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Der
Mensch vor dem Supermarkt
Die
Nachdenklichkeit – sie hockt verkümmernd im letzten Wagen des
Zeitenzuges
Leserbeitrag
von Harry Popow
Auf
Kommimisten-online am 13. Januar 2012 – Da gerinnt das Blut in den
Adern: In der ZDF-Serie „Reich und obdachlos“, in der Begüterte in
der Kluft Obdachloser für einige Tage Probleme der Armen kennenlernen
sollten, „erkannte“ eine Hamburger Galeristin empörend, ja,
Obdachlose werden mißachtet, werden als der letzte Dreck angesehen, nicht
als Menschen. Man merkte es ihr an, ihr war nach Heulen zumute. Sie fragte
aber nicht, warum das so ist. Warum diese sich vertiefende Kluft zwischen
Arm und Reich? Keiner der teilnehmenden Millionäre dachte darüber nach.
Warum eigentlich nicht?
Unglaublich:
Sie sehen mit eigenen Augen das Elend, spüren aber auch den Reststolz der
am Rande der Gesellschaft lebenden. Machen also persönliche Erfahrungen
– und doch bleibt ihr Denken in der bloßen Anschauung stecken, im
Symptom. (Auch im Falle des Bundespräsidenten.) Warum? Wegsehen, weil man
angeblich nichts bewirken könne, Zufriedenheit, die einen zudeckt? Wo
doch täglich aufs Neue Pleiten in der Gesellschaft passieren. Taube
Ohren? Taube Augen? Tote Seelen?
Fahre
mit der S-Bahn, gehe in die U-Bahnschächte, laufe durch die Straßen: Überall
triffst du sie: Die Ärmsten der Armen. Manchmal eine zu verkaufende
Obdachlosenzeitung unterm Arm, manchmal ein Musikinstrument spielend, oft
knieend auf dem Bürgersteig und einen Hut oder Teller vor sich. Und diese
Augen!! Sie sprechen Bände. Sie schreien stumm: Bitte, bitte…! Und das
deutschlandweit, weltweit. Im „Schattenblick“ war per Internet zu
lesen: „250 000 Menschen gelten in Deutschland als wohnungslos -
Tendenz steigend. Jeder sechste Deutsche ist armutsgefährdet, könnte
abrutschen und - wenn es ganz schlimm kommt, auf der Straße landen. Das
Risiko zu verarmen hat längst die Mittelschicht erreicht. So weit die
Fakten. Grund genug für Journalisten, das Thema Obdachlosigkeit
aufzugreifen und darüber zu berichten. Aber wie?“
Nun,
das ZDF - und nicht nur diese Medium - hat es versucht – und ist
erbarmungslos in den Augen wohl der meisten Zuschauer abgerutscht, weil
die Serie zu flach und oberflächlich daherkam. Ohne Tiefe, ohne ein
gesellschaftliches Resümee zu ziehen. Schade um die Steuergelder!
Auch
ich sehe oft einen, der bettelnd vor dem Eingang des Supermarktes steht.
Einen Menschen. Nahezu täglich, nun schon Jahre, da man ihn sieht, bei
Wind und Wetter. Nicht die Hände ausgestreckt. Keinen Hut vor sich auf
dem Erdboden. Ruhig und lächelnd steht er da wie eine Statue. Jeden höflich
„Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“
ansprechend. Blaue Augen, tränenlos. In unseren Taschen finden wir
etwas Kleingeld. Jedesmal. Er bedankt sich.
Wie
gerne würde ich mehr über ihn erfahren. Woher er kommt, wie er in diese
entwürdigende Lage gekommen ist. Wie schwer er es hatte. Ob er Angehörige
hat. Und und und… Ist es Mitleid? Eher Mitgefühl. Und was würde es ändern
an seinem Zustand? Könnte man etwas über ihn schreiben? Würde er das
befürworten? Und wer soll das veröffentlichen? Das ist doch keine
Sensation, die sich gut verkaufen läßt.
Da
steht er also, was mir vorkommt, er stünde er auf einem Bahnhof und dürfte
und könnte nicht in einen Zug steigen, der ihn mitnähme in ein menschenwürdiges
Dasein. Und die an ihm Vorübereilenden: Da er öfter dort steht, ist er
kein unbekannter. Sicher, einige reichen ihm Almosen. Und gehen befriedigt
weiter, etwas Gutes getan zu haben. Warum nicht? Andere senken verschämt
die Köpfe, sausen schnell vorbei an einem für sie unfaßbaren Häuflein
Unglück. Ihm ein paar Cent geben? Ist das die Lösung? Vor Jahren fragte
ich mal einen Obdachlosen: Gibst du mir auch etwas, wenn ich arbeitslos
bin? Aber ja, antwortete er und wir lachten beide und ich steckte ihm
einen Almosen zu.
Wegschauen!
Verächtlich dreinschauend! Flink vorübergehen! Feigheit? Sich als etwas
Besseres fühlend, trotz der glitzekleinen „Erfahrungen“ wie der Frau
in der ZDF-Serie? Ist das zur Gewohnheit geworden? Hat sich Kälte
eingefressen in unser noch wohlbehütetes Dasein? Die Macht der
Selbstzufriedenheit! Wie stark muß die Mauer um einen sein, wenn man außerhalb
seines Ichs, außerhalb seiner „Geschäfte“ nichts mehr sieht, nichts
mehr wahrnehmen will? Ist es nicht an der Zeit, diese sehr schwerwiegenden
inneren Widerstände einzureißen? Schauen wir etwas genauer hin: Wer
macht es denn den Leuten schwer, mehr Kopfarbeit zu leisten?
Ist
es die Gewöhnung an die nahezu täglichen Abstürze, an die andauernden
Misere? Nicht nur. Keinem kann man es verübeln, jeder hat seine eigene
Sicht. Die Wahrheit ist auch: Aber nicht jeder sieht etwas!! Etwa dies zur
Auswahl: Arbeitslosigkeit, geheuchelte Bewerbungsschreiben, , wackelnde
und stürzende Minister- und Präsidentensessel, Vertuschungen, Lügen über
die Geschichte, Reduzierungen auf Unwesentliches, Lieblosigkeiten,
geheuchelte Liebe, Verdummungsprozesse per Medien, Betrug der Massen,
Fluglärm der Wirtschaftlichkeit wegen, „Reparaturkolonnen“ statt
„Demokratie“, Schönheitsoperationen, um sich besser verkaufen zu können,
Bettler, hungrige Augen, Gewalt, Messerstecher, Autoanzünder, Mieter, die
wegen steigender Mieten hinausgeekelt werden, Mütter, die bei
kriegerischen Auslandseinsätzen ihre Söhne verlieren, Finanzpleiten, die
das ganze System der Gesellschaft ins Wanken bringen. Menschen, die von
Pleite zu Pleite torkeln und das Vertrauen in die Politik mehr und mehr
verlieren!!! Ein Sumpf, der täglich neue Blüten produziert!
Die
flunkernden Medien, die Politik - alle machen sie einen großen Bogen um
tiefere gesellschaftliche Ursachen. Nicht, daß das Wort Profitmaximierung
nicht fiele, das vor Jahren noch stets totgeschwiegene Wort
„Kapitalismus“. In allen Tolk-Shows hört man es, hin und wieder. Und
dann? Wie weiter? Keine Lösung angedacht? Sind die Deutschen zu feige, an
der Macht zu rütteln? In der DDR ging das doch so einfach, aber aus ganz
anderen Gründen. Und nun? Keiner glaubt doch mehr an ein Land des Aufblühens.
Niemand. Eine Alternative muß her, so unverzüglich wie möglich! Da ist
aber die Sperre im Kopf: Die wird nichts angedacht. Komplexes Denken, dies
hat Gesine Lötzsch (die Partei Die Linke) mal in einer TV-Gesprächsrunde
auf den Punkt gebracht. Man verstand sie erst gar nicht… Wo sind wir
gelandet? Wohin fährt der Zeitenzug?
Bleiben
wir beim Symbol des Bahnhofs. Der Zug fährt ein. Alle wollen und müssen
mitkommen. Die Egoisten, die Ereiferer, die Arroganten, die Narzisten, die
Herrschenden, die Volksverdummer. Sie haben nur ein Ziel: Nichts zu
verpassen. Weder den noch existierenden Arbeitsplatz noch den Anschluß an
die Gesellschaft. Mithalten ist die Devise. Sich verkaufen müssen. Die
Furcht vor Verlusten treibt sie voran, der Konkurrenzkampf. Ganz oben
sein. Auf Biegen und Brechen. Zurückschauen auf den zurückbleibenden
Obdachlosen? Warum? Jeder muß zusehen, dass er über die Runden kommt.
„Das Bewußtsein der Vielen fuhr immer im letzten Wagen des
Zeitenzuges“, schreibt Maximilian Scheer in seinem Buch „Paris-New
York“.
Einst
kam ich mit einer „feinen“ Dame aus dem künstlerischen Bereich über
die Arbeitslosigkeit ins Gespräch. Sie schwörte unverdrossen auf die
Kultur ihres Abendlandes. Und die am Straßenrand hockenden, die Ausgestoßenen,
was ist mit denen, fragte ich sie. „Die interessieren mich nicht“, war
ihre furchtbare arrogante Antwort. Und ein Geistlicher äußerte im persönlichen
Gespräch auf die Frage nach Kriegen und den Leuten, die ganz unten
stehen, das sei Gottes Fügung…
Wie
weit muß eine Gesellschaft noch sinken, um so viel Ignoranz den Bedürftigen
gegenüber für ewig zu
akzeptieren? Welch eine Gefühlskälte spielt da mit? Sicher, nicht jedem
Außenstehenden kann man Almosen zustecken, aber haben sie nicht
mindestens unsere Achtung verdient, wie
sie sich durchs Leben durchboxen zu müssen? Und nochmals: Wohin führt
unser Zeitenzug?
Was
sagt zum Beispiel der französische Philosoph
Lucien
Sève
in seinem Artikel „Der Mensch im Kapitalismus“ (siehe „Das Blättchen“,
14.
Jahrgang | Nummer 26 | 26. Dezember 2011)
zu diesem sehr menschlichen
Problem? „Wir stehen an der tragischen Schwelle zu einer Welt, in
der der Mensch nichts mehr wert ist.(2) Das drückt sich im
„Schicksal“ derer aus, die arbeitslos, obdachlos, heimatlos oder
perspektivlos sind. Aimé Césaire hat in diesem Zusammenhang von der
„Fabrikation von Wegwerfmenschen“ gesprochen. Dabei werden diejenigen
fett, die alles zu Geld machen – unvorstellbar hohe Gehälter, goldener
Handschlag – , aber es läuft auch bei ihnen auf dasselbe hinaus: den
Verfall aller Wertmaßstäbe. Der einzige „Wert“, der sich zum Maß
aller anderen macht, ist nur noch selbstbezüglich und ohne jeden eigenen
Wert. Der Finanzsektor hört nicht auf, sich mit virtuellen Nullen aufzublähen,
die milliardenweise verschwinden, sobald die Blase platzt. Zurück bleibt
die harte Wirklichkeit für die Produzenten des Realen. Ist diese Auflösung
der Werte weniger schlimm als das Abschmelzen der Pole? Unsere
Menschlichkeit selbst steht auf dem Spiel – ist uns das in vollen Ausmaß
bewusst?“
Der
Mensch im Kapitalismus. Na schön, sagen viele Zeitgenossen. Wir leben,
und ändern können wir ohnehin nichts. Daniil Granin stellte in seiner
interessanten Reisereportage „Garten der Steine“
u.a. fest, daß der Kapitalismus auf der Straße recht unsichtbar
ist und nicht so leicht zu entlarven, womit er recht hat. Aber die
Bettelnden – sind sie nicht ein augenfälliges Beispiel für die
seelische und physische Armut dieser Gesellschaft, die überdies immerfort
von der Einhaltung der Menschenrecht faselt?
Ich
sehe ihn noch vor mir: Den Bettler vor der schwedischen Kirche in
Karlskrona, als wir einst für viele Jahre in Schweden wohnten. Da steht eine
Holzfigur, genannt der „Gubben Rosenbom“. Durch den Roman „Die
wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson“ von Selma Lagerlöf
weltberühmt geworden, jetzt der meistfotografierte Alte in Schweden und
das Erkennungsmerkmal von Karlskrona. Was mich aber sehr bewegte, das ist
der Spruch auf einer kleinen Tafel: „Demütig ich bitte sehr, die Stimme
ist nicht gut, gib mir ein Taler her, doch lüpf dafür den Hut.“ Wie würdevoll!
Ich
hoffe, später einmal, da werden die –
aus welchen Gründen auch immer - ,rücksichtslos aus der Lebensbahn
Geworfenen ihren Bettelplatz mit einem Arbeitsplatz vertauschen können.
Dann erst zieht auch unser einstiger Mann vor dem Supermarkten seinen Hut
vor denen, die die Welt verändert haben.
Zunächst
aber bitte Hut ab vor den Armen. Ja, sind wir denn ganz von Sinnen, nur
das Geld und dessen Allmacht zu akzeptieren? Man sagt zurecht: die auffälligste
Fehlentwicklung unserer Zivilisation ist die Vermarktung alles
Menschlichen. Wohin führt uns also der Zeitenzug, da heute uralte
kulturelle Werte der Kälte des Kokurrenzkampfes geopfert werden – und
zwar weltweit? Und die meisten Medien spielen da ohne Zögern mit.
Da
schreibt die Moskauerin Ljubow Pribytkowa im Internet über die Medien,
die ja nach bürgerlichem Verständnis wachen müssten über den Zustand
der Gesellschaft: „Sie produzieren gefälschte `Erinnerungen`, schreiben
unbequemen Politikern fiktive Reden zu, starten provokatorische Verhöre,
verbreiten schmutzige Anekdoten usw.… Politische Ereignisse und
gesellschaftliche Tatsachen werden gerade so interpretiert, wie es der
Bourgeoisie von Vorteil ist. Vom kritischen oder sozialistischen Realismus
in der Kunst, von der Wahrhaftigkeit der politischen Propaganda können
wir jetzt nur träumen. Rundfunk und Fernsehen überfluten in breiten Strömen
die Welt mit Lüge, Irreführung und Verleumdung. Da werden Tatsachen
unterstellt, Begriffe verzerrt, falsche Videos produziert. Die Demagogie
wurde zu einem Hauptinstrument der Bearbeitung des Bewußtseins der
Massen. Nur mit Mühe kann man im Internet ein Programm mit objektiven
Interpretationen über die Ereignisse in der Welt finden.“
Der
Zeitenzug! Er rast wohin? Eines steht fest: Die Oberflächlichkeit, die
menschliche Kälte, die Diktatoren des Geldes
– sie fahren in den vordersten Waggons. Die Nachdenklichkeit, das
Bewußtsein vom schlimmen Zustand unserer Welt, sie werden auf den letzten
Waggon verbannt. Da sollte man doch schnellstens die Lokomotivführer
wechseln und ihnen die Weichen stellen zur Fahrt in eine humanistischere
Welt. Nicht die Ausgestoßenen, die auf dem Bahnsteig zurückbleibenden,
sind die Ärmsten, nicht sie…
Vielmehr
hochgradig jene, die mit politischer Blindheit Geschlagenen, die
Finanzkraken dieser Welt, die personifizierte Gier
– noch sitzen sie bequem in der ersten Klasse, verteufeln
jegliche Alternativen und träumen vom „Kohlemachen“, vom nächsten
Extraprofit, die Welt in den Abgrund schleudernd… Und ahnen nicht
einmal, wie gefährlich, wie verbrecherisch und überflüssig sie in einer
nur finanzbeherrschten globalisierten Welt geworden sind…
"Die
Unwissenheit läßt die Völker nicht nur in Schlaffheit versinken,
sondern erstickt in ihnen selbst das Gefühl der Menschlichkeit."
(Helvétius)
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