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Studie über die Nazi-Vergangenheit führender Vertreter der „Vertriebenen“:

„Auf solcher Grundlage ließe sich wohl auch die nationalsozialistische Grundüberzeugung Heinrich Himmlers in Zweifel ziehen.“ (FAZ)

Vertreibung aus dem Leben

BERLIN/MÜNCHEN

german-foreign-policy vom 24.02.2010 – Eine von der Bundesregierung finanzierte Studie zur Geschichte des Bundes der Vertriebenen (BdV) relativiert die NS-Aktivitäten früherer „Vertriebenen“-Funktionäre. Dies berichtet die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung. Demnach seien manche Argumentationen in dem Papier, das die NS-Vergangenheit hochkarätiger Vertreter der Umgesiedelten-Organisationen untersucht, geeignet, „die nationalsozialistische Grundüberzeugung Heinrich Himmlers in Zweifel (zu) ziehen“. Die Studie ist vom Institut für Zeitgeschichte in München erstellt worden und wird streng unter Verschluss gehalten; das Institut relativiert ihre Bedeutung und erklärt, es handele sich dabei lediglich um eine „Machbarkeitsstudie“. Der Verfasser des Papiers bewegt sich im Umfeld von „Deutschtums“-Organisationen in den östlichen Nachbarstaaten der Bundesrepublik. Den Auftrag zur Erstellung der Studie habe ihm der Historiker Manfred Kittel vermittelt, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Kittel ist Direktor der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, die in Berlin eine Dauerausstellung zum Thema „Flucht und Vertreibung“ errichtet. Seine wissenschaftliche Arbeit war bereits in den 1990er Jahren Gegenstand scharfer Kritik.

Desinformation“

Ausgangspunkt für die Entscheidung, eine Studie über das NS-Vorleben früherer „Vertriebenen“-Funktionäre erstellen zu lassen, war die Debatte um das vom BdV geforderte „Zentrum gegen Vertreibungen“. Im Rahmen dieser Debatte hatte die Zeitschrift „Der Spiegel“ im August 2006 einen Artikel über die NS-Aktivitäten ausgewählter „Vertriebenen“-Funktionäre publiziert. „Von knapp 200 hochrangigen Funktionsträgern des BdV und seinen Vorgängerorganisationen, von Landesverbänden und Landsmannschaften in der Zeit vor 1982“, war in der „Spiegel“-Recherche zu lesen, „finden sich über ein Drittel in der Mitgliedskartei der NSDAP oder werden durch andere Quellen belastet.“ „Der Anteil der SS-Mitglieder“, hieß es außerdem, „liegt ungefähr dreimal so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung.“[1] Wenige Tage später kündigte die BdV-Präsidentin Erika Steinbach an, sie wolle „spekulativer Berichterstattung ein für alle Mal den Boden“ entziehen und deshalb wissenschaftliche Studien zu zwei Themenkreisen „veranlassen bzw. unterstützen“: Zum einen solle der Einfluss vormaliger NS-Aktivisten auf den BdV untersucht werden; zum zweiten sei herauszufinden, „in welchem Ausmaß“ realsozialistische Dienste „den BdV ausgespäht und durch Desinformation die westdeutsche Haltung zu den Vertriebenen beeinflusst“ hätten.[2]

Nicht zu klären

Über den Fortgang dieser Bemühungen war öffentlich kaum etwas zu erfahren. Jüngsten Berichten zufolge übernahm im Jahr 2007 das von Bund und Ländern getragene Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) den Forschungsauftrag, der sich lohnte: das Bundesinnenministerium hat dafür mittlerweile mehr als 100.000 Euro bereitgestellt.[3] Über 13.000 Euro davon habe eine „Machbarkeitsstudie“ verschlungen, die der Historiker Matthias Lempart im Frühjahr 2008 vorgelegt habe, heißt es. Lempart war zuvor unter anderem für „Deutschtums“-Organisationen in Polen tätig. Seine Studie, zu deren Finanzierung der BdV 1.000 Euro beisteuerte, ist Gegenstand aktueller, gravierender Vorwürfe. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung attestiert ihr „Mängel, Fehlurteile und Verzerrungen“. So halte Lempart einem Träger des „Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP“ zugute, er habe „seine jüdische Sekretärin bis 1935“ behalten; über das weitere Schicksal der Jüdin erfahre man jedoch nichts. Über einen in Massenmorde involvierten SS-Obersturmführer heiße es, es sei nicht zu klären, inwieweit er „auch innerlich nationalsozialistisch ausgerichtet“ gewesen sei.

Zweifelhaft

„Auf solcher Grundlage“, schreibt die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, „ließe sich wohl auch die nationalsozialistische Grundüberzeugung Heinrich Himmlers in Zweifel ziehen.“[4] Lempert empfiehlt dem Bericht zufolge vielmehr, zu erforschen, „wie oft Vorwürfe zu Unrecht erhoben wurden“. Hier klingt die Forderung der BdV-Präsidentin an, man müsse herausfinden, inwieweit „die westdeutsche Haltung zu den Vertriebenen“ durch „Desinformation“ beeinflusst worden sei. Allerdings erklärt Steinbach mittlerweile, Lemparts Arbeit sei „nicht veröffentlichungsfähig“ und enthalte „Fehler“.[5]

Folgefinanzierung

Wie berichtet wird, honorierte das Bundesinnenministerium die „Machbarkeitsstudie“ mit der Genehmigung einer Folgefinanzierung von 90.000 Euro.[6] Über den Fortgang des Forschungsprojekts gibt das Münchner IfZ an, „die Bearbeiter“ hätten „seither umfangreiche Archivstudien durchgeführt“ und schließlich Ende 2009 eine Materialsammlung fertiggestellt, auf deren Grundlage nun eine abschließende Studie verfasst werde - wenn möglich, noch in diesem Jahr.[7] Über Lemparts bemerkenswerte Befunde heißt es jetzt beim IfZ, sie seien „noch nicht die Grundlage eines wissenschaftlich fundierten Urteils, sondern (...) Teil des Weges, der zu diesem führt“. Wieso Lempart sie überhaupt mit Finanzierung der Bundesregierung und im Auftrag des vom Staat getragenen IfZ niederschreiben konnte, erläutert das Institut nicht.

Auf Empfehlung

Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge beauftragte das IfZ Matthias Lempart „auf Empfehlung“ des damaligen IfZ-Mitarbeiters Manfred Kittel.[8] Lempart habe die „Machbarkeitsstudie“ im Jahr 2008 „unter der Koordination von Manfred Kittel“ fertiggestellt, erfährt man beim IfZ.[9] Kittel selbst will allenfalls „technisch koordinierend“ mit dem Projekt zu tun gehabt haben. Das IfZ erklärt dazu: „Einen Unterschied zwischen 'technischer' und 'inhaltlicher' Projektbetreuung machen wir nicht.“[10] Der Frage nach Kittels Rolle kommt deswegen Bedeutung zu, weil er mittlerweile zum Direktor der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ernannt worden ist. Die Stiftung soll an zentralem Ort in Berlin eine Dauerausstellung zum Thema „Flucht und Vertreibung“ errichten; sie ist Gegenstand ernsthaften nationalen und internationalen Streits.

Jungkonservative Geschichtsrevision

Die wissenschaftliche Arbeit des heutigen Stiftungsdirektors Kittel wurde bereits in den 1990er Jahren scharf kritisiert. So hieß es über sein 1993 erschienenes Werk „Die Legende von der 'Zweiten Schuld'„, es handele sich um „ein neues Produkt jungkonservativer Geschichtsrevision“.[11] Kittel vertrat darin die These, in der Bundesrepublik der Adenauer-Ära seien die Verbrechen der NS-Zeit durchaus angemessen aufgearbeitet worden. Die gegenteilige Behauptung sei falsch und führe darüber hinaus unweigerlich zu einer „Zerknirschungsmentalität“. „Die Zeit“ zitierte Kittel damals mit den Worten, das Bemühen, nach der Shoah die „breite Masse des Volkes“ in Sachen „Vergangenheitsbewältigung“ in die Pflicht nehmen zu wollen, rieche nach „falscher Volkspädagogik“; denke man einen solchen „moralischen Anspruch“ weiter, dann „dränge sich die Frage auf, ob man hier den demokratischen Staat nicht überfordere“.[12] Heute heißt es über den Historiker Kittel, er räume ein, „damals im jugendlichen Elan das komplizierte Thema pointiert angegangen zu sein“ [13] - kein wirklicher Fehler, nur überbordende Deutschtumskraft.

Trugbilder

Unter der Ägide von Kittel kündigen sich weitere Verwerfungen im Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und den Regierungen der ehemals besetzten Staaten an. Insbesondere Warschau beobachtet die offensichtliche Radikalisierung der deutschen „Gedenkkultur“ mit Argusaugen. Noch vor den jüngsten Zugeständnissen der Berliner Regierung an den BdV verließ der prominente polnische Historiker Tomasz Szarota den wissenschaftlichen Beraterkreis der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. „Deutschland soll endlich seine Gesellschaft darüber aufklären, dass nicht Flucht und Vertreibung vieler Menschen aus ihren angestammten Gebieten das größte Unglück des Zweiten Weltkriegs darstellen“, erklärt Szarota mit Blick auf die Mordtaten der deutschen Besatzer: „Eine viel größere Tragödie war die Vertreibung aus dem Leben.“[14] In ihrer neuen Rolle als Oppositionspartei rückt inzwischen auch die SPD von den „Vertriebenen“-Aktivitäten ab, die sie in der früheren Regierung selbst in Gang gesetzt hatte. Die polnische Außenpolitik, die auf eine dauerhaft mäßigende Einflussarbeit der Sozialdemokraten gesetzt und den Kompromissverlangen der SPD stets nachgegeben hatte, steht ohne wirklichen Beistand da. Wie die jetzt öffentlich gewordene „Machbarkeitsstudie“ des IfZ und die Verbindungen zum Stiftungsdirektor Kittel zeigen, handelte es sich bei den polnischen Hoffnungen um Trugbilder.

Weitere Informationen zur „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhung“ und ihrer Entstehung finden Sie hier: Die Perspektive der Täter, „Zur Relativierung führen“, Revisionsoffensive, Pflichtthema „Vertreibung“, Sklavenhalter, Tage der Aggression, 60 Jahre Aggressionen und Eine Propagandaveranstaltung.

[1] Unbequeme Wahrheiten; Der Spiegel 14.08.2006
[2] Wir wollen Halbwahrheiten und Mutmaßungen den Boden durch wissenschaftliche Untersuchungen entziehen; Pressemitteilung des Bundes der Vertriebenen 20.08.2006
[3], [4], [5], [6] Bis zur Harmlosigkeit verstrickt; Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.02.2010
[7] Gruppenbiografische Studie über Präsidialmitglieder des Bundes der Vertriebenen; Pressemitteilung des IfZ vom 12.02.2010
[8] Bis zur Harmlosigkeit verstrickt; Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.02.2010
[9] Institut für Zeitgeschichte: Jahresbericht 2008
[10] „Studie nur Teil des Weges“; Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.02.2010
[11], [12] Willi Jasper: Endlich wieder normal? Ein neues Produkt jungkonservativer Geschichtsrevision: Manfred Kittel über die angeblich geglückte „Vergangenheitsbewältigung“ nach 1945; Die Zeit 40/1993
[13] Willkommen im Deutschlandhaus; Der Tagesspiegel 16.07.2009
[14] Episode: Absage; http://podster.de/episode/1213821. S. dazu Eine Propagandaveranstaltung

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