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Der
Kampf gegen Stuttgart21 ist auch bei einer
Abstimmungsniederlage ein Erfolg
verfasst
von Wal Buchenberg
Karl-Marx-Diskussionsforum
vom 27.11.2011
Auf
Kommunisten-online am 1. Dezember 2011 – Am heutigen Sonntag
findet in Baden-Württemberg eine in Deutschland seltene Volksabstimmung
über das Stuttgarter Bahnhofs-Megaprojekt statt. Die Abstimmung kann
von den Gegnern von Stuttgart 21 nicht gewonnen werden, und dennoch hat
der Kampf gegen Stuttgart21 die politische Lage in Deutschland verändert.
Die
Volksabstimmung kann von den Stuttgart21-Gegnern nicht gewonnen werden,
weil in ganz Baden-Württemberg eine Frage abgestimmt wird, die
eigentlich nur die Einwohner von Stuttgart angeht. Je weiter die 7,6
Millionen wahlberechtigten Baden-Württemberger von diesem Konfliktherd
entfernt leben, desto eher wird sich die Gegnerschaft auf ein
„antistaatliches Bauchgefühl“ reduzieren - im Sinne von: „Die da
oben verschleudern unser gutes Geld!“.
Die
Abstimmung kann von den Stuttgart21-Gegnern nicht gewonnen werden, weil
die Landesbehörden eine doppelte Hürde eingebaut haben: Die Mehrheit
der abgegebenen Stimmen reicht den Gegnern nicht zum Sieg. Sie müssen
auch noch ein Quorum von einem Drittel aller Stimmberechtigten überspringen.
Bei einer relativ hohen Stimmbeteiligung von etwa 40 Prozent müssten
die Gegner mindestens 2,3 Millionen Gegenstimmen und damit deutlich über
80 Prozent der abgegebenen Stimmen stellen. Bei einer noch niedrigeren
Beteiligung müssten die Gegner nahezu 100 Prozent der Stimmen stellen.
Das macht die ganze Abstimmung zu einer Farce.
Die
Abstimmung kann von den Stuttgart21-Gegner nicht gewonnen werden, weil
der Abstimmungstext absichtlich unklar im Juristenjargon verfasst ist.
Der Abstimmungstext lautet:
„Stimmen Sie der Gesetzesvorlage „Gesetz über die Ausübung von
Kündigungsrechten bei den vertraglichen
Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21 (S 21-Kündigungsgesetz)“
zu?“
Es erfolgen drei Hinweise:
„Mit „Ja“ stimmen Sie für die Verpflichtung der Landesregierung,
Kündigungsrechte zur Auflösung der vertraglichen
Vereinbarungen mit Finanzierungspflichten des Landes bezüglich des
Bahnprojekts Stuttgart 21 auszuüben.
Mit „Nein“ stimmen Sie gegen die Verpflichtung der Landesregierung,
Kündigungsrechte zur Auflösung der
vertraglichen Vereinbarungen mit Finanzierungspflichten des Landes bezüglich
des Bahnprojekts Stuttgart 21
auszuüben.
Sie haben 1 Stimme. Bitte in nur einen Kreis ein Kreuz (X)
einsetzen."
Trotz
der voraussichtlichen Abstimmungs-Niederlage der Stuttgart21-Gegner hat
der Kampf gegen das Mega-Projekt die politische Lage in Deutschland verändert.
Wie
bei den Kämpfen gegen andere Großprojekte, dem Bau von
Kernkraftwerken, der Einrichtung von Atom-Lagern, dem Ausbau des
Frankfurter Flughafens, dem Kampf gegen die Castor-Transporte usw. wird
durch den Kampf gegen Stuttgart21 an einem Punkt den Herrschenden die
Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel (was
Investitionsentscheidungen mit einschließt) streitig gemacht. Der Kampf
gegen Stuttgart21 ist deshalb im Kern ein antikapitalistischer Kampf.
Diese Bedrohung wird von den Kapitalisten und ihren Staatsdienern auch
klar gesehen. Sie haben sich dahingehend geäußert, dass durch ein
Scheitern von Stuttgart21 die kapitalistischen Investitionsfreiheit am
„Standort Deutschland“ in Frage gestellt wird.
In diesem Kampf gegen kapitalistische Großprojekte verstärkt und
manifestiert sich auf Seiten der Gegner die richtige Vorstellung, dass
die kapitalistische Profitwirtschaft keineswegs „im Interesse aller“
ist, sondern nur ganz Wenigen dient, und die Lebensgrundlagen der Vielen
zerstört. Das ist ein antikapitalistisches Potential, das radikale
Linke fördern sollten.
Die
heutige Volksabstimmung ist eine bürokratische Angelegenheit, die von
der Staatsmacht organisiert ist, und die den „Bürgern“ nur die
Aufgabe zuweist, ein Kreuzchen zu machen. Egal, wie das
Abstimmungsergebnis lauten wird, die Stuttgart21-Gegner haben den Druck
auf die Staatsmacht hochgeschraubt, den Herrschenden die freie Machtausübung
erschwert und die Staatsmacht in die Defensive gedrängt. Das werden
sich andere lokale Kämpfe zum Vorbild nehmen. Lokale Konfliktpunkte
gibt es zu Hauf.
Wal
Buchenberg, 27.11.2011
Nachtrag
am 28.11.:
An der Abstimmung in Baden-Württemberg haben 3,6 Millionen Menschen
teilgenommen. Damit lag die Beteiligung mit 48,3 Prozent niedriger als
bei der letzten Landtagswahl (66 %), aber deutlich höher als bei
anderen Volksabstimmungen.
2,1 Millionen (58 % der abgegebenen Stimmen) sprachen sich für den
Weiterbau von Stuttgart21 aus, 1,5 Millionen (41 %) votierten für den
Ausstieg.
Das ist das Resultat in Zahlen. Und was ist das politische Resultat?
Die
Landesregierung mit viel Aufwand und Mühe nur erreicht, was sie schon
immer auf ihrer Seite hatte: Gültige Verträge mit Großinvestoren, die
gesetzeskonform zustande gekommen sind.
Die Gegner von Stuttgart21 haben der Staatsmacht hohe legale und
nichtlegale Hürden in den Weg gelegt. Verhindern konnten sie das
verhasste Projekt nicht. Dennoch wird sich der Widerstand gegen andere
kapitalistische (Groß)Projekte an den Stuttgartern ein Beispiel nehmen.
Nicht von ungefähr war der gleichzeitige Widerstand gegen den
Castortransport so heftig und wirksam wie nie zuvor. |