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Kein
Bedarf
Quelle:
german-foreign-policy
vom 14.06.2007
DRESDEN/PLAUEN
(Eigener
Bericht) - Nach den ersten personellen Konsequenzen aus dem sächsischen
Justiz- und Politskandal nimmt der Druck auf den Geheimdienstbeauftragten
der Bundesregierung, Thomas de
Maizière, zu. De Maizière hat während seiner Amtszeit als sächsischer
Innenminister geheimdienstliche Akten, die hochrangige Politiker und
Juristen aus ganz Sachsen schwer belasten, nicht an die Staatsanwaltschaft
und die zuständigen parlamentarischen Gremien weitergeleitet. Derselbe
Vorwurf hat jetzt zur Abberufung des Dresdner Verfassungsschutz-Präsidenten
geführt. Das Dresdner Innenministerium steht im Mittelpunkt weiterer
Vorkommnisse, die den Themenkomplex Zwangsprostitution und Frauenhandel
betreffen - und damit den Kern des aktuellen Skandals. Das Ministerium hat
einem Verein die finanzielle Unterstützung entzogen, als er
Kinderprostitution im deutsch-tschechischen Grenzgebiet öffentlich
anprangerte. Zur Begründung hieß es, an Maßnahmen gegen Frauenhandel
gebe es „in Sachsen keinen Bedarf“. Die
dem Innenminister unterstellte Polizei erreicht im Kampf gegen
Frauenhandel Aufklärungsquoten, die den bundesweiten Durchschnitt um ein
Vielfaches unterschreiten.
Nach Einschätzung von Beobachterinnen ist Sachsen ein Schwerpunktgebiet
des Frauenhandels in Deutschland.
Zahlreiche
Sachsen
Zwangsprostitution
und Frauen- und Kinderhandel in Sachsen sind ein Ausfluss der Entwicklung
in Europa seit den Umbrüchen 1989/90. In der Tschechischen Republik
entstand in den 1990er Jahren ein „30 Kilometer breite(r) und hunderte
Kilometer lange(r) 'Bordellgürtel' entlang der gesamten Grenze“ zu
Deutschland und Österreich, berichtet die Freiburger Organisation ECPAT,
die gegen den Missbrauch von Kindern vorgeht.[1] Die Ursache erläutert
Cathrin Schauer, die Geschäftsführerin des Plauener Vereins KARO, der
Zwangsprostitution und Kinderhandel bekämpft. „Vor dem Hintergrund des
wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs und der daraus resultierenden Armut
breiteten sich Prostitution, kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern
und der Handel mit Frauen und Kindern aus“, schreibt Cathrin Schauer in
einer Darstellung der Lage in den Grenzgebieten der Tschechischen
Republik.[2] Sie nennt auch diejenigen, die Zwangsprostituierte und Kinder
zur Erfüllung ihrer sexuellen Phantasien damals nutzten und heute immer
noch nutzen: In den meisten Fällen deutsche Männer, „überwiegend aus
den Freistaaten Sachsen und Bayern“.[3]
Hohe
Fluktuation
Die
Ringe der Frauen- und Kinderhändler überschritten schon zu Beginn der
1990er Jahre auch die Grenze in die Bundesrepublik. Über die bis heute gängige
Menschenhandelspraxis berichtet Cathrin Schauer im Gespräch mit dieser
Redaktion: „Viele Frauen und Mädchen werden aus den tschechischen
Grenzgebieten heraus in die deutschen Grenzgebiete verkauft“. Einige
werden dort festgehalten, andere „weiter ins Landesinnere Deutschlands
oder in andere EU-Länder gehandelt“. Dabei stellen Beobachterinnen eine
hohe Fluktuation fest. „Die Frauen werden regelmäßig
'ausgetauscht'„, berichtet die KARO-Geschäftsführerin: „Sie werden
dann aus den deutschen Grenzgebieten in die tschechischen Grenzgebiete zurückgebracht,
neue Frauen rücken an ihre Stelle.“[4] „Frischfleisch“, lautet der
Ausdruck einer Quelle über den aktuellen Polit-Skandal; ihr
zufolge ist die Anlieferung neuer Frauen von einem Staatsanwalt gedeckt
worden.[5]
Missbrauch
Lässt
die hohe Fluktuation des Frauen- und Kinderhandels Sensibilität für die
Thematik und Hilfe für die Verbrechensopfer als dringend nötig
erscheinen, so ist in Sachsen offenbar das Gegenteil der Fall. Wie Cathrin
Schauer gegenüber german-foreign-policy.com bestätigt, hat die
Landesregierung ihrem Verein KARO jegliche Unterstützung entzogen, seit
sie im Jahr 2003 mit einem Buch die Öffentlichkeit über den skandalösen
Missbrauch tschechischer Kinder durch meist deutsche Männer informierte.
Herausgeber der Schrift war das deutsche UNICEF-Komitee. UNICEF hat im
vergangenen Jahr erneut auf die skandalösen Zustände „(i)n den östlichen
Grenzregionen Deutschlands“ hingewiesen und unter expliziter Nennung
Sachsens den Vorwurf bekräftigt, dort würden in großem Umfang
„Minderjährige von deutschen Männern missbraucht“.[6]
Gestrichen
Im
Gegensatz zum Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen will die sächsische
Landesregierung Cathrin Schauer zufolge „keinen Bedarf“ am Kampf des
Vereins gegen Frauenhandel erkennen. Nach dem Erscheinen ihres Buches 2003
„gab es im sächsischen Innenministerium einen riesigen Aufschrei“,
berichtet sie im Gespräch mit dieser Redaktion: „Ein Mitarbeiter des
Innenministeriums, der für den Bereich Prävention zuständig war,
unterstützte mich, bestätigte meine Recherchen“ [7] - und wurde
postwendend aus einer Arbeitsgruppe entfernt, die sich dem Kampf gegen
Frauenhandel widmen sollte. Die Landesmittel für KARO wurden gestrichen,
der Verein ist bis heute auf Spenden und wohlwollende Fördermitglieder
angewiesen. Der Affront der Dresdner Landesregierung gegenüber der
Organisation und ihrer Aufklärungsarbeit schlägt immer noch Wellen und
wurde inzwischen auch im Bundestag und im Europaparlament thematisiert. (Anmerkung
k-online: Thomas
de Maizière
war von 2002 bis 2004 Staatsminister der Justiz und von 2004
bis 2005 Sächsischer Staatsminister des Innern.)
Aufklärung
In
Dresden hingegen, berichtet Cathrin Schauer, ist man nach wie vor der
Ansicht, ihre „Berichte über Zwangsprostitution und Menschenhandel würden
nicht stimmen“.[8] Die Aufklärungserfolge der sächsischen Polizei
scheinen diese Vermutung zu bestätigen: Für
das vergangene Jahr verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik des
Freistaats ganze sechs Fälle von Menschenhandel zum Zwecke sexueller
Ausbeutung - drei Fälle nach Paragraph 232 Absatz 1 StGB
(„Ausnutzung einer Zwangslage“), drei weitere Fälle nach Paragraph
232 Absatz 4 StGB („mit Gewalt, durch Drohung oder List“). Unter dem
entsprechenden Schlüssel (PKS-Zahl 2360) führt die Polizeiliche
Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts, die das gesamte Bundesgebiet
erfasst, für das Jahr 2006 unverhältnismäßig mehr Fälle auf -
insgesamt 712. Die geringe Aufklärungsquote der sächsischen
Kriminalpolizei wird nachvollziehbar, wenn man den Akten des dortigen
Landesamtes für Verfassungsschutz glaubt. Demnach
wurden die Prostituierten hohen Verwaltungsbeamten im Leipziger Rathaus
zur Verfügung gestellt und durch den Hintereingang auf die Führungsebene
gebracht. Die Namen der an den sexuellen Zwangsveranstaltungen
beteiligten Beamten nennt der Verfassungsschutzbericht auf der Basis
dreier voneinander unabhängiger Quellen. Bisher vermeidet die deutsche
Presse, aus dem Bericht zu zitieren, da die hohe Stellung der betroffenen
Personen auch bundespolitische Konflikte im Kabinett Merkel eröffnen könnte.
Bedroht
Die
geringe Aufklärungsquote der sächsischen Polizei beim Delikt
Frauenhandel entspricht dem Unwillen beinahe sämtlicher Verantwortlicher
in der sächsischen Politik und Justiz, den Skandal aufzuklären. Berichten
zufolge sind erste belastende Aktenbestände inzwischen vernichtet worden,
recherchierende Journalisten
werden bedroht. Nach der Abberufung des Verfassungsschutz-Präsidenten
wächst nun der Druck auf den ehemaligen sächsischen Innenminister Thomas
de Maizière, der inzwischen als Staatsminister im Bundeskanzleramt der
oberste Dienstherr der deutschen Geheimdienste ist. Auch
ein weiterer Berliner Politiker, der seine Karriere in Sachsen begann,
muss um sein Amt fürchten.
Textmarkierungen
von Kommunisten-online
Bitte lesen Sie auch das vollständige Interview
mit Cathrin Schauer.
[1]
ECPAT Deutschland e.V.: Kinderhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung. Länderbericht
Tschechische Republik. ECPAT Deutschland e.V. - Arbeitsgemeinschaft zum
Schutz der Kinder gegen sexuelle Ausbeutung - ist ein bundesweiter
Zusammenschluss von 28 Institutionen und Gruppen.
[2], [3] Cathrin Schauer: Kinder auf dem Strich. Bericht von der
deutsch-tschechischen Grenze. Herausgegeben von Deutsches Komitee für
UNICEF, ECPAT Deutschland, Bad Honnef 2003
[4] s. dazu Frauenhandel
in Sachsen
[5] s. dazu Profiteure
und Paten
[6] Kinder- und Zwangsprostitution entschiedener bekämpfen!;
www.unicef.de 13.07.2006
[7], [8] s. dazu Frauenhandel
in Sachsen
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Aus
Wikipedia:
„Thomas
de Maizière und die Korruptionsaffäre in Sachsen
Mitte
Mai 2007 warfen Medienberichte über den offenbar brisanten Inhalt einer
geheimen Datensammlung des sächsischen Verfassungsschutzes Fragen auf
nach der Rolle die Thomas de Mazière in seiner Funktion als sächsischer
Innenminister (November 2004 bis November 2005) bei der Aufklärung der
Sachverhalte gespielt hatte. In den umfangreiche Unterlagen (rd. 15 600
Seiten) des sächsischen Verfassungsschutzes waren Informationen über
(angebliche) Verstrickungen von sächsischen Politikern, hohen
Justizbeamten und Polizisten in die organisierte Kriminalität
zusammengetragen worden. Es ging um Korruption, Amtsmissbrauch, Verrat von
Dienstgeheimnissen, Immobiliendeals, Kinderprostitution, Kontakten zur
Rotlichtszene, ungeklärte Attentate und Todesfälle – Fälle die teils
bis Anfang der 90er Jahre zurückreichen.
Abgeordnete
des sächsischen Landtags warfen de Maizière vor, in seiner Zeit als
Innenminister seine Informationspflichten gegenüber der Parlamentarischen
Kontrollkommission (PKK), die die Arbeit des Verfassungsschutzes überwacht,
verletzt zu haben. Die Unterlagen des Verfassungsschutzes waren als
„geheim“ eingestuft worden. Nach den gesetzlichen Regelungen zum
Landesverfassungsschutz hat der Innenminister, als oberster Dienstherr des
Landesamts für Verfassungsschutz jedoch „die Pflicht“ , die
Parlamentarische Kontrollkommission (PKK) über „Vorgänge von
erheblicher Bedeutung“ zu informieren. Im Fall dieser Datensammlung war
dies aber erst im Herbst 2006 geschehen, obwohl die sächsischen
Verfassungsschützer bereits jahrelang - seit dem Jahre 2003 -
Informationen über die kriminellen Netzwerke gesammelt hatten.“
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Frauenhandel
in Sachsen
Quelle:
german-foreign-policy
14.06.2007
PLAUEN
Über
Zwangsprostitution und Frauen- und Kinderhandel in den
deutsch-tschechischen Grenzgebieten sprach german-foreign-policy.com mit
Cathrin Schauer. Sie arbeitet für und leitet den Verein KARO in Plauen,
der gegen Zwangsprostitution, gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern und
gegen Frauen- und Kinderhandel in Sachsen und den tschechischen
Grenzgebieten eintritt, Gewalt- und Gesundheitsvorsorge leistet sowie den
Betroffenen mit verschiedenen sozialpädagogischen Angeboten hilft. Seit
2004 erhält KARO e.V. keine Unterstützung des Freistaates Sachsen mehr
und ist auf private Spenden angewiesen.
german-foreign-policy.com:
Der jüngste Skandal in Sachsen dreht sich unter anderem um
Zwangsprostitution und Frauen- und Kinderhandel. Welchen Umfang haben
diese Verbrechen in den deutschen Grenzgebieten zur Tschechischen
Republik?
Cathrin Schauer: Die Dimensionen sind schwer zu beschreiben, weil
es ein großes Dunkelfeld gibt und sich die Aktivitäten auf beiden Seiten
der Grenze vermischen; wir arbeiten deshalb sowohl in Deutschland als auch
in Tschechien. Viele Frauen und Mädchen werden aus den tschechischen
Grenzgebieten heraus in die deutschen Grenzgebiete verkauft, gehen dort häufig
der Wohnungsprostitution nach oder sind in so genannten bordellähnlichen
Einrichtungen anzutreffen. Von den Grenzgebieten aus werden sie auch
weiter ins Landesinnere Deutschlands oder in andere EU-Länder gehandelt.
Betroffen sind vor allem Tschechinnen, Slowakinnen und Ukrainerinnen. Die
Fluktuation ist sehr hoch. Die Frauen werden regelmäßig
"ausgetauscht". Sie werden dann aus den deutschen Grenzgebieten
in die tschechischen Grenzgebiete zurückgebracht, neue Frauen rücken an
ihre Stelle. Die Fluktuation trägt auch dazu bei, dass es schwer ist,
Zwangsprostitution und Frauen- und Kinderhandel zahlenmäßig zu erfassen.
gfp.com: Das sächsische Landeskriminalamt hat im Jahr 2006 nur
sechs Fälle von Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung
festgestellt. Die Zahl gibt die Wirklichkeit aber wohl nicht richtig
wieder...
Schauer: Auf keinen Fall. Das liegt auch daran, dass es sich bei
Zwangsprostitution und Frauenhandel um ein so genanntes Kontrolldelikt
handelt. In diesem Bereich geht kaum jemand zur Polizei und erstattet
Anzeige. Die Verbrechen kommen fast nur ans Tageslicht, wenn Razzien
stattfinden. Schwierigkeiten entstehen auch, weil Prostitution speziell in
Deutschland nicht verboten ist. Wir kennen aus unserer Arbeit Fälle, bei
denen die Zuhälter Frauen in Zwangsprostitution halten, sie aber ganz
dreist den Vorschriften entsprechend bei den Behörden anmelden. Die
Frauen werden beim Finanzamt eingetragen, bekommen eine Steuernummer,
werden beim Einwohnermeldeamt registriert - und wenn eine Kontrolle kommt,
ist alles in Ordnung. Die Frauen sprechen dann gegenüber den Behörden
nicht über ihre Zwangssituation. Das liegt an der Angst vor den Zuhältern,
an deren Drohung mit Gewalt, an Traumatisierungen, die bereits in der
Kindheit und später dann in der Zwangsprostitution entstanden sind.
gfp.com: Sind auch Kinder von den Verbrechen betroffen?
Schauer: Ja. Das ist allerdings ein Bereich, der sehr versteckt
gehalten wird. Wir hatten etwa während der Fußball-WM konkrete Hinweise
von Frauen, die in Tschechien auf dem Straßenstrich standen, dass Minderjährige
zur Zwangsprostitution nach Deutschland gebracht wurden. Das geschieht
aber in aller Regel in speziellen Wohnungen, zu denen wir keinen Zugang
haben. Außerdem hat sich die Szene in den letzten Jahren gewandelt. Die
Absprachen werden mit Hilfe von Internet und Handys anders getroffen als
noch vor wenigen Jahren. Punktuell sieht man schon in Tschechien noch
Kinder, die offen auf der Straße zur Prostitution angeboten werden, aber
nicht mehr in dem Ausmaß, wie es vor einigen Jahren der Fall war. Das
bedeutet leider nicht, dass die Kinderprostitution nachgelassen hat. Wie
gesagt - die Szene hat sich verändert, sie arbeitet jetzt sehr häufig über
Mittelsmänner, oft Familienangehörige, die die Kontakte knüpfen.
gfp.com: Lassen sich die Männer, die die Lage von
Zwangsprostituierten ausnutzen oder Kinder missbrauchen, einem bestimmten
sozialen Milieu zuordnen?
Schauer: Uns fällt bei der Arbeit auf, dass die Männer überwiegend
in Mittelklassewagen anfahren, auch in Pkws der gehobeneren Klasse. Nach
der Kleidung zu urteilen müsste man ebenfalls sagen: Mittelklasse bis
Oberschicht. Unterschichtmänner sind kaum anzutreffen. Auf jeden Fall
handelt es sich in den deutsch-tschechischen Grenzgebieten zum überwiegenden
Teil um Deutsche.
gfp.com: Das Wohlstandsgefälle wirkt sich also immer noch aus...
Schauer: In der Tat. Auch der EU-Beitritt hat daran nichts
gebessert. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in den Grenzregionen
immer größer, was uns auch dort lebende Menschen bestätigen. Dieses
Wohlstandsgefälle stützt kriminelle Machenschaften wie
Zwangsprostitution, Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung von Kindern.
gfp.com: Können Sie an einem Beispiel die Folgen von
Zwangsprostitution und Kindesmissbrauch beschreiben?
Schauer: Ich könnte so viele Beispiele nennen... Wir hatten
Kontakt zu einer jungen Frau, die wir kennen gelernt hatten, als sie zwölf
Jahre alt war. Sie wurde von ihrem Stiefvater zur Prostitution gezwungen,
wurde auch nach Deutschland verkauft, konnte mit Hilfe der Polizei aber
zurückkehren. Dieses Mädchen bekam mit 13 Jahren ein Kind. Sie stand bis
zur letzten Minute vor der Entbindung auf der Straße, und das war kein
Einzelfall. Es kommt oft vor, dass tschechische Zwangsprostituierte
gezielt geschwängert werden, weil deutsche Männer für schwangere Frauen
einen höheren Preis zahlen. Das erwähnte Mädchen ist nach der
Entbindung sofort wieder auf die Straße gegangen. Mit 16 hat sie das nächste
Kind bekommen, hat einen Deutschen kennen gelernt und ist mit ihm nach
Deutschland. In einem Fernsehbeitrag habe ich sie wieder erkannt - sie hat
jetzt selbst Kinder in den Missbrauch verkauft. Die jahrelange unsägliche
Gewalt hat ihre Emotionen gänzlich getötet. Ein Mann, den wir als
kleinen Jungen in der Prostitution kennen gelernt haben und der dabei
ebenfalls sehr viel Gewalt erfahren hat, arbeitet heute als Zuhälter
ebenfalls mit extremer Brutalität. Seine hochschwangere Freundin stellt
er den ganzen Tag zur Prostitution auf die Straße, schlägt sie regelmäßig,
so dass diese Gewaltauswirkungen auch für jeden sichtbar sind. Das sind
unter anderem Folgen der psychischen und physischen Gewalt, die viele
tschechische Frauen und Kinder in den Grenzgebieten erleiden - eine
Katastrophe, für die Betroffenen, aber auch für die gesamte
Gesellschaft.
gfp.com: Stimmt es, dass Sie seit dem Jahr 2004 für Ihre Arbeit
keine Zuschüsse vom Freistaat Sachsen mehr bekommen?
Schauer: Wir bekommen nach wie vor kein Geld von der
Landesregierung. Wir führen zwei EU-Programme durch, das sind aber
Projektarbeiten, die mit der normalen Alltagsarbeit nur wenig zu tun
haben. Außerdem enden diese beiden Programme zu Jahresende. Wir sind
daher weitestgehend auf Spenden und Fördermitgliedschaften angewiesen, um
die wichtige und notwendige Präventionsarbeit fortführen zu können. Von
der Landesregierung bekommen wir nicht einmal für die Gesundheitsprävention
in Sachsen Mittel. Die Ablehnungsbescheide, die wir erhalten haben, begründen
das mit der Behauptung, unsere Arbeit sei nicht notwendig, die Missstände
lägen auf der tschechischen Seite, es gebe in Sachsen keinen Bedarf. Nach
Erscheinen meines Buches über Kinderprostitution im deutsch-tschechischen
Grenzgebiet im Jahr 2003 gab es im sächsischen Innenministerium einen
riesigen Aufschrei. Dort tagte damals eine Arbeitsgruppe, die die Missstände
bekämpfen sollte. Ein Mitarbeiter des Innenministeriums, der für den
Bereich Prävention zuständig war, unterstützte mich, bestätigte meine
Recherchen - und wurde sofort, noch in derselben Minute, aus der
Arbeitsgruppe hinausgeworfen. Das Sächsische Innenministerium hat sich
daraufhin bei der Tschechischen Regierung entschuldigt, war in der Presse
zu lesen.
gfp.com: Vielleicht wollte man sich nicht in die inneren
Angelegenheiten der Tschechischen Republik einmischen?
Schauer: Diese Argumentation habe ich nie gehört. Es wurde immer
nur gesagt, meine Berichte über Zwangsprostitution und Menschenhandel würden
nicht stimmen. In der Euroregion wird völlig ohne Probleme grenzüberschreitend
zusammengearbeitet. Es gibt dazu auch ein spezielles Programm, Interreg.
Selbst der Euregio-Chef in unserer Region hatte sich dafür eingesetzt,
dass wir Mittel aus dem Programm bekommen, und fuhr mit mir ins
Ministerium, um die Gelder zu beantragen. Das Ministerium hat abgelehnt.
Es geht ohnehin gar nicht um Einmischung, sondern im Gegenteil um die
Verantwortlichkeit der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Tschechien.
Denn die Probleme, die dort in den Bereichen Zwangsprostitution und
Menschenhandel entstanden sind, sind von deutschen Männern verursacht
worden. Auch im Gesundheitsbereich. Man kann das ganz einfach im Internet
nachlesen: Deutsche Männer propagieren immer wieder Sex ohne Kondom, erklären,
wie sie das gewaltsam durchsetzen. Umso verwunderlicher ist es, dass das Sächsische
Gesundheitsministerium diese Probleme nicht erkennen möchte.
Man muss sich wirklich klarmachen, worüber man bei dieser Thematik
eigentlich spricht. Wir reden, wenn wir von Zwangsprostitution,
Menschenhandel und sexueller Ausbeutung von Kindern reden, von
gravierenden Menschenrechtsverletzungen, von Quälerei, von Folter. Es ist
ein Skandal, dass unsere Gesellschaft in einem hoch entwickelten Zeitalter
derartige Menschenrechtsverletzungen noch immer toleriert. |
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