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Mehr
als 75% der Polen boykottierten die
EU-Wahlen
Polnische
Wähler durchschauten den Wahlbetrug der Europawahl
Von
Günter Ackermann
Kommunisten-online
vom 11. Juni 2009 – Man kann es nicht anders nennen: die Polen
haben die Europawahlen boykottiert. Oder wie soll man eine
Wahlbeteiligung von 24,4 % sonst nennen, wenn nicht Boykott?
Der
Grund dürfte nicht nur Europamüdigkeit sein, wie in den meisten
westlichen EU-Staaten, sondern vielmehr die Folgen, die die EU ihnen
brachte: Hungerlöhne, Abbau auch der letzten sozialen Errungenschaften
aus der Zeit der Volksrepublik Polen, die gesamte polnische Wirtschaft
befindet sich in den Händen westlicher Konzerne. Ganze Städte wurden
entindustrialisiert. So ist die oberschlesische Schwerindustrie, bis auf
einen kleinen Rest, verschwunden, das „östliche Manchester“, die
Millionenstadt Lódz, ist der Industriezweig, der die Stadt einst groß
machte, vollständig verschwunden: die Baumwollwebereien.
Hinzu
kommt aber noch etwas: Keine der polnischen Parteien vermag den
Problemen der Menschen Lösungen zu geben; keine interessiert sich für
diese Probleme. Das erkennen die Menschen unsres östlichen
Nachbarlandes.
Die
derzeit regierende Bürgerplattform des Ministerpräsidenten Donald Tusk
(Platforma Obywatelska, PO) ist eine extrem neoliberale Gruppierung und
wurde voriges Jahr nur deshalb gewählt, weil die Polen die klerikale
Regierung der Zwillingsbrüder Lech und Jarosław Kaczyński von der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo
i Sprawiedliwość, PiS) satt
hatten.
Die
PiS wiederum losten die Regierung des Linksbündnisses (Lewica i
Demokraci, SLD) ab. Die Linken, man kann sie am ehestens mit der
deutschen Linkspartei vergleichen, machte eine neoliberale Politik. Sie
außerdem noch extrem korrupt.
Damals
versprachen die Kaczyńskis den Polen Arbeitsplätze, Erhalt der Sozialleistungen,
waren gegen die EU usw. Aber nicht dergleichen geschah, als die PiS dann
die Regierungspartei war. Rangelei um Pöstchen waren auf der
Tagesordnung. Die PiS war bei extrem niedriger Wahlbeteiligung zu den
Sejm-Wahlen (unter 30 %) mit fast 27% der abgegebenen Stimmen gewählt
worden
und war damit stärkste Regierungspartei. Die PiS war damals – und
auch bei den darauf folgenden Wahlen – massiv vom Klerus und dessen Propagandasender
Radio Maryja unterstützt. Das klappte bei den vorletzten Wahlen zum
Sejm noch, als die Kaczyński-Brüder
an die Regierung kamen. Aber sehr schnell merkten die Polen, dass außer
reaktionären Klerikalismus nichts rum kam. Die Regierung Kaczyński
zerbrach vor Ablauf der Legislaturperiode des Sejm. Bei den Neuwahlen
gab es eine relativ hohe Wahlbeteiligung. Die Polen hatten die Schnauze
voll von der politischen Klerisei. Alternativ stand die Nachfolgepartei
der alten PVAP, die SLD und die neoliberale PO. Da sich beide Parteien
kaum unterscheiden, die SLD aber vor der Zeit der Kaczyńskis sich
als neoliberal und korrupt präsentiert hatte, wählten sie eben die
nicht-klerikale wirtschaftsliberale PO, also die Partei des heutigen
Premier Tusk.
Und
nun die Europawahlen. Die Polen mussten erleben, dass sie als
EU-Mitglied aus Berlin gesagt bekamen, wo es lang geht, sie mussten
erleben, dass die ungeheuren Verbrechen der Nazis an den Polen und in
Polen von den regierenden Kreisen in Berlin umgelogen wurden in
Verbrechen an den Deutschen und die polnische Regierung macht gute Miene
zum bösen Spiel.
Sie
hatten die Wahl zwischen den Erzübeln Klerikalismus der PiS und dem
Neoliberalismus der SLD und dem der PO, letztere auch noch als
Schleimscheißer gegenüber der deutschen Regierung. Und schließlich
mussten sie mit ansehen, dass führende polnische Politiker aus dem Sejm
auf einmal nach Straßburg wechseln wollten. Das nicht etwas, weil sie
dort mehr politisch ausrichten konnten, sondern weil sie dort mehr Geld
verdienen.
Ein
Sejm-Abgeordneter verdient 2.237,12 €
bis 3.131,97 €. Das ist für polnische Verhältnisse eine Menge Geld.
Zum Vergleich: Ein Meister in der Industrie – also kein Kleinverdiener
– bekommt pro Monat 1.099,54 €, ein Verkäufer 648,76 €
Das
reichte den Herrschaften jedoch nicht – sie wollten nach Straßburg.
Im Europaparlament bekommt ein Abgeordneter pro Monat 7665 €
zuzüglich noch 4200 Euro für Mitarbeiter und Sachaufwendungen, das
sind insgesamt 11.865 €, gegenüber schlappen höchstens 3.131,97
€ eines Sejm-Abgeordneten, also satte 8733,83 € mehr. Das lockte natürlich
Promis aus allen etablierten Parteien Polens.
So
wechselte der Fraktionsvorsitzende der Linken, Wojciech
Olejniczak und Adam Gierek (Wirtschaftsprofessor und Sohn von Edward
Gierek, ehemals Vorsitzender der PVAP bis 1981) an die reichlich gefüllten
Fleischtopfe in Straßburg.
Aber
auch die klerikale PiS der Brüder Kaczyński
stehen nicht nach und schicken zwei ehemalige Minister der Regierung
Kaczyński ins EU-Parlament: den ehemaligen Justizminister, Zbigniew
Ziobro und den Minister im Präsidialamt, Michal Kaminski.
Da
will natürlich auch die Regierungspartei PO nicht nachstehen. So
wechselt der Sohn des Ex-Präsidenten Lech Wałęsav,
Jarosław Wałęsa, zu den fetten Straßburger Pfründen.
Das
alles ist in Polen kein Geheimnis. Weshalb also diesen Raffern auch noch
die Stimme geben? Sie blieben, trotz gewaltigem Propagandarummels der
regierungsnahen Medien zu Hause. Die „Gazeta Wyborcza” warb für
eine Wahlteilnahme mit dem Slogan, wer weiterhin niedrige Handy-Tarife
wolle, müsse das EU-Parlament stärken. O, wie wichtig!
Die
polnische Boulevard-Zeitung, Dziennik, sie gehört dem deutschen
Axel-Springer-Verlag, halluzinierte sogar am 5. Juni 2009 von einer
Umfrage, nach der 54 % der wahlberechtigten Polen fest entschlossen
seien, sich an der Wahl zu beteiligen. Pustekuchen!
Die
Polen machten das einzig Richtige: Sie unterstützten den Betrug an
ihnen und den Völkern Europas nicht damit, dass sie den korrupten
Politikern auch noch ihre Stimme gaben.
Habt
Dankt ihr Polen!
G.A.
Siehe
auch: Polen:
Zum Wahlausgang der Wahlen zum Sejm
, Auch in Polen wachsen die Bäume der Reaktionäre nicht bis in den
Himmel
, Von Günter Ackermann/5. Oktober 2005 mehr
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