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Droht
ein präsidialer Staatsstreich in der
Ukraine?
von: Hans-Jürgen
FALKENHAGEN & Brigitte QUECK
Quelle:
tlaxcala
Während
sich der Krieg um Südossetien ereignete, kam es auch in der Ukraine zu
einer Zuspitzung der innenpolitischen Situation. Die «orange»
Koalition, die am 29. November 2007 nach vorgezogenen
Parlamentswahlen zusammengezimmert worden war, brach am 2. September
2008 nach knapp einem Jahr auseinander.
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Ukraine
Präsident Juschtschenko |
Diese
Koalition hatte von Anfang an ein schwaches Fundament, weil sie sich nur
auf eine hauchdünne Mehrheit von 228 Abgeordneten im Parlament
(der Werchowna Rada) stützen konnte. Bei den genannten vorgezogenen
Neuwahlen, die übrigens auch erheblich manipuliert worden waren, um
eine ausschließlich westlich-orientierte Regierung zu sichern, hatte
der Timoschenko-Block 156 Abgeordnetensitze und der
Juschtschenko-Block «Unsere Ukraine – Selbstverteidigung des Volkes»
(Juschtschenko ist der Staatspräsident der Ukraine) 72 Abgeordnetensitze,
zusammen 228 Abgeordnetensitze erhalten. Auf die
Oppositionsparteien «Partei der Regionen» von Janukowitsch (sie wird
im Westen als prorussische Partei bezeichnet) kamen nach dem Ergebnis
der Zentralen Wahlkommission 175 Abgeordnetensitze. Die
Kommunistische Partei erhielt 27 Abgeordnetensitze und der
sogenannte Litwin-Block 20 Abgeordnetensitze. Das ergibt zusammen
222 Abgeordnetensitze. Insgesamt setzt sich das Zentralparlament
der Ukraine aus 450 gewählten Abgeordneten zusammen. |
Diese
Koalition hatte von Anfang an ein schwaches Fundament, weil sie sich nur
auf eine hauchdünne Mehrheit von 228 Abgeordneten im Parlament
(der Werchowna Rada) stützen konnte. Bei den genannten vorgezogenen
Neuwahlen, die übrigens auch erheblich manipuliert worden waren, um
eine ausschließlich westlich-orientierte Regierung zu sichern, hatte
der Timoschenko-Block 156 Abgeordnetensitze und der
Juschtschenko-Block «Unsere Ukraine – Selbstverteidigung des Volkes»
(Juschtschenko ist der Staatspräsident der Ukraine) 72 Abgeordnetensitze,
zusammen 228 Abgeordnetensitze erhalten. Auf die
Oppositionsparteien «Partei der Regionen» von Janukowitsch (sie wird
im Westen als prorussische Partei bezeichnet) kamen nach dem Ergebnis
der Zentralen Wahlkommission 175 Abgeordnetensitze. Die
Kommunistische Partei erhielt 27 Abgeordnetensitze und der
sogenannte Litwin-Block 20 Abgeordnetensitze. Das ergibt zusammen
222 Abgeordnetensitze. Insgesamt setzt sich das Zentralparlament
der Ukraine aus 450 gewählten Abgeordneten zusammen.
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Premierministerin
Julija Timotschenko |
Ministerpräsidentin
und damit Regierungschefin wurde Frau Julija Timoschenko. Sie löste
die Janukowitsch-Regierung ab. Im Westen hatte man damals triumphierend
verkündet, dass mit der Bildung dieser Koalition zwischen dem ohnehin
100prozentigen westhörigen ukrainischen Präsidenten und Frau
Timoschenko der Weg der Ukraine in die EU und die Nato offen sei und
dass dieser Prozess der Westintegration sogar sehr schnell vonstatten
gehen würde. Doch hierbei hatte man das ukrainische Volk falsch
eingeschätzt. Auch Frau Timoschenko kam nicht umhin, die überwiegend
ablehnende Haltung der Ukrainer gegenüber Nato und EU zu berücksichtigen.
Sie gab deswegen das feierliche Wahlversprechen ab, dass die Ukraine der
Nato nur auf der Grundlage einer Volksabstimmung bei positivem Ausgang
beitreten würde. Ihr zur Ehre gereicht es, dass sie sich bis jetzt an
dieses Versprechen gehalten hat. Das gilt auch für den EU-Beitritt. |
Juschtschenko
und Timoschenko uneinig
So
stand sie in dieser Frage von Beginn der Koalition an in Opposition zu
ihrem Koalitionspartner, den Juschtschenko-Leuten. Aber die
Differenzpunkte ergaben sich nicht nur hier. Sie resultierten auch aus
der von Frau Timoschenko betriebenen Wirtschafts- und Sozialpolitik, die
die schnelle Einführung der von Juschtschenko verfochtenen neoliberalen
Politik verhinderte.
Auch
hier fühlte sich Frau Timoschenko an ihre umfangreichen Wahlversprechen
gebunden, die da lauteten: wesentliche Beschleunigung des
Wirtschaftsaufschwungs, von dem vor allem das Volk profitieren sollte,
Anhebung von Löhnen, Renten, Kindergeld und anderen Sozialleistungen.
Sie machte auch die Russland-feindliche Politik von Juschtschenko
nicht voll mit und vertrat die Meinung, dass die Ukraine nur durch
Zusammenarbeit mit Russland und nicht durch ein gegen Russland
gerichtetes Vorgehen gedeihen kann. Da Frau Timoschenko Ende 2009/Anfang 2010
bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen Juschtschenko als Präsidenten
ablösen will und weil sie als dessen Rivalin nach außen hin eine
andere Haltung demonstrieren muss, um die Wählergunst der Ukrainer zu
gewinnen, ist es ihr außerordentlich wichtig, immer wieder zu betonen,
nur über eine Volksabstimmung über den Nato- bzw. EU-Beitritt zu
entscheiden.
Die
Hauptursachen des Zerwürfnisses zwischen dem derzeitigen ukrainischen
Staatspräsidenten Juschtschenko und Frau Timoschenko liegen im
verfassungswidrigen Vorgehen Juschtschenkos begründet, der, wie schon
unter der Regierung von Janukowitsch, eine Parallelregierung zum
Ministerkabinett von Frau Timoschenko arbeiten lässt. Als solche
fungiert das Sekretariat des Präsidenten und der vom Präsidenten
geleitete Rat für nationale Verteidigung und Sicherheit, die auch in
der Personalstärke funktionsmäßig zu Regierungsorganen ausgebaut
wurden, was in der Ukraine de facto zu einer Doppelherrschaft geführt
hat.
Durch
seine nach der ukrainischen Verfassung realen Machtbefugnisse sowie
durch zusätzlich angemaßte Machtbefugnisse hat Staatspräsident
Juschtschenko die Regierungsarbeit von Frau Timoschenko gestört bzw.
teilweise unmöglich gemacht. So wurden ein ganzes Jahr lang
Regierungsbeschlüsse vom Präsidenten unterminiert und die Annahme von
zahlreichen wichtigen Gesetzen im Parlament per Präsidenten-Veto
verhindert. Da Juschtschenko und sein Block in der Wählergunst auf
ca. 5–8 Prozent gefallen sind und Juschtschenko seine Chancen als
zukünftiger Präsident schwinden sieht, regiert er nur noch mit Ukassen
(Anordnungen), wie dem jüngsten Ukas, die Finanzierung der Armee persönlich
zu kontrollieren.
Eine
systematische Rufschädigung von Frau Timoschenko bis hin zu der
Behauptung, sie sei mental nicht regierungsfähig, sowie Vorwürfe gegen
Frau Timoschenko wegen Hoch- und Landesverrats aus dem Umfeld des Präsidenten,
sie habe geheime Abmachungen mit der russischen Regierung getroffen,
sollen das Regierungslager von Frau Timoschenko schwächen und den
mittlerweile hohen Beliebtheitsgrad von Frau Timoschenko untergraben.
Der
Bruch zwischen Juschtschenko und Frau Timoschenko hatte sich schon lange
vorher angedeutet. Es wurde immer klarer, dass sich das Frau Timoschenko
und ihre Parteigänger nicht mehr lange gefallen lassen konnten. Der Tag
zum parlamentarischen Gegenschlag war im Schatten des georgischen
Krieges gegen Südossetien am 2. September erfolgt, obwohl dieser
nicht die Hauptursache des Konflikts war.
Parlament
beschließt Machtbegrenzung des Präsidenten
Nach
den Parlamentsferien des Sommers war das ukrainische Parlament am 2. September
zur ersten Sitzung der neuen (3.) Sitzungsperiode zusammengetreten. An
diesem Tag gelang es nach etwa 10 Monaten erstmals, ein Präsidium des
Parlaments zu wählen, nachdem bisher nur ein Mann Juschtschenkos, ein
gewisser Arsenij Jazenjuk, sich das Amt des Parlamentsvorsitzenden
(Parlamentssprechers) praktisch allein angemaßt hatte.
Gewählt
werden konnte Olexander Lawrinowisch von der «Partei der Regionen» zum
ersten Stellvertreter des Parlamentsvorsitzenden und der Vertreter der
Fraktion des Timoschenko-Blocks, Mikola Tomenko, zum Stellvertreter des
Parlamentsvorsitzenden (Tomenko war schon unter Moros, dem
Parlamentsvorsitzenden bis November 2007 im Parlamentspräsidium).
Es
schien so, als ob die Parlamentssitzung konfliktlos verlaufen würde und
sich mit Gesetzesarbeit im üblichen Sinne befassen würde. So wurde zunächst
ein Gesetz zur Erhöhung des Prestiges der Arbeit der Bergleute durch
die Erhöhung des Mindestlohns von Beschäftigten des Bergbaus und
weiteren Finanzbeihilfen für den Bergbau beschlossen, dem 446 von 450 Abgeordneten
zustimmten. Am folgenden Tag wurde auch ein neues Mindestlohngesetz für
alle Beschäftigten beschlossen. Auch ein Gesetz zur Änderung des
Einkommenssteuergesetzes passierte das Parlament noch problemlos. Doch
dann kam es zu einem Eklat.
Die
Fraktion von Frau Timoschenko brachte am 2. September mehrere
Gesetzesvorlagen zur Beschränkung der Befugnisse des Staatspräsidenten
ein, die mit einer Über-Zweidrittelmehrheit im Parlament bestätigt
worden sind. Frau Timkoschenko berief sich hier auf Zusagen und
Versprechen, die Juschtschenko noch vor seiner Wahl zum ukrainischen Präsidenten
Ende 2004 (erinnert sei an die sogenannte «orange» Revolution)
mehrfach feierlich abgegeben hatte.
Der
Machtbegrenzung des Staatspräsidenten soll ein Gesetz zur Änderung des
Gesetzes über das Ministerkabinett dienen. Dabei sollen die
Machtbefugnisse von Parlament und der vom Parlament gewählten Regierung
erhöht werden, d.h. es wurden Gesetze zur Umverteilung der
Machtbefugnisse zugunsten der Regierung verabschiedet, die zum Beispiel
bisherige Rechte der Regierungschefs zur Ernennung des Außenministers,
des Verteidigungsministers sowie des Geheimdienstchefs betreffen. Das
Recht zur jederzeitigen Abberufung der Regierung war dem Staatspräsidenten
schon in der vorherigen Legislaturperiode 2005/2007 entzogen
worden.
Beschlossen
wurden am 2. und 3. September auch ein Gesetz zur Einsetzung
einer Untersuchungskommission zur Erleichterung eines
Impeachment-Verfahrens (Amtsenthebungsverfahrens) gegen den Staatspräsidenten,
ferner ein neues Gesetz über den Geheimdienst und Änderungen der
Gesetze über das Verfassungsgericht. In diesem Zusammenhang wurde auch
ein Geheimdienstchef gewählt. Der Geheimdienstchef fungierte bislang
provisorisch als vom Staatspräsidenten ernannt, der dazu nicht einmal
die in der Verfassung vorgesehene Zustimmung des Parlaments eingeholt
hatte. Alle Gesetze und Beschlüsse wurden mit den Stimmen des
Timoschenko-Blocks, der Partei der Regionen, der Kommunisten und des
Litwin-Blocks mit absoluten Mehrheiten von weit über einer
Zweidrittelmehrheit von 300 Stimmen angenommen (es gab
Abstimmungsergebnisse von 370 bis 378 Stimmen, die mit Hilfe
der Partei der Regionen, der Kommunisten und des Litwin-Blocks zustande
kamen), so dass nach der gültigen ukrainischen Verfassung der Staatspräsident
dagegen gar kein endgültiges Vetorecht mehr hat.
Beschlossen
wurde auch ein Gesetz zur Einsetzung einer Untersuchungskommission zum
Kaukasus-Konflikt, die sich u.a. auch mit vom Staatspräsidenten
angeordneten Waffenlieferungen an Georgien befassen soll, die
verfassungswidrig sind, weil darüber nur das Parlament zu entscheiden
hat. Die Parlamentssitzung hatte während der Diskussion und Annnahme
dieser letztgenannten Gesetze der erste Stellvertreter des
Parlamentsvorsitzenden Lawrinowitsch geleitet, weil der präsidentenhörige
Jazenjuk das Parlament am 2. September tagelang verlassen hatte.
Dieser erklärte später seinen Rücktritt auch als
Parlamentsvorsitzender. Währenddessen hat Jazenjuk seinen Rücktritt
wieder zurückgenommen.
Bruch
der Regierungskoalition
Klar
festzustellen ist: Es besteht zurzeit eine stattliche
Zweidrittelmehrheit gegen den Staatspräsidenten und seinen Block. Gegen
die Gesetze zur Ausweitung der Rechte des Parlaments, also der
Verbesserung der Demokratie, stimmten nur die Leute von der Präsidentenpartei
«Unsere Ukraine – Selbstverteidigung des Volkes».
Daraufhin
hatte die Fraktion «Unsere Ukraine – Selbstverteidigung des Volkes»
schon am 2. September mit einem Mehrheitsbeschluss für die Kündigung
der Regierungskoalition gestimmt. Interessant dabei ist der Umstand,
dass die meisten Abgeordneten von «Selbstverteidigung des Volkes»
dagegen waren. Einige Hardliner des Präsidentenlagers beschuldigten die
Ministerpräsidentin Timoschenko, eine Diktatur zu errichten. Die
Unsinnigkeit dieser Beschuldigung liegt auf der Hand. Dem Parlament geht
es eindeutig um die Erhöhung der Rechte der parlamentarischen
Institutionen und im Grunde umgekehrt gegen eine seitens Juschtschenkos
schon seit langem beabsichtigte Präsidentendiktatur. Diese droht nämlich
real der Ukraine, und das sogar mit Rückendeckung der Nato, die über
Demokratie und Menschenrechte nur redet, aber seit Anbeginn ihres
Bestehens gegen jedwede beabsichtigte Demokratie, wenn nötig, auch mit
Waffengewalt vorgegangen ist. Wer also die konstitutionelle Demokratie
in der Ukraine erneut bedroht, liegt auf der Hand. Es ist Juschtschenko.
Wie
geht es nun weiter? Frau Timoschenko erließ ununterbrochen Appelle an
den Staatspräsidenten und seinen Block, ohne Bedingungen in die
Koalition zurückzukehren. Juschtschenko hatte einige der beschlossenen
Gesetze an das Parlament zurückgewiesen. Den weiteren Verbleib seines
Blocks machte er von der Bedingung abhängig, dass sämtliche der
angeblich nur gegen ihn gerichteten Gesetze annulliert werden müssten.
Man einigte sich zunächst auf die Einsetzung einer
Schlichtungskommission. Allerdings führte deren Arbeit zu keinem
Ergebnis. Am 16. September wurde der Bruch der Regierungskoalition
(der sogenannten demokratischen Koalition) erst im Parlament und dann
vom Staatspräsidenten bestätigt. Indessen läuft die
Diffamierungskampagne gegen Frau Timoschenko und deren Regierung weiter.
Die Partei der Regionen und auch die Kommunisten haben Frau Timoschenko
hingegen Unterstützung sowie die Sicherung entsprechender
parlamentarischer Mehrheiten zugesagt. Frau Timoschenko hat Janukowitsch
das Amt des Parlamentsvorsitzenden angeboten, das dieser annahm. Bis
jetzt ist aber noch nichts entschieden. Frau Timoschenko bekundete ihren
festen Willen, nicht zurückzutreten. Auch das Parlament ist
entschlossen, weiterzuarbeiten.
Juschtschenko
und seine US-Unterstützer wollen Neuwahlen verhindern
Die
ukrainische Verfassung sieht vor, dass nach dem Scheitern einer
Regierung eine 10-Tage-Frist zur Wiederherstellung der Regierung
besteht. Diese Frist war am 12. September abgelaufen. Geschieht das
nicht, muss innerhalb von weiteren 30 Tagen eine neue
Regierungskoalition gebildet werden. Der Termin dafür läuft endgültig
am 7./8. Oktober 2008 ab. Kommt die neue Regierung nicht
zustande, müssten Neuwahlen ausgeschrieben werden. Es wären schon die
zweiten vorgezogenen Neuwahlen seit der letzten turnusmäßigen
Parlamentswahl von 2006. Die Chancen für eine neue Koalition ohne den
Juschtschenko-Block sind gut. Allerdings arbeiten Präsident
Juschtschenko und seine Clique, unterstützt von den USA, der EU und der
Nato fieberhaft dagegen. Sowohl der US-Vizepräsident Cheney als auch
der Multimilliardär und Vorsitzende mehrerer
US-Nichtregierungsorganisationen Soros, waren schon in Kiew. Sie wollten
angeblich die auseinandergefallene Koalition kitten. Was sie wirklich
mit Juschtschenko vereinbart haben, ist der Öffentlichkeit unbekannt.
Wahrscheinlich haben sie Juschtschenko zur Errichtung einer Militärdiktatur
ermutigt, was ja im Interesse der Nato-Länder liegen würde.
Die
westlichen Medien haben wahrscheinlich die Weisung zum Stillschweigen
erhalten, so dass derzeit die Öffentlichkeit über die Situation in der
Ukraine kaum etwas erfährt. So sind schon US-Kriegsschiffe gelandet.
Die Landekommandos stoßen allerdings auf Massenproteste der Bevölkerung.
In Sewastopol (Flottenstützpunkt Russlands) konnten amerikanische
Matrosen erfolgreich an der Besetzung von Positionen gehindert werden.
Ein US-Kreuzer wurde zum Verlassen des Hafens gezwungen. Im Parlament
gab es dazu eine Anfrage an Verteidigungsminister Jechanurow und Außenminister
Ogrisko, die darauf ausweichend geantwortet haben.
Festzustellen
ist, die eigentliche Ursache des Verfassungsstreits in der Ukraine liegt
nicht im Kaukasus-Konflikt begründet, auch wenn sich westliche
Politiker und die westliche Agitation und Propaganda bemühen, das so
darzustellen. Frau Timoschenko hat in ihrer Stellungnahme zwar auch die
territoriale Integrität Georgiens betont, sie lehnt aber extrem scharfe
Töne der Verurteilung Russlands ab, und das Parlament in Kiew folgte
ihr auch hier mehrheitlich. Im ukrainischen Parlament wurden keine
besonderen Parlamentsresolutionen zu dem Georgien-Problem gefasst,
nachdem eine Resolution aus dem Präsidentenlager zur scharfen
Verurteilung Russlands keine Mehrheit gefunden hatte. Es wurde lediglich
eine Untersuchungskommission zum Georgien-Konflikt gebildet. Auch das
vom westlichen Lager hochgespielte Problem der doppelten Staatsbürgerschaft
hat nicht zum Bruch der Koalition geführt.
Es
geht bei diesem Regierungsstreit vor allem um die ukrainische Verfassung
und um die Erweiterung der Demokratie in der Ukraine, die einen
Nato-Beitritt des Landes unwahrscheinlich machen.
Auffällig
ist: Man bezichtigt Russland der Einmischungsabsichten, vermeidet aber
Erörterungen über die ukrainischen Verfassungsprobleme. Das ist
westliche Desinformationspolitik. Wir sollten in den nächsten Wochen
wachsam sein gegenüber allen weiteren Desinformationen seitens der
westlichen Regierungen und ihrer etablierten Medien. Dort wird versucht,
von dem eigentlichen Problem der demokratischen Machtausübung
abzulenken. Die Bedrohung der Demokratie und der Menschenrechte geht von
Juschtschenko aus, er allein strebt den Ausbau seiner diktatorischen
Vollmachten an, er allein schränkt die Rechte des Parlaments und der
gewählten Volksvertreter ein und will sie de facto abschaffen. Die Lage
kann sich zuspitzen, wenn sich die EU-und Nato-Saaten hier weiter
einmischen wie bisher. Gibt es einen Ausweg aus der derzeitigen «Doppelherrschaft»
in der Ukraine?
Wie
könnte sich die Lage in der Ukraine weiterentwickeln?
Kommt
eine neue Regierungskoalition nicht zustande, könnte der Staatspräsident,
wie gesagt, das Parlament auflösen und Neuwahlen verkünden. Seine
Fraktion liegt aber im Wähler-Rating derzeit bei 5–8%, so dass er
demokratische Neuwahlen scheut. Unter Umständen könnte eine Koalition
des Juschtschenko-Blocks mit der Partei der Regionen geschaffen
werden. Dann aber müsste Janukowitsch wieder Ministerpräsident werden,
der aber von Präsident Juschtschenko als sein Erzfeind angesehen
wird. In der Diskussion ist auch die Wiederherstellung der Koalition des
Blocks von Julija Timoschenko mit «Unsere Ukraine –
Selbstverteidigung des Volkes» unter evtl. Einschluss des
Litwin-Blockes.
Hierbei
besteht aber Juschtschenko auf der Aufhebung der unter Ministerpräsidentin
Timoschenko beschlossenen Gesetze, die seine Macht einschränken. Frau
Timoschenko ihrerseits beharrt auf dem endgültigen Inkrafttreten dieser
Gesetze. Im Parlament kann das Veto des Präsidenten gegen diese Gesetze
mit der bestehenden absoluten Mehrheit von mehr als Zweidritteln der
Stimmen abgeschmettert werden. Wenn der ukrainische Machtkampf einigermaßen
demokratisch verläuft, hat Staatspräsident Juschtschenko schon
verloren. Neuwahlen kann der Block von Juschtschenko nicht gewinnen.
Er würde sie sogar haushoch verlieren.
Deswegen
ist damit zu rechnen, dass Juschtschenko zum Mittel des Staatsstreichs
greifen wird!
Der
«Segen» der USA und des Westens wäre ihm garantiert. Man würde das
propagandistisch nach außen hin als «Rettung der Demokratie»
verkaufen. Die Frage ist auch, ob Russland eine solche Aushebelung der
Demokratie in seiner Nachbarschaft hinnehmen würde und ob Moskau eine
Ukraine, die der Nato angehört, dulden wird. Die Ukraine kam bisher in
den Genuss vergünstigter Energie- und Rohstoffpreise aus Russland und
profitierte auch von einer außerordentlich guten Ernte in der
Landwirtschaft. Selbst wenn die russische Regierung von der Ukraine nur
verlangen würde, für das importierte Öl und Gas Weltmarktpreise zu
zahlen, wäre es mit dem auch unter Frau Timoschenko anhaltenden
Wirtschafts- und Wohlstandswachstum in der Ukraine vorbei. Von September 2007
bis September 2008 stieg das Bruttoinlandprodukt in der Ukraine um
10,9 Prozent, von Januar 2008 bis September 2008 im
Vergleich zum gleichen Zeitraum 2007 immerhin noch um 7,1%. Auch die
Realeinkommen der Bevölkerung sind von Januar bis Juli 2008 um 13,7%
gestiegen.
Die
Hauptfrage besteht gegenwärtig darin, ob sich das ukrainische Volk die
Einführung einer Präsidentendiktatur gefallen lassen würde. Über 50%
der Bevölkerung der Ukraine sind russischsprachig, die Ost- und Süd-Ukraine
sowie die Krim sogar mehrheitlich. Aus diesem Grunde könnten die
Sezessionsbewegungen auf der Krim und in der Ost-Ukraine Auftrieb
erhalten und schlimmstenfalls zu einem Auseinanderbrechen des
ukrainischen Staates führen. •
Quellen:
www.rada.kiev.ua
und Rossiskaja Gazeta,
Moskau, Beiträge zur Ukraine vom 3. bis 21. September 2008. |