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Osaritschi – ein Verbrechen, das die Welt erschütterte

In dem kleinen weißrussischen Ort Osaritschi erprobten die Faschisten im Jahre 1944 erstmals biologische Waffen

Quelle: Narodnaja Gaseta“ vom 14.11.2008

Auf Kommunisten-online am 16. Juni 2011 – Der deutsche General des medizinischen Dienstes, Blumenthal, erklärte in einem Bericht nach Berlin, daß der Charakter der sowjetischen Soldaten ihn daran hindere, die Gefangenen des Konzentrationslagers bei der Befreiung übertrieben vorsichtig zu behandeln, das war sein Beitrag zum Erfolg der von ihm entwickelten Operation. Als Methode der Wehrmachtsgruppe „Äskulap“ zur Massenvernichtung hatte er vorgeschlagen, biologische Waffen einzusetzen. Man hoffte, daß die sich unter der Soldaten der Sowjetischen Armee ausbreitende Flecktyphus-Epidemie den Angriff aufhalten würde.

Im Herbst 1943 begann die Befreiung der südlichen Bezirke Weißrußlands. Im Januar 1944 waren der große Eisenbahnknotenpunkt Kalinkowitschi und das Gebietszentrum des Polessker Gebietes Mosyr befreit. Die deutsche Verteidigungslinie wurde hinter den Fluss Wischa verschoben, und für zwei Monate wurde der kleine Ort Osaritschi – zu dieser Zeit das Zentrum des dichtbesiedelten Bezirkes – zur Front. Die Faschisten errichteten in den Sümpfen drei mit Stacheldraht eingezäunte Lager. Das größte lag nur wenige Kilometer vom Gebietszentrum Osaritschi entfernt, zwei weitere befanden sich in der Nähe der Dörfer Podosinniki und Dertj. In das mit Stacheldraht umgebene Lager waren etwa 50.000 Mensch getrieben worden – friedliche Bewohner aus den Gebieten Smolensk, Orjol und Brjansk, die noch 1943 von den Faschisten als lebende Schutzschilde vor sich her getrieben worden waren, die Bewohner von Mosyr, Shlobin, doch die Mehrheit kam aus den Dörfern und Siedlungen der Umgebung von Osaritschi. Es waren Frauen, Greise und mehr 16.000 Kinder...

Hunger und fehlende medizinische Versorgung trugen auf den besetzten Gebieten zur Ausbreitung von Epidemien bei. Eine der Infektionserkrankungen, die die meisten Todesopfer forderte, war der Flecktyphus. Die Typhuskranken brachten sie aus den umliegenden Krankenhäusern ins Lager.

Deutsche Ärzte infizierten die gesunden Gefangenen durch Impfungen mit Typhus und die Menschen steckten sich anschließend durch den Kontakt mit den Kranken an. Praktisch breitete sich unter diesen beengten Bedingungen (das Gebiet des größten der drei Lager bei Osaritschi betrug, wie die Regionalforscher berichten, etwa 5 Hektar) die in dieser Zeit nicht heilbare Krankheit wie ein Feuer aus: Hunderte Menschen wurden buchstäblich innerhalb von einigen Stunden krank. Zwar existierten  die Lager nur weniger als drei Wochen – die ersten Gefangenen waren in den ersten Märztagen hineingetrieben worden, und in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1944 wurden die Gefangenen von der Sowjetarmee befreit – doch selbst in dieser kurzen Zeit kamen mehr 9.000 Mensch ums Leben. Es überlebten hauptsächlich diejenigen, die sich nur einige Tage hinter dem Stacheldraht aufgehalten hatten.

Antonina Jewmenowna Pigul (verheiratete Veras) war 14 Jahre alt, als sie in diese Hölle kam; eine Strafabteilung hatte die Bevölkerung ihres nahegelegenen Dorfes Derbin in dieses KZ getrieben:

 „Uns und die Mitbewohner des Dorfes hat man in Kolonnen von je 12 Menschen zusammengetrieben und auf russisch gesagt, daß jeder Schritt zur Seite die Erschießung bedeutet“, berichtete Antonina Veras. „Wir waren in unserer Familie fünf Familienmitglieder – die Mutter, ich, meine jüngeren Geschwister und der 90-jährige Großvater. Dann wurde unsere kleine Kolonne in eine riesige Menge von Menschen hineingezwängt. Und niemand wußte, wohin wir gehen.“

„Es war gerade Frühling geworden“, erinnert sich Antonina Jewmenowna, „Tausende Füße traten durch den bis zu den Knien reichenden Schmutz, und die Menschen schleppten sich noch neun Kilometer. Dazwischen fuhren Autos – Leute aus den Krankenhäusern, die nicht gehen konnten, lagen auf den Wagen durcheinander. Die Autos drängten die Zuspätkommenden, und der Weg der Kolonne war gesäumt von den im Schmutz liegenden Leichen. Endlich sahen die Menschen das vom umgebene Stacheldraht das Tor und verstanden, daß ihr Weg beendet ist...

    Jetzt, nach mehr als sechs Jahrzehnten, ist an der Stelle, wo sich das größte der drei Todeslager befand, ein weißer Obelisk, umgeben von einem stillen, von der Sonne beschienenen Kiefernwald. Aber für meine Bekannten bleibt das für immer der Ort, wie ich ihn einst als Jugendliche sah.“

„Da hier – rechts vom Tor – brannte ein Feuer. Das Essen, die warme Kleidung, die Dokumente nahmen uns die Deutschen weg und warfen sie ins Feuer. Wir gingen durch das Tor – es waren Menschen über Menschen, und überall lagen Leichen – es war kein Durchkommen.“

“Alle Zugänge zum Lager waren vermint, drei faschistische Divisionen bewachten die Gefangenen. Auf den Wachtürmen befanden sich ständig die Soldaten. Schüsse aus Maschinengewehren oder automatischen Waffen rissen das Leben von jedem ab, der die Verbote verletzte. Es war verboten, Reisig zu sammeln um Feuer zu machen, um sich zu wärmen, Laubhütten zu bauen und zu nahe an die Umzäunungen heranzukommen.“

“Die Deutschen fürchteten uns wie Feuer: sie hätten doch auch angesteckt werden können“, erklärt Antonina Jewmenowna. „Es war verboten, die Leichen zu beerdigen. Der Flecktyphus verbreitet sich über Luft- und Tröpfchenwege, aber seine Hauptüberträger sind Läuse. Die Krankheit verläuft unter hoher Temperatur, und der Mensch verbrennt buchstäblich nach einigen Tage einfach. Der März 1944 war kalt, mit nassem Schnee und Nachtfrösten. Und in jeder Nacht“, so erinnert sich Antonina Vera, „trug der Tod Hunderte Leben fort. Am Morgen wachten die Menschen unter Leichen derjenigen auf, mit denen sie noch gestern sprachen, das Brot aus Sägemehl geteilt hatten. Alle vier Tagen gab es Brot, sie warfen durch den Stacheldraht gerade in den Schmutz, auf die Köpfe der sich beim Tor versammelnden Menge, derjenigen, die noch gehen konnten. Wassers gab es im allgemeinen nicht, die Menschen tranken die Sumpfbrühe. Die Alten und die Kinder kamen als erste um. Viele verloren den Verstand, am häufigsten Mütter, deren Kinder in ihren Armen gestorben waren. Schon nach wenigen Tagen des Aufenthaltes im Lager hörten die Menschen auf, sich zu bewegen, ihre Beine waren erfroren. Ich erinnere mich an eine minderjährige Lagergefangene, Tatjana Iwanowna Manko: Sie hat sich gerettet, dank ihrer Mutter, die es schaffte, als die Angehörigen eines Strafkommandos die Menschen aus den Häusern hinauswarfen, ihr die väterlichen Soldatenstiefel anzuziehen und mit Fußlappen zu umwickeln, so daß die Faschisten nicht bemerkten, daß das Kind in gutem Schuwerk steckte, die dem Mädchen dann die Füße vor dem Erfrieren retteten.“

“In der Nacht vom 18. zum 19. März wurde es plötzlich still“, erinnert sich Antonina Jewmenowna. „Vor dem Morgengrauen, nach dem Aufwachen, haben wir bemerkt, daß die Faschisten verschwunden waren. Dann hörten wir irgendwo im Wald jemanden „hurra“ schreien. Und als erstes sahen drei sowjetische Soldaten - ich werde sie niemals vergessen... Einer von ihnen, ein junger Bursche, war ein Landsmann von mir. Er fand seine Mutti und sein 3 Jahre altes Schwesterchen im Lager – sie hatten überlebt.“

„Bei ihrem Weggang hatten die Deutschen das Tor vermint. Pioniere führten diejenigen über einen schmalen Pfad heraus, die gehen konnten, und empfahlen ihnen, nach Hause zu gelangen... Aber meine Mutti und ich – wie auch sehr viele – lagen noch zwei Tage im Wald, um zu Kräften zu kommen, bevor gehen konnten. Und wir sahen, wie Tausende Leichen ins Gemeinschaftsgrab gebracht wurden. Auch mein Großvater ist irgendwo hier begraben, er starb im Lager...

Der Plan Blumenthals ging auf. In führenden Teilen der Sowjetarmee, die die Gefangenen befreite, breitete sich die Epidemie aus. Doch die Krankheit blieb lokal begrenzt, und die Epidemie erreichte nicht jene Ausmaße, mit denen die deutschen Strategen gerechnet hatten. Schon bis Ende März waren in der Umgebung von Osaritschi mehr zwei Dutzend Lazarette errichtet worden. Doch ungeachtet dessen, was der sowjetische medizinische Dienst in dieser Situation unverzüglich unternahm, starben doch in den ersten Wochen nach der Befreiung sehr viele von denen, die einige Zeit im Lager waren. Es gelang Hunderte Menschenleben zu retten, dank dessen, daß Penizillin verwendet wurde, es war einer der ersten Fälle, in denen die sowjetische Medizin Antibiotika verwendete. Viele ehemalige Gefangenen blieben für immer Invaliden mit den amputierten Beinen und Händen und mit chronischen Erkrankungen.“ Antonina Jewmenowna Vera erinnert sich, daß sie von Neuem lernen mußte, zu gehen.

Die nicht heilende Erinnerung

„Bis jetzt erzählen die ehemaligen Gefangenen nur ungern über das Erlebte“, sagt die Leiterin der Gedenkstätte der Opfer des KZ Osaritschi Irina Michajlow. „Sogar nach mehr als einem halben Jahrhundert ist es eine nicht heilende Wunde der Seele. Und für sie bedeutet zu erzählen von Neuem, es zu erleben.“

Die Nachrichten über die KZ’s bei Osaritschi sind widersprüchlich und unvollständig. Die einige Zeit nach dem Krieg aus faschistischer Gefangenschaft Zurückkehrenden, hatte man den Verrätern der Heimat gleichgesetzt.

„Mit 16 Jahren hat man mich zum Lehrgang nach Mosyr geschickt, und nachdem ich wieder nach Hause zurückkam, bin ich als Sekretärin im Dorfsowjets arbeiten gegangen“, erinnert sich Antonina Vera. „Ich arbeitete fleißig, und ich wurde für die Partei vorgeschlagen. Am 19. November 1949 wurde ich ins Stadtkomitee der Partei gerufen. Der erste Sekretär des Stadtbezirkskomitees der Partei bat mich, meine Biografie zu erzählen. Ich habe ehrlich, ohne Umschweife erzählt. Und habe auch darüber erzählt, daß ich vier Tage im Todeslager war. Da erhob er sich zu voller Größe und sagte: „Solche Verräter wie Antonina Pigul, sollen nicht die Reihen unserer Partei beschmutzen!“

Nachdem sie durch die Hölle des KZ’s gegangen und ihre nächsten Angehörigen verloren hatte, lebte Antonina Jewmenowna lange Jahre mit dem Stempel einer Verräterin der Heimat, den man ihr aufgedrückt hatte. Es wurde ihr nicht ermöglicht, Bildung zu erlangen, es war schwierig und eine Arbeit zu finden. Die Mehrheit der ehemaligen Gefangenen schwieg darüber, daß sie einige Zeit im Lager waren, und die Tatsache der Existenz eines Todeslagers bei Osaritschi wurde in den Medien kaum erwähnt. Ja, und die Geschichte dieser Lager wurde von den Wissenschaftlern kaum untersucht. Es gab jedoch einige interessierte Forscher, die trotz Angst und auf eigenes Risiko noch in den 50er Jahre stückchenweise Dokumente und einige wenige Nachweise von Zeitzeugen sammelten. Einer von ihnen ist Grigori Golowatschenko, der als Kind selbst auch einige Zeit im Lager von Osaritschi war, sowie Wladimir Makatrow, ein studierter Historiker. Sie konnten all das Material sammeln und sichern, das die Grundlage für die im Jahre 2004 in Osaritschi eröffnete Gedenkstätte bildete.

 „Wie viele aller ehemaligen Gefangenen der Todeslager in Osaritschi und Umgebung noch leben, ist schwer zu sagen. Nach meiner Schätzung, sind heute noch ungefähr 150 am Leben“, meint Wladimir Makatrow. „1950, als ich begann, das Material über die Lager zu sammeln, haben sich nur 9 Menschen bereiterklärt, mir ihre Erinnerungen mitzuteilen.

Das erste Denkmal an der Stelle des größten der drei Todeslager wurde nach der Offenlegung von einem Maurer in Eigenleistung errichtet.

In den Jahre der Perestroika gelangten viele früher unbekannte Tatsachen über die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges an die Öffentlichkeit, insbesondere über die Konzentrationslager. Aber wiederum blieben die Lager nahe Osaritschi im Schatten: sie wurden nicht als Konzentrationslager anerkannt. In diesem Jahr wurde die „Republikanische Gesellschaft der ehemaligen Gefangenen des Faschismus des KZ „Osaritschi“ durch das Justizministerium  Weißrußlands als eingetragener Verein registriert.

«Narodnaja Gaseta»

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Nutzlose Esser

BERLIN/MINSK

Quelle: german-foreign-policy von 14.06.2011 – Die Bundesregierung negiert auch 70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion die Existenz von Konzentrationslagern der Wehrmacht. Allein in den letzten vier Jahren hat sich die Republik Belarus eigenen Angaben zufolge „zigmal“ mit der Bitte an Berlin gewandt, das von der NS-Armee eingerichtete Todeslager Osaritschi als KZ anzuerkennen. Von deutscher Seite wurde dies regelmäßig mit Verweis auf nicht näher definierte „juristische Hindernisse“ abgelehnt. Das KZ Osaritschi entstand im März 1944; die Wehrmacht internierte hier - in einem Sumpfgebiet unter freiem Himmel - die Angehörigen von nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitern. Die Gefangenen, zumeist Alte, Kranke und Kinder, galten als „nicht arbeitsfähig“ und wurden deshalb bewusst dem Hunger- und Kältetod ausgeliefert. Innerhalb von nur einer Woche starben auf diese Weise mehr als 9.000 Menschen - ein Vorgang, den die deutsche Truppenführung als Erfolg wertete: „Für nutzlose Esser wird keine Verpflegung mehr verbraucht“, erklärte das zuständige Armeeoberkommando. Deutsche Historiker charakterisieren dies als „eines der schwersten Verbrechen der Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt“. Dennoch wurden die Überlebenden des KZ Osaritschi für ihre Leiden bis heute nicht entschädigt.

Anerkennung verweigert

Wie aus einer Mitteilung des belarussischen Justizministeriums hervorgeht, weigert sich die Bundesregierung auch 70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, das von der Wehrmacht unterhaltene Todeslager Osaritschi als KZ anzuerkennen. Seit Juli 2006 habe man sich „zigmal“ mit einer entsprechenden Bitte an die deutsche Seite gewandt, jedoch stets die Antwort erhalten, „dass dies wegen juristischer Hindernisse nicht zu machen ist“, erklären die Minsker Behörden. Im März letzten Jahres habe das Auswärtige Amt dann überraschend darauf verwiesen, dass das „KZ-Verzeichnis in Kooperation mit dem Internationalen Suchdienst“ des Roten Kreuzes erstellt werde. Daher habe sich die Republik Belarus nun an den Internationalen Suchdienst gewandt und gleichzeitig einen Brief an den Chef der regionalen Delegation des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Russland, Belarus, Moldawien und der Ukraine, François Bellon, geschrieben - versehen „mit der Bitte, bei der sorgfältigen und schnellen Behandlung der Frage über (die) Anerkennung von 'Osaritschi' als (...) KZ (...) zu helfen“. Um der Opfer willen werde man in dieser Angelegenheit auch weiterhin „alle möglichen Maßnahmen“ ergreifen, erklärt das belarussische Justizministerium.[1]

9.000 Todesopfer in einer Woche

Das KZ Osaritschi wurde im März 1944 auf Befehl des Oberkommandierenden der 9. deutschen Armee, Josef Harpe, eingerichtet. Einheiten der 35. Infanteriedivision unter General Johann-Georg Richert verstärkt durch das Sonderkommando 7a der SS-Einsatzgruppe B trieben mindestens 40.000 Zivilisten südlich der belarussischen Stadt Bobrujsk in mehreren mit Stacheldraht umzäunten, verminten Arealen zusammen.[2] Bei den Gefangenen handelte es sich zumeist um die Angehörigen von Zwangsarbeitern, für die die Wehrmacht keine Verwendung hatte - Kinder unter dreizehn Jahren, Kranke, Mütter mit Säuglingen und Alte. Bereits auf dem Weg in die improvisierten Lager erschossen die Wachmannschaften mindestens 500 von ihnen, weil sie zu schwach waren, um weiterzulaufen. Die Übrigen, unter ihnen viele Fleckfieberinfizierte, mussten in einem Sumpfgebiet unter freiem Himmel ausharren - schutzlos der Kälte ausgeliefert, ohne medizinische Versorgung, sanitäre Anlagen, Trinkwasser und Nahrungsmittel. Auf diese Weise fanden innerhalb von nur einer Woche mindestens weitere 9.000 Menschen den Tod.[3] „Es gab ein Tor mit Stacheldraht, kleine Wachtürme, auf denen die Soldaten standen und Schäferhunde, aber sonst gab es nichts“, erinnert sich die Überlebende Larisa Staschkewitsch. Wie sie weiter berichtet, wurde jeder, der auch nur versuchte, ein Lagerfeuer zu entfachen, sofort erschossen. Um sich wenigstens ein bisschen warm zu halten, habe sie sich „hinter die Leichen“ ermordeter Mitgefangener gelegt.[4]

Ernährungsmäßig eine Bürde

Mit ihrem mörderischen Vorgehen verfolgte die Wehrmachtsführung in erster Linie das Ziel, sich derjenigen Menschen im rückwärtigen Frontgebiet zu entledigen, die als „arbeitsunfähig“ und als Belastung für den absehbaren Rückzug vor der Roten Armee angesehen wurden. Im Kriegstagebuch der 9. Armee vom 8. März 1944 heißt es dazu: „Es ist geplant, aus der frontnahen Zone (...) alle nicht arbeitsfähigen Einheimischen in den aufzugebenden Raum zu bringen und bei der Frontzurücknahme dort zurückzulassen, insbesondere die zahlreichen Fleckfieberkranken, die bisher in besonderen Dörfern untergebracht worden sind, um eine gesundheitliche Gefährdung der Truppe nach Möglichkeit auszuschalten. Der Entschluss, sich von dieser, auch ernährungsmäßig erheblichen Bürde nunmehr auf diese Weise zu befreien, ist (...) nach genauer Erwägung und Prüfung aller sich daraus ergebender Folgerungen gefasst worden.“[5]

Wohngebiete aufgelockert

Gleichzeitig hatte die Wehrmachtsspitze bei ihren Planungen offenbar zwei weitere Effekte im Auge: Zum einen schien das Zurücklassen von Kranken und Unterernährten geeignet, den Vormarsch der Sowjetarmee wenn nicht aufzuhalten, so doch zumindest zu verlangsamen - schließlich mussten die von den Deutschen Geschundenen erst einmal versorgt werden. Zum anderen bestand aufgrund der hohen Zahl der in den Lagern zurückgelassenen Typhuskranken die nicht geringe Chance, dass sich auch Rotarmisten mit Fleckfieber infizierten. Das Oberkommando der 9. Armee jedenfalls wertete seine Aktion als vollen Erfolg: „Die Erfassungsaktion hat für das gesamte Gefechtsgebiet eine wesentliche Erleichterung gebracht. Die Wohngebiete wurden erheblich aufgelockert und für Truppenunterkünfte frei. Für nutzlose Esser wird keine Verpflegung mehr verbraucht. Durch Abschieben der Seuchenkranken wurden die Infektionsherde bedeutend verringert.“[6]

Eines der schwersten Verbrechen

Dieter Pohl, Historiker am Münchner Institut für Zeitgeschichte, charakterisiert das Massensterben im KZ Osaritschi als „eines der schwersten Verbrechen der Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt“.[7] Der Osteuropaforscher Hans-Heinrich Nolte ordnet das Vorgehen der deutschen Streitkräfte darüber hinaus in den allgemeinen Kontext des deutschen Raub-, Ausbeutungs- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion ein: „Das Verbrechen entspricht der Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener durch die Wehrmacht im Winter 1941/42. Es hat auch Ähnlichkeiten mit dem Verhungern von Juden sowie von 'nicht arbeitsfähigen' Menschen, wenn (...) Arbeitskräfte zwangsweise ins Reich gebracht wurden. Das Verbrechen entspricht in vielem dem generellen Charakter des deutschen Kriegs gegen die UdSSR, präzis auch in dem Wunsch, 'unnütze' Menschen nicht zu ernähren.“[8] Trotz dieser Einschätzungen renommierter Wissenschaftler weigert sich die Bundesregierung bis heute, die Überlebenden des KZ Osaritschi zu entschädigen - mit Verweis auf die geltende Rechtslage.

[1] Justizministerium von Belarus bittet den Internationalen Suchdienst, „Osaritschi“ als ein KZ anzuerkennen; news.belta.by 15.04.2010
[2] Der Osteuropaforscher Hans-Heinrich Nolte nennt außerdem den Kommandierenden General des 56. Panzerkorps', Friedrich Hoßbach, als einen weiteren Initiator des KZ Osaritschi; Hans-Heinrich Nolte: Osariči 1944. In: Gerd R. Ueberschär (Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003. Der Berufssoldat Friedrich Hoßbach (1894-1980) fungierte in den Jahren 1934 bis 1938 als Adjutant der Wehrmacht bei Hitler; mit seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber der 4. Armee im September 1944 erreichte seine militärische Karriere ihren Höhepunkt. Von Hoßbach stammt das sogenannte Hoßbach-Protokoll aus dem Jahr 1937, in dem bereits die wesentlichen deutschen Kriegsziele und -planungen enthalten sind. Für seine Verdienste erhielt Hoßbach 1944 eine „Hitler-Dotation“ in Höhe von 50.000 Reichsmark; Hermann Weiß (Hg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Frankfurt a. M. 1998; Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt a. M. 2005
[3] Hans-Heinrich Nolte schätzt die Zahl der Opfer auf mehr als 13.000; Hans-Heinrich Nolte: Osariči 1944. In: Gerd R. Ueberschär (Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003
[4] Als lebendes Schutzschild missbraucht; www.esslinger-zeitung.de 23.01.2010
[5], [6] Zitiert nach: Hans-Heinrich Nolte: Osariči 1944. In: Gerd R. Ueberschär (Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003
[7] Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944. München 2008
[8] Hans-Heinrich Nolte: Osariči 1944. In: Gerd R. Ueberschär (Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003

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Ehemalige Gefangene des Konzentrationslagers „Osaritschi“ reichen bei der Kommission für Menschenrechte der UNO Klage gegen Weißrußland ein

Von Anna Krjutschkowa, „Jeshednewnik“ vom Mo. 16. März, 2009

Quelle: http://www.fightclub.by/

Auf Kommunisten-online am 16. Juni 2011 – „Osaritschi“ war das einzige Lager im vom Faschismus okkupierten Europa, wo die friedliche Bevölkerung in der kalten Jahreszeit im Sumpf ohne Obdach, Wärme und Nahrung gefangen gehalten wurde. Die Gefangenen wurden absichtlich mit Typhus infiziert, um diese Krankheit auf die Soldaten der Sowjetischen Armee zu übertragen, die diese Gebiete dann befreiten.

Im Lager befanden sich über 55.000 friedliche Bewohner, die Hälfte von ihnen waren Kinder bis zu 13 Jahren. Aufgrund von Hunger, Kälte und Typhus kamen im Lager mehr 20.000 Gefangene ums Leben.

Das Hauptinhalt der Klage an die UNO-Kommission besteht darin, daß Weißrußland in einer einseitigen Anordnung die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges revidiert hat. In einer Verfügung der Verwaltung des Präsidenten der Republik Weißrußland war am 6. März 1995 ein wissenschaftliches Gutachtergremium für die offizielle Bestimmung des Status der Orte des zwangsweisen Inhaftierung der Bürger in den zeitweilig besetzten Gebieten Weißrußlands während des Großen Vaterländischen Krieges geschaffen worden. Das war notwendig, um Auszahlungen der Finanzhilfe Deutschlands an die ehemaligen Gefangenen festlegen zu können.

Entgegen den Beschlüssen des Nürnberger Gerichts, das „Osaritschi“ als „Konzentrationslager“ einstufte, wurde sein Status in ein „Todeslager“ geändert. Es scheint so, als würden damit die Greueltaten des Faschismus in „Osaritschi“ hervorgehoben. Doch die bittere Wahrheit besteht darin, daß der Ersatz des Wortes „Konzentrationslager“ in ein „Lager“ zu einer Reduzierung der Kompensationszahlungen an die ehemaligen Gefangenen führte. Wenn es dabei um Geld aus dem weißrussischen Budget gehen würde, so könnte man in den Handlungen der Kommission wohl eine gewisse Logik sehen. Aber die Kompensationen an die ehemaligen Gefangenen des Faschismus werden aus Mitteln der BRD gezahlt. Die weißrussische Kommission suchte nicht und wollte nicht nach der historischen Wahrheit über „Osaritschi“ suchen: es wurde kein einziger Zeuge aus der Zahl der ehemaligen Gefangenen befragt.

Die ehemaligen Gefangenen, welche mit der Veränderung des Status nicht übereinstimmen, wendeten sich an die Kanzlerin der BRD im Bundestag, an den Fond „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ der BRD, an sein Kuratorium. Aber auf alle Fragen erklärte die deutsche Seite, daß das Recht des Zurechnens dieser oder jener Haftanstalt der weißrussischen Seite, das heißt dem wissenschaftlichen Gutachtergremium, oblag.

„Die Republikanische Vereinigung der ehemaligen Gefangenen des faschistischen Konzentrationslagers ‚Osaritschi’ e.V. wandte sich mit einer Klage an die Verwaltung des Präsidenten, an das Oberste Gericht Weißrußlands wegen der Wiederherstellung des bisherigen Status. 8.042 ehemalige Gefangene warteten gespannt auf das Ergebnis eines rechtmäßigen Beschlusses. Aber uns wurde zur Antwort gegeben, daß die Bestimmungen des wissenschaftliches Gutachtergremiums nicht der Gerichtsbarkeit unterliegen. Das heißt, das Gericht ist für die Kommission eigentlich nicht zuständig. Wir haben schon die Hoffnung verloren, daß am Vorabend des 65 Jubiläums des Großen Sieges der Moment der Wahrheit anbrechen wird. Aber wir wissen genau, daß das Gericht der Geschichte ewig ist, das bedeutet: Der Augenblick der Wahrheit ist unvermeidlich“, sagte  Fjodor Veras, ein ehemaliger minderjähriger Gefangener von „Osaritschi“.

 Anna Krjutschkowa, „Jeshednewnik“

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OSARITSCHI (Bezirk Kalinkowitschi)

Quelle: «Хатынь» 2005

Auf Kommunisten-online am 16. Juni 2011 – Eine der tragischen Seiten in der Geschichte des weißrussischen Volkes ist das Schicksal der im Lager Osaritschi umgekommenen Gefangenen.

Mit der Schaffung und Betreibung der Todeslager hinterließ die Wehrmacht auf dem Boden Weißrußlands eine blutige Spur der Verbrechen.

Im Jahre 1944 praktizierte die Wehrmachtsführung zunehmend die Nutzung der Bevölkerung als menschliches Schutzschild gegen die vordringenden sowjetischen Truppen. In der Regel wurden dazu durch die Hitlerwehrmacht in der Nähe der vorderen Verteidigungslinien einige mit Stacheldraht eingezäunte große Grundstücke verwendet, wohin Frauen, Kinder und Greise getrieben und ohne Obdach, Nahrung und Wasser unter strenger Bewachung festgehalten wurden. Absichtlich brachte man an Flecktyphus und anderen ansteckenden Krankheiten erkrankte Menschen hierher.

Im März 1944 wurden entsprechend der Befehle und auf Anordnung des Befehlshaber der 9. Armee, Josef Harz, des Kommandeurs der 56. Panzerregiment, General Friedrich Hoßbach und des Kommandeurs der 35. Infanteriedivision General, Georg Richert, in der Nähe der Hauptkampflinie der deutschen Verteidigung drei Lager geschaffen.

Gefangene des Osaritscher Todeslagers. Die Fotos wurden nach der Befreiung im Jahre 1944 aufgenommen.

Eines davon befand sich im Sumpfgebiet bei der Siedlung Dertj, das zweite zwei Kilometer nordwestlich der Ortschaft Osaritschi, das dritte zwei Kilometer westlich des Dorfes Podosinnik im Sumpf. Ende Februar Anfang März 1944 trieben die Nazis mehr 50.000 arbeitsunfähiger Bürger aus den Gomeler, Mogilewer, Polessker Gebieten Weißrußlands, sowie aus dem russischen Gebieten von Smolensk und Orjol hierher. Diese drei Lager erhielten die Bezeichnung „Osaritscher Todeslager“.

 Die Lager waren nichts anderes, als ein kaum bewaldetes, versumpftes Gelände, das von Stacheldraht eingezäunt worden war. Die Zugänge waren vermint und ringsherum standen Wachturme mit Maschinengewehren. Die Menschen mußten tagelang auf der nackten Erde zubringen. Es gab keinerlei Bauwerke, und es fehlte an den elementarsten Voraussetzungen zum Leben. Laubhütten zu errichten und Feuer zu machen war strengstens verboten. In den Lagern hatten die Menschen nichts zu essen, Trinkwasser gab es nicht. Die Gefangenen bekamen nicht einmal medizinische Versorgung. Statt dessen wurden aus den nahegelegenen Siedlungen an Flecktyphus erkrankte Menschen in das Lager gebracht. Sie wurden auf das Lagergelände verbracht. Jeden Tag, und um so mehr in der Nacht starben Hunderte Menschen. Mit bestialischer Grausamkeit vernichtete man die Kinder, die mehr als die Hälfte der Gefangenen ausmachte. Sie starben zuerst. Die Toten blieben unbeerdigt.

Vom 18. zum 19. März 1944 befreiten die Kämpfer der 65. Armee der 1. Belorussischen Front 33.480 Menschen aus den Lagern von Osdaritschi, darunter 15.960 Kinder im Alter bis zu 13 Jahren.

Ein ähnliches Lager war im Juni 1944 am Ostufer des Dnepr errichtet worden, darin befanden sich mehr als 3.000 friedliche Bewohner, die aus Mogilew und den nahegelegenen Siedlungen vertrieben worden waren. Ein Todeslager der gleichen Art wurde auch südöstlich von Witebsk errichtet, aus dem von den Soldaten der 3. Belorussischen Front etwa 8.000 friedliche Bewohner befreit wurden.

Mit der Errichtung der Konzentrationslager nahe der Hauptkampflinie der Verteidigung verfolgten die Faschisten verschiedene Ziele. Sie wählten solche Stellen aus, wo sie nicht erwarten konnten, ihre Positionen zu halten, sie nutzten die Lager als Schutzschild  gegenüber der angreifenden Roten Armee, und indem sie die Gefangenen der Lager mit Flecktyphus infizierten, hatten sie das Ziel, die Epidemie in den führenden Teilen der Roten Armee zu verbreiten und ihren weiteren Angriff aufzuhalten.

© 2005 ГМК «Хатынь», http://khatyn.by/

http://khatyn.by/ru/print/?brief=d4cd03b9de0ad722

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