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Ursprünge
des modernen Revisionismus“
Von
Günter Ackermann vom 10. Februar 200
Bitte
entschuldige, dass ich erst jetzt reagiere. Das war kein böser Wille,
sondern es fehlte mir ganz einfach die Zeit. Neben meiner „normalen Tätigkeiten“
kommt die Redaktionsarbeit für K-online dazu. Wir haben keinen Stab von
Mitarbeitern, alles hängt an Wenigen. Da kann man eine Zuschrift, wie
deine, nicht eben mal zwischen Tür und Angel abhaken.
Vorweg
zu den Zitaten am Anfang
deines Textes:
Ich
kann dazu nur sagen, dass ich die Inhalte richtig finde. Die Fred-
Oelßner-Zitate sind nicht falsch, aber Oelßner ist ein aufrechter
Kommunist gewesen, ein ML-Klassiker war er aber nicht.
Zu
deinem Text:
„Wenn
nach Marx das Sein das Bewußtsein bestimmt, welche Art von
gesellschaftlichem Sein hat dann die Denkungsart des modernen Revisonismus
hervor gebracht und seine Verbreitung und Umsetzung ermöglicht oder
zumindest gefördert?“
Die
Antwort gibst du eigentlich schon selbst, indem du schreibst:
„Lenin
und Stalin haben wiederholt darauf hingewiesen, daß auch im Sozialismus
noch Klassen existieren und der Klassenkampf weitergeht - ja weitergehen
muß.“
Stalin
schrieb dazu:
„Es
ist notwendig, die faule Theorie zu zerschlagen und beiseite zu werfen,
dass der Klassenkampf bei uns mit jedem Schritt unseres Vormarsches mehr
und mehr erlöschen müsse, dass der Klassenfeind in dem Maße, wie wir
Erfolge erzielen, immer zahmer werde. Im Gegenteil, je weiter wir vorwärts
schreiten, je mehr Erfolge wir erzielen werden, um so größer wird die
Wut der Überreste der zerschlagenen Ausbeuterklassen werden, um so mehr
Niederträchtigkeiten werden sie gegen den Sowjetstaat begehen, um so mehr
werden sie zu den verzweifeltsten Kampfmitteln greifen, als den letzten
Mitteln zum Untergang Verurteilter. Man muß im Auge behalten, dass die
Reste der zerschlagenen Klassen in der UdSSR nicht alleine dastehen. Sie
genießen die direkte Unterstützung unserer Feinde jenseits der Grenzen
der UdSSR.“ (In: J.W. Stalin: Über
die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der
trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler, Berlin 1954, S.22 f.)
Das
beantwortet, so glaube ich, deine Frage erschöpfend. Nicht nur bürgerliche
und antikommunistische Ideen des kapitalistischen Auslands haben diesen
Prozess der Usurpation der Macht in der UdSSR durch die Revisionisten ermöglicht,
sondern die Ideen der Überreste der zerschlagenen Ausbeuterklassen haben
gewühlt und sich schließlich durchgesetzt.
Möglich
war das, weil die KPdSU den Klassenkampf vernachlässigte, friedliche
Koexistenz mit Verzicht auf revolutionäre Bewegung praktizierte – im
Gegensatz zur Leninschen Definition von Friedlicher Koexistenz – und
ideologischen Kampf im Inneren durch
Opportunismus ideologische Unklarheiten ersetzte.
Du
schreibst:
„Nikita
S. Chrustschow z.B. war im Jahr der Oktoberrevolution 23 Jahre alt - 1918
trat er in die Kommunistische Partei ein. Er entstammte einer einfachen
Arbeiterfamilie, war Schlosser und Bergmann bevor er während des Bürgerkriegs
in der Roten Armee kämpfte.
Was
machte einen solchen Menschen zum Verräter am Marxismus-Leninismus?“
Ich
steckte nicht im Kopf Chruschtschows drin und kann dir nicht sagen, was
genau da vorging. Es ist aber absolut unerheblich, ob er mal Arbeiter war
und im Bürgerkrieg in der Roten Armee kämpfte.
Arbeiter
waren auch
Gustav
Noske, der war Korbmacher;
Philipp
Scheidemann, der war Schriftsetzer und Buchdrucker (sog. Schweizer Degen);
Friedrich
Ebert, der war Sattler usw.
Wie wurden sie zu Verrätern?
Das
ist bei Chruschtschow, der immerhin ein Spitzenfunktionär der führenden
KP der Welt war, nicht ganz so einfach. Es zeigt aber, dass die o.a. These
Stalins von der Fortsetzung des Klassenkampfes im Sozialismus, richtig
ist.
Man
muss davon ausgehen, dass jeder Kommunist ein oder mehrere Mal im Leben
schwach und schwankend wird, Fehler macht, im falschen Moment vorprescht,
dadurch Niederlagen erleidet oder zurück weicht, obwohl er angreifen müsste
usw. Das ist normal, Kommunisten sind auch nur Menschen und können sich
irren. Die Frage ist nur, wie können diese punktuell falschen Positionen
zu einer opportunistischen Ansicht werden, wie kann diese falsche Ansicht
einzelner zur rechtopportunistischen Linie der Partei werden und wie kann
diese rechtsopportunistische Linie zu einer revisionistischen Generallinie
verkommen?
Du
siehst, sehr komplexe Fragen, die ich nicht in einen Satz beantworten und
hier auch nur anreißen kann. Es gibt Analyen dieser Entwicklung und auch
schon frühe Auseinandersetzungen.
Die
wichtigste Schrift aus den 60er Jahren ist „EIN
VORSCHLAG ZUR GENERALLINIE DER INTERNATIONALEN KOMMUNISTISCHEN BEWEGUNG,
Antwort des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas auf den
Brief des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion vom
30. März 1963 (14. Juni 1963)“
oder Schriften der Partei der Arbeit Albaniens und Enver Hoxhas.
Ich
kann und will diese frühen Auseinandersetzungen hier nicht wiederholen.
Diese Schriften treffen eigentlich bereits das Wesendliche. Bei neueren
Analysen verweise ich auf die Schriften von Kurt Gossweiler.
Offenbar,
so meine nicht näher begründbare These, hatten sich die Revisionisten
bereits gut getarnt in die Spitze der Partei eingeschlichen und/oder
bestimmte Schlüsselpositionen besetzt. Das trotz der Stalinschen Haltung
zum fortschreitenden Klassenkampf beim
Aufbau des Sozialismus. Sie hatten sich offenbar, wie in der 30er Jahren
der Block der Rechten und Trotzkisten, heimlich fraktionell organisiert
und unterstützt. Es gab zu Beginn der 50er Jahre bereits den Beginn einer
Säuberungswelle. Ob die sich bereits in wichtigen Funktionen sitzenden
Revisionisten diese benutzten, um Kommunisten aus der Partei zu „säubern“
oder ob sie nur diesen Säuberungen entgingen, entzieht sich meiner
Kenntnis.
Mit
Stalins Tod änderte sich deren Lage. Gerüchte, Stalin sei von Berija
ermordet worden, wie Molotow in seinen Memoiren geschrieben haben soll,
kann ich weder bestätigen noch behaupten. Tatsache ist, dass Berija am
letzten offiziellen Essen mit Stalin im Kreml teilgenommen hat. In der
Nacht nach dem Essen bekam Stalin einen Schlaganfall und starb zwei Tage
danach. Warum Molotow das schreibt und wie er es begründet, weiß ich
nicht. Ich kenne dessen Memoiren nicht.
Chruschtschow
an der Parteiführung beseitigte zunächst Berija. Man sagt, Marschall
Schukow habe Berija persönlich erschossen.
Dann
folgt sehr schnell im Jahr 1957 die Entfernung der „Stalinisten“ Georgi
Maximilianowitsch Malenkow, Lasar
Moissejewitsch Kaganowitsch, Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow u.a.
Es
mag stimmen, dass Chruschtschow und Gorbatschow Karrieristen waren. Aber
die „Karriere“ beider muss unterschiedlich beurteilt werden.
Chruschtschow musste sich viel besser tarnen und anpassen, also Kommunist
nach außen spielen.
Das
brauchte Gorbatschow nicht mehr. Ab Chruschtschow und im folgenden auch in
der Breschnew-Ära, war Karrierismus in der SU das Übliche. Die Partei führte
keinen Klassenkampf mehr, sondern sie entwaffnet Zug um Zug das
Proletariat und entartete in Riesenschritten. Unter Gorbatschow ging es
nicht mehr um die Erhaltung der Sowjetunion als sozialistisches Land,
sondern – wenn überhaupt – um reinen Machterhalt. Aber eine UdSSR
ohne sozialistischen Anspruch ist ein Unding. Ein anderer Agent, der Säufer
Boris Jelzin, gab ihr dann den Todesstoß.
Der
„Militärputsch-Versuch“ in Moskau und die Rebellion im „Weißen
Haus“, dem Obersten Sowjet der Russischen Förderation, hatten zwar auch
Elemente zur Erhaltung der UdSSR als sozialistisches Land, aber schon sehr
stark ideologisch schwach und es gab keine marxistisch-leninistische
kommunistische Partei mehr, die diesen Kampf hätte führen können und
– das wichtigste – weder die Putschisten 1991, noch die Rebellen im
Weißen Haus, verfügten über eine Massenbasis im Volk der
Sowjetunion/Russlands.
Gorbatschow
wickelte nur ab, was unter Chruschtschow begann und von Breschnew und
dessen Nachfolgern fortgesetzt wurde. Allein die Tatsache, dass Andropow
von 1967 bis 1982 Chef des KGB, der Nachfolgeorganisation des NKWD, war
zeigt, dass selbst die Staatssicherheitsorgane vom revisionistischen Virus
zersetzt waren. Andropow gilt bekanntlich als Förderer Gorbatschows.
Dus
fragst:
„Haben die Behauptungen über die
„neue Klasse“ der Apparatschiks einen wahren Kern?“
Wie
definiert sich eine Klasse? An ihrem Besitzverhältnis zu den
Produktionsmitteln. Die Kapitalisten besitzen im Kapitalismus die
Produktionsmittel und eignen sich den Mehrwert an, das Proletariat besitzt
keine Produktionsmittel und verkauft seine Arbeitskraft an die
Kapitalisten.
So
war es in der SU sicher nicht. In den meisten anderen Ländern des Realen
Sozialismus – mehr oder weniger ausgeprägt – gab es Kleinproduzenten,
aber es gab in keinem dieser Länder Kapitaleigner.
Also:
Nein, es gab keine „neue Klasse“? So würde ich das auch nicht sagen.
Besitz an irgendetwas ist ja nicht unbedingt der Besitz lt. Besitzurkunde,
Aktienpaket, Handelsregister- oder Grundbucheintrag. Mein Namenvetter von
der Deutschen Bank ist ja auch „nur“ Angestellter der Bank und nicht
deren Besitzer. Ist er aber deshalb Proletarier? Natürlich nicht!
Hatten
also die Funktionäre in der späten SU die Verfügungsgewalt über die
Produktionsmittel?
Was
nicht existierte war, wie zu Stalins Zeiten, eine wirkungsvolle Kontrolle
des Staates und der Wirtschaft durch die Partei der Arbeiterklasse – das
war die KPdSU zu Gorbatschows Zeiten nicht mehr, sondern eine Partei der
Karrieristen. Diese Karrieristen waren hochgradig korrupt und die, die in
bestimmten hohen Funktionen waren, verfügten über Privilegien, die die
Arbeiterklasse nicht hatte. Ob bereits eine neue Kapitalistenklasse
entstanden war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Auf jedem Fall aber
wollten die, die in diesen hohen Funktionen der Wirtschaft waren, zu
Kapitalisten werden. Das ging aber nur richtig, wenn in der SU auch die
letzten Reste des Sozialismus beseitigt werden.
Betrachten
wir nur als Beispiel den russischen Multimilliardär Michail Borissowitsch
Chodorkowski mit seiner Firma JUKOS, einer der weltweit größten
Konzerne: Chodorkowski fing als Komsomol-Funktionäre an, übernahm zu
Gorbatschows Zeiten einen Betrieb des Komsomol, den er sich später persönlich
aneignete. Zwar fehlte es ihm an Mitteln, aber die beschaffte er sich, wie
eine Zeitung so nett schrieb, indem er eine Bank gründete, die Menatep-Bank.
Eben mal so.
Seine
Beziehungen zur Jelzin-Clique waren eine wertvolle Hilfe. Mit dieser Bank
bekam er weit unter Wert auf einer „Privatisierungsauktion“ den Petro-Konzern Jukos in die Hand.
Nach
Jelzins politischem Ende und Beginn der Putin-Ära verlor Chodorkowski
seine guten Kontakte zum Kreml und machte Politik auf eigene und des
westlichen Auslands Rechnung. Er beschuldigte den Kreml der Korruption,
wobei sicher seine eigenen Erfahrungen zu Zeiten Jelzins hilfreich waren.
Chodorkowski
ist inzwischen im Knast, vom Vorzeigekapitalisten Russlands ist ein mieser
Steuerhinterzieher und Betrüger geworden. Pech für ihn.
Dass
der Westen Chodorkowski für einen Märtyrer der Demokratie verkauft, der
finsteren Plänen von Putin weichen musste, ist ein Märchen, ebenso, wie
uns gesagt wird, Chodorkowski wäre einer antisemitischen Verschwörung
zum Opfer gefallen (er ist jüdischer Herkunft). Die Frankfurter
Allgemeine gab aber zu: „So wie man Chodorkowski und Lebedew angeklagt hatte, hätte
man viele Oligarchen vor Gericht bringen können, weil das Geschäftsgebaren
der Jukos-Führung, beispielsweise zur Steuerminimierung, weit verbreitet
war.“
Da
hat der kluge Kopf hinter diesem Kapitalistenorgan wieder mal Recht. Chodorkowski
„Geschäftsgebahren“ war (und ist wohl immer noch) weit verbreitet.
Woher aber kamen diese „Oligarchen“? Sie existierten auch schon zu
Zeiten der SU und das mit Sicherheit nicht als Erdölarbeiter,
Kolchos-Bauern oder Fabrikarbeiter. Es waren mittlere und hohe Funktionäre
in Staat, Partei und Wirtschaft.
Wie
weit reichte schon zu Zeiten der späten Sowjetunion ihre Macht über die
Wirtschaft, dass nur das offizielle Ende der sozialistischen
SU sie innerhalb weniger Jahre zu Dollarmilliardären machte?
Dass
all das entstehen konnte, hatte zur Ursache, dass die Diktatur des
Proletariats Zug um Zug in eine Diktatur über das Proletariat umgewandelt
wurde. Und am Anfang dieses Prozesses stand die Ära Chruschtschow und
dessen „Entstalinisierung“.
Damit
beantwortete ich deine nächsten Fragen auch:
„Wurde die Notwendigkeit der
proletarischen Kontrolle – als Hauptbestandteil der Diktatur des
Proletariats - über diese Funktionäre nicht genügend beachtet?
Wurde
der Kampf gegen Opportunismus und Karrierismus in der UdSSR vernachlässigt?“
Die
proletarische Kontrolle über diese Funktionäre verschwand ganz,
Opportunismus und Karrierismus wurden die Regel.
Fazit:
Es
gibt viele Ursachen der Entartung zum Revisionismus. der schließlich zum
Untergang der SU führte. So z.B. die Situation Russlands 1917. Es gab
eine zahlenmäßig gering entwickelte Arbeiterklasse und Russland war
weitgehend ein rückständiger halbfeudaler Agrarstaat. Lenin meinte daher
auch, dass es ein Russland zwar leichter sei, eine Revolution zu machen,
als in Deutschland, aber schwerer, den Sozialismus aufzubauen.
Auch
kommt die historische Entwicklung dazu. Immer dann, wenn die Folgen eines
Krieges halbwegs überwunden waren, wurde der Sowjetmacht der der nächste
aufgezwungen und man musste von vorn beginnen.
Aber
all das hätte die KPdSU gemeistert, wenn es die Opportunisten um
Chruschtschow nicht gelungen wäre, die Macht zu usurpieren. Es folgt eine
ideologische Entwaffnung der Partei und schließlich deren
revisionistische Entartung und der Untergang der sozialistischen
Sowjetunion.
Ich
hoffe, dir zumindest einige Fragen beantwortet zu haben und verbleibe mit
Rotfront
Der
Rote Webmaster
Günter
Ackermann
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