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Diskussionsanregung:
Die
Vielfachkrise
Warum
der Wahnsinn um sich greift
Von
Elmar Altvater
WOZ
vom 11.08.2011
(Wir vermeiden die Schreibweise
mit dem großen I, also: KommunistInnen, weil wir das für ein
sprachliches Monster halten
und
weil
es
das
Lesen
erscchwert. Frauen werden deshalb nicht
weniger diskriminiert, die hat was mit der Verwertbarkeit von Frauen im
kapitalistischem System zu tun. Mal abgesehen davon, dass dieses
Monstrum sich in der gesprochenen Sprache nicht verwenden lässt und nur
verwirrt.
Der Autor hat aber diese eigenartige Schreibweise gewählt. Wir standen
vor der Wahl, den Artikel zu nehmen oder hn wegen der Verwendung der
I-Schreibweise zu ignorieren, Wir haben uns für ersteres
entschieden.
Redeaktion Kommunisten-online)
Auf
Kommunisten-online am 11. September 2011 – Banken und Spekulanten
treiben dank der Milliarden aus den Rettungsfonds jene vor sich her, die
ihnen in der Finanzkrise aus der Patsche geholfen haben.
«Das
Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem
Profit (...) Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. 10 Prozent
sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft;
50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle
menschlichen Gesetze unter seinen Fuss; 300 Prozent, und es existiert
kein Verbrechen, das es nicht riskiert ...»
T. J. Dunning: «Trades’ Unions and Strikes», London 1860, zitiert
in Karl Marx: «Das Kapital, Band I»
Die
Welt befindet sich gegenwärtig in einer mehrfachen Krise – einer
Vielfachkrise von Finanzen und Wirtschaft, von Energie und Klima, von
Ernährung und Politik. Hintergrund ist vor allem ein Wachstumsdilemma:
Ohne Wachstum sind soziale Stabilität und ökonomischer Wohlstand gefährdet.
Könnte man aber das Wachstum so richtig beschleunigen, dann wird die
Natur in planetaren Ausmassen zerstört und eine Menschheitskrise ausgelöst.
Die
Vielfachkrise begann freilich einfach als eine verheerende Finanzkrise,
wie sie die Welt zuvor noch nie erlebt hatte. Grundsätzlich entstehen
Finanzkrisen, wenn Forderungen von KreditgeberInnen aus den Einkommensflüssen
oder aus dem Vermögen von SchuldnerInnen nicht mehr bedient werden können.
Entweder sind die Forderungen zu hoch oder die realen Überschüsse der
Schuldner zu niedrig – oder beides kommt zusammen.
Erst
Bankenkrise, dann Schuldenkrise
Dass
die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überall in der
Welt rückläufig sind, ist unabweisbar. Anders als die
realwirtschaftlichen Überschüsse steigen jedoch die Renditen des
Finanzkapitals autoreferenziell, nur auf sich selbst bezogen. Mit der
Verbriefung werden finanzielle Forderungen als Wertpapier weltweit
handelbar gemacht. Seitdem ist es ein fantastisches Geschäft,
Wertpapiere zu «originieren». Das ist, als ob es den Alchimisten
gelungen wäre, aus Dreck Gold zu gewinnen. Werte werden nicht durch
Arbeit und Naturumformung geschaffen, sondern durch Verbriefung
originiert und von den Renditen abgeleitet, die beim Verkauf auf Finanzmärkten
erzielt werden können (daher auch die Bezeichnung «Derivat»).
Sinken
die Renditen, so verfällt sofort der Wert der Papiere, und wenn diese
als Sicherheit für andere Schulden dienen, platzt die Kreditbeziehung.
Geschieht dies nicht nur vereinzelt, sondern en masse, ist die grosse
Finanzkrise da. Stockt der Finanzfluss, wird auch die reale
Kapitalzirkulation unterbrochen. Das Wachstum bricht ein, es kommt zu
einer Rezession. Erst Lehman Brothers, dann General Motors – und immer
ist der Staat dabei.
Heute
verfolgt der Staat aber nicht mehr wie im vergangenen Jahrhundert eine
«Krisenvermeidungsstrategie». Er ist im Krisenstrudel mittendrin. Die
gegenwärtige Krise begann ziemlich harmlos als Subprimekrise fauler
Hypotheken in den USA. Die Einkommen der Hypothekenschuldner reichten
nicht aus, um die nach oben spekulierten Zinsen (finanzielle
Forderungen) zu bedienen. Da die Hypotheken mit der Zustimmung der
Ratingagenturen zu komplexen Wertpapieren gebündelt und in aller Herren
Länder verkauft worden waren, wurden nun auf einmal Milliarden, ja
Billionen von Wertpapieren «toxisch», und zwar ebenfalls fast überall
in der Welt. Die Subprimekrise der Hypothekenschuldner in den USA
verwandelte sich in eine globale Bankenkrise.
Sofern
die betroffenen Banken als «systemrelevant» eingestuft wurden
(meistens gemäss der simplen Formel «too big to fail»), waren die
Regierungen sofort zur Stelle, um Rettungspakete zu schnüren. Die
Staaten verschuldeten sich. Kommen ein hoher Schuldenstand und ein
schlechtes Rating (und daher hohe Zinsen) zusammen, wird der
Schuldendienst untragbar. Aus der Subprimekrise ist eine Banken- und
Finanzkrise geworden, die sich nun zur Schuldenkrise der Staaten
zuspitzt. Die «Rettungsschirme» für private Finanzinstitute und
Unternehmen reichen nicht mehr, da bedarf es der koordinierten
internationalen Intervention. Man denke nur an den Internationalen Währungsfonds,
der das Know-how des Umgangs mit den Schuldenkrisen von Entwicklungsländern
bereits in den achtziger Jahren erworben hat. In Europa wurde ein Europäischer
Stabilitätsmechanismus geschaffen, um die Pleite eines Mitgliedslands
und die Währungskrise des gesamten Euroraums abzuwenden. Doch das nutzt
nicht viel, weil die Regierungen es vermeiden, den Zufluss zur «Spekulationskasse»
(John M. Keynes) zu stoppen.
Sackgassen
und Blockaden
Wie
kann die Krise von Banken, Staaten und Währungsräumen überwunden
werden? Im Prinzip dadurch, dass die realen Überschüsse zur
Verbesserung der Schuldendienstfähigkeit gesteigert und die
finanziellen Forderungen reduziert werden. Dies ist auf vier Wegen möglich
– allerdings führen sie entweder in eine Sackgasse oder werden
politisch blockiert.
Der
erste Weg hat den Namen «Austerity». Um das Defizit des Sekundärbudgets
auszugleichen, wo der Schuldendienst verbucht wird, muss im Primärbudget,
wo unter anderem die Sozialleistungen enthalten sind, ein Überschuss
her. Wenn die Steuern auf die mobilen Produktionsfaktoren – also das
«scheue» Kapital – tabu sind, dann müssen Steuern und Gebühren auf
den immobilen Produktionsfaktor – die lohnabhängigen Arbeitskräfte
– angehoben werden. Auch die Ausgaben, die ihnen zugute kommen, müssen
dann sinken: Sozialausgaben werden zusammengestrichen, die Löhne und
Gehälter gekürzt, öffentliche Güter und Dienste beschnitten. Das ist
eine verteilungspolitische Kriegserklärung.
Auf
einem zweiten Weg werden die finanziellen Forderungen der Gläubiger an
die Schuldner gesenkt. In einem Schuldenaudit wäre es möglich, die
Legitimität der Schulden zu prüfen. Die Ratingagenturen müssten aus
dem Geschäft genommen werden. Sie prüfen ausschliesslich die Kreditwürdigkeit
von Schuldnern und die Bonität von Wertpapieren, nicht aber die
Leistungsfähigkeit der SchuldnerInnen und auch nicht die Legitimität
und die Angemessenheit des Schuldendiensts. Deshalb kommen absurde
Ratings zustande. Je weniger SchuldnerInnen in der Lage sind, ihre
Schulden zu bedienen, desto höher steigen die Zinslasten. Eine
Reduzierung des Schuldendienstes verlangt daher einen Forderungsverzicht
von Gläubigern, eine faire, effiziente und transparente
Insolvenzregelung.
Der
dritte Weg wäre keine Sackgasse, doch er wird blockiert. Der
spekulative Nachschub von Anlage suchendem Kapital, die «Spekulationskasse»,
könnte mit einer Vermögenssteuer und einer Kapitaltransaktionssteuer
verkleinert werden. Der Widerstand gegen eine solche Massnahme, wie
Attac sie schon seit Jahren fordert, ist allerdings mächtig, nicht nur
auf dem «alten» Kontinent, sondern auch in der «neuen Welt». Dort
hat die Tea-Party-Bewegung verhindert, dass die horrende
Staatsverschuldung der USA durch eine Steueranhebung für die Reichen,
die lediglich den Status quo vor George Bushs Steuersenkung herstellen würde,
abgebaut werden könnte.
Den
vierten Weg weisen die OptimistInnen: die Wachstumsraten des BIP könnten
auf ein so hohes Niveau gebracht werden, dass verschuldete Länder aus
den Schulden herauswachsen. Doch wachstumswirksame Investitionen sind im
Vergleich zu Finanzinvestitionen nur attraktiv, wenn die Zinsen und
Finanzrenditen unter die Profitraten gesenkt werden. Das geht nicht ohne
politische Eingriffe in die Finanzmärkte. Hinzu kommt, dass Wachstum an
sozialen und ökologischen Grenzen kein guter Ratschlag ist.
Dennoch
kommen Schlaumeier auf die pfiffige Idee, dann eben die Grenzen wachsen
zu lassen. Wir befinden uns nun in den Gefilden des Green New Deal.
Sicher, wenn das «easy oil» ausgeht, kann auf die «unkonventionellen»
Reserven des «tough oil» zurückgegriffen werden: auf Öl aus den
Regenwäldern, aus den Polarmeeren, deren Eiskappen infolge des
Klimawandels schwinden, aus der Tiefsee, aus Ölsand und Ölschiefer. Da
können Grenzen wachsen, da liegen noch Reserven. Doch selbst dann rücken,
das ist Naturgesetz, andere Grenzen näher. Die Förderung von «tough
oil» hat katastrophale Auswirkungen, wie man im Nigerdelta, in Alaska
oder im Golf von Mexiko (siehe die Katastrophe von «Deepwater Horizon»
im Frühjahr 2010) und anderswo beobachten konnte und kann. Möglicherweise
kann mit «tough oil» das Ölangebot noch eine Zeitlang auf hohem
Niveau gehalten werden, aber nur zu steigenden Preisen und nur, wenn
politische und militärisch ausgetragene Ölkonflikte in Kauf genommen
werden.
Die
politischen Ursachen der Krise
Dem
rohstoff- und energieverzehrenden kapitalistischen Moloch geht also die
Nahrung aus. Die Energiekrise ist da, und sie wird durch die Art und
Weise der Bewältigung von Wirtschafts-, Finanz- und Währungskrise
verschärft. Gleichzeitig sind die Schadstoffdeponien des Planeten Erde
überlastet, in denen die Ausscheidungen des Molochs bislang abgelagert
worden sind. Die Warnleuchten flackern am aufgeregtesten mit Bezug auf
die Atmosphäre, wo die Treibhausgase bereits einen Wandel des Klimas
bewirkt haben, der sich zur Klimakatastrophe zuspitzen kann.
Der
Selbstbetrug mit den wachsenden Grenzen geht weiter. Wenn statt der
fossilen Energien erneuerbare Rohstoffe zu Treibstoff raffiniert werden,
regt das die Landnutzungskonkurrenz von «Tank oder Teller» an. In
vielen Weltregionen leiden ganz entgegen den Vorgaben der
Uno-Millenniumsziele aus dem Jahr 2000 Milliarden Menschen unter Hunger
und Unterernährung, und diese Krise spitzt sich zu. Hinzu kommen die
Spekulationen von Finanzfonds mit Nahrungsmitteln, weil ihnen infolge
der Finanzkrise andere Spekulationsobjekte (wie Subprime-Immobilien)
abhanden gekommen sind.
Die
Vielfachkrise schleppt sich seit Jahren hin. Sie weicht hier und da
einer freundlichen konjunkturellen Belebung und kehrt als drohende
Gewitterfront zyklisch zurück. Die politische Klasse lässt es
geschehen. Sie scheut Eingriffe in die Wirtschaft, wenn sie dem
neoliberalen Dogma von den «eigentlich» stabilen Märkten
widersprechen und wenn sie an die Machtverhältnisse rühren könnten.
Die Vielfachkrise ist also vor allem eine politische Krise.
Wie
wenig die politische Klasse Europas in der Lage ist, auf die vielfachen
Herausforderungen zu reagieren, bringt jede neue Krisensequenz ans
Tageslicht. Auch derzeit wieder, wenn wie schon seit der Subprime-Krise
«die Märkte», sprich die SpekulantInnen, die Banken und Fonds, mit
ihren Heerscharen von Hilfswilligen hofiert werden – mit
Abermilliarden aus Rettungspaketen, die sie sofort für eine neue
Spekulationsattacke nutzen. Kann der Krisenwahnsinn so weitergehen? Natürlich
nicht. Der Kapitalismus ist am Ende, und die gesamte Welt wird in den
Schlamassel hineingezogen. Es ist ein ethischer Imperativ und eine
politische Pflicht, dies zu verhindern.
Elmar
Altvater (72) ist Ökonom und emeritierter Professor für
Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. |