zusammengefasst
ist festzustellen: die reichsten 10% von 500 US-Konzernen, also mal
gerade 50 Konzerne von über 6 Millionen Firmen in den USA (!), hatten
im Jahr 2009 Bruttoeinkünfte im Äquivalent von mehr als 33% der
gesamten US-Wirtschaft.
Schaut
man sich mal die Einkommensverteilung pro Zehnergruppe in jedem Jahr an,
folgt sie einer scharfen Kurve. Das ist keine reine mathematische
Kuriosität. Das ist der grafische Ausdruck der natürlichen Tendenz des
Kapitalismus, größtmöglich die größten Konkurrenzbeteiligten zu
bevorzugen.
Im
Klartext: Je größer eine Firma ist, um so größer wird auch ihre
Wachstumsrate sein, wodurch der Abstand zwischen den allergrößten
Konzernen und den ihnen nachrückenden Konzernen geometrisch wächst,
bis die „freie Konkurrenz“ zwischen den kleinen und großen Firmen
und auch zwischen den kleinen und zwischen den größten Firmen
unhaltbar geworden ist.
Wir
laden dazu ein, einige Klassikertexte zu lesen, die diese Sache tiefgründig
behandeln. Dazu zählen
-
die Philosophisch-Ökonomischen Manuskripte und
-
Lohnarbeit und Kapital, beide von Karl Marx, sowie
-
Die Akkumulation des Kapitals, von Rosa Luxemburg, und
-
Der Imperialismus - die höchste Phase des Kapitalismus, von W. I.
Lenin.
Darin
wird das Thema der Konzentration des Kapitals und der Bildung von
Monopolen entwickelt. Und zu Recht wird die Bildung von Monopolen vor
dem Hintergrund des hochentwickelten Kapitalismus als notwendige
Bedingung für die Entstehung des Imperialismus herausgearbeitet.
Diese
Klassikerwerke erklären nicht nur die Natur und das Wesen des
Kapitalismus und seiner letzten Entwicklungsphase, sondern sie erklären
auch, warum keine Reform des Kapitalismus ausreichend sein wird:
Es
wird die vollständige Überwindung des Kapitalismus auf revolutionärem
Weg gebraucht.
Quelle:
http://www.tribuna-popular.org/
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