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Lafontaine
verkündet via F.A.Z.
„Freiheit
durch Sozialismus“
Hat
die Partei „Die Linke“ ein neues Zentralorgan?
Von
Günter Ackermann/11. Juli 2007
Jeder,
der meinte, der liebe Oskar verriete hier dem aufmerksamen Lesen, was er
unter Sozialismus versteht, sieht sich enttäuscht. Lafontaine überschüttet
dagegen seine Leser mit Allgemeinplätzen haufenweise.
Kostprobe:
„Sie versteht darunter mehr als
eine Wirtschaftsordnung. Demokratischer Sozialismus setzt aber eine
Wirtschaftsordnung voraus, die dem Menschen die Teilhabe am
gesellschaftlichen Leben ermöglicht…“
Ich
lese daraus: Sozialismus ist sozialer Kapitalismus, oder Kapitalismus mit
menschlichem Antlitz ist Sozialismus. Noch genauer: Mit viel Tünche und
Schminke wird aus der alten Schimäre rechte Sozialdemokratie mit ihrer
gescheiterten Politik der Klassenverbrüderung und der Überwindung der
Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, die rote sozialistische Zukunft
montiert. Denn, was Lafontaine überhaupt nicht will ist, die Besitzverhältnisse
grundlegend zu verändern. Da schreibt er: „Schlüsselbereiche
der Wirtschaft einer demokratischen und gesellschaftlichen Kontrolle zu
unterwerfen.“
Stammvater
seines „Sozialismus“ ist kein anderer als der alte Ludwig Erhard, denn
der meinte, lt Lafontaine: „Die Politik des Staates sollte deshalb darauf gerichtet sein,
wirtschaftliche Machtgruppen aufzulösen oder ihre Funktionen zu
begrenzen. Deshalb trat Ludwig Erhard damals für ein Fusionsverbot im
Kartellgesetz ein. Er konnte sich aber nicht durchsetzen.“
Der
dreht sich im Grabe herum, vom Apostel der Marktwirtschaft zum
sozialistischen Klassiker geheiligt zu werden.
Was
nämlich Lafontaine vollkommen außer Acht lässt ist die Tatsache, dass
Politik nichts über den sozialen Klassen stehendes Phänomen ist, sondern
die Durchsetzung von Klasseninteressen. Der Staat macht immer die Politik,
die die herrschende Klasse verlangt. Der kapitalistische Staat eben die
Politik des Kapitals.
Der
Staat hat die Funktion alles, was nach Veränderung und Beseitigung des
Systems riecht, zu bekämpfen und zu unterdrücken. Mit einem Gesetz, das
Fusionen verbietet, wären wir keinen Schritt weiter – auch, wenn es
Kapitalgruppen gäbe, die das will und ein solches Gesetz erlassen würde.
Wenn
Lafontaine schwadroniert: „Die Linke will das Primat der Politik.“
so frage ich ihn: Welche Politik meint er denn? Klassenpolitik muss er
meinen, denn es gibt keine andere. Er kann nur eine Politik im Interesse
des Kapitals meinen und er macht und weiß, man könne mit Kosmetik und
Appellen an die Vernunft des Kapitals dieses dazu bringen, sozialer zu
werden. Also nährt er die uralte Illusion der rechten Sozialdemokratie,
man könne mit Reformen dauerhaft etwas erreichen. Ein Trugschluss, wie
die Jahre seit 1990 gezeigt haben.
Primat
der Politik, nach Lafontaine, kann nicht das Primat der Politik der
Arbeiterklasse sein, denn die müsste sich erst die politische Macht erkämpft
haben. Aber da sei der Oskar, der Liebhaber von Seidenhemden vor.
Weiter
Lafontaine: „Stark konzentrierte
Wirtschaftsbereiche müssen entflochten werden.“
Das
ist eigentlich die Kernthese des „linken“ Oskar. Man entflechte etwas,
verschärfe die Kartellgesetze und alles ist gut. Aber: Die westlichen
Alliierten „entflochten“ in ihren Besatzungszonen einen
„konzentrierten Wirtschaftsbereich“, die chemische Industrie,
jedenfalls dessen wichtigstem Konzern, die IG-Farben. Ergebnis: Es änderte
sich gar nichts. Aus dem Superkonzern IG-Farben entstanden mehrere
Superkonzerne der chemischen Industrie, die noch heute sich den Markt
aufteilen und mächtiger sind, wie die IG-Farben je war.
Oskar
singt aber auch ein Loblied auf die freie Marktwirtschaft: „Markt
und Wettbewerb führen nicht nur zu einer effizienten Wirtschaft, sondern
ebenso zu Dezentralisierung wirtschaftlicher Entscheidungen und damit zur
Einschränkung wirtschaftlicher Macht.“
Westerwelle
müsste den lieben Oskar jetzt eigentlich die Ehrenmitgliedschaft in der
FDP anbieten. Was hier Lafontaine in die Welt posaunt, ist schlimmster
liberaler Unsinn. Jeder kapitalistische Markt, jeder Konkurrenzkampf sind
ihrem Wesen nach der Kampf um Marktanteile und die Verdrängung von
Mitbewerbern. Entweder werden sie kaputt konkurriert oder durch
Fusionierungen geschluckt. Das wird beschönigend und verschleiernd
„Marktbereinigung“ genannt und letztlich weniger Wettbewerb bedingt.
Das ist der Marktwirtschaft immanent innewohnend und kann nicht beseitigt
werden. Fressen oder gefressen werden, dieses Gesetz des Dschungels ist
auch das des kapitalistischen Marktes. Marktwirtschaft schränkt
politische Macht nicht nur nicht ein, sondern sie bedingt sie.
Lafontaine
beruft sich in seinem Artikel auf alle möglichen Größen der Geschichte.
Er will dabei wohl zeigen, dass er ein Bildungsbürger ist. So zitiert er
den Philosophen Rousseau, Ludwig Erhard erwähnte ich schon, den
altgriechischen athenischen Politiker Perikles findet auch die Ehre von
Lafontaine zitiert zu werden. Hier aber hat ein Blick in ein Lexikon
ausgereicht um festzustellen, dass Lafontaine diese historischen Größen
polemisch zitiert, aber kaum Ahnung von denen hat. Den Perikles versetzt
er in eine ganz andere Epoche. Nämlich in die Zeit des Augustus. Da war
aber Perikles schon 500 Jahre tot und die athenische Demokratie bestand
schon längst nicht mehr.
Lafontaine:
„Der Name, mit dem wir unsere
politische Ordnung bezeichnen, heißt Demokratie, weil die Angelegenheiten
nicht im Interesse weniger, sondern der Mehrheit gehandhabt werden“,
sagte der athenische Staatsmann Perikles vor über 2000 Jahren.“
Aber
genau diese Demokratie haben wir doch! Athen war damals ein
Sklavenhalterstaat, die Mehrheit der Bewohner Athens waren Sklaven, die
keinerlei Rechte hatten, noch nicht einmal das Rechts auf Leben. Perikles
aber meinte die Mehrheit der Bürger, der Sklavenhalter, also der
Minderheit, denn Sklaven zählten nicht. Zählen etwa im modernen
Kapitalismus die modernen Sklaven, die Lohnabhängigen? Deren Interessen
haben in der Politik nicht das Primat, das müssen die sich erst erkämpfen.
Lafontaine
zitiert dann noch einen der schlimmsten und übelsten kalten Krieger der
50er und 60er Jahre, USA-Präsident Dwight D. Eisenhower. Dem aber
unterstellt Oskar wenigstens nicht, er sei zum sozialistischen Klassiker
mutiert. Aber als Friedensfürst verkauft er diesen kalten und heißen
Krieger gegen den Kommunismus alle mal.
Fazit:
Die Besoffenheit mancher Linker hat unvorstellbare Ausmaße angenommen,
wenn sie an den smarten Oskar Lafontaine denken. Dieser FAZ-Artikel
verschicken sie ohne auch nur kleinste kritische Anmerkung durch die
Gegend. Dabei hätten bei ihnen die Alarmsirenen angehen müssen. Eine
rechte Gazette FAZ, hinter dem immer ein kluge Kopf stecken soll, das
Leib- und Magenblatt in den Vorstandsetagen im Frankfurter Bankenviertel
und in den Managements der Konzerne, bringt keine linken Autoren. Wer da
schreibt, steht auf der anderen Seite – wie eben Oskar Lafontaine. Alles
andere ist Dummheit.
G.A.
Freiheit durch Sozialismus, Von
Oskar Lafontaine, F.A.Z.,
09.07.2007, Nr. 156 / Seite 7
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