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DER INTERNATIONALE ANGRIFF AUF DIE ARBEITSKRÄFTE

Von Noam Chomsky

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke

Havanna, 14. Mai 2011, Cubadebate (mit freundlicher Genehmigung von La Jornada).(auf Kommunisten-online am 12. Juli 2011) –   Im größten Teil der Welt ist der 1. Mai ein Internationaler Feiertag der Arbeiter und verknüpft mit dem bitteren Kampf der US-Arbeiter im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Forderung eines auf 8 Stunden begrenzten Arbeitstages. Der 1. Mai 2011 führt zu düsteren Überlegungen.

Vor einem Jahrzehnt wurde ein nützlicher Begriff zu Ehren des Arbeiterfeiertages von italienischen Vorkämpfern der Arbeiterbewegung geprägt, und zwar „prekär“. Dieser Begriff bezog sich anfangs auf die zunehmend prekäre, also heikle Existenz arbeitender Menschen „am Rande“, vor allem Frauen, Jugendliche und Immigranten. Später wurde die Anwendung dieses Begriffs auf das zunehmende „Präkariat“, also die zunehmenden „prekären Arbeitsverhältnisse“ der Mehrheit ganzer Belegschaften ausgedehnt, vom „prekären Proletariat“ gesprochen, welches unter den Programmen zur Auflösung der gewerkschaftlichen Organisation, der Flexibilisierung und der Deregulierung leidet, die Teil des Angriffs gegen die Arbeitskräfte in der ganzen Welt sind.

Seitdem gab es dann sogar in Europa wachsende Besorgnis über das, was der Arbeitshistoriker Ronaldo Munch unter Verwendung von Zitaten von Ulrich Beck so bezeichnet: die „Brasilianisierung des Westens (...) die Verbreitung von zeitweiligen und unsicheren Arbeitsverhältnissen, der Beschäftigung immer wieder anderer zeitweiliger Arbeitskräfte und entspannten Formsache des Arbeitsverhältnisses in denjenigen westlichen Gesellschaften, die bisher Bastionen der nahezu Vollbeschäftigung gewesen sind.“

Der Krieg des Staates und der Konzerne gegen die Gewerkschaften hat sich jüngst auf den öffentlichen Bereich ausgeweitet, und zwar mit Gesetzen, um die kollektiven Verhandlungen und andere Grundrechte der Belegschaften zu verbieten. Sogar in Massachusetts, wo es stets vergleichsweise gute Arbeitsgesetze für die Arbeitskräfte gab, stimmte das Repräsentantenhaus genau vor dem 1. Mai dafür, die Arbeitsrechte der Polizeibeamten, Lehrer und anderen öffentlich Bediensteten bezüglich des Verhandelns über gesundheitliche Betreuung beachtlich einzuschränken. Gesundheitliche Absicherung ist eine der kritischen Angelegenheiten in den USA mit dem US-amerikanischen höchst ineffizienten und für viele Menschen unzugänglichen privatisierten Gesundheitswesen.

Der Rest der Welt kann den 1. Mai mit dem Kampf der US-amerikanischen Arbeiter um ihre Grundrechte gedanklich in Verbindung bringen. Aber in den USA ist diese Solidarität unterdrückt und daraus ein äußerst patriotischer Feiertag gemacht worden. Der 1. Mai ist hier „Tag der Loyalität“, 1958 vom Kongress dazu betitelt worden, für „die Bekräftigung der Treue zu den Vereinigten Staaten und für die Anerkennung des Vermächtnisses der amerikanischen Freiheit“.

US-Präsident Eisenhower verkündete darüber hinaus, dass der „Tag der Loyalität“ auch der „Tag des Gesetzes“ ist. Was alljährlich mit dem Hissen der Fahne und den Widmungsworten an die „Justiz für alle“, die „Stiftungen der Freiheit“ und den „Kampf für die Gerechtigkeit“ bekräftigt wird.

Der Kalender der USA begeht den „Tag der Arbeit“ im September zum Feiern der Rückkehr zur Arbeit nach einigen Urlaubstagen, die von der Anzahl her in den USA für die Beschäftigten viel weniger als in den anderen Industrieländern sind.

Die Heftigkeit des Angriffs auf die Arbeitskräfte durch die Geschäftskreise der USA wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass Washington sich 60 Jahre lang davor gedrückt hat, das grundlegende Prinzip des internationalen Arbeitsrechts anzuerkennen, welches die Vereinigungsfreiheit garantiert. Der Rechtsexperte Steve Charnovitz nennt dies den „unberührbaren Vertrag in der US-Politik“. Und er bemerkte, dass es nie eine Debatte über dieses Thema gegeben hat.

Die Gleichgültigkeit Washingtons gegenüber einigen von der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) unterstützten Konventionen steht erheblich im Gegensatz zu Washingtons Unterstützung der Rechte auf Monopolpreise der Konzerne, was unter dem Deckmantel des „freien Handels“ in einem der Orwellschen Aspekte der heutigen Zeit verborgen wird.

2004 informierte die IAO, dass „die wirtschaftlichen und sozialen Unsicherheiten sich mit der Globalisierung und der damit verbundenen Politik in dem Maß vervielfältigen, wie das weltweite Wirtschaftssystem instabiler geworden ist und die Arbeiter immer mehr die Lasten tragen, zum Beispiel durch die Rentenreformen und die Gesundheitsreformen.“

Diese Ära nannten die Wirtschaftswissenschaftler die Zeit der Großen Mäßigung, welche als „eine der größten Umwälzungen der modernen Geschichte“ verkündet wurde, mit den USA an der Spitze, und gegründet auf die „Befreiung der Märkte“ und vor allem „die Deregulierung der Finanzmärkte“.

Dieses Loblied auf den US-Stil der freien Märkte wurde durch den Herausgeber des Wall Street Journal, Gerard Baker, im Januar 2007 gesungen. Also nur wenige Monate vor dem Zusammenbruch des gesamten Weltwirtschafts- und Finanzsystems und damit auch dem Zusammenbruch des ganzen Gebäudes der Wirtschaftstheologie auf dem Fundament, auf dem es bestand. Womit die Weltwirtschaft an den Rand der Katastrophe geführt wurde.

Dieser Zusammenbruch beließ die USA auf Niveaus der realen Massenarbeitslosigkeit, die mit jenen aus der Großen Depression, der Weltwirtschaftskrise von 1929-32 vergleichbar sind, in vielen Ausbildungen jedoch noch schlimmer sind, schon weil mit der derzeitigen Politik der Herren die Arbeitsplätze nicht wieder zurückkehren werden, wie es einst durch massive Stimulierungsmaßnahmen der US-Regierung im 2. Weltkrieg und in den anschließenden Jahrzehnten des „goldenen Zeitalters“ des Staatskapitalismus erfolgte.

Während der Großen Mäßigung wurden die US-Arbeiter an prekäre Arbeitsverhältnisse gewöhnt. Das Anwachsen des US-Präkariats wurde stolz als ein erstrangiger Faktor in der Großen Mäßigung verkündet, die ein langsames Wirtschaftswachstum erzeugte, ein virtuelles Stagnieren des Realeinkommens für die Bevölkerungsmehrheit mit sich brachte und zugleich einen Reichtum über alle Traumvorstellungen jeden Geizes hinaus für eine winzige Gruppe in der Gesellschaft bescherte. Eine Gruppe von mal gerade einem Prozent der US-Bevölkerung, welche mehrheitlich aus den Geschäftsführern, Hedgefonds-Managern und ähnlichen Vertretern dieser Art besteht.

Der Hohe Priester jener Superwirtschaft war Alan Greenspan. Er wurde in der Unternehmerpresse als „Heiliger“ für seine brillante Führung beschrieben. Voll Stolz auf seine Errungenschaften bescheinigte er dem US-Kongress, dass sie dort zum Teil abhängen würden von „einer atypischen Zurückhaltung bei Gehaltssteigerungen, was hauptsächlich eine Folge der höheren Unsicherheit der Arbeiter zu sein scheint.“

Das Scheitern der Großen Mäßigung wurde durch heroische Anstrengungen der Regierung zur Belohnung der Urheber der Großen Mäßigung verhindert. Neil Barosky trat am 30. März als Generalinspekteur des Rettungsprogramms zurück. Er schrieb einen aufschlussreichen Artikel in der New York Times, wie die Rettung funktionierte.

In der Theorie war der gesetzgeberische Akt, welcher die Rettung zuließ, ein Schnäppchen: Die Finanzinstitute würden von den Steuerzahlern gerettet, die Opfer ihrer Untaten würden entschädigt werden. Dies auf gewisse Art mit Maßnahmen, die den Wert der Immobilien schützen würden und das Eigentum an diesen Immobilien bewahren sollten.

Ein Teil des Schnäppchens wurde erfüllt: Die Finanzinstitute wurden mit gigantischer Großzügigkeit dafür belohnt, die Wirtschaftskrise verursacht zu haben. Ihre schlimmen Verbrechen wurden ihnen verziehen. Aber der Rest des Programms ging unter.

Wie schrieb Barovsky: „Die Zwangsversteigerungen nehmen noch zu, mit zwischen 8 Millionen und 13 Millionen Fällen, die vorausschaubar während der Existenz des Programms erfolgen werden.“ So dass „die größten Banken 20% größer geworden sind als sie vor der Krise waren. Sie kontrollieren einen größeren Teil unserer Wirtschaft als jemals zuvor. Begründet gehen sie davon aus, dass die Regierung sie erneut retten wird, wenn es erforderlich ist. Faktisch rechnen die Rating-Agenturen künftige Rettungspakete der Regierung in ihre Analysen bei den Großbanken ein. Dabei übertreiben sie die Marktverzerrungen, was ihnen einen unrechtmäßigen Vorteil gegenüber den kleineren Banken verschafft, die weiterhin um ihr Überleben kämpfen.“

In wenigen Worten: Das Programm von US-Präsident Obama war „ein Geschenk an die Führungskräfte der Wall Street“ und ein Faustschlag auf den Solar Plexus für deren hilflose Opfer.

Das Ergebnis muß nur jene überraschen, die unabänderlich naiv auf dem Einbringen der Politik bestehen, vor allem wenn die Wirtschaftsmacht hoch konzentriert ist und der Staatskapitalismus in eine neue Etappe der „schöpferischen Zerstörung“ eingetreten ist, um an dieser Stelle die berühmten Worte von Joseph Schumpeter zu gebrauchen. Dies allerdings mit einem Schwenker: schöpferisch hinsichtlich der Formen der Bereicherung und des Machtzuwachses für die Reichen und Mächtigen, wohingegen der Rest frei ist zu überleben, wer dies kann, während er den Tag der Loyalität und des Gesetzes feiert.

Quelle: http://www.cubadebate.cu/

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NOAM CHOMSKY:

DER KRIEG GEGEN DROGEN IST EINE ERFINDUNG, UM FREIHEITEN EINZUSCHRÄNKEN

von David Brooks (in La Jornada)

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke

Havanna, 8. Juli 2011, Cubadebate (mit freundlicher Genehmigung von La Jornada). (auf Kommunisten-online am 12. Juli 2011) – Noam Chomsky sagt, dass der Krieg gegen die Drogen erfunden wurde, um demokratische Tendenzen in den USA zu unterdrücken. Und dass er benutzt wurde, um Interventionen zu rechtfertigen und gegen Bedrohungen für die Machtstellung des Imperiums im Ausland vorzugehen. In vielen Interviews und Schriften der letzten Jahre bekräftigte der herausragendste kritische Denker der USA, dass dieser Krieg stets ganz andere Zielstellungen als die amtlich verkündeten hatte.

Er bestätigt, dass er denselben Blick auf das Thema hat, als er es La Jornada in Mexiko City auf der Veranstaltung zum 25. Jahrestag dieser Zeitung für das Interview anbot.

Noam Chomsky sagte:

„Der Krieg gegen die Drogen, welcher etliche Länder Lateinamerikas in Mitleidenschaft zieht, darunter auch Mexiko, hat alte Vorgänger. Belebt von Nixon war er ein Bestreben, die Auswirkungen des Vietnamkriegs in den USA zu überwinden.

Der Vietnamkrieg war ein Faktor, welcher in den 1960er Jahren zu einer bedeutenden Kulturrevolution führte, die das Land zivilisierte: Frauenrechte, Bürgerrechte. Oder sagen wir mal, sie demokratisierte das Land, wobei sie die Eliten angriff. Das Allerletzte, was diese Eliten wollten, war die Demokratie, die Rechte der Bevölkerung, usw., so dass sie eine gewaltige Gegenoffensive starteten. Ein Teil davon war der Krieg gegen die Drogen.

Dieser Krieg gegen die Drogen wurde entwickelt, um die Konzeption des Vietnamkriegs, was wir dort mit den Vietnamesen machten, dahin zu verlagern, dass sie mit uns da was machten. Das große Thema Ende der 1960er Jahre in selbst den liberalen Medien war der Vietnamkrieg als ein Krieg gegen die USA.

Die Vietnamesen waren dabei, unser Land mit Drogen zu zerstören. Das war ein Mythos, welcher von den Medien in Filmen und in der Presse fabriziert wurde. Da wurde die Story von einer Armee voller drogenabhängiger Soldaten erfunden, die dann bei ihrer Rückkehr zu Verbrechern werden und unsere Städte terrorisieren. Jawohl, es gab Drogengebrauch bei den Militärangehörigen. Aber er war nicht wesentlich anders als jener, welcher in den anderen Teilen der Gesellschaft vorhanden war. Das war ein fabrizierter Mythos. Darum ging es beim Krieg gegen die Drogen. So wurde die Konzeption vom Vietnamkrieg verändert in eine Auffassung, nach welcher wir die Opfer waren.

Dies passt sehr gut zur Kampagne für Recht und Ordnung. Es wurde gesagt, dass unsere Städte von der Antikriegsbewegung und den kulturellen Rebellen zerfetzt sind. Und darum müssten wir Recht und Ordnung durchsetzen. Was den Krieg gegen die Drogen enthielt.

Reagan erweitere diesen Krieg deutlich. In den ersten Jahren seiner Amtszeit wurde die Kampagne verstärkt. Dabei wurden die Kommunisten beschuldigt, den Drogenkonsum zu fördern.

Zu Beginn der 1980er Jahre ... das war, als die Zahl der Inhaftierten rasch anstieg, vor allem durch viele Festnahmen von Menschen schwarzer Hautfarbe in den USA. Jetzt ist die Pro-Kopf-Zahl von Inhaftierten gemessen an der Bevölkerungszahl in den USA die höchste Zahl im Weltmaßstab. Dessen ungeachtet ist die Verbrechensrate fast gleich der in anderen Ländern. Das ist eben die Kontrolle über einen Teil der Bevölkerung. Das ist eine Klassensache.

Der Krieg gegen die Drogen, wie auch andere Spielarten der Politik bei den Liberalen und bei den Konservativen, ist ein Bestreben, um die Demokratisierung der gesellschaftlichen Kräfte zu beherrschen.“

So weit die Schlussfolgerung von Chomsky. Chomsky führte viel über diese Punkte in seinem Vortrag an der Nationalen Universität Mexiko (UNAM) aus, wo er stärker auf die internationalen Ausmaße des US-Kriegs gegen die Drogen einging. Er sagte, dass zum Intervenieren zwecks politischer Beherrschung gewisser Regionen der Welt, darunter Lateinamerika, „der Vorwand der 'Krieg gegen die Drogen' ist. Aber es ist schwierig, dies ganz ernst zu nehmen. Selbst wenn wir der außergewöhnlichen Annahme zustimmen würden, dass die USA das Recht haben, einen 'Krieg' auf ausländischem Boden zu führen.

Von der US-Regierung durchgeführte Studien und andere Forschungen haben gezeigt, dass die wirksamste und kostengünstigste Form zur Kontrolle des Drogenkonsums die Vorbeugung, die Behandlung und die Erziehung ist. Darüber hinaus ist nachgewiesen worden, dass die kostspieligsten und unwirksamsten Methoden die Einsätze außerhalb des eigenen Landes sind, zum Beispiel das Besprühen und die gewaltsame Verfolgung. Die Tatsache, dass ständig die unwirksamsten und kostspieligsten Methoden gegenüber den besseren Methoden vorgezogen werden, ist hinreichend, um uns aufzuzeigen, dass die Ziele des 'Kriegs gegen die Drogen' nicht die sind, welche da verkündet werden.

Um die wirklichen Ziele zu bestimmen, können wir zu dem Rechtsgrundsatz greifen, dass die absehbaren Tatfolgen die Tatabsicht belegen. Und die Folgen sind nicht im Dunkeln. In den Programmen wird eine Aufstandsbekämpfung im Ausland und eine Art 'gesellschaftliche Säuberung' im Inneren zugrunde gelegt. Dazu werden gewaltige Zahlen von Menschen 'überflüssig', fast immer Männer schwarzer Hautfarbe, die in die Gefängnisse gesteckt werden. Eine Erscheinung, die bereits zur höchsten Inhaftierungsrate der Welt führte, und zwar bei weitem, seitdem vor 40 Jahren die Programme gestartet wurden.“

In seinen Essays, so beispielsweise in seinem Buch Hopes and prospects (Hoffnungen und Realitäten) schrieb Chomsky, dass es unmöglich ist zu denken, dass die USA irgendeine Einmischung eines anderen Landes oder einer internationalen Organisation akzeptieren würde, um den Konsum und die Produktion von Drogen auf ihrem eigenen US-amerikanischen Territorium zu kontrollieren. Die Vorstellung, dass Ausländer sich in die Produktion und die Verteilung von tödlichen Substanzen in den USA einmischen, ist einfach undenkbar. Die Tatsache, dass die Rechtfertigung für die Programme gegen Drogen im Ausland als plausible Erklärung akzeptiert wird bis hin zur Betrachtungsweise als etwas, was zu diskutieren sich lohnt, ist ein weiteres Beispiel für die tiefe Verwurzelung der Mentalität des Imperiums in der westlichen Kultur.

Quelle:http://www.cubadebate.cu/

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