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Scheiterhaufen-Joseph
schlug wieder zu
Von Ketzern, Hetzern und
Auschwitzlügnern (Teil 1)
von Bernard Schmid
trendonlinezeitung
02/09 vom März 2009
Joseph
Ratzinger alias ‚Benedikt XVI.’ lässt die Exkommunikation
von vier fundamentalistischen Bischöfen, die der extremen
Rechten nahe stehen, annullieren. Einer von ihn entpuppt sich
als Propagandist der Auschwitz-Lüge.
ERSTE
HÄLFTE
Zartbesaitete
Seelen aufgepasst: Achtung! Dieser Artikel ist gar erschröckend
irrespektuös. Unglaublich, und zutiefst skandalös…! - Teil 1
behandelt die Ursachen und Hintergründen der jüngsten, seit
Tagen höchst umstrittenen Entscheidung des Herren in
Frauenklamotten, der da in Rom Hof hält. Eine Entscheidung, die
unter anderem darauf hinausläuft, einen Auschwitzleugner (und
einiges sonstiges rechtsradikales Gesocks) kirchlich zu
rehabilitieren. Teil 2 wird die zahllosen, teilweise heftigen
Reaktionen in den letzten Tagen, die Gegenreaktionen und
Kontroversen darum behandeln.
Scheiterhaufen-Joseph,
alias der frühere Kardinal und Leiter der vatikanischen „Glaubenskongregetion“
(vor 300 Jahren hieb dasselbe Amt noch „Heilige
Inquisition“) Joseph Ratzinger, ist wieder von der Leine.
Unter dem Tarnnamen „Benedikt XVI.“ als Papst in Rom tätig,
ist der Mann für seinen Hang zu reaktionären Entscheidungen
berüchtigt. Nun schlug er wieder zu. Noch vor wenigen Jahren hätte
annehmen dürfen und felsenfest geglaubt, es könne (kirchen)politisch
oder ideologisch nach Karol Woytila - bekannt als Papst
„Johannes Paul II.“ von 1979 bis 2005 - kaum noch schlimmer
und reaktionärer kommen. Irrtum. Es kam noch schlimmer und noch
reaktionärer.
An
und für sich wäre Karol Woytila schon arg genug gewesen. Der
von 1979 bis zu seinem Ableben im April 2005 amtierende, aus
Polen stammende Papst war als Repräsentant des
anti-sowjetischen „Widerstands“, aber auch eines generellen,
weltweiten antimarxistischen Engagements gewählt worden. 1987
hatte er dem chilenischen Diktator Augusto Pinochet die Hand
geschüttelt und der Bevölkerung Chiles erklärt, im Namen der
christlichen Werte sei ein Widerstand gegen das Pinochet-Regime
nicht zulässig. Auf den Gebieten der Ablehnung der Ehescheidung
unter Katholiken, des Kampfs gegen Abtreibung, der Stellung der
Frau in Kirche & Gesellschaft und zu ähnlichen Fragen nahm
die römisch-katholische Amtskirche unter ihm stets konservative
bis reaktionäre Positionen ein. Auch bei der Besetzung von (inner)kirchlichen
Ämtern verfolgte die Spitze des Vatikan eine ähnliche
Orientierung. Anhänger der „Befreiungstheologie“
beispielsweise wurden unter Johannes Paul II. recht systematisch
abgesägt.
Doch
nun ist sein Amtsnachfolger im Vatikan dabei, ihn noch drastisch zu übertreffen
und rapide rechts zu überholen. Dort, wo Johannes Paul II. gewisse
Abgrenzungen nach Rechts(außen) innerhalb „seiner“ Kirche
vorgenommen hatte - und sei es aufgrund von Eigeninteressen des Apparats
gegen rechte „Dissidenten“ , die ihm den Gehorsam verweigerten -,
versucht der neue Papst diese Bruchlinien nun zu kitten. Vergangene
Woche führte dies in gewisser Weise zu einem „Unfall“, der beträchtlichen
Imageschaden für die Spitze der katholischen Amtskirche nach sich zu
diesen drohte. Aus diesem Grunde hat der Vatikan nun seinerseits eilends
reagiert, um das Ruder herum zu werfen.
Kirchenlatein
und Subversionsgefahr
Was
war vorgefallen? Der frühere Joseph Ratzinger verfolgt, seitdem er 2005
als „Benedikt XVI.“ zum Papst gewählt worden ist, unter anderem das
Anliegen, ein zwanzig Jahr altes „Schisma“ zu überwinden. So heißt
eine Kirchenspaltung oder Aufspaltung der Gläubigen. Konkret handelt
sich um den 1988 erfolgten Ausschluss der Anhänger des französischen
ultrareaktionären, fundamentalistischen Bischofs Marcel Lefevbre aus
der römisch-katholischen Amtskirche. Lefevbre, ehemals Kolonialbischof
im westafrikanischen Dakar, trat strikt gegen die
Modernisierungsschritte und Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen
Konzils von 1962 bis 65 ein. Das Konzil „Vatikan II“ widerspiegelte
ihm zufolge das Produkt „marxistischer Subversion innerhalb der
Kirche“, die Teile von ihr von den einzig wahren Glaubenssätzen
abgebracht habe.
Dazu
gehören die Abhaltung der Messe in den jeweiligen Landessprachen, die für
das „gemeine Volk“ verständlich ist - und eine Suche nach Aussöhnung
des katholischen Christentums mit den Juden, die nicht länger als
„Gottesmörder“ und Schuldige an Jesus’ Kreuzigung geschmäht
werden dürfen. Beides ist Unsinn aus der Sicht des Ultrareaktionärs
Lefevbre und seiner Anhänger. Dies sind felsenfest von der tiefen Überlegenheit
der eigenen Religion über alle anderen überzeugt: Es könne ja nur
einen wahren Glauben geben, und den besitze man selbst. Auch trat
Lefebvre vehement gegen jedwede Koexistenz mit „dem Islam“, qua
Anwesenheit von Einwanderern moslemischer Glaubenszugehörigkeit, auf
französischem Boden ein (1989).
Betreffend
die Juden ist es nicht so sehr Antisemitismus im engeren Sinne - also
insbesondere dem einer modernen „Rassen“ideologie - , der Marcel
Lefebvre zu seinen Lebzeiten umtrieb: Sein eigener Vater war 1944 im
Konzentrationslager ermordet worden, unter anderem weil er sich als
Fluchthelfer für bedrohte jüdische Menschen betätigt hatte. Im Kern
von Lefebvres Lehre steht aber der autoritäre Anspruch, die Menschheit
mit der einzig wahren Heilslehre beglücken zu können. Daraus
abgeleitet werden die Fronstellung gegen jede Form von interreligiösem
Dialog – jedenfalls solange er irgendeine Art von Gleichberechtigung
zwischen den Glaubensgruppen voraussetzt -, von „Aufweichungen“ der
Doktrin und auch von Demokratie. Lefebvre zeigte sich beispielsweise von
katholisch inspirierten Diktaturen wie denen unter Franco in Spanien,
Salazar in Portugal und Pinochet in Südamerika begeistert. Und 1990,
kurz vor seinem Tod, rief er in einer seiner letzten Predigten aus, die
„Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ führe direkt in den
Atheismus.
Die
Strömung, die Lefebvre begründet hat, kultiviert aber vor diesem
Hintergrund einen heftigen, religiös motivierten Antijudaismus in
uralter christlicher Tradition des „Gottesmörder“vorwurfs, wie sie
durch das Zweite Katholische Kirche zum gröberen Teil unterbrochen
worden ist. Und so nimmt es auch kein Wunder, dass sich Anhänger der
Auschwitzlüge in der Anhängerschaft Lefebvres - von dem man zu
Lebzeiten keine Äuberung zu diesem Thema kennt - finden.
Der
frühere Bischof Marcel Lefevbre hatte 1970 in Ecône in der französischsprachigen
Schweiz seine eigene religiöse Gemeinschaft, die Priesterbruderschaft
„Fraternité Pie X.“ – benannt nach Papst Puis X., der in den
Jahren vor dem Ersten Weltkrieg amtierte – gegründet. 18 Jahre später
wurde von Papst „Johannes Paul II.“ exkommuniziert. Aus der
kirchlichen Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen wurde er nicht so
sehr, weil er zu reaktionär war, sondern vor allem wegen eigenmächtigen
Handelns und Amtsanmabung: Er hatte im Jahr 1988 auf eigene Faust vier
Bischöfen geweiht. Das Vorrecht, diese Handlung vorzunehmen, liegt
jedoch laut kirchlichem Kodex allein beim amtierenden Papst. Lefevbre
wurde also die Tür gewiesen, und mit ihm den vier von ihm eingesetzten
„Bischöfen“. Fundamentalistenhäuptling Lefevbre selbst ist im Jahr
1991 „viel zu spät verstorben“.
Die
Anhänger Lefevbres sind derzeit in rund 40 Ländern präsent. Ihre
Anzahl wird in manchen Quellen auf insgesamt 150.000 bis 250.000 geschätzt,
der Vatikan geht hingegen von bis zu 600.000 aus. Unter ihnen sind rund
fünfhundert Priester. Der geographische Schwerpunkt ihres Wirkens liegt
in Frankreich und der Schweiz.
Präsenz
bei Front National und FPÖ
In
vielen Ländern sind ihre Anhänger auf der extremen Rechten politisch
aktiv oder sympathisieren mit ihr. Auf französischem Boden finden sie
sich etwa beim Front National (FN) oder in seinem Umfeld. Der Pius X.-Brüderschaft
gehört auch der Abbé Philippe Laguérie an, der im Juli 2008 die
Tochter des auf die extreme Rechte abgewanderten früheren Antirassisten
Dieudonné M’bala – mit Jean-Marie Le Pen persönlich in der
Rolle des Taufpaten – feierte. Derselbe Abbé Laguérie hatte im Juli
1996 bei der Beerdigung von Paul Touvier, des früheren Chefs der Miliz
unter dem Vichy-Regime, die Messe zelebriert. Aus diesem Anlass hatte er
wörtlich erklärt, er sei „bei der Gott der Anwalt von Paul Touvier“
- und im Himmel gebe es zm Glück „keine Medien, keine Kommunisten,
keine Freimaurerei, keine Nebenkläger und keine LICRA (Vereinigung
gegen den Antisemitismus), um ihn dort noch zur Rechenschaft zu
ziehen...
In
Österreich wiederum ist die fundamentalistische Katholikenströmung,
die Lefevbre unterstützt(e), vor allem mit Ewald Stadler in der
politischen Landschaft vertreten, einem prominenten Juristen und
rechtsradikalen Politiker. Er gehörte bis 2007 der „Freiheitlichen
Partei Österreichs“ (FPÖ) an, die er jedoch aufgrund von Differenzen
mit deren Chef Heinz-Christian Strache verlieb. Im August 2008 gab er
seinen Übertritt zum BZÖ („Bündnis Zukunft Österreich“) unter
der damaligen Führung von Jörg Haider bekannt. Solcherlei
ultrareaktionäre katholische Positionierung war jedoch eher selten bei
FPÖ und BZÖ, weil das – in der Geschichte zwischen
deutschnational und liberal schillernde – „Dritte Lager“, aus dem
die FPÖ und das BZÖ hervorgingen, historisch in seiner Mehrheit eher
antiklerikal geprägt ist.
In
Rom zeigt sich der amtierende Papst seit einiger Zeit bemüht, diesen
Bruch mit dem früheren Rechtsaubenflügel der Kirche zu kitten und
dadurch die Reihen zu schlieben. Zugleich dürften bestimmte
ideologische Berührungspunkte bestehen. Denn auch Benedikt XVI. zeigt
sich etwa davon überzeugt, dass es einen „interreligiösen Dialog“,
wie er sagt, „im engen Sinne“ - also in Kernfragen - nicht wirklich
geben könne, da letztlich nur ein Religion Recht habe. Auch die berüchtigte
Rede von Redensburg über „den Islam“ vom 12. September 2006, die
damals u.a. in der Türkei für heftige Aufregung sorgte, ging in diese
Richtung. (Vgl. http://homepage.hamburg.de/menschenrechtsbund/papstrede.html)
Schon
im September 2007 verabschiedete Benedikt XVI. einen Erlass, demzufolge
die „Traditionalisten“ - so werden die Fundamentalisten im Stil der
Anhänger Lefebvres auch bezeichnet - die Messe im Rahmen der Amtskirche
auch in Latein feiern dürfen, wenn ihnen der Sinn danach steht. Dieser
Beschluss sollte ausdrücklich ihre Rückkehr in die Reihen der römisch-katholischen
Amtskirche ermöglichen und beschleunigen. Dazu wurde auch eigens ein
Glaubensinstitut für diese Strömung geschaffen, das seit September
2006 bestehende ‚Institut du Bon Pasteur’ (Institut des Guten
Hirten), das durch den Abbé Laguérie geleitet wird.
Aber
bereits ein Jahr zuvor, Ende August 2005, hatte Scheiterhaufen-Joseph
den „Generaloberen“ der Lefebvre-Kirche - Bernard Fellay - und
dessen deutschen „Statthalter“ Franz Schmidberger in Rom empfangen.
Selbiger Schmidberger wird nunmehr durch die ‚Süddeutsche Zeitung’
mit den Worten zitiert, die er in einem Brief an die deutschen Bischöfe
vom Dezember (2008?) äußerte: „<Die Juden unserer Tage> seien
<nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, sie sind
vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das
Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter
distanzieren.>“[1]
Zu
den Zuckerln, die der Vatikan den versponnen wirkenden und dennoch ernst
zu nehmenden Ultrareaktionären sonst noch gewährte, zählt auch die
Wiederzulassung eines umstrittenen „Karfreitagsgebets“ im Rahmen des
lateinischen Ritus - wie die Lefebvristen ihn zelebrieren. Seit März
2008 dürfen die Anhänger des Gottesdiensts in Latein nun wieder für
die Bekehrung der Juden (vor 1959 hieß es noch kirchenoffiziell: „der
perfiden Juden“) beten. Lediglich die Formulierung wurde dabei, im
Rahmen der Wiederzulassung, überarbeitet: Statt „für die Bekehrung
der Juden“ soll nunmehr, auf Lateinisch, nur noch „für die Juden“
gebetet werden; freilich mit dem Zusatz: „…damit sie Jesus Christus
erkennen.“ Also kehrt der Bekehrungswunsch doch ganz offiziell, nur
quasi durch die Hintertür, wieder zurück.[2]
Um dieses Vorhaben gab es
allerdings Zoff im Vorfeld des Katholikentags vom Mai 2008 in Osnabrück,
und auch berechtigten Ärger auf jüdischer Seite. Der Repräsentant der
„Weltunion für ein progressives Judentum“ in Deutschland, Walter
Homolka, sagte so seine Teilnahme an dem Christentreffen in Osnabrück
ab. Und der Zentralrat in Juden in Deutschland übte ebenfalls Kritik[3]
an der neu-alten Formel, von welcher der Vatikan in ersten Reaktionen
behauptete, sie „bezwecke keine Judenmission“.[4]
Amen.
Kirchliche
Rehabilitierung: PR-Unfall
Nun
ist es soweit: Am Samstag, den 23. Januar 2009 verkündete der Vatikan,
die Exkommunikation der vier „Bischöfe“, die im Jahr 1988 durch
Marcel Lefevbre geweiht wurden, sei aufgehoben worden. Es handelt sich
um Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und
Alfonso de Galaretta.
Aber
mit ihnen kam auch der Skandal. Sicherlich ging es der Spitze des
Vatikan nicht bewusst und mit Absicht darum, Antisemiten und
Auschwitzleugner als solche zu rehabilitieren. Denn auch wenn Benedikt
XVI. generell für einen überaus reaktionären Kurs und die
Konsolidierung des kirchlichen Apparats durch das Kitten von
Bruchstellen nach rechts steht, so sind für ihn gleichzeitig die
Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht verhandelbar. Der
damalige junge Kardinal Ratzinger, der seinerzeit im innerkirchlichen
Streit progressivere Positionen vertrat als heute, war selbst an den
Arbeiten des Konzils beteiligt gewesen und hatte sie mit inspiriert.
Auch hat er die Politik der Aussöhnung zwischen kirchlich organisiertem
Christentum und Judentum, die seine Vorgänger betrieben haben,
weitgehend bruchlos fortgesetzt. Ähnlich für die Mehrheit des
konservativ-liberalen Blocks in Europa ist er der Auffassung, dass das
Judentum neben dem Christentum zu den kulturellen Grundpfeilern des
Abendlands – von denen aber der Marxismus und zumindest Teile des
Islam auszuschlieben sei – gehören.
Benedikt
XVI. wollte als mit den Lefebvre-Anhänger eine reaktionäre Stobtruppe
für die Kirche zurückgewinnen, aber zumindest nicht bewusst explizite
Antisemiten beziehungsweise von christlichem Antijudaismus motivierte
Kreise. Eingehandelt hat er sich nun aber nicht nur solche, sondern auch
einen expliziten Holocaustleugner in ihren Reihen.
Denn
das schwedische Fernsehen (SVT) strahlte am vorletzten Mittwoch – vier
Tage vor der offiziellen Aufhebung der Exkommunikation für die vier
umstrittenen „Bischöfe“ - ein, früher aufgezeichnetes, Interview
mit Richard Williamson aus. Darin bestreitet dieser offen die
historische Existenz des Holocaust: „Ich glaube, dass es keine
Gaskammern gegeben hat. (...) Deutschland hat Milliarden und
Abermilliarden DM – und jetzt Euros – bezahlt, weil die Deutschen
unter einem Schuldkomplex leiden, dafür, sechs Millionen Juden vergast
zu haben. Aber ich glaube nicht, dass sechs Millionen Juden vergast
worden sind.“ Er beziffere die Anzahl der in NS-Konzentrationslagern
umgekommenen Juden auf rund 200.000, „aber nicht ein einziger in
Gaskammern“.
Daraufhin
berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL am folgenden
Wochenende, es seien strafrechtliche Ermittlungen gegen Williamson wegen
Verbreitung der sog. Auschwitzlüge aufgenommen worden. Es werde überprüft,
ob der Beitrag nicht bei einem Besuch des angeblichen „Bischofs“ in
einem Priesterseminar der „Bruderschaft Pius X.“ in Zaitzkofen in
der Nähe von Regensburg aufgenommen worden ist. Wäre dies Fäll, und hätte
Williamson seine Äuberungen auf deutschem Boden getätigt, so wäre die
Staatsanwaltschaft - in diesem Falle jene von Regensburg - unzweifelhaft
für die Strafverfolgung zuständig.
Gleichzeitig
warnte etwa der römische Oberrabbiner Riccardo di Segni gegenüber der
im norditalienischen Turin erscheinenden Tageszeitung ‚La Stampa’
vor „gravierenden Auswirkungen“, die eine Integration der
Lefebvre-Anhänger in die Amtskirche auf das christlich-jüdische Verhältnis
hätte. Tatsächlich droht dieses aus verschiedenen Gründen, und
aufgrund unterschiedlicher Initiativen des aktuellen Papsts, brüchig zu
werden. So plant „Benedikt XVI.“ die Seligsprechung seines
umstrittenen Amtsvorgängers Pius XII., der während der Ära des
Faschismus und Nationalsozialismus an der Spitze der Kirche sab und die
Judenverfolgung nie öffentlich kritisiert hatte. Die italienischen
Rabbiner kritisieren „Benedikt XVI.“ dafür, dass er fünfzig Jahre
Bemühungen um eine Überwindung der traditionell Anspannung zwischen
beiden Religionsgruppen von kirchlicher Seite her in Frage stelle.
Noch
während sich der Vatikan um Schadensbegrenzung in der Öffentlichkeit
bemüht zeigte, setzte ein zweiter ultrareaktionärer Pfaffe von der
Piusbruderschaft heftig einen drauf. „Ich weiß, dass es Gaskammern
zumindest für die Desinfektion gegeben hat, aber ich kann nicht sagen,
ob dort Menschen gestorben sind“, sagte der italienische Priester Don
Floriano Abrahamowicz im Interview mit einer norditalienischen
Lokalzeitung, ‚La Tribuna de Treviso’.[5]
Applaus
von Rechtsaußen
Nur
logisch und zu erwarten war, dass Antisemiten und Rassisten aus anderen
Lagern, die bis dahin mit der katholischen Kirche nichts oder nur
bedingt zu tun hatten, ihrerseits umso lauteren Applaus spendeten. Dies
gilt für deutsche Nazis, etwa auf der Webpage Altermedia, aber auch
etwa für französische Rechtsextreme. Der Mouvement National Républicain
(MNR), die rechtsextreme Partei unter Bruno Mégret, etwa versandte
eigens eine Presseerklärung, worin sie die Reintegration der
Lefebvristen in die Amtskirche begrübten, mit der Begründung, dass die
Christen „gegen die Expansion des Islam“ zusammenstehen müssten.
Aber
unter Christen und in weiten Teilen der katholischen Kirche sorgte die
Neuigkeit von der Aufhebung der Exkommunikation, die zeitlich mit den
Nachrichten über die Aulassungen des „Bischofs“ Williamson
zusammenfiel, für Unruhe und Empörung. Der französische Bischof
Boulanger sprach als einer der Ersten eine klare Verurteilung aus. Später
verabschiedete die französische Bischofskonferenz eine Resolution, in
der es heibt, das Ende der Exkommunikation für die Lefebvristen bedeute
„keine Rehabilitierung“. Vielmehr sei dies nur „der Beginn eines
langen Weges, der einen Dialog unter präzisen Voraussetzungen erfordern
wird“, bevor an eine wirkliche Wiedervereinigung der Katholiken mit
ihrer fundamentalistischen Abspaltung zu denken sei. Eine Anerkennung
des Zweiten Vatikanischen Konzils sei dabei unabdingbar. Auch, so die
französischen Bischöfe, rufe die Äuberung Williamsons über den
Holocaust „eine Empörung, die legitimer nicht sein könnte“,
hervor.
Im
Vatikan selbst, wo man sich über die Begleiterscheinungen und Folgen
der Reintegration der ultrareaktionären Putztruppe zunächst wohl nicht
völlig im Klaren war, hat man nun die Bremse gezogen. Der offizielle
Sprecher des kleinen Kirchenstaats, P. Federico Lombardi,[6]
versuchte anfänglich die Wogen zu glätten, indem er erklärte, dass
die Äußerungen Williamsons zum Holocaust „in keiner Weise
akzeptabel“ seien. Der Vatikan habe damit auch nichts zu tun, die Rücknahme
der Exkommunikation durch Papst Benedikt XVI. stehe damit in keinem
Zusammenhang. Unterdessen verurteilten die Medien des römischen
Kirchenzentrums – Radio Vatican und der Osservatore Romano – die
Leugnung des Holocaust. Selbst die Priesterbruderschaft Pius X. stufte
in einer Stellungnahme die Auslassungen Williamsons zu einer „Privatmeinung“
herab, die man sich nicht zu eigen machen mochte, oder jedenfalls nicht
offiziell.
Inzwischen
hat sich Papst Benedikt XVI. gezwungen gesehen, selbst zu reagieren. Am
Mittwoch Vormittag (28. Januar), am Ende seiner Audienz, gab das
Kirchenoberhaupt eine Erklärung zum Thema ab, in welcher er seine
„volle und nicht diskutierbare Solidarität“ mit den Juden – die
er auf theologischer Ebene als „unsere Brüder, die den Ersten Bund
(mit Gott) empfangen haben“ – bekräftigte. Er erklärte, es werde
kein Zurück hinter Vatikan II. geben, erinnerte an seinen Besuch in
Auschwitz und sprach in scharfen Worten vom Holocaust. Ihn bezeichnete
er als „grausames Massaker an Millionen Juden, unschuldige Opfer von
rassischem und religiösem Hass“. Gleichzeitig ordnete er ihn in eine
religiöse Interpretation ein und sprach davon, der Holocaust zeige, was
passiere, wenn „die unvorsehbare Macht des Bösen das Herz des
Menschen ergreift“.
Abzuwarten
bleibt, wie sich die innerkirchliche Aktivität der Lefevbre-Anhänger
– die nunmehr am rechten Rand der Amtskirche, aber in ihrem Inneren
angesiedelt sind – zukünftig gestalten wird. Dies hängt auch davon
ab, wie viel Spielraum der Vatikan ihnen überlassen wird, der befürchten
muss, von ihnen längerfristig diskreditiert zu werden.
Am
Wochenende (31. Januar/1. Februar) sorgte unterdessen eine weitere päpstliche
Entscheidung schon wieder für Ärger im bzw. über den Vatikan. Der
ultrakonservative Gerhard Maria Wagner wurde zum Weihbischof von Linz
ernannt, was viele Beobachter als eine weitere Bestätigung des
katholischen Rigorismus unter Ratzinger sehen. Der ultradogmatische
Fanatiker Wagner hatte zuvor durch Äußerungen wie jene, Gott habe im
Jahr 2005 die Stadt New Orleans mit dem Hurrikan gestraft, um
Abtreibungskliniken und Spielhöllen zu ertränken, die Aufmerksamkeit
auf sich gezogen.[7]
Die religiöse Spinnerei hat also offenkundig noch „große Tage“ vor
sich, und das eben beileibe nicht nur in mehrheitlich muslimisch geprägten
Ländern…
LETZTE
MELDUNG: Relativer Kurswechsel des Vatikan
Nachdem
der Vatikan noch am Dienstag (o3. Februar) „die Angelegenheit für
abgeschlossen“ erklärt hatte, vollzog er am Mittwoch eine Kehrtwende.
Offenkundig reagierte er - infolge des Proteststurms unter Katholiken
wie Nichtkatholiken in mehreren Ländern, unter ihnen besonders auch
Frankreich und Deutschland - unter Druck. Um in die katholische
Amtskirche wieder aufgenommen zu werden, müsse Richard Williamson
seinen Äußerungen bezüglich der Auschwitzlüge abschwören, forderte
der Vatikan nun. Präziser: er solle sich „ohne Zweideutigkeit und öffentlich“
von seinen eigenen Auslassungen „distanzieren“.[8]
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