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»Anderes
Rußland«
Provokation
von
Werner Pirker
Quelle:
jungeWelt
vom 16.
April 2007
Es
ist keine demokratische Ordnung, die in Rußland der sozialistischen
folgte. Die Enteignung des Volkseigentums war ein zutiefst
undemokratischer Akt. Von Beginn an kamen die neuen »demokratischen
Freiheiten« nur einer Oberschicht zugute, die aus der organisierten
Kriminalität hervorgegangen war. Unter Jelzin wurde die demokratische
Legislativmacht zur bloßen Attrappe. Es herrschte das Politbüro der
Oligarchen. Sein Vorsitzender war Boris Abramowitsch Beresowski.
Nach
Putins Machtübernahme wurden die neuen Bojaren, die in der Disziplin
Bereicherung einen Geschwindigkeitsweltrekord nach dem anderen aufgestellt
hatten, aus der aktiven Politik verdrängt. Beresowski, der nicht nur in
Rußland, sondern auch in Brasilien, Israel und der Schweiz per
Haftbefehlt verfolgt wird, floh nach Großbritannien. Michail Chodorkowski,
der das über die Oligarchen verhängte politische Betätigungsverbot mißachtet
hatte, verschwand hinter Gefängnismauern. Der russische Staat bemächtigte
sich wieder der strategisch wichtigsten Wirtschaftszweige.
Beresowski
sinnt auf Revanche. Er hat sich zum Leiter des Auslandsbüros der
russischen Umsturzpartei ernannt. Im Londoner Guardian kündigte er eine
neue Revolution an, da den gegenwärtigen Machthabern, die außerhalb der
Verfassung agieren würden, mit friedlichen Mitteln nicht beizukommen sei.
Den Putin-Gegnern in der russischen Führung bot er Beratung, Ideologie
und finanzielle Unterstützung an. Selten noch ist ein Umsturzplan so
offen ausgebreitet worden, so offen, daß der Gedanke an eine Provokation,
die von den russischen Diensten nicht besser ausgeheckt hätte werden können,
nicht auszuschließen ist. Der sich im Lande abmühenden rechtsliberalen
Opposition hat Beresowski mit seiner »revolutionären Ungeduld« keinen
besonders guten Dienst erwiesen.
Und
doch ist es Beresowskis böser Geist, der das von Garry Kasparow geführte
»andere Rußland« beseelt. Es ist der Geist der ersten Welle der
liberalen Konterrevolution, die während der Jelzin-Ära das Land verwüstete
und der nun eine zweite folgen soll. In der bewährten Mixtur aus
Elitenputsch und »bunter Revolution«. Erneut drängt die Oligarchie auf
die Übernahme der direkten politischen Macht. Sie stützt sich auf
frustrierte Zwischenschichten, die zum Teil echten demokratischen Bedürfnissen
folgen oder sich im kapitalistischen Verteilungskampf benachteiligt fühlen.
Ihnen tritt die Staatsmacht mit aller Härte entgegen. Sollte Putin die
Demokratie wollen, dann eine Demokratie ohne Opposition. Die linke
Opposition ist bereits weitgehend paralysiert. Ihrer aber bedürfte es, um
ein wirklich »anderes Rußland« aufzubauen. |