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Paraguay:
Horst
Köhler auf Deutschtumstour bei Großgrundbesitzern und
rechtslastigen deutschen Einwanderern und als Handelvertreter
deutscher Konzerne. An der Armut der indianischen Bevölkerung hat
er kein Interesse. |
Besondere
Proben
ASUNCIÓN/BERLIN
Quelle:
german-foreign-policy.com
vom 02.03.2007
(Eigener
Bericht) - Deutschtumstraditionen und Ressourcenkonkurrenz gehören zu den
ersten Themen des am kommenden Sonntag beginnenden Südamerika-Aufenthalts
des Bundespräsidenten. Vier Tage lang besucht Horst Köhler Paraguay,
bevor er nach Brasilien und Kolumbien weiterreist. In dem Land, dem die
Berliner Außenpolitik in den vergangenen Jahren keine außergewöhnliche
Bedeutung zumaß, wird Köhler die Kontakte zur deutschsprachigen
Minderheit intensivieren und sich um einen Ausbau der
Wirtschaftsbeziehungen bemühen. Paraguay lockt deutsche Investoren mit
Steuergeschenken und billigen Löhnen. Zudem verfügt es über die
weltweit drittgrößten Süßwasservorkommen. Trinkwasser wird in wenigen
Jahrzehnten zu den umkämpftesten Ressourcen gehören; die westlichen
Industriestaaten beginnen um die paraguayischen Vorräte zu konkurrieren.
Berlin lässt den Wasserspeicher „Acuífero Guaraní“ derzeit von
Fachpersonal einer Bundesbehörde untersuchen. Beobachter bringen den
Aufbau eines US-Militärstützpunkts in Paraguay mit zukünftigen
Ressourcenkämpfen in Verbindung. Bundespräsident Köhler bemüht sich um
eine Stärkung der deutschen Ausgangspositionen.
Die
bilateralen Wirtschaftsbeziehungen boten dafür bisher nur wenig
Ansatzpunkte. Nach Auskunft der Bundesagentur für Außenwirtschaft ist
das deutsche Investitionsaufkommen „fast vernachlässigbar gering“;
auch der Handel bewegt sich auf niedrigem Niveau.[1] Die Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat derzeit drei Experten in Paraguay
stationiert, doch gilt es als nicht ausgeschlossen, dass sie im Zuge einer
möglichen Umstrukturierung abgezogen werden. Lediglich die
„konsularische Betreuungsarbeit“ sei „besonders intensiv“, heißt
es im Auswärtigen Amt. Die Behörde nennt als Ursache die „relativ
hohe(...) Zahl deutscher Staatsangehöriger (ca. 10.000) und Deutschstämmiger
(ca. 120.000) im Lande“.[2]
Kolonien
Die
Berliner Kontakte zur deutschsprachigen Minderheit Paraguays sollen während
der Anwesenheit des Bundespräsidenten und seiner Begleitdelegation
gefestigt werden. Wie in anderen südamerikanischen Ländern bietet das
sogenannte Deutschtum dem Auswärtigen Amt ein hervorragendes Umfeld, in
dem die Berliner Einflussarbeit gedeiht. Sämtliche Vorgängerstaaten der
Bundesrepublik haben sich der Minderheit erfolgreich bedient. Bereits 1887
gründeten deutsche Einwanderer die Kolonie „Nueva Germania“, die
unter Leitung eines „glühenden Judenhassers“ stand.[3] Eine neue
Einwanderungswelle folgte nach dem Ersten Weltkrieg (Siedlungen „Independencia“,
„Villa Alborado“) und nährte Kolonialvisionen des damaligen Außenministers
Stresemann. Kongenial behandelten seine Nachfolger die paraguayischen Neubürger
(„Glieder des nationalsozialistischen Reiches“) [4], die sich erst im
„Deutschen Volksbund für Paraguay“, dann in der „Landesgruppe
Paraguay“ der NSDAP organisierten.
Proteste
Erben
der „Volksgruppe“ gehören heute zu den einflussreichen Großgrundbesitzern,
denen sich Köhler für ausführliche Gespräche zur Verfügung stellt.
Paraguay, das südamerikanische Land mit der größten Konzentration
privaten Landbesitzes, erlebt in jüngster Zeit massive Proteste
besitzloser Bauern. „Seit 1989 kam es zeitweilig immer wieder zu
Besetzungen auch deutschen Grundbesitzes“, beklagt das Auswärtige Amt:
Die Regierung habe Schwierigkeiten, „für umfassenden Schutz von
Landinvestitionen zu sorgen“.[5] In den vergangenen Jahren gerieten
deutsche Großgrundbesitzer mehrfach in die Schlagzeilen, weil sie sich
weigerten, den paraguayischen Gesetzen über die Landreform Genüge zu
tun. Sie konnten sich dabei auf ein bilaterales Investitionsschutzabkommen
zwischen Asunción und Berlin berufen.
Besonders
beliebt
Der
Einfluss der deutschstämmigen Minderheit ist ungebrochen. Ihr entstammt
der frühere Militärherrscher Alfred Stroessner, der das Land von 1954
bis 1989 diktatorisch regierte. Während seiner Amtszeit wurde dem
NS-Massenmörder Josef Mengele die paraguayische Staatsbürgerschaft
verliehen - er war einer von vielen Kriegsverbrechern, die in Südamerika
Unterschlupf fanden. Stroessner habe „die deutschfreundliche Einstellung
seines Volkes“ geteilt und sich stets „um ein gutes,
freundschaftliches Verhältnis zur Bundesrepublik Deutschland“ bemüht,
lobt ein ehemaliger Botschafter der Bundesrepublik in Asunción.[6] Bei
der deutschstämmigen Minderheit habe sich der Putschist „ganz
besonderer Beliebtheit“ erfreut.
Militär
Der
Besuch des Berliner Staatsoberhaupts lässt Interessen erkennen, für die
sich das „Deutschtum“ als Kulisse anbietet – die perspektivischen
Ziele liegen dahinter. Zu diesen Bereichen gehören auch militärische Erwägungen,
seitdem die USA in Paraguay ihr Personal verstärken. Washington
behauptet, im Dreiländereck zwischen Paraguay, Brasilien und Argentinien
drohten sich islamistische Terrorgruppen festzusetzen. Unter diesem
Vorwand wird den Vereinigten Staaten erlaubt, Soldaten zu entsenden. Die
amerikanischen Militärs genießen Immunität und haben im Norden
Paraguays einen Truppenstützpunkt errichtet. Nach dem Urteil von
Fachleuten verfolgt Washington mit seiner Militärpräsenz mehrere
Interessen. Demnach dient die Stationierung dem Kampf gegen mögliche
Aufstandsbewegungen, wie sie in Argentinien (Arbeitslosenunruhen) und
Brasilien (Landlosenproteste) zeitweise zu drohen schienen; die USA würden
es nicht zulassen, dass in den beiden größten südamerikanischen Staaten
illoyale Regierungen wie in Venezuela oder Bolivien an die Macht kämen.[7]
200
Bohrungen
Außerdem
ziele die Militärpräsenz der USA auf die weltweit drittgrößten Süßwasservorkommen
(„Acuífero Guaraní“) in Paraguay. Über die Weltbank haben die
westlichen Industriestaaten inzwischen begonnen, die Wasserreserven zu
erforschen. Es wird mit nachfolgenden Einflusskämpfen um den Zugriff auf
den Rohstoff gerechnet.[8] Berlin bereitet sich seit Jahren auf diese künftigen
Auseinandersetzungen vor. Mitte der 1980er Jahre – damals herrschte noch
der deutschstämmige Stroessner – gelang es der Bundesrepublik im Rahmen
ihrer Entwicklungshilfe, Mitarbeiter der Bundesanstalt für
Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Paraguay zu stationieren. Seitdem
arbeitet die deutsche Seite unmittelbar mit paraguayischen
Regierungsstellen zusammen. „Langjährige Partner“ seien „die für
Hydrogeologie, Geologie und Bergbau sowie Landwirtschaft und Umwelt zuständigen
Ministerien und deren nachgeordnete Behörden“, teilt die BGR mit.[9]
Mehr als 200 Bohrungen in den „Acuífero Guaraní“ hat die
Bundesanstalt inzwischen durchgeführt. „Offiziell geht es um die
Analyse der Wasserqualität“, heißt es in einem kürzlich
ausgestrahlten Rundfunkbeitrag: Tatsächlich werden „besondere Proben“
entnommen, die exklusive Aufschlüsse über die Ressourcenlage ermöglichen.[10]
Weiterentwicklung
Wasser
ist nicht nur für den Export interessant, sondern lässt auch
wasserintensive Wirtschaftsbranchen in Paraguay nach Standorten
suchen.[11] Die Bedingungen für deutsche Interessenten sind derzeit günstig.
Die Regierung in Asunción fühlt sich der brasilianisch-argentinischen Übermacht
im Wirtschaftsbündnis Mercosur [12] unterlegen und bemüht sich daher
verstärkt um ausländische Investoren. Erste Sonderregelungen für
Industriebetriebe („Maquiladora-Programm“, Freihandelszonen) sind
inzwischen in Kraft und wurden vom paraguayischen Vizepräsident bei einem
Deutschland-Besuch im vergangenen Herbst beworben. Dabei geht es den
Investoren vor allem um Rechtssicherheit, damit Enteignungen wie derzeit
in Venezuela und Bolivien [13] möglichst unterbleiben. Der entsprechenden
Problematik hat sich das deutsche Staatsoberhaupt bei dem bevorstehenden
Aufenthalt in Asunción verschrieben: Unter dem blumigen Titel
„Weiterentwicklung des Rechtsstaats“ will Köhler die Perspektiven
deutscher Anleger verbessern – um die Landarmut kümmern sich andere.
[1]
Paraguays Wirtschaft kommt nur langsam wieder auf die Beine; www.bfai.de
05.09.2005
[2]
Beziehungen zwischen Paraguay und Deutschland; Länder- und
Reiseinformationen des Auswärtigen Amts
[3],
[4] Wir Deutsche in der Welt, Berlin 1937
[5]
Beziehungen zwischen Paraguay und Deutschland; Länder- und
Reiseinformationen des Auswärtigen Amts
[6]
Hubert Krier: Tapferes Paraguay, Würzburg 1973
[7],
[8] „Ganz Paraguay verwandelte sich in eine Art Militärbasis“.
Geostrategische Punkte und Militarisierung in Lateinamerika. Interview mit
Ana Esther Ceceña; Poonal Nr. 718. Paraguay concedió inmunidad a las
tropas de Estados Unidos; Clarín.com 13.06.2005
[9]
Technische Zusammenarbeit mit Paraguay; www.bgr.bund.de
[10],
[11] „Das blaue Gold der Guaraní“. Kampf ums Wasser in Lateinamerika;
Deutschlandfunk 09.01.2007
[12]
Mitglieder sind Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Venezuela.
[13]
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