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Eindrücke
aus Moskau
Von
Charlotte Rombach
Quelle:
Kominform-at
vom 07.11.2011
Auf
Kommunisten-online am
10.
November 2011 – Nach sechs Jahren war ich wieder in Moskau. Ich
bestaunte die positiven Veränderungen – viele schön renovierte alte
Bürgerhäuser, teilrenovierte Wohnhäuser aus der Zeit Chruschtschows,
modernste Büro- und Wohngebäude, einige neue Metro-Stationen, viele
Cafes und Restaurants (leider sehr amerikanisiert), mehr studien- und
karrierebewusste Jugendliche, ein großes Warenangebot, das in neuem
alten Glanz erstrahlende Bolschoi-Theater, das größere Reiseangebot
(allerdings kaum erschwinglich). Negativ berührten mich der
unglaubliche Luxus und daneben die so offensichtliche Armut, die
horrenden Preise für Lebensmittel, für Dinge des täglichen Bedarfs
und den öffentlichen Verkehr, die Tausenden Autos und die damit
verbundenen täglichen kilometerlangen Staus auf fast allen Straßen
Moskaus, die dadurch verpestete Luft, die veraltete Infrastruktur, viele
auf der Straße Bier trinkende Jugendliche ...
Russland
nach 1991
Nachdem
im August 1991 der Rettungsversuch der Parteispitze der KPdSU durch das
„Staatliche Komitee für den Ausnahmezustand“ (GKTschP) fehl
geschlagen war, aktivierte Boris Jelzin die antisowjetischen Kräfte,
Michail Gorbatschow verriet die SU und löste die KPdSU auf – die
Konterrevolution siegte. Das Land wurde zerrissen, mit dem großen
sowjetischen Erbe wurde nicht viel Federlesens gemacht, es wurde zum Großteil
gestohlen und unter der „Familie“ d.h. den Anhängern Jelzins
verteilt. Die so genannten Eliten Russlands haben sich in den letzten 20
Jahren nur bereichert und ihren Reichtum außer Landes gebracht. Die
Sowjetunion war eines der drei mächtigsten Staatengebilde der Welt, sie
war ein sicheres, gebildetes und starkes Land. Putin selbst hat den
Zusammenbruch der Sowjetunion als «größte geopolitische Katastrophe
des 20. Jahrhunderts» bezeichnet.
Nach
1991 ist das ehemalige sozialistische Land zwar Atommacht Nr. 2
geblieben, aber zu einer gnadenlos ausgebeuteten Halbkolonie geworden.
Es gibt keine Industriepolitik, nicht ein einziger Industriezweig ist
gewachsen, keine neuen Betriebe wurden gebaut. Die noch funktionierenden
Industriebetriebe stammen aus der heute viel geschmähten Sowjetunion.
Das Land vertraut traditionell den in der Sowjetzeit ausgebauten Erdöl-
und Gasvorräten in Westsibirien. Der Maschinenbau stagniert, Flugzeuge,
Eisenbahnen und Schiffe, Autobusse, Straßenbahnen, U-Bahn (Metro) Züge,
Wasser- und Gasrohre stammen noch aus sowjetischer Zeit, sind total
veraltet und müssten erneuert werden. Die Gebäude von Archiven,
wissenschaftlichen Instituten, Labors usw. sind baufällig, die
Einrichtung und technische Ausstattung sind veraltet. Das
wissenschaftliche Potenzial ist verloren gegangen, es fehlt an Personal,
denn die berufsbildende technische Ausbildung gibt es nicht mehr – an
den Hochschulen hängt die Notenvergabe nicht vom Wissen, sondern vom
Geldbeutel der Eltern ab. Noch halten die in der sowjetischen Zeit
ausgebildeten technischen Fachkräfte mittleren Alters und Pensionisten
die Wirtschaft aufrecht. Aber wo ist die Ablöse? Die besser
ausgebildeten jungen Menschen emigrieren ins Ausland, da sie keine
Perspektive sehen. Es gibt im Land eine Überzahl von Managern, Ökonomen,
Juristen, aber es fehlt das für die reale Produktion notwendige
technische Personal.
Die
wirtschaftliche Schocktherapie der Ära Jelzin und Gorbatschow (z.B.
wurden vom damaligen Finanzminister Gajdar die Preise frei gegeben) hat
weit reichende schlimme Folgen. Das Land ist abhängig von Importen
(Autos – mehr als 85%, Schuhe – bis zu 90%, Medikamente – 77%,
Passagierflugzeuge – bis zu 62%). Industrie und Landwirtschaft wurden
zerstört, die Kolchosen aufgelöst – daher werden heute Lebensmittel
bis zu 80% importiert. Zerstört wurden das Bildungswesen, das
Gesundheitswesen (das fast ganz privatisiert ist). Es blühen Korruption
und Beamtenwillkür. In den letzten Jahren wird die Tragik des
Geschehens immer offensichtlicher – private Unternehmer schließen
willkürlich ihre Betriebe (wodurch Zehntausende Menschen plötzlich
ihre Arbeit verlieren), Terroranschläge werden verübt, Banden
terrorisieren die Bevölkerung durch Überfälle und Raub - u.a. werden
alleinstehende alte Menschen ermordet, nachdem man ihnen durch Betrug
die Wohnung gestohlen hat. Die nationale Sicherheit wird durch den
Verfall des kulturellen und geistigen Niveaus der Bevölkerung bedroht.
Seit
der Ideologe der Perestroika, A.N. Jakowlew, behauptete, ein Staat
brauche keine Ideologie, entstand in Russland eine neue Ideologie mit
neuem Inhalt – Feindseligkeit, Hass, Käuflichkeit, Diebstahl,
Profitstreben, steigende Verbrechensraten, Aufspaltung des Volkes in Arm
und Reich, Rassismus, beschämendes und geringschätziges Verhalten
gegenüber Arbeit und den Arbeitenden, den Werten der Oktoberrevolution
und des Großen Vaterländischen Krieges, Amerikanisierung der Kultur,
Missachtung des freien Bildungszugangs für alle u.v.m.. Die Regierung
vertritt nicht die Interessen der Bevölkerung. Mit jedem Jahr wird das
Land weiter zurück geworfen. Hat nicht Gorbatschow (während eines
Seminars in der Amerikanischen Universität in Ankara im August 2010)
vorhergesagt, dass „die Welt ohne Kommunismus besser sein wird? Dass
nach dem Jahr 2000 eine Epoche des Friedens und des allgemeinen
Wohlbefindens anbrechen wird?“.
Einige
Fakten
Die
Zahl der Einwohner Russlands hat sich ungeachtet millionenfacher
Migration verringert, die Lebensdauer der Menschen beträgt 66 Jahre,
fast 50% der Männer und 22% der Frauen erleben das Pensionsalter nicht
– und nun soll dieses auch noch erhöht werden. Dadurch und durch die
Landflucht sind seit 1991 mehr als 20.000 Orte von Russlands Oberfläche
verschwunden. Die Oligarchen an der Macht haben die Eigentumsverhältnisse
brutal verändert – heute lebt jeder siebente Bürger Russlands in
Armut. Das Moskauer Wissenschaftszentrum für Sozial- und
Gerichtspsychiatrie trat vor kurzem mit der Information an die Öffentlichkeit,
dass zwischen 1990 und 2010 etwa 800.000 Menschen ihrem Leben ein Ende
gesetzt haben - „Das ist praktisch eine ganze Stadt“. Der Grund für
diese traurige Entwicklung liegt nach Meinung von Experten in den sozial
schwierigen 1990er Jahren. 2010 teilten die Weltgesundheitsorganisation
und UNICEF mit, Russland liege bei Selbstmorden von Jugendlichen
weltweit an der Spitze; außerdem gebe es nirgends in der Welt so viele
Morde an Kindern und Jugendlichen wie hier.
Immer
mehr Menschen rutschen unter die Armutsgrenze: seit Mitte 2010 ist die
Zahl der Menschen unter dem Existenzminimum um 2,3 Millionen auf 22,9
Millionen gestiegen (lt. Statistischem Amt 16,1 % der Bevölkerung). Für
das zweite Halbjahr 2010 wurde diese amtliche Armutsschwelle auf 5.625
Rubel im Monat (ca. 135 Euro) festgelegt. Für die arbeitende Bevölkerung
werden dabei 6.070 Rubel, für PensionistInnen 4.475 Rubel und für
Kinder 5.423 Rubel angesetzt. Das Existenzminimum im ersten Quartal 2011
betrug im Durchschnitt 6.473 Rubel (etwa 160 Euro) im Monat. Ein
Grossteil der Armen sind Staatsangestellte, also Beamte, LehrerInnen,
Krankenhauspersonal, die Beschäftigten von Bibliotheken und Museen. Übrigens
verlangt die Führung der KPRF in ihrem Wahlprogramm die Anhebung des
Existenzminimums für jede Person auf 17.000 Rubel pro Monat (das
entspricht dem von der UNO für die Entwicklungsländer Asiens und
Afrikas festgelegten Betrag).
Die
fast vergessene Arbeitslosigkeit steigt – gegenwärtig sind in
Russland nach internationalen Kriterien 5,2 Mio. Menschen als arbeitslos
einzustufen. Dies entspricht einer Arbeitslosen-Quote von 6,9 Prozent.
Im Januar 2010 waren 9,2 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ohne
Beschäftigung. Von den 5,2 Mio. Arbeitslosen in Russland sind aber nur
1,65 Mio. bei den Behörden als arbeitslos registriert. Die monatliche
Arbeitslosenunterstützung betrug in den letzten zehn Jahren zwischen
100 und 850 Rubel. Zum Vergleich einige Preise: ein halbes Kilo Brot –
30 Rubel, 10 Metro-Fahrten – 265 Rubel, ein Kilo Äpfel – 77 Rubel,
ein Kilo Rindfleisch 350 Rubel, ein Hendl 300 Rubel, ein paar gefütterte
Winterstiefel 4.200 Rubel, Miete 5-6.000 Rubel (3-Zimmer).
Die
Hauptstadt Moskau macht zwar wie St. Petersburg auf den ersten Blick
einen sauberen und schönen Eindruck, ist aber keine Insel der Seligen.
Der brutale, primitive Kapitalismus hat alle Lebenssphären der Stadt
beeinflusst. In dem Zeitraum von 20 Jahren ist sie vom
wissenschaftlichen, industriellen und kulturellen Zentrum in ein
Bankenzentrum verwandelt worden. Die jetzige Moskauer Stadtregierung ist
nicht an den Moskauern interessiert, sondern an der Teilhabe am Kuchen
der Finanzströme. Einige ihrer Mitglieder sind Millionäre geworden.
Die Einkommen der Moskauer Bewohner sind dagegen bedeutend bescheidener
– lt. Moskauer Statistischem Amt beträgt der Durchschnittsverdienst
27.000 Rubel (wobei z.B. eine Kellnerin 1.200.- Rubel erhält, eine
Ingenieurin 47.000). Das System der Macht in Moskau ist korrupt
geblieben, ebenso die Willkür der Beamten – ob im Straßenverkehr, in
der Schule, den Kindergärten oder dem Business. Es gibt viele Straßenkinder
und Obdachlose. Mieten und Betriebskosten steigen ständig, bis zu 25% jährlich,
zum Teil bestimmen private Firmen die Preise für Heizung. Der
Durchschnittspreis für eine Wohnung in Moskau beträgt (lt. Metrinfo.ru
per 12.9.2011) 151.638 Rubel. Die Stadt Moskau zählt heute 11 Millionen
Einwohner, davon sind eine halbe Million MigrantInnen. Von letzteren
arbeiten mehr als 300.000 illegal am Bau, im Handel usw.
Die
Wahlen zur Staatsduma
Die
KPRF (derzeit 57 Sitze, Spitzenkandidat Gennadij Sjuganow) hat ein
Forderungsprogramm erstellt: Erneuerung eines sozialistischen Russland,
Einstellung der zügellosen Privatisierung, Ablösung des freien Marktes
durch Staatsregulierung, Nationalisierung der Mineral- und
Rohstoffbasis, des Energiesektors, der Metallurgie, des Flugzeugbaues
usw., Neu-Industrialisierung Russlands auf der Grundlage neuester
Erkenntnisse in Wissenschaft und Technik, Verdoppelung der finanziellen
Mittel für die Wissenschaft innerhalb von drei Jahren, Verbesserung des
Gesundheits- und Bildungswesens, keine Flat-Tax von 13% für alle, gegen
das Abwandern des Finanzkapitals ins Ausland.
An
der Spitze ihrer Wahlkampagne für die Dumawahlen im Dezember d.J. steht
folgender Aufruf:
„RUSSLAND
20 JAHRE OHNE UdSSR – Präsentieren wir den Zerstörern und ihren
Nachfolgern die Rechnung! Vor 20 Jahren wurden die UdSSR, die erste
sozialistische Gesellschaft, zerstört. Das Volk wurde beraubt,
vernichtet und beleidigt. Dem Volk wurden das Land, die Bodenschätze,
das Erdöl und das Erdgas gestohlen. Es wurden die Industriebetriebe
vernichtet, woraus Arbeitslosigkeit, Rechtlosigkeit der arbeitenden Bevölkerung
und Luxus von Parasiten resultierten. Das Volk wurde an den Rand des
Aussterbens gebracht. Ihm wurde die Zukunft geraubt. Dieser
Vernichtungskurs wird beibehalten! Genug! Wir müssen diesen Prozess
aufhalten! Es ist Zeit, das Gestohlene wieder zu erobern! Schluss mit
der Restauration des Kapitalismus in Russland!“
Rassismus
und Xenophobie werden bei diesen Wahlen eine große Rolle spielen. Denn
russische Nationalisten gehen immer öfter aggressiv gegen MigrantInnen
aus den ehemaligen südlichen Republiken vor, denen sie „Ethnobanditentum“
vorwerfen. Es gibt natürlich Banden aus Asien und dem Kaukasus, aber
genau so russische kriminelle Gruppen. Die Sicherheitsorgane
andererseits nehmen oft Partei für die russischen Banden, denn erstens
sind sie auch durchdrungen von nationalistischen Ideen und zweitens sind
sie korrupt – sie werden von den Angehörigen beider Seiten bestochen.
Für Anfang November haben die Nationalisten („Russkije) einen
„Russischen Marsch“ angekündigt. Die meisten Morde geschehen aber
bei kriminellen Bandenkämpfen, nicht bei nationalen Konflikten. Die
Medien spielen sie jedoch verantwortungslos als Nationalitätenkonflikt
hoch. Und die Regierung schaut weg.
Wird
sich bei den geschilderten tristen Verhältnissen die russische Bevölkerung
endlich aus ihrer Apathie lösen und der Regierung einen Denkzettel
verpassen? Viele ältere Menschen werden bei der Duma-Wahl die KPRF, bei
der Präsidentenwahl jedoch Putin wählen. Denn für sie war und ist er
noch immer ein Faktor der Stabilität nach dem Chaos der 1990er Jahre.
Putin ist dem Westen gegenüber weniger aufgeschlossen als Medwedjew,
ist gegen den Beitritt in die EU und die Nato, tritt gegen das
amerikanischen Raketenabwehrsystem in Polen auf, kämpft in Ansätzen
gegen Korruption und Steuerhinterziehung. Er lässt regelmäßig die
Pensionen erhöhen – allerdings steigen gleichzeitig die Preise für
Lebensmittel, Wohnen, Energie ... Am letzten Parteitag von „Einiges
Russland“ teilte er mit, dass die Steuern für Reiche angeblich erhöht
würden – ein Wahlgag?
Ch.
Rombach, September 2011 |