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Ratlose Alchemisten

Zwei Fraktionen, keine Lösung: Wirtschaftswissenschaftler versuchen sich vergeblich an der Reparatur der US-Ökonomie

Von Reiner Rupp

Quelle: jungeWelt vom 11.08.2010 – Der Berufsstand der Wirtschaftswissenschaftler befindet sich derzeit in einer Art intellektueller Paralyse. Angesichts der Probleme, den westlichen Volkswirtschaften wieder neues Leben einzuhauchen, haben sich US-Ökonomen –und das gilt auch für die Europas – grosso modo in zwei Lager aufgespalten. Auf der einen Seite stehen die neuen Keynesianer und auf der anderen die sogenannten Liquidatoren oder »Defizitfalken« der »Österreichischen Schule«. Letztere gründet auf den extrem liberalen Lehren von Ludwig Mises und der Ikone des Neoliberalismus, Friedrich Hayek. Beide Denkschulen liefern sich in der US-Wirtschaftsliteratur derzeit gnadenlose Schlachten, wobei sie Ströme von Tinte fließen lassen. Dabei beschuldigen sie sich gegenseitig, vollkommen auf dem Holzweg zu sein.

Geld drucken

Während die »Defizitfalken« eine straffe Geldpolitik, höhere Zinsen und Konjunkturprogramme auf Kosten höherer Staatsverschuldung strikt ablehnen, fordern die Neo-Keynesianer mit Nobelpreisträger Paul Krugman als Bannerträger das genaue Gegenteil. Nur damit sei der Kapitalismus, so wie wir ihn kennen, zu retten. Die meisten westlichen Ökonomen sind irgendwo zwischen diesen beiden Polen zu finden. Offensichtlich ist, das keine der beiden Denkschulen bisher das Rezept gefunden hat, um das quasi zerbrochene Ei wieder zu reparieren.

Obwohl US-Regierung und -Notenbank (Fed) zusammen an die fünf Billionen (5000 Milliarden) Dollar in die heimische Wirtschaft gepumpt haben, droht diese jetzt doch in eine zweite Rezession abzurutschen. Und das, ehe sie sich von den Verlusten der ersten Krise ganz erholt hat. Wenn es nach Professor Krugman ginge, dann müßte die Defizitökonomie der Vereinigten Staaten schnellstmöglich mit weiteren fünf Billionen Dollar überschwemmt werden. Die Tatsache, daß Washington 2010 bereits das zweite Jahr in Folge ein Rekordhaushaltsdefizit von 1,5 Billionen Dollar (über zehn Prozent des US-Bruttoinlandsproduktes S/B/P) vorweist und auch in ihrer Gesamtverschuldung von griechischen Dimensionen nicht weit entfernt ist, stört den Nobelpreisträger offenbar nicht. Laut Krugman soll sich die Regierung das benötigte Geld entweder leihen oder drucken. Letzteres bedeutet, daß die Fed erneut eigene Staatsanleihen im großen Maßstab kaufen würde.

In der Falle

Die daraus resultierende Inflationsgefahr nimmt Krugman bewußt in Kauf. Nur dadurch könne die US-Wirtschaft durchstarten und sich aus der sogenannten Keynesschen Liquiditätsfalle befreien, in der sie nun seit etwa zwei Jahren sitzt. Dieses Phänomen ist so definiert, daß es trotz ausreichend vorhandener Barmittel und sprudelnder Kreditquelle der Fed sowie extrem niedriger Zinsen, (die US-Notenbank hat diese seit Beginn der Krise auf fast null Prozent abgesenkt) keine Nachfrage gibt. Zugleich ist die Unsicherheit so groß, daß auch die Banken besonders vorsichtig agieren, ehe sie doch einmal einen Kredit vergeben. In vielen anderen westlichen Ländern ist die Lage ähnlich. Durch die Ankurbelung der Inflation würden nach Ansicht der Krugman-Fraktion unter den Ökonomen die Wirtschaftssubjekte gezwungen, ihr Geld wieder auszugeben, wenn sie es nicht einer Entwertung aussetzen wollen.

Auf der anderen Seite der Front mahnen »Liquidatoren« und »Falken« unter Berufung auf Hayek und Mises, daß die US-Wirtschaft so lange nicht wieder hochfahren wird, bis die Fehlinvestitionen der Vergangenheit revidiert, die maroden Banken liquidiert und alte Industriestrukturen zerschlagen sind. Dabei sei es egal, wieviel Menschen dadurch arbeitslos würden. Diese Fraktion will auch noch die letzten Reste staatlicher Kontroll- und Schutzbestimmungen über Bord werfen. Aus ihrer radikal neoliberalen Sicht entspringt die Krise nicht etwa einer rasanten Deregulierung und zuviel ungezügelter Marktwirtschaft, sondern aus dem Mangel an derartigen Freiheiten. Jede staatlich gesteuerte Nachfrage in Form von neuen Konjunkturprogrammen verzerrt demnach nur die privaten Nachfragestrukturen und verlängert dadurch die bestehende Fehlallokation der Ressourcen. Dadurch werde die schnellstmögliche Anpassung der Produktionsstrukturen an die neuen ökonomischen Bedingungen verhindert, so die Neoliberalen.

Beide Denkschulen stehen aber vor dem Dilemma, daß der bei weitem bedeutendste und profitabelste Wirtschaftszweig der USA (20 Prozent des BIP) die Finanzbranche war. Die beschäftigte sich vornehmlich mit der Herstellung von »innovativen Produkten«, die, mit Triple-A-Zertifizierung durch die Ratingagenturen, versehen in großem Stile verscherbelt wurden, sich aber als Schrott erwiesen hatten. So fanden die US-»Bankster« in Pensionsfonds, Versicherungen, anderen Banken und Privatanlegern im In- und Ausland jede Menge Dumme, denen sie im Zeitraum von 2000 bis 2007 miese Papiere im geschätzten Gesamtwert von sieben Billionen Dollar andrehen konnten. Dieses Geschäft ist ein für alle Mal vorbei, keiner fällt mehr so schnell auf derartige Betrügereien herein. Daher können weder die Neo-Keynesianer mit ihren Konjunkturprogrammen die US-Wirtschaft wieder in Schwung bringen noch die Neoliberalen hoffen, dies durch Strukturanpassungen zu bewerkstelligen.

Junge Welt; 11.08.2010

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