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Das deutsche Krankenhaus der Zukunft - wie es den Krankenhauskonzernen und den bürgerlichen Politikern vorschwebt

unten:

Krankenzimmer für Ölscheichs, russische Oligarchen und andere Milliardäre

unten:

Krankenzimmer für Kassenpatienten

hier: Luxushotel in Afrika

hier: Klinik in der Afghanischen Hauptstadt Kabul

Ölscheichs und und russische Oligarchen mit Herzinfarkt, Diabetes und Milliarden auf dem Konto sollen Kliniken sanieren

Von Gerd Höhne/29. August 2007

Eine Welle der Privatisierungen im Gesundheitswesen schwappt über das Land. Kein städtisches Krankenhaus, das nicht in eine GmbH umgewandelt und dann an „Investoren“ (sprich Geschäftemacher) verscherbelt wird.

Aber keiner der Geschäftemacher will sein  Geld in ein Geschäft stecken, dass keinen oder wenig Gewinn abwirft. Gleichzeitig aber  werden die Leistungen im Gesundheitswesen für die Masse der Bevölkerung – und damit auch der Patienten – immer mehr herunter gefahren. Kuren werden kaum noch bewilligt, die Renten schleichend gekürzt, also können sich Rentner keine Kur Privat finanzieren. Vor erkrankten Hartz IV-Empfängern  mal ganz zu schweigen.

Die großen Kliniken sparen Personal auf Teufel-komm-raus ein. So ersetzte man am Klinikum der Landeshauptstadt von Thüringen, Erfurt, die Anästhesisten durch sog. Anästhesieassistenten, also Pfleger. Die Folge: Es kam zu verhängnisvollen Kunstfehlern. Ein junger Mann ist für sein Leben behindert.

Das genau soll demnächst die Norm werden. Die Vorschrift, pro OP ein Narkosearzt, soll verschwinden. Die Konzerne wollen ganz einfach ihren Gewinn steigern. Ärzte sind teuer, diese Assistenten – Krankenpfleger mit Crash-Kurs zum Anästhesisten getrimmt – sind billiger.

Auch die Patienten bleiben weg. 20 € Tagesgeld pro Krankenhaustag kann sich ein Arbeitsloser mit Hartz IV und Familie nicht leisten, also werden notwendige stationäre Behandlungen verschoben oder gar nicht erst begonnen.

Dem Schwund an Patienten wollen natürlich die Krankenhauskonzerne Abhilfe schaffen. Und sie bekommen Hilfe von der Bundesregierung. Die startet nämlich eine Kampagne um Scheichs aus Saudi Arabien, den Emiraten am Golf und andere Superreiche, wenn sie Wehwehchen haben, in deutsche Krankenhausbetten zu locken. Dass das nicht die mit den harten Matratzen der Kassenpatienten sind, ist klar. Auch müssten dann die Krankenhauszimmer noch Klimaanlagen bekommen und auch Zimmer für die Frauen, Nebenfrauen und Eunuchen, sowie auch der Diener, Köche und Leibgarde müssen vorhanden sein und das Ambiente muss dann stimmen. Ob es Skalpelle mit Goldgriff sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber Krankenhauszimmer mit „Nasszelle“ dürften dann wohl nur die Domestiken zugewiesen bekommen.

Ob dann Krankenschwestern dem Scheich dann eine Spritze in den Po jagen dürfen oder erst ein Pfleger gerufen werden muss, weiß ich nicht.

Pikanterweise aber wirbt bei der Bundesregierung nicht das eigentlich zuständige Gesundheitsministerium oder das Wirtschaftsministerium um Ölscheichs in deutsche Krankenhausbetten, sondern ausgerechnet das Bundesbildungsministerium. Warum das so ist? Das ist eines der Mysterien bundesdeutscher Politik. Oder nicht? Ist doch damit die Absicht, mit Steuergeldern für Geschäfte der Gesundheitskonzerne zu werben, fast perfekt getarnt.

Uns, den Patienten, wird das nichts bringen. Den Reibach stecken die Konzerne im Gesundheitswesen ein, wir behalten die Betten mit den harten Matratzen, werden demnächst röchelnd ziellos durch Krankenhausflure nach einem Arzt oder einer Schwester suchen und werden noch halb betäubt von der Narkose und blutend zu Fuß – das Taxis zahlt die Kasse dann nicht mehr – nach Hause geschickt. Und kommen wir doch nach einer OP ins Krankenbett, werden wohl Angehörige den Patienten pflegen müssen. Ärzte und Schwestern  kosten Geld und das Geld wollen ja die Investoren auf ihren Konten in der Schweiz, Bermudas oder Liechtenstein sehen – steuerfrei natürlich.

Aber vielleicht können die sich dann wenigstens ihrerseits eine Krankenhausbehandlung in Deutschland leisten.

G.H.  

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Medical Export

BERLIN

Quelle: german-foreign-policy vom 23.08.2007

(Eigener Bericht) - Mit einem Projekt zur Anwerbung reicher Patienten aus dem Ausland will die Bundesregierung stagnierende Inlandsgeschäfte deutscher Gesundheitskonzerne wettmachen. Einschneidende Kürzungen im sozialen Bereich haben in den vergangenen Jahren die Versorgung von Kranken in Deutschland systematisch verschlechtert und blockieren nun auch das Wachstum der medizinischen Industrie. „Medical Export“, ein Projekt, das über das Bundesbildungsministerium finanziert wird, soll nun die „ausländische Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen in/aus Deutschland“ beleben und mit Hilfe zahlungskräftiger Patienten unter anderem aus den Golfstaaten den deutschen Kliniken neue Geschäftsfelder eröffnen. Zudem treiben deutsche Wirtschaftsverbände die Expansion sämtlicher Sparten der Gesundheitsbranche voran - mit Erfolg: Im Jahr 2005 stieg der Auslandsumsatz um fast 17 Prozent auf ein Volumen von rund 9,2 Milliarden Euro. Exporterfolgen der Medizinunternehmen kommt große Bedeutung für die deutsche Gesamtwirtschaft zu, weil die Branche trotz Kürzungen zu den umsatzstärksten Sektoren gehört. Jährlich werden in Deutschland fast 240 Milliarden Euro für die Gesundheit ausgegeben, der Anteil am Bruttoinlandsprodukt übersteigt jenen der Automobilindustrie.

Schlecht versorgt

Die Ausgabenkürzungen im Gesundheitswesen, die in den vergangenen Jahren zu einer Verschlechterung der Krankenversorgung in Deutschland geführt haben, werden inzwischen von der Bevölkerung mit deutlichem Unmut quittiert. Selbst Regierungsabgeordnete sprechen von einem „Zweiklassensystem“ [1], das nur noch Privilegierten („Privatversicherten“) optimale Leistungen gewährt. Zwar wächst die Unzufriedenheit auch in anderen EU-Ländern. Wie ein Forschungsprojekt des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung resümiert, hat sich seit Anfang der 1990er Jahre die „Häufigkeit und Intensität von Gesundheitsreformen“ in den meisten der „alten“ EU-Staaten [2] erhöht, Kernstück war oft eine „Kombination aus Leistungseinschränkungen und der Erhöhung privater Zuzahlungen“. Die Zufriedenheit mit den medizinischen Versorgungssystemen ist in den untersuchten Ländern gleichzeitig von 56 Prozent auf 36 Prozent gesunken. Weit überdurchnittlich fiel der Rückgang jedoch in der Bundesrepublik aus: Die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem halbierte sich von 64 Prozent (1996) auf 31 Prozent (2002). Dabei äußerten Kranke sich erkennbar negativer als Gesunde.[3]

Chancen im Ausland

Da die Kürzungen im Gesundheitswesen mittelbar zur Stagnation der medizinischen Inlandsmärkte führen, ist für deutsche Krankenhausketten und Medizintechnik-Firmen das Auslandswachstum entscheidend. Die Konzerne setzen vor allem auf den Export - mit Erfolg: 2005 stieg der Auslandsumsatz um fast 17 Prozent auf einen Wert von 9,2 Milliarden Euro. Deutschland liegt mit einem Welthandelsanteil von 14,6 Prozent auf dem zweiten Rang, deutlich nach den USA (30,9 Prozent), aber weit vor Japan (5,5 Prozent). Gegen die aufstrebende asiatische Konkurrenz - das sind insbesondere Hersteller aus Indien und China - haben sich deutsche Gesundheitskonzerne mit US-Unternehmen in einem Abwehrbündnis zusammengeschlossen.[4] Zugleich treiben deutsche Wirtschaftsverbände die Expansion der Branche voran. Dies betrifft besonders Kliniken. Zwar habe die Dienstleistungswirtschaft einen gewaltigen Anteil an der binnenwirtschaftlichen Wertschöpfung (mehr als 70 Prozent), ihre Leistungen machten aber nur gut 14 Prozent der deutschen Exporte aus, bemängelt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Bisher wagten sich nur vergleichsweise wenige deutsche Serviceunternehmen mit ihrem Angebot über die Landesgrenzen hinaus, obwohl in der Internationalisierung der Branche erhebliches Entwicklungspotenzial liege: „Der DIHK kann die Unternehmen deshalb nur ermuntern, ihre Chancen im Ausland zu ergreifen.“[5]

Luxuspatienten

Die deutschen Kliniken, die immer stärker nach neuen Märkten im Ausland suchen, wollen nun ausländische Patienten ins Land locken. Da der EU-Binnenmarkt inzwischen auch für medizinische Dienstleistungen gilt, wird eine stärkere Nachfrage nach Behandlung in deutschen Krankenhäusern erwartet. „Bei einem zunehmend internationalen Handel medizinischer Dienstleistungen geht es (...) für Deutschland darum, seine hervorragende Ausgangssituation zu sichern und auszubauen“, heißt es.[6] Die Branche erträumt sich vor allem Luxuspatienten, die bereit sind, Höchstpreise für medizinische Leistungen in Deutschland zu zahlen: „Der Scheich aus Saudi Arabien, der sich eine neue Hüfte in Germany einsetzen lässt. Die schwer kranke Russin, die auf erstklassige Hilfe in einer deutschen Reha-Klinik hofft. Solche Patienten verfügen in aller Regel über ein komfortabel ausgestattetes Bankkonto.“[7] Die Bundesregierung stützt diese Pläne mit dem seit knapp zwei Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Medical Export - Technologiegestützte Internationalisierung medizinischer Dienstleistungen für Patienten aus dem Ausland“. Darin kooperieren dreizehn Konsortialpartner: Wissenschaftliche Institute, Unikliniken, Krankenhäuser, Reha-Einrichtungen und die Medizintechniksparte der Siemens AG.

Milliarden

Insbesondere deutsche Universitätskliniken begnügen sich nicht mit dem Werben um reiche Patienten, sie exportieren ihr Know-how oder bauen selbst Kliniken im Ausland. Der Markt gilt als riesig, da in vielen Ländern von den früheren Sowjetstaaten bis hin in die arabische Welt gewaltiger Nachholbedarf an medizinischer Versorgung besteht. Branchenkenner schätzen das Geschäftsvolumen auf mehrere Milliarden Euro. An Geld mangele es in den arabischen Staaten nicht, heißt es erwartungsvoll; auch Russland wolle Milliarden investieren. In den vergangenen Jahren sind deshalb an fast allen Unikliniken Auslandsbüros gegründet worden, die neue Erlösquellen suchen. Profilieren wollen sich die deutschen Kliniken vor allem auf zwei Feldern: Bei der medizinischen Beratung ausländischer Krankenhäuser und bei der Beratung des betrieblichen Managements. Eine Reihe von Aufträgen haben sie bereits abgeschlossen, etwa in Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Ukraine und Kasachstan.

Vorteil

Fachleute dringen dennoch auf verstärkte Anstrengungen. „Nirgendwo in Deutschland ist der Gewinn aus dem Auslandsgeschäft eine relevante Größe, wenn man ihn mit dem Gesamtbudget der Krankenhäuser vergleicht“, erläutert ein Experte, der den Export medizinischer Dienstleistungen erforscht. „In Deutschland leben zwei Prozent aller Patienten weltweit“, ergänzt ein weiterer Wissenschaftler: „Wer international Spitze bleiben will, kann sich damit nicht zufrieden geben“.[8] Die Kürzungen in der deutschen Gesundheitsversorgung treiben die Unternehmensexpansion zusätzlich voran und verschärfen die globale Konkurrenz - vor allem gegenüber den US-amerikanischen Klinikkonzernen, von deren Erfolgen die deutschen Unikliniken noch weit entfernt sind. Dabei setzen die deutschen Medizinexporteure auf die Unterstützung der Berliner Außenpolitik. Der Geschäftsführer der Munich Medical International (MMI), einer seit zehn Jahren als eigenständige GmbH tätigen Ausgründung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, erklärt: „Heute haben wir (...) einen großen politischen Vorteil. (...) In der arabischen Welt kriegen die amerikanischen Anbieter kaum einen Fuß in die Türe.“[9]

[1] Karl Lauterbach: Der Zweiklassenstaat. Wie die Privilegierten Deutschland ruinieren, Berlin 2006
[2] Gemeint sind die EU-Mitglieder vor den Erweiterungen seit 2004: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien.
[3] Claus Wendt: Sinkt das Vertrauen in Gesundheitssysteme? Eine vergleichende Analyse europäischer Länder; WSI-Mitteilungen 07/2007. Gesundheitssystem: Deutsche unzufriedener als andere Europäer; Welt Online 13.08.2007
[4] s. dazu Abwehrbündnis
[5] DIHK: Dienstleister sollten Chancen im Ausland nutzen; www.diht.de
[6] Wachsender Gesundheitsmarkt; www.medical-export.de. S. auch Die Lasten der Umverteilung
[7] Medical Export - Wenn der reiche Scheich dem Krankenhaus märchenhafte Erträge verheißt; www.medical.siemens.com 
[8], [9] Geschäfte in der Ferne; Financial Times Deutschland 16.07.2007

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