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Organhandel:

Nichts ist im Kapitalismus zu pervers, als dass es nicht möglich werden könnte

Von Günter Ackermann/25. Mai 2007

Am Uni-Klinikum Essen soll der Chefarzt, Prof. Dr. Broelsch todkranke Patienten mit hohen Geldforderungen erpresst haben. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls meint, handfeste Beweise zu haben. Es ist von Zahlungen von bis zu 60.000 € die Rede. Wir berichteten darüber.[1]

Ich schrieb dazu, sarkastisch übertreibend: „Organe werden an der Börse gehandelt. Wer eins braucht, zahlt den Tageskurs. Es versteht sich, dass nach neoliberalen Vorstellungen, v.a. die sog. Leistungsträger berücksichtigt werden können. Wer nicht dazu gehört, z.B. Arbeitslose, dient als lebende Organbank und hat seine Organe zum Wohle derer, die „Leistungsträger“ sind, zu spenden. Der Spendenfreudigkeit könnte man nachhelfen, indem die notorischen Querulanten, die meinen, unbedingt als Arbeitsloser sich den Luxus von zwei Nieren leisten zu müssen, die Leistungen kürzt. Eine solche Maßnahme würde angesehene Medizinprofessoren entkriminalisieren und die nutzlosen Hartz IV-Schmarotzer (Ex-Minister Wolfgang Clement), noch gesellschaftlich nützlich machen. Das wäre doch eine Idee, bei der Ministerin Ulla Schmidt vor Begeisterung jubeln und mich auch zum Großen Bundesverdienstkreuz qualifizieren müsste.“[2]

Manchmal aber überholt die Realität die Satire. Heute schickte mir ein Leser einen Link zu einer Seite des Deutschlandradio-Kultur. Es wird über den Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Bayreuth, Peter Oberender berichtet, der genau das forderte. Oberender sagte, lt. Deutschlandradio Kultur:

„Er verwies dabei auch auf die Lage der potenziellen Verkäufer von Organen: „Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren, muss er meiner Meinung nach die Möglichkeit zu einem geregelten Verkauf von Organen haben.“

Der Kerl ist nicht verrückt, der ist nur konsequent kapitalistisch. Peter Oberender (* 1941) war (bis 2007) Inhaber des Lehrstuhls VWL IV - Wirtschaftstheorie der Universität Bayreuth. Außerdem war er Dekan der Rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth (bis 2006), und ist aktuell noch Direktor der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth, Direktor des "Instituts für angewandte Gesundheitsökonomie" (IaG) sowie Inhaber und Seniorpartner der Unternehmensberatung "Oberender & Partner", eines auf Gesundheitsökonomie und Krankenhausmanagement spezialisierten Beratungsunternehmens.“[3]

Oberender ist ein glühender Verfechter der weiteren Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung (genannt Liberalisierung) und Mitglied der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), einer Propagandafabrik der Kapitalistenverbände.

Als kein harmloser hinterweltlerischer und weltfremder Schreibstubengelehrter, sondern einer, der handfest für die Kapitalinteresse eintritt. Vor allem im Gesundheitswesen hat er sich als Neoliberaler einen Namen gemacht.

Sie Idee vom Organhandel an einer Börse entbehrt also nicht eine gewissen Logik, wenn auch einer kapitalistischen.

Warum sollte jemand, der nichts zu fressen für sich und seine Familie hat, nicht seine Leber, Niere oder sonstigen Organe verkaufen können? Da im Kapitalismus das Geld das Maß aller Dinge ist, warum sollte da nicht auch der menschliche Körper an der Börse Geldnotiert sein?

Oberender ist nicht so weltfremd, um nicht zu wissen, dass die Politik der Regierungen und seiner Finanziers in den Chefetagen der Banken und Konzerne zu immer mehr Verelendung führt. Da sollte man den Verelendeten und Hungernden doch gestatten, sich Stück für Stück selbst zu verkaufen.

Er verweist auf Indien, wo schwunghafter Organhandel der Armen üblich ist. TZwar bedauert er, dass 80% der Spender dabei zu Tode gebracht werden, aber das, so meint er, könne man durch eine Börse und ein paar andere Maßnahmen in den Griff bekommen. Wobei ich mir vorstellen kann, dass war nicht 80% der Spender neben ihren Organ auch ihr Leben lassen werden, wenn es „nur“ 20% sind, ist das gegenüber Indien immerhin ein Fortschritt. Als Nebeneffekt fiele ja beim Tod eines Spenders noch einige andere Organe an.

Oberender meint, man könne damit dem Mangel an Spenderorganen entgegen wirken.

Die Sache, so kapitalistisch-logisch sie ist, hat doch einen Denkfehler: Man kann nur schlecht einem langfristigen Mangel an Nieren und anderen Organen beikommen, Lebern wird noch schwieriger und Herzspenden sind überhaupt nur beim Tod möglich. Die meisten Armen werden sich kaum darauf einlassen, ihre Herzen sich herausschneiden zu lassen und das so bezahlte Geld den Erben zu hinterlassen. Deshalb eine anderer Vorschlag an den wackeren Kapitalistendenker:

Erinnern wir uns an die Zeit vor Kriegsende. Da gab es die famose Organisation Lebensborn. Diese Organisation befasste sich, mit blonden Maiden und blonden SS-Männern noch blondere germanische Kinder zu züchten. Warum, so frage ich den Herrn Professor Oberender, soll man diese Idee nicht aufgreifen und zur Produktion von heranwachsenden lebenden Organbanken nutzen? Ich denke daran, dass Hartz IV-Frauen von der Agentur für Arbeit an die Lebensborn GmbH (den Namen kann man wieder aufgreifen, produziert er doch einen Born des Lebens) vermittelt und tragen als Gebärmütter jedes Jahr eine heranwachsende Organbank. Damit kann man auf Dauer den Organmangel beheben. Auch dürfte es sich um eine lohnende Investition handeln, denn wer todkrank ist und dringend ein Organ braucht, zahlt jeden Preis.

Das sei doch pervers, meint ihr? Stimmt! Aber ist nicht der ganze Kapitalismus eine einzige Perversität? Denken wir an die Hungersnöte in der Welt in der Gegenwart und den letzten beiden Jahrhunderten – eine Folge des Kapitalismus. Denken wir an die Kriege im 20. Jahrhundert, aber auch die gegenwärtigen – auch sie gehen auf das Konto der Raffgier des Kapitals. Aber denken wir auch an das wohl brutalste Herrschaftssystem aller Zeiten, den Nazi-Faschismus und dessen Verbrechen der systematischen Ausrottung von Menschen, ganzer Volksgruppen (Juden und Zigeuner), auch der wurde vom deutschen Monopolkapital an die Macht gebracht, um deren Streben nach Weltherrschaft zu realisieren.

Wer sagt, dass was der Essener Medizinprofessor gemacht hat, sei ein Verbrechen, was der Oberender vertritt auch, so kann ich dem zustimmen. Das ist nur Perversion in einer perversen Gesellschaft. Wir sie beseitigt, verschwindet auch die Perversion.

Günter Ackermann


[2]  ebenda

[3]  Wikipedia siehe

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