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Osaritschi
– ein Verbrechen, das die Welt erschütterte
In
dem kleinen weißrussischen Ort Osaritschi erprobten die Faschisten im
Jahre 1944 erstmals biologische Waffen
Quelle:
„Narodnaja
Gaseta“ vom 14.11.2008
Auf
Kommunisten-online am 16. Juni 2011 –
Der deutsche General des medizinischen Dienstes, Blumenthal, erklärte
in einem Bericht nach Berlin, daß der Charakter der sowjetischen
Soldaten ihn daran hindere, die Gefangenen des Konzentrationslagers bei
der Befreiung übertrieben vorsichtig zu behandeln, das war sein Beitrag
zum Erfolg der von ihm entwickelten Operation. Als Methode der
Wehrmachtsgruppe „Äskulap“ zur Massenvernichtung hatte er
vorgeschlagen, biologische Waffen einzusetzen. Man hoffte, daß die sich
unter der Soldaten der Sowjetischen Armee ausbreitende
Flecktyphus-Epidemie den Angriff aufhalten würde.
Im
Herbst 1943 begann die Befreiung der südlichen Bezirke Weißrußlands.
Im Januar 1944 waren der große Eisenbahnknotenpunkt Kalinkowitschi und
das Gebietszentrum des Polessker Gebietes Mosyr befreit. Die deutsche
Verteidigungslinie wurde hinter den Fluss Wischa verschoben, und für
zwei Monate wurde der kleine Ort Osaritschi – zu dieser Zeit das
Zentrum des dichtbesiedelten Bezirkes – zur Front. Die Faschisten
errichteten in den Sümpfen drei mit Stacheldraht eingezäunte Lager.
Das größte lag nur wenige Kilometer vom Gebietszentrum Osaritschi
entfernt, zwei weitere befanden sich in der Nähe der Dörfer
Podosinniki und Dertj. In das mit Stacheldraht umgebene Lager waren etwa
50.000 Mensch getrieben worden – friedliche Bewohner aus den Gebieten
Smolensk, Orjol und Brjansk, die noch 1943 von den Faschisten als
lebende Schutzschilde vor sich her getrieben worden waren, die Bewohner
von Mosyr, Shlobin, doch die Mehrheit kam aus den Dörfern und
Siedlungen der Umgebung von Osaritschi. Es waren Frauen, Greise und mehr
16.000 Kinder...
Hunger
und fehlende medizinische Versorgung trugen auf den besetzten Gebieten
zur Ausbreitung von Epidemien bei. Eine der Infektionserkrankungen, die
die meisten Todesopfer forderte, war der Flecktyphus. Die Typhuskranken
brachten sie aus den umliegenden Krankenhäusern ins Lager.
Deutsche
Ärzte infizierten die gesunden Gefangenen durch Impfungen mit Typhus
und die Menschen steckten sich anschließend durch den Kontakt mit den
Kranken an. Praktisch breitete sich unter diesen beengten Bedingungen
(das Gebiet des größten der drei Lager bei Osaritschi betrug, wie die
Regionalforscher berichten, etwa 5 Hektar) die in dieser Zeit nicht
heilbare Krankheit wie ein Feuer aus: Hunderte Menschen wurden buchstäblich
innerhalb von einigen Stunden krank. Zwar existierten
die Lager nur weniger als drei Wochen – die ersten Gefangenen
waren in den ersten Märztagen hineingetrieben worden, und in der Nacht
vom 18. auf den 19. März 1944 wurden die Gefangenen von der Sowjetarmee
befreit – doch selbst in dieser kurzen Zeit kamen mehr 9.000 Mensch
ums Leben. Es überlebten hauptsächlich diejenigen, die sich nur einige
Tage hinter dem Stacheldraht aufgehalten hatten.
Antonina
Jewmenowna Pigul (verheiratete Veras) war 14 Jahre alt, als sie in diese
Hölle kam; eine Strafabteilung hatte die Bevölkerung ihres
nahegelegenen Dorfes Derbin in dieses KZ getrieben:
„Uns
und die Mitbewohner des Dorfes hat man in Kolonnen von je 12 Menschen
zusammengetrieben und auf russisch gesagt, daß jeder Schritt zur Seite
die Erschießung bedeutet“, berichtete Antonina Veras. „Wir waren in
unserer Familie fünf Familienmitglieder – die Mutter, ich, meine jüngeren
Geschwister und der 90-jährige Großvater. Dann wurde unsere kleine
Kolonne in eine riesige Menge von Menschen hineingezwängt. Und niemand
wußte, wohin wir gehen.“
„Es
war gerade Frühling geworden“, erinnert sich Antonina Jewmenowna,
„Tausende Füße traten durch den bis zu den Knien reichenden Schmutz,
und die Menschen schleppten sich noch neun Kilometer. Dazwischen fuhren
Autos – Leute aus den Krankenhäusern, die nicht gehen konnten, lagen
auf den Wagen durcheinander. Die Autos drängten die Zuspätkommenden,
und der Weg der Kolonne war gesäumt von den im Schmutz liegenden
Leichen. Endlich sahen die Menschen das vom umgebene Stacheldraht das
Tor und verstanden, daß ihr Weg beendet ist...
Jetzt, nach mehr als sechs
Jahrzehnten, ist an der Stelle, wo sich das größte der drei Todeslager
befand, ein weißer Obelisk, umgeben von einem stillen, von der Sonne
beschienenen Kiefernwald. Aber für meine Bekannten bleibt das für
immer der Ort, wie ich ihn einst als Jugendliche sah.“
„Da
hier – rechts vom Tor – brannte ein Feuer. Das Essen, die warme
Kleidung, die Dokumente nahmen uns die Deutschen weg und warfen sie ins
Feuer. Wir gingen durch das Tor – es waren Menschen über Menschen,
und überall lagen Leichen – es war kein Durchkommen.“
“Alle
Zugänge zum Lager waren vermint, drei faschistische Divisionen
bewachten die Gefangenen. Auf den Wachtürmen befanden sich ständig die
Soldaten. Schüsse aus Maschinengewehren oder automatischen Waffen
rissen das Leben von jedem ab, der die Verbote verletzte. Es war
verboten, Reisig zu sammeln um Feuer zu machen, um sich zu wärmen,
Laubhütten zu bauen und zu nahe an die Umzäunungen heranzukommen.“
“Die
Deutschen fürchteten uns wie Feuer: sie hätten doch auch angesteckt
werden können“, erklärt Antonina Jewmenowna. „Es war verboten, die
Leichen zu beerdigen. Der Flecktyphus verbreitet sich über Luft- und Tröpfchenwege,
aber seine Hauptüberträger sind Läuse. Die Krankheit verläuft unter
hoher Temperatur, und der Mensch verbrennt buchstäblich nach einigen
Tage einfach. Der März 1944 war kalt, mit nassem Schnee und Nachtfrösten.
Und in jeder Nacht“, so erinnert sich Antonina Vera, „trug der Tod
Hunderte Leben fort. Am Morgen wachten die Menschen unter Leichen
derjenigen auf, mit denen sie noch gestern sprachen, das Brot aus Sägemehl
geteilt hatten. Alle vier Tagen gab es Brot, sie warfen durch den
Stacheldraht gerade in den Schmutz, auf die Köpfe der sich beim Tor
versammelnden Menge, derjenigen, die noch gehen konnten. Wassers gab es
im allgemeinen nicht, die Menschen tranken die Sumpfbrühe. Die Alten
und die Kinder kamen als erste um. Viele verloren den Verstand, am häufigsten
Mütter, deren Kinder in ihren Armen gestorben waren. Schon nach wenigen
Tagen des Aufenthaltes im Lager hörten die Menschen auf, sich zu
bewegen, ihre Beine waren erfroren. Ich erinnere mich an eine minderjährige
Lagergefangene, Tatjana Iwanowna Manko: Sie hat sich gerettet, dank
ihrer Mutter, die es schaffte, als die Angehörigen eines Strafkommandos
die Menschen aus den Häusern hinauswarfen, ihr die väterlichen
Soldatenstiefel anzuziehen und mit Fußlappen zu umwickeln, so daß die
Faschisten nicht bemerkten, daß das Kind in gutem Schuwerk steckte, die
dem Mädchen dann die Füße vor dem Erfrieren retteten.“
“In
der Nacht vom 18. zum 19. März wurde es plötzlich still“, erinnert
sich Antonina Jewmenowna. „Vor dem Morgengrauen, nach dem Aufwachen,
haben wir bemerkt, daß die Faschisten verschwunden waren. Dann hörten
wir irgendwo im Wald jemanden „hurra“ schreien. Und als erstes sahen
drei sowjetische Soldaten - ich werde sie niemals vergessen... Einer von
ihnen, ein junger Bursche, war ein Landsmann von mir. Er fand seine
Mutti und sein 3 Jahre altes Schwesterchen im Lager – sie hatten überlebt.“
„Bei
ihrem Weggang hatten die Deutschen das Tor vermint. Pioniere führten
diejenigen über einen schmalen Pfad heraus, die gehen konnten, und
empfahlen ihnen, nach Hause zu gelangen... Aber meine Mutti und ich –
wie auch sehr viele – lagen noch zwei Tage im Wald, um zu Kräften zu
kommen, bevor gehen konnten. Und wir sahen, wie Tausende Leichen ins
Gemeinschaftsgrab gebracht wurden. Auch mein Großvater ist irgendwo
hier begraben, er starb im Lager...
Der
Plan Blumenthals ging auf. In führenden Teilen der Sowjetarmee, die die
Gefangenen befreite, breitete sich die Epidemie aus. Doch die Krankheit
blieb lokal begrenzt, und die Epidemie erreichte nicht jene Ausmaße,
mit denen die deutschen Strategen gerechnet hatten. Schon bis Ende März
waren in der Umgebung von Osaritschi mehr zwei Dutzend Lazarette
errichtet worden. Doch ungeachtet dessen, was der sowjetische
medizinische Dienst in dieser Situation unverzüglich unternahm, starben
doch in den ersten Wochen nach der Befreiung sehr viele von denen, die
einige Zeit im Lager waren. Es gelang Hunderte Menschenleben zu retten,
dank dessen, daß Penizillin verwendet wurde, es war einer der ersten Fälle,
in denen die sowjetische Medizin Antibiotika verwendete. Viele ehemalige
Gefangenen blieben für immer Invaliden mit den amputierten Beinen und Händen
und mit chronischen Erkrankungen.“ Antonina Jewmenowna Vera erinnert
sich, daß sie von Neuem lernen mußte, zu gehen.
Die
nicht heilende Erinnerung
„Bis
jetzt erzählen die ehemaligen Gefangenen nur ungern über das
Erlebte“, sagt die Leiterin der Gedenkstätte der Opfer des KZ
Osaritschi Irina Michajlow. „Sogar nach mehr als einem halben
Jahrhundert ist es eine nicht heilende Wunde der Seele. Und für sie
bedeutet zu erzählen von Neuem, es zu erleben.“
Die
Nachrichten über die KZ’s bei Osaritschi sind widersprüchlich und
unvollständig. Die einige Zeit nach dem Krieg aus faschistischer
Gefangenschaft Zurückkehrenden, hatte man den Verrätern der Heimat
gleichgesetzt.
„Mit
16 Jahren hat man mich zum Lehrgang nach Mosyr geschickt, und nachdem
ich wieder nach Hause zurückkam, bin ich als Sekretärin im Dorfsowjets
arbeiten gegangen“, erinnert sich Antonina Vera. „Ich arbeitete fleißig,
und ich wurde für die Partei vorgeschlagen. Am 19. November 1949 wurde
ich ins Stadtkomitee der Partei gerufen. Der erste Sekretär des
Stadtbezirkskomitees der Partei bat mich, meine Biografie zu erzählen.
Ich habe ehrlich, ohne Umschweife erzählt. Und habe auch darüber erzählt,
daß ich vier Tage im Todeslager war. Da erhob er sich zu voller Größe
und sagte: „Solche Verräter wie Antonina Pigul, sollen nicht die
Reihen unserer Partei beschmutzen!“
Nachdem
sie durch die Hölle des KZ’s gegangen und ihre nächsten Angehörigen
verloren hatte, lebte Antonina Jewmenowna lange Jahre mit dem Stempel
einer Verräterin der Heimat, den man ihr aufgedrückt hatte. Es wurde
ihr nicht ermöglicht, Bildung zu erlangen, es war schwierig und eine
Arbeit zu finden. Die Mehrheit der ehemaligen Gefangenen schwieg darüber,
daß sie einige Zeit im Lager waren, und die Tatsache der Existenz eines
Todeslagers bei Osaritschi wurde in den Medien kaum erwähnt. Ja, und
die Geschichte dieser Lager wurde von den Wissenschaftlern kaum
untersucht. Es gab jedoch einige interessierte Forscher, die trotz Angst
und auf eigenes Risiko noch in den 50er Jahre stückchenweise Dokumente
und einige wenige Nachweise von Zeitzeugen sammelten. Einer von ihnen
ist Grigori Golowatschenko, der als Kind selbst auch einige Zeit im
Lager von Osaritschi war, sowie Wladimir Makatrow, ein studierter
Historiker. Sie konnten all das Material sammeln und sichern, das die
Grundlage für die im Jahre 2004 in Osaritschi eröffnete Gedenkstätte
bildete.
„Wie
viele aller ehemaligen Gefangenen der Todeslager in Osaritschi und
Umgebung noch leben, ist schwer zu sagen. Nach meiner Schätzung, sind
heute noch ungefähr 150 am Leben“, meint Wladimir Makatrow. „1950,
als ich begann, das Material über die Lager zu sammeln, haben sich nur
9 Menschen bereiterklärt, mir ihre Erinnerungen mitzuteilen.
Das
erste Denkmal an der Stelle des größten der drei Todeslager wurde nach
der Offenlegung von einem Maurer in Eigenleistung errichtet.
In
den Jahre der Perestroika gelangten viele früher unbekannte Tatsachen
über die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges an die Öffentlichkeit,
insbesondere über die Konzentrationslager. Aber wiederum blieben die
Lager nahe Osaritschi im Schatten: sie wurden nicht als
Konzentrationslager anerkannt. In diesem Jahr wurde die
„Republikanische Gesellschaft der ehemaligen Gefangenen des Faschismus
des KZ „Osaritschi“ durch das Justizministerium
Weißrußlands als eingetragener Verein registriert.
«Narodnaja
Gaseta»
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Nutzlose
Esser
BERLIN/MINSK
Quelle:
german-foreign-policy von 14.06.2011 – Die Bundesregierung negiert
auch 70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion die
Existenz von Konzentrationslagern der Wehrmacht. Allein in den letzten
vier Jahren hat sich die Republik Belarus eigenen Angaben zufolge
„zigmal“ mit der Bitte an Berlin gewandt, das von der NS-Armee
eingerichtete Todeslager Osaritschi als KZ anzuerkennen. Von deutscher
Seite wurde dies regelmäßig mit Verweis auf nicht näher definierte
„juristische Hindernisse“ abgelehnt. Das KZ Osaritschi entstand im März
1944; die Wehrmacht internierte hier - in einem Sumpfgebiet unter freiem
Himmel - die Angehörigen von nach Deutschland verschleppten
Zwangsarbeitern. Die Gefangenen, zumeist Alte, Kranke und Kinder, galten
als „nicht arbeitsfähig“ und wurden deshalb bewusst dem Hunger- und
Kältetod ausgeliefert. Innerhalb von nur einer Woche starben auf diese
Weise mehr als 9.000 Menschen - ein Vorgang, den die deutsche Truppenführung
als Erfolg wertete: „Für nutzlose Esser wird keine Verpflegung mehr
verbraucht“, erklärte das zuständige Armeeoberkommando. Deutsche
Historiker charakterisieren dies als „eines der schwersten Verbrechen
der Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt“. Dennoch wurden die Überlebenden
des KZ Osaritschi für ihre Leiden bis heute nicht entschädigt.
Anerkennung
verweigert
Wie
aus einer Mitteilung des belarussischen Justizministeriums hervorgeht,
weigert sich die Bundesregierung auch 70 Jahre nach dem deutschen Überfall
auf die Sowjetunion, das von der Wehrmacht unterhaltene Todeslager
Osaritschi als KZ anzuerkennen. Seit Juli 2006 habe man sich
„zigmal“ mit einer entsprechenden Bitte an die deutsche Seite
gewandt, jedoch stets die Antwort erhalten, „dass dies wegen
juristischer Hindernisse nicht zu machen ist“, erklären die Minsker
Behörden. Im März letzten Jahres habe das Auswärtige Amt dann überraschend
darauf verwiesen, dass das „KZ-Verzeichnis in Kooperation mit dem
Internationalen Suchdienst“ des Roten Kreuzes erstellt werde. Daher
habe sich die Republik Belarus nun an den Internationalen Suchdienst
gewandt und gleichzeitig einen Brief an den Chef der regionalen
Delegation des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Russland,
Belarus, Moldawien und der Ukraine, François Bellon, geschrieben -
versehen „mit der Bitte, bei der sorgfältigen und schnellen
Behandlung der Frage über (die) Anerkennung von 'Osaritschi' als (...)
KZ (...) zu helfen“. Um der Opfer willen werde man in dieser
Angelegenheit auch weiterhin „alle möglichen Maßnahmen“ ergreifen,
erklärt das belarussische Justizministerium.[1]
9.000
Todesopfer in einer Woche
Das
KZ Osaritschi wurde im März 1944 auf Befehl des Oberkommandierenden der
9. deutschen Armee, Josef Harpe, eingerichtet. Einheiten der 35.
Infanteriedivision unter General Johann-Georg Richert verstärkt durch
das Sonderkommando 7a der SS-Einsatzgruppe B trieben mindestens 40.000
Zivilisten südlich der belarussischen Stadt Bobrujsk in mehreren mit
Stacheldraht umzäunten, verminten Arealen zusammen.[2] Bei den
Gefangenen handelte es sich zumeist um die Angehörigen von
Zwangsarbeitern, für die die Wehrmacht keine Verwendung hatte - Kinder
unter dreizehn Jahren, Kranke, Mütter mit Säuglingen und Alte. Bereits
auf dem Weg in die improvisierten Lager erschossen die Wachmannschaften
mindestens 500 von ihnen, weil sie zu schwach waren, um weiterzulaufen.
Die Übrigen, unter ihnen viele Fleckfieberinfizierte, mussten in einem
Sumpfgebiet unter freiem Himmel ausharren - schutzlos der Kälte
ausgeliefert, ohne medizinische Versorgung, sanitäre Anlagen,
Trinkwasser und Nahrungsmittel. Auf diese Weise fanden innerhalb von nur
einer Woche mindestens weitere 9.000 Menschen den Tod.[3] „Es gab ein
Tor mit Stacheldraht, kleine Wachtürme, auf denen die Soldaten standen
und Schäferhunde, aber sonst gab es nichts“, erinnert sich die Überlebende
Larisa Staschkewitsch. Wie sie weiter berichtet, wurde jeder, der auch
nur versuchte, ein Lagerfeuer zu entfachen, sofort erschossen. Um sich
wenigstens ein bisschen warm zu halten, habe sie sich „hinter die
Leichen“ ermordeter Mitgefangener gelegt.[4]
Ernährungsmäßig
eine Bürde
Mit
ihrem mörderischen Vorgehen verfolgte die Wehrmachtsführung in erster
Linie das Ziel, sich derjenigen Menschen im rückwärtigen Frontgebiet
zu entledigen, die als „arbeitsunfähig“ und als Belastung für den
absehbaren Rückzug vor der Roten Armee angesehen wurden. Im
Kriegstagebuch der 9. Armee vom 8. März 1944 heißt es dazu: „Es ist
geplant, aus der frontnahen Zone (...) alle nicht arbeitsfähigen
Einheimischen in den aufzugebenden Raum zu bringen und bei der Frontzurücknahme
dort zurückzulassen, insbesondere die zahlreichen Fleckfieberkranken,
die bisher in besonderen Dörfern untergebracht worden sind, um eine
gesundheitliche Gefährdung der Truppe nach Möglichkeit auszuschalten.
Der Entschluss, sich von dieser, auch ernährungsmäßig erheblichen Bürde
nunmehr auf diese Weise zu befreien, ist (...) nach genauer Erwägung
und Prüfung aller sich daraus ergebender Folgerungen gefasst
worden.“[5]
Wohngebiete
aufgelockert
Gleichzeitig
hatte die Wehrmachtsspitze bei ihren Planungen offenbar zwei weitere
Effekte im Auge: Zum einen schien das Zurücklassen von Kranken und
Unterernährten geeignet, den Vormarsch der Sowjetarmee wenn nicht
aufzuhalten, so doch zumindest zu verlangsamen - schließlich mussten
die von den Deutschen Geschundenen erst einmal versorgt werden. Zum
anderen bestand aufgrund der hohen Zahl der in den Lagern zurückgelassenen
Typhuskranken die nicht geringe Chance, dass sich auch Rotarmisten mit
Fleckfieber infizierten. Das Oberkommando der 9. Armee jedenfalls
wertete seine Aktion als vollen Erfolg: „Die Erfassungsaktion hat für
das gesamte Gefechtsgebiet eine wesentliche Erleichterung gebracht. Die
Wohngebiete wurden erheblich aufgelockert und für Truppenunterkünfte
frei. Für nutzlose Esser wird keine Verpflegung mehr verbraucht. Durch
Abschieben der Seuchenkranken wurden die Infektionsherde bedeutend
verringert.“[6]
Eines
der schwersten Verbrechen
Dieter
Pohl, Historiker am Münchner Institut für Zeitgeschichte,
charakterisiert das Massensterben im KZ Osaritschi als „eines der
schwersten Verbrechen der Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt“.[7]
Der Osteuropaforscher Hans-Heinrich Nolte ordnet das Vorgehen der
deutschen Streitkräfte darüber hinaus in den allgemeinen Kontext des
deutschen Raub-, Ausbeutungs- und Vernichtungskrieges gegen die
Sowjetunion ein: „Das Verbrechen entspricht der Behandlung
sowjetischer Kriegsgefangener durch die Wehrmacht im Winter 1941/42. Es
hat auch Ähnlichkeiten mit dem Verhungern von Juden sowie von 'nicht
arbeitsfähigen' Menschen, wenn (...) Arbeitskräfte zwangsweise ins
Reich gebracht wurden. Das Verbrechen entspricht in vielem dem
generellen Charakter des deutschen Kriegs gegen die UdSSR, präzis auch
in dem Wunsch, 'unnütze' Menschen nicht zu ernähren.“[8] Trotz
dieser Einschätzungen renommierter Wissenschaftler weigert sich die
Bundesregierung bis heute, die Überlebenden des KZ Osaritschi zu entschädigen
- mit Verweis auf die geltende Rechtslage.
[1]
Justizministerium von Belarus bittet den Internationalen Suchdienst, „Osaritschi“
als ein KZ anzuerkennen; news.belta.by 15.04.2010
[2] Der Osteuropaforscher Hans-Heinrich Nolte nennt außerdem den
Kommandierenden General des 56. Panzerkorps', Friedrich Hoßbach, als
einen weiteren Initiator des KZ Osaritschi; Hans-Heinrich Nolte: Osariči
1944. In: Gerd R. Ueberschär (Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im
Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003. Der Berufssoldat Friedrich Hoßbach
(1894-1980) fungierte in den Jahren 1934 bis 1938 als Adjutant der
Wehrmacht bei Hitler; mit seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber der 4.
Armee im September 1944 erreichte seine militärische Karriere ihren Höhepunkt.
Von Hoßbach stammt das sogenannte Hoßbach-Protokoll aus dem Jahr 1937,
in dem bereits die wesentlichen deutschen Kriegsziele und -planungen
enthalten sind. Für seine Verdienste erhielt Hoßbach 1944 eine
„Hitler-Dotation“ in Höhe von 50.000 Reichsmark; Hermann Weiß
(Hg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Frankfurt a. M. 1998;
Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und
nach 1945. Frankfurt a. M. 2005
[3] Hans-Heinrich Nolte schätzt die Zahl der Opfer auf mehr als 13.000;
Hans-Heinrich Nolte: Osariči 1944. In: Gerd R. Ueberschär (Hg.):
Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003
[4] Als lebendes Schutzschild missbraucht; www.esslinger-zeitung.de
23.01.2010
[5], [6] Zitiert nach: Hans-Heinrich Nolte: Osariči 1944. In: Gerd
R. Ueberschär (Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg.
Darmstadt 2003
[7] Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung
und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944. München
2008
[8] Hans-Heinrich Nolte: Osariči 1944. In: Gerd R. Ueberschär
(Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003
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Ehemalige
Gefangene des Konzentrationslagers „Osaritschi“
reichen bei der Kommission für Menschenrechte der UNO Klage
gegen Weißrußland ein
Von
Anna Krjutschkowa,
„Jeshednewnik“ vom
Mo. 16. März, 2009
Quelle:
http://www.fightclub.by/
Auf
Kommunisten-online am 16. Juni 2011 – „Osaritschi“ war das
einzige Lager im vom Faschismus okkupierten Europa, wo die friedliche
Bevölkerung in der kalten Jahreszeit im Sumpf ohne Obdach, Wärme
und Nahrung gefangen gehalten wurde. Die Gefangenen wurden absichtlich
mit Typhus infiziert, um diese Krankheit auf
die Soldaten der Sowjetischen Armee zu übertragen, die diese Gebiete
dann befreiten.
Im
Lager befanden sich über 55.000 friedliche Bewohner, die Hälfte
von ihnen waren Kinder bis zu 13 Jahren. Aufgrund von Hunger, Kälte und
Typhus kamen im Lager mehr 20.000 Gefangene ums Leben.
Das
Hauptinhalt der Klage an die UNO-Kommission besteht darin, daß Weißrußland
in einer einseitigen Anordnung die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges
revidiert hat. In einer Verfügung der Verwaltung des Präsidenten der
Republik Weißrußland war
am 6. März 1995 ein
wissenschaftliches Gutachtergremium für die offizielle
Bestimmung des Status der Orte des zwangsweisen Inhaftierung der Bürger
in den zeitweilig besetzten Gebieten Weißrußlands während des Großen
Vaterländischen Krieges geschaffen worden. Das war notwendig, um
Auszahlungen der Finanzhilfe Deutschlands an die ehemaligen Gefangenen
festlegen zu können.
Entgegen
den Beschlüssen des Nürnberger Gerichts, das „Osaritschi“
als „Konzentrationslager“ einstufte, wurde sein Status in ein
„Todeslager“ geändert. Es scheint so, als würden damit die
Greueltaten des Faschismus in „Osaritschi“
hervorgehoben. Doch
die bittere Wahrheit besteht darin, daß der Ersatz des Wortes
„Konzentrationslager“ in ein „Lager“ zu einer Reduzierung der
Kompensationszahlungen an die ehemaligen Gefangenen führte. Wenn es
dabei um Geld aus dem weißrussischen Budget gehen würde, so könnte
man in den Handlungen der Kommission wohl eine gewisse Logik sehen. Aber
die Kompensationen an die ehemaligen Gefangenen des Faschismus werden
aus Mitteln der BRD gezahlt. Die weißrussische Kommission suchte nicht
und wollte nicht
nach der historischen Wahrheit über „Osaritschi“ suchen:
es wurde kein einziger Zeuge aus der Zahl der ehemaligen Gefangenen
befragt.
Die
ehemaligen Gefangenen, welche mit der Veränderung des Status
nicht übereinstimmen, wendeten sich an die Kanzlerin der BRD im
Bundestag, an den Fond „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ der
BRD, an sein Kuratorium. Aber auf alle Fragen erklärte die deutsche
Seite, daß das Recht des Zurechnens dieser oder jener Haftanstalt der
weißrussischen Seite, das heißt dem wissenschaftlichen
Gutachtergremium, oblag.
„Die
Republikanische Vereinigung der ehemaligen Gefangenen des faschistischen
Konzentrationslagers ‚Osaritschi’
e.V. wandte sich mit einer Klage an die Verwaltung des Präsidenten,
an das Oberste
Gericht Weißrußlands wegen der Wiederherstellung des bisherigen
Status. 8.042 ehemalige Gefangene warteten
gespannt auf das Ergebnis eines rechtmäßigen Beschlusses. Aber
uns wurde zur Antwort gegeben, daß die Bestimmungen des wissenschaftliches
Gutachtergremiums nicht der Gerichtsbarkeit unterliegen. Das heißt,
das Gericht ist für die Kommission eigentlich nicht zuständig.
Wir haben schon die Hoffnung verloren, daß am Vorabend des 65 Jubiläums
des Großen Sieges der
Moment der Wahrheit anbrechen wird. Aber wir wissen genau, daß
das Gericht der Geschichte ewig ist, das bedeutet: Der Augenblick der
Wahrheit ist unvermeidlich“, sagte Fjodor
Veras, ein
ehemaliger minderjähriger Gefangener von „Osaritschi“.
Anna
Krjutschkowa, „Jeshednewnik“
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OSARITSCHI
(Bezirk Kalinkowitschi)
Quelle:
«Хатынь»
2005
Auf
Kommunisten-online am 16. Juni 2011 – Eine der tragischen
Seiten in der Geschichte des weißrussischen Volkes ist das Schicksal
der im Lager Osaritschi umgekommenen Gefangenen.
Mit
der Schaffung und Betreibung der Todeslager hinterließ die Wehrmacht
auf dem Boden Weißrußlands eine blutige Spur der Verbrechen.
Im
Jahre 1944 praktizierte die Wehrmachtsführung zunehmend die Nutzung der
Bevölkerung als menschliches Schutzschild gegen die vordringenden
sowjetischen Truppen. In der Regel wurden dazu durch die Hitlerwehrmacht
in der Nähe der vorderen Verteidigungslinien einige mit Stacheldraht
eingezäunte große Grundstücke verwendet, wohin Frauen, Kinder und
Greise getrieben und ohne Obdach, Nahrung und Wasser unter strenger
Bewachung festgehalten wurden. Absichtlich brachte man an Flecktyphus
und anderen ansteckenden Krankheiten erkrankte Menschen hierher.
Im
März 1944 wurden entsprechend der Befehle und auf Anordnung des
Befehlshaber der 9. Armee, Josef Harz, des Kommandeurs der 56.
Panzerregiment, General Friedrich Hoßbach und des Kommandeurs der 35.
Infanteriedivision General, Georg Richert, in der Nähe der
Hauptkampflinie der deutschen Verteidigung drei Lager geschaffen.
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Gefangene
des Osaritscher Todeslagers. Die Fotos wurden nach der Befreiung
im Jahre 1944 aufgenommen. |
Eines
davon befand sich im Sumpfgebiet bei der Siedlung Dertj, das zweite zwei
Kilometer nordwestlich der Ortschaft Osaritschi, das dritte zwei
Kilometer westlich des Dorfes Podosinnik im Sumpf. Ende Februar Anfang März
1944 trieben die Nazis mehr 50.000 arbeitsunfähiger Bürger aus den
Gomeler, Mogilewer, Polessker Gebieten Weißrußlands, sowie aus dem
russischen Gebieten von Smolensk und Orjol hierher. Diese drei Lager
erhielten die Bezeichnung „Osaritscher Todeslager“.
Die
Lager waren nichts anderes, als ein kaum bewaldetes, versumpftes Gelände,
das von Stacheldraht eingezäunt worden war. Die Zugänge waren vermint
und ringsherum standen Wachturme mit Maschinengewehren. Die Menschen mußten
tagelang auf der nackten Erde zubringen. Es gab keinerlei Bauwerke, und
es fehlte an den elementarsten Voraussetzungen zum Leben. Laubhütten zu
errichten und Feuer zu machen war strengstens verboten. In den Lagern
hatten die Menschen nichts zu essen, Trinkwasser gab es nicht. Die
Gefangenen bekamen nicht einmal medizinische Versorgung. Statt dessen
wurden aus den nahegelegenen Siedlungen an Flecktyphus erkrankte
Menschen in das Lager gebracht. Sie wurden auf das Lagergelände
verbracht. Jeden Tag, und um so mehr in der Nacht starben Hunderte
Menschen. Mit bestialischer Grausamkeit vernichtete man die Kinder, die
mehr als die Hälfte der Gefangenen ausmachte. Sie starben zuerst. Die
Toten blieben unbeerdigt.
Vom
18. zum 19. März 1944 befreiten die Kämpfer der 65. Armee der 1.
Belorussischen Front 33.480 Menschen aus den Lagern von Osdaritschi,
darunter 15.960 Kinder im Alter bis zu 13 Jahren.
Ein
ähnliches Lager war im Juni 1944 am Ostufer des Dnepr errichtet worden,
darin befanden sich mehr als 3.000 friedliche Bewohner, die aus Mogilew
und den nahegelegenen Siedlungen vertrieben worden waren. Ein Todeslager
der gleichen Art wurde auch südöstlich von Witebsk errichtet, aus dem
von den Soldaten der 3. Belorussischen Front etwa 8.000 friedliche
Bewohner befreit wurden.
Mit
der Errichtung der Konzentrationslager nahe der Hauptkampflinie der
Verteidigung verfolgten die Faschisten verschiedene Ziele. Sie wählten
solche Stellen aus, wo sie nicht erwarten konnten, ihre Positionen zu
halten, sie nutzten die Lager als Schutzschild
gegenüber der angreifenden Roten Armee, und indem sie die
Gefangenen der Lager mit Flecktyphus infizierten, hatten sie das Ziel,
die Epidemie in den führenden Teilen der Roten Armee zu verbreiten und
ihren weiteren Angriff aufzuhalten.
©
2005 ГМК «Хатынь»,
http://khatyn.by/
http://khatyn.by/ru/print/?brief=d4cd03b9de0ad722
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