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Huren
der Macht
Über
die bevorstehende schwarz-grüne Koalition in Hamburg
Quelle:
Freace
vom 26.02.2008
von
Norman Griebel
In
der Vergangenheit wurde der deutschen FDP – zweifellos nicht zu
Unrecht – vorgeworfen, sich bei Koalitionsverhandlungen nicht von
ideologischen Fragen, sondern zuallererst der Sicherung der eigenen
Regierungsbeteiligung leiten zu lassen. Die bereits unübersehbar
begonnenen Gespräche über eine Koalition der CDU mit den Grünen nach
der Wahl zur Hamburger Bürgerschaft vom Sonntag lassen vermuten, dass
nun die Grünen durchaus bereit sind, diesen Part zu übernehmen,
nachdem die FDP hier aufgrund ihres Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde
passen muss.
Dem
vorläufigen amtlichen Endergebnis – das anders als zunächst geplant
aufgrund zweifellos angebrachter Sicherheitsbedenken doch allein durch
manuelle Zählung zustande kam – zufolge erreichte die CDU 42,6
Prozent der gültigen abgegebenen Stimmen, die SPD 34,1 Prozent, die Grünen
9,6 Prozent, die Linke 6,4 Prozent, die FDP 4,8 Prozent und die
restlichen angetretenen Parteien zusammen 2,6 Prozent. Die Tatsache,
dass diese Zahlen zusammengerechnet 100,1 Prozent ergeben, dürfte durch
Rundungsdifferenzen zu erklären sein.
Nicht
nur Grüne und CDU selbst zeigen ein deutliches Interesse an einander,
auch zahllose Medien scheinen von einem solchen „Experiment“
(Spiegel) geradezu begeistert. „Wenn nicht jetzt, wann dann kann
Schwarz-Grün auf Länderebene fast risikolos getestet werden?“, fragt
die Neue Osnabrücker Zeitung. Die „Bild“ meint: „Mindestens an
ihren Wurzeln liegen CDU und Grüne näher beieinander, als viele
meinen.“
Ihre
„Kompromissfähigkeit“ zwecks Machterhalt oder -gewinn haben die Grünen
in den vergangenen Jahren zweifellos zur Genüge zur Schau getragen. Sei
es, dass bei den Koalitionsverhandlungen mit der SPD in Hamburg im Jahr
1997 kurzfristig das „absolute Nein“ in ein „nunja...“
aufgeweicht wurde, oder dass die Grünen in der deutschen
Bundesregierung den Angriffskrieg gegen Jugoslawien ebenso unterstützten
wie später jenen gegen Afghanistan – und auch die deutsche Unterstützung
für den Angriffskrieg gegen den Irak sie nicht dazu bewegen konnte, auf
ihren Teil der „Macht“ zu verzichten – immer wieder haben sie ihre
Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt.
Als
„Begründung“ für Koalitionsgespräche fernab der gefühlten Logik
wird seitens von Politikern immer wieder gern vorgebracht, „der Wähler“
habe „den Auftrag zur Regierungsbildung“ erteilt. Diese Aussage ist
im Grunde sicherlich zutreffend. Ein Wähler, der eine gültige Stimme
abgibt, ist sicherlich daran interessiert, dass auch eine Regierung
gebildet wird. Wie viel Ähnlichkeit seine Vorstellung einer solchen
Regierung allerdings mit den Vorstellungen der sich berufen fühlenden
Parteien gemein hat, steht dabei allerdings auf einem gänzlich anderen
Blatt. So scheint es doch höchst unwahrscheinlich, dass ein Wähler,
der seine Stimme den Grünen gibt, dies in der Hoffnung tut, jene Partei
möge eine Koalition mit der CDU – die von den Grundüberzeugungen,
die mit den Grünen allgemeinhin verbunden werden, kaum weiter entfernt
sein könnte – eingehen. Mindestens ebenso absurd war diese
Argumentation nach der letzten Bundestagswahl. „Der Wähler“ wollte
mit allergrößter Sicherheit eben nicht eine Koalition aus den beiden
größten Parteien – und so zu einem autokraten Herrschaftsgebilde führen,
das keinerlei Widerspruch zu fürchten braucht.
Tatsächlich
könnte die Ignoranz gegenüber dem Wählerwillen kaum deutlicher zur
Schau getragen werden als durch die Diskussion von Koalitionen zwischen
Parteien mit derart unterschiedlichen Grundsätzen – zumindest,
solange man nicht annehmen will, dass die überwiegende Zahl der Wähler
tatsächlich den Wandel der Grünen nicht nur bemerkt hat, sondern
diesen, gerade im Hinblick auf eine Koalition mit der CDU, auch gutheißt.
Letztlich scheint dies aber nur die logische Konsequenz aus der
Erkenntnis, dass die Halbwertzeit des durchschnittlichen
Wahlversprechens jene der aufgestellten Wahlplakate zumeist
unterschreitet. So, wie der Wille innerhalb immer größerer Teile der
Wirtschaft zum durch moralische Fragen völlig ungehemmten und
unbegrenzten Ausbau des eigenen Vermögens immer weiter wächst, wächst
offenbar in der Politik quer durch alle Parteien auch immer weiter der
Wille zur Macht - ungetrübt durch eigene Grundsätze vergangener
Zeiten. |