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Über
die Krise des Kapitalismus
Von
Esteban Munoz
kommunisten.ch
vom 5. Oktober 2009 – Um zu verstehen, wieso Krisen aufkommen, müssen
wir von einer Charakterisierung des gegenwärtigen Kapitalismus
ausgehen. Ich schlage deshalb vor, seinen Charakter folgendermassen zu
bestimmen: der heutige Kapitalismus ist die Suche nach dem
Maximalprofit. Von dieser Bestimmung ausgehend, stellt man zwei
Tendenzen des Kapitalismus fest, deren Zusammentreffen Krisen
hervorruft.
Die
erste Tendenz ist die Steigerung des Profitanteils auf Kosten der Löhne,
was durch systematische Restrukturierungen der Betriebe, Entlassungen
und schliesslich durch eine Senkung der Kaufkraft passiert.
Die
zweite Tendenz ist die Erhöhung der Investitionen zum Zweck der
Ausschaltung von Konkurrenten und um den Markt zu beherrschen.
Einerseits
gibt es eine Verminderung der Fähigkeit des Marktes, die Produkte
aufzukaufen, und anderseits eine sich vervielfachende Produktionskapazität
der Betriebe. Man findet sich in einer Krise wieder, und zwar genauer
gesagt in einer Überproduktionskrise.
Wie
versucht der Kapitalismus diesen Moment zu überleben?
Erstens
werden die schon bestehenden Märkte noch mehr als gewohnt ausgebeutet.
Daher Restrukturatuionen, Entlassungen, Steuersenkungen, Schwächung der
Sozialversicherungen.
Zweitens
versuchen die Kapitalisten, neue Märkte zu schaffen. Als der
Immobilienmarkt der USA gesättigt war, weil
schon fast 70% der Amerikaner Eigenheimbesitzer waren und weil die
reichsten Schichten schon über mehrere Häuser verfügten, musste mit
dem Mittel der Subprimes einen Markt für nicht zahlungsfähige
Haushalte schaffen, bis diese Blase dann platzte.
Drittens
werden Märkte auf dem Weg des Krieges zerstört. Der Irakkrieg hat den
Herstellern von Baumaschinen gewaltige Profite eingetragen. Dieser
dritte Punkt führt in den zweiten Teil dieser Darlegungen:
Warum
wurde die Krise noch nicht gelöst?
Der
Kapitalismus befindet sich seit den 1970er Jahren in Überproduktion.
Seither wurde die Weltproduktion durch die Verschuldung der
amerikanischen Haushalte gedopt. Der Konsum der amerikanischen Haushalte
entspricht 70% des amerikanischen BIP.
Der
Kapitalismus ist von einer Blase in die andere gekommen, bis die Krise
plötzlich die Vereinigten Staaten erfasst hat. Infrage gestellt ist
damit heute nicht nur der Kapitalismus, sondern auch das
Weltherrschaftssystem, der Imperialismus. Die internationalen Gipfel der
grossen Wirtschaftsmächte mussten sich den aufkommenden Ländern öffnen,
weil eben das System der Weltherrschaft in Gefahr geraten ist.
Die
Hegemonie der Vereinigten Staaten wird gewährleistet bleiben, wenn der
Dollar weiterhin als Scharnier des internationalen Währungssystems
fungiert. Und hier stehen jedenfalls zwei Dinge auf dem Spiel.
Vorab
müssen Erdölverkäufe über den Dollar abgewickelt werden. Die
Erscheinung von Tauschbeziehungen vom Typ Erdöl gegen Medizin wie in
Lateinamerika, oder die Entscheidung Irans, sein Erdöl in Euros zu
verkaufen, müssen aus Sicht der amerikanischen Administration
verschwinden. Wie erinnerlich hat Saddam Hussein seit 2000 angefangen,
sein Erdöl in Euros zu verkaufen; und sehr kurz nach der Invasion des
Irak wurde der Dollar wieder in seine alten Rechte eingesetzt.
Dann
sollen – immer gemäss Washington – die von aufstrebenden Ländern
wie China akkumulierten Dollarreserven nach wie vor den USA
zukommen, im Tausch gegen die Gutscheine der Tresorerie.
Allerdings
machen die Entwicklungen nicht den Anschein einer Lösung in diesem
Sinne. In Lateinamerika schafften die Länder der ALBA
die Bank des Südens und denken über die Schaffung einer neuen Währung
nach. Russland, China und Iran rufen zur Schaffung einer neuen
internationalen Reservewährung auf. Auch China zögert mehr und mehr,
in die Tresorgutscheine zu investieren, auch wenn es grosse
Schwierigkeiten haben wird, sich aus seinem Modell des Exports von
Konsumgütern für die USA herauszulösen.
Die
protektionistischen Massnahmen mehren sich. Die jüngste Nachricht
stammt aus den USA, wo eine 35%ige Importtaxe
auf chinesischen Pneus eingeführt wird. Der Afghanistankrieg zieht sich
in die Länge. Die Kriegsdrohungen gegen Iran werden ausgeweitet.
Die
soziale Lage in den Vereinigten Staaten ist katastophal. Die im letzten
Herbst Entlassenen können ab diesem Herbst keine Arbeitslosenentschädigungen
mehr beziehen. Die Verschuldung der amerikanischen Haushalte und die öffentlichen
Schulden können kaum noch mit Ersparnissen ausgeglichen werden, deren
Verzinsung zu wenig attraktiv ist. Um ihre Schulden bezahlen zu können,
müssten die amerikanischen Haushalte den Konsum während eines vollen
Jahres einstellen.
Wahrscheinlich
werden sich, bevor der Kapitalismus überwunden wird, Wirtschaftsblöcke
von kontinentalen Dimensionen herausbilden, um durch eine Intensivierung
des Handels Süd-Süd aus dem imperialistischen Wirtschaftsmodell
auszubrechen.
Zum
Schluss müssen sich die antikapitalistischen Kräfte zwingend auf eine
Analyse des Kapitalismus verständigen, um einen Schritt vorwärts in
Richtung einer politischen Koalition mit einem Anti-Krisen-Programm zu
machen, um welches sich eine soziale Bewegung mobilisieren liesse.
Namentlich
widersetzt sich der Drang nach dem Maximalprofit jedem Gedanken an eine
Moralisierung des Kapitalismus. Eine Beschränkung der Profite und
Anhebung der Löhne würde uns innerhalb des Rahmen des Kapitalismus nur
wieder in eine nächste Krise hinein führen. Deshalb sind solche Massnahmen ungenügend.
Die
Wirtschaft ist nicht eine Frage der Moral. Der Kapitalismus befindet
sich in einer Wirtschaftskrise. Ihre Überwindung hängt von der Fähigkeit
der antikapitalistischen Kräfte zur Schaffung einer konkreten
Alternative vor, die nicht von moralischen Erwägungen, sondern von
einer in erster Linie ökonomischen Kritik ausgeht.
Der
Antikapitalismus nimmt international die Form des Antiimperialismus an.
Der Kapitalismus kann geschwächt werden, wenn unsere Bewegung imstande
ist, den Frieden zu fördern und nicht in die Grube der medialen
Paranoia zu fallen, welche nicht nur Venezuela und Kuba, sondern auch
China, Russland und Iran stigmatisiert.
Quelle:
PST
Genéve – Encre rouge | Blog
politique d’Esteban Munoz (05.10.2009)
Esteban Munoz, Mitglied der Parteileitung
der Partei der Arbeit der Schweiz
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