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Die Wahrheit kommt erst spät am Abend

Von whs

Arbeiterkorrespondenz auf Kommunisten-online vom 26. Oktober 2010 – Immer spätabends darf im deutschen GEZ-Fernsehen die Wahrheit (manchmal nur die halbe, aber immerhin) gesagt werden. Das heute-journal hat die Lizenz zum Wahrheit sagen(aber auch nur teilweise). Dazu einige Beispiele.

Die Rettung der Bergleute in Chile hat viel Staub aufgewirbelt. Nun wurde zwar immer betont, dass in Chile andere Regeln herrschen als in Deutschland. Das mag zwar sein, aber eine Regel zumindest wird hier wie dort gelten, die Regel nach Maximalprofit. Und so war es denn auch nicht verwunderlich zu erfahren, warum es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Natürlich spielen die geografischen Gegebenheiten eine Rolle, aber darauf kann man sich sicherheitstechnisch einstellen. Und eben dies hat die Firma wohl nicht getan, weil es den Profit schmälert. Da wurde der (gesetzlich vorgeschriebene) Rettungsschacht nicht abgeteuft. Da wurden weniger Stützen eingesetzt als nötig. Das alles ließ den Profit zusätzlich steigen; auf Kosten der Sicherheit der Bergleute.

Nun ist die Mine erst mal zu. Chile wird sich um seine 33 geretteten Bergleute kümmern. Was aber geschieht mit dem Rest der rund dreihundert Kumpel, die in der Mine beschäftigt waren und nun ohne Lohn und Brot dastehen? Wird sich der chilenische Staat auch um sie kümmern? Ich denke eher weniger. Sicher können sie sich der Solidarität der chilenischen und internationalen Arbeiterklasse sein. Der bourgeoise chilenische Staat wird sie wohl im Regen stehen lassen.

Wie sagte Herr Kleber am Anfang des Beitrags: „Zeit ist buchstäblich Gold.  Reichtümer locken. Gewissen und Gesetze schweigen.“ Dem ist wahrlich nichts hinzu zu fügen.

Der zweite Beitrag beschäftigte sich mit der geplanten Raketenabwehr. Was bisher so vehement bekämpft wurde, ist plötzlich „kein Alleingang sondern Gemeinschaftsanliegen unseres Bündnisses.“ Und Herr Westerwelle fügte hinzu: „ Terroristenangriffe können von überall her kommen.“ Schon klar, deswegen, weil sie von überall her kommen können, brauchen wir Raketen in Polen und Radar in Tschechien. Für wie blöde dürfen Politiker Ihres Schlages die Wähler halten, Herr Westerwelle? Ist das jetzt Gemeinschaftsunternehmen, weil auch deutsche Firmen Profite damit machen dürfen?

Nun wissen wir alle, das Terroristen mehr auf tragbare Raketenwerfer setzen. Es dürften kaum welche mit operativ-taktischen bzw. gar strategischen Raketen auftauchen. Aber nur die könnten durch die Raketenabwehr auch abgewehrt werden. Die kleinen Raketen der Terroristen dürften vom Radar kaum erfasst werden. Zumal, wie will eine Raketenabwehr in Polen und Tschechien die Länder Frankreich, Großbritannien, Spanien oder gar die USA und Kanada vor Terroristenraketen schützen? Es geht also mehr oder weniger wieder um Russland bzw. den Iran die ob ihres Reichtums an Bodenschätzen schon lange im Blickwinkel der rohstoffhungrigen Monopole sind. Und Deutschland ist ja wieder wer, es darf jetzt auch mitmachen, wenn die NATO und die UNO das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die Unverletzlichkeit der Grenzen von Staaten ignorieren und die Interessen der Monopole mit Waffengewalt durchsetzen. Schließlich sind sie zu genau diesem Zweck gegründet worden. Nun sollen sie ihn auch erfüllen.

Herr zu Guttenberg ließ dann noch kurz die Katze aus dem Sack bezüglich der Bundeswehr. Auf die Frage, ob überhaupt noch eine Armee gebraucht würde, antwortete er, es ginge um die Energiesicherheit und die Internetsicherheit. Nun wissen wir alle, die Energie, die wir benötigen, liegt nicht in Deutschlands Boden. Und so offenbart uns Herr zu Guttenberg denn auch, dass künftig mehr Einsätze im Ausland fern unserer Grenzen anstünden, weil wir die Gefährdungen nicht nach Deutschland holen wollten. Die Soldaten müssten fern der Heimat Dienst für unser Land tun.

Wofür also Herr Köhler gehen musste, weil er ungeniert Ziele deutscher Außenpolitik ausplauderte, wird hier bestätigt. Es geht darum, Länder zu disziplinieren, wenn sie sich weigern, ihre Bodenschätze zugunsten internationaler Monopole plündern zu lassen. Und dazu muss die Bundeswehr mit ran. Nur wer Tote vorweisen kann, kriegt ein Stück vom Kuchen.

So wundert es den Zuschauer, der Ohren hat zu hören, nicht, dass Staaten, die das nicht zulassen, ständig vorgeführt werden. So geschehen in der gleichen Heute-Sendung mit dem Iran. Ahmadinedschad besuchte den Libanon. Dort sagte er, die Zionisten müssten von der Landkarte verschwinden. Was machte die Redaktion daraus? „Ahmadinedschad hat erneut zur Vernichtung Israels aufgerufen!“

Können diese Leute nicht hören oder lesen? Doch können sie, sie wollen aber nicht. Denn Ahmadinedschad lässt die Bodenschätze seines Landes nicht von multinationalen Konzernen plündern. Und das macht ihn suspekt. Also muss er diffamiert werden. Und da ist es belanglos, wenn man alle Bürger Israels mit den Zionisten gleichsetzt. Hätte Herr Kleber auch kein Problem, wenn er mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt würde? Ich denke, da würde er aufheulen und sich solche Vergleiche verbeten. Nun sind Zionisten keine Faschisten (auch wenn faschistoide Anschauungen eine Rolle spielen). Aber viele Israelis werden es sich dankend verbeten, mit den Zionisten in einen Topf geworfen zu werden. Im Zuge der Durchsetzung imperialistischer Interessen, müssen sich die Israelis das halt mal gefallen lassen. Zumal man damit ja einen bekennenden Feind internationaler Monopole diffamieren kann. Auch das ist Pressefreiheit a la BRD.

So ist das mit Dichtung und Wahrheit im deutschen bezahlten Fernsehen.

Rot Front

Werner

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Die Rattenfänger aus München,

oder: Wie man sich Seehofer schön redet

Von whs

Arbeiterkorrespondenz auf Kommunisten-online vom 26. Oktober 2010 – Sarrazin war gestern, heute ist Seehofer. Hat Sarrazin noch eine politische Absicht hinter seiner These, so soll Seehofers Verlautbarung offensichtlich nur eine bestimmte Klientel von Wählern ansprechen, damit die CSU endlich wieder allein in Bayern zu regieren vermag. Aber alle CSU-Wahrheitsexperten (und solche, die es werden wollen) sollten bedenken, dass die neuen Medien auch im Allgäu und im Bayerischen Wald schon angekommen sind.  Es ist also niemand mehr auf das CSU-Kreisblatt angewiesen in dessen Kopf steht „Unabhängige Zeitung“.

Im deutschen Fernsehen tummelten sich denn auch die Vertreter der CSU, um dem deutschen Michel ihre Sicht der Dinge unter die Weste zu jubeln. Dafür sind zwei besonders gut geeignet, erstens der Dalai Lama der CSU, Herr Dobrindt, der, wie eine tibetanische Gebetsmühle, immer wieder die Worte seines Herrn und Meisters wiederholt. Und zweitens der Herr Söder, der Fred Feuerstein der CSU, bei dem man nie weiß, wie die angefangene Aufgabe endet, mit gutem oder schlechtem Ergebnis. Und beide werden unterstützt von einem Herrn Liminski von der Jungen Union, der offenbar schon bei den Jungen Brandstiftern gelernt hat, so gern wie er Öl ins Feuer gießt.

So fragt Herr Dobrindt (süffisant lächelnd), warum Kinder in Berlin kein Deutsch können müssen, wenn sie eingeschult werden. Nun wohne ich nicht in Berlin und bin auch kein Berliner Kultursenator. Aber ich kann mir vorstellen, dass die wenigsten Berliner Lehrer außer Deutsch keine zweite Sprache beherrschen. Und sprechen sie eine zweite Sprache, dürfte es in erster Linie Englisch, in zweiter Französisch und in dritter Spanisch oder Russisch sein. Da die letzten vier Sprachen in der Unterstufe aber keine Rolle spielen, dürfte wiederum nur Deutsch als Sprache übrig bleiben, über die sich Lehrer und Schüler verständigen müssen. Können die Kinder kein Deutsch, haben sie ein mächtiges Defizit, das die spätere sogenannte „Bildungsferne“ auslösen dürfte mit allen Nachfolgeerscheinungen wie Lehrstellendefizit, Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

Warum aber haben vor allem muslimische Einwanderer diese Probleme? Die Bourgeoisie holte sie ins Land in einer Zeit des verschärften Klassenkampfes. Die Arbeiterklasse der westeuropäischen Länder  hatte sich (auch unter dem Einfluss des existierenden Sozialismus) verschiedene Rechte erkämpft (die jetzt wieder zurückgebaut werden). Die Bourgeoisie brauchte billige und willige Arbeitskräfte und fand sie in Anatolien. Sie sollten für zwei, drei Jahre ihre Arbeitskraft und ihre Gesundheit (siehe: Günter Wallraff) zu Markte tragen und dann wieder nach Anatolien abziehen. Aber ihnen ging es, selbst unter den für deutsche Arbeiter unwürdigen Bedingungen, besser als in ihrer Heimat. Also beschlossen sie, ihre Familien nachzuholen. Nun waren sie aber in ghettoähnlichen Siedlungen zusammen untergebracht. Dort zogen nun noch die Familienmitglieder ein. So waren die Türken unter sich und die Politik war es froh. Kein Grund, irgendetwas zu ändern. So entstanden die Probleme, die jetzt lauthals beklagt werden.

Herr Dobrindt weiß aber noch einen drauf zu setzen. Nach seiner Meinung ist Deutschland kein Einwanderungsland, weil seine Kultur über Jahrhunderte gewachsen sei. Ich glaube dem Dobrindt ja wenig, aber das schon gar nicht. Was das Eine mit dem anderen zu tun hat, erschließt sich mir leider nicht. Herr Dobrindt kann mir da auch nicht weiter helfen. Aber er kann anderen Politikern auf die Sprünge helfen. So unterstellt er dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, er meine Integration sei ein Verbrechen, wenn er sagt, Assimilation sei ein Verbrechen. Soviel Verlogenheit wie bei diesem CSU-Lama ist mir bisher selten untergekommen, obwohl die gesamte Politiker-Mischpoke mehr oder  weniger immer lügt.

Wo ich Herrn Dobrindt überhaupt nicht glaube, ist seine Sorge um die deutschen Arbeitslosen. Er sagt, dass die 3 Mio. Arbeitslosen qualifiziert werden müssen, dafür bräuchten wir dann weniger Einwanderer. Das hört sich sehr gut an. Aber warum hat der Herr Dobrindt bis jetzt nichts für die Arbeitslosen getan, außer reden? Daneben, Herr Dobrindt, gibt es noch ca. 10 Mio. Leute, die in HARTZ IV stecken. Die ca. 2 Mio. Kinder abgezogen, bleiben noch 8 Mio. Menschen übrig, für die Sie auch was tun können. Warum konnten Sie denen bis jetzt nicht helfen? Warum können Sie denen jetzt helfen, wo es gegen Muslime in Deutschland geht? Warum muss man eigentlich gegen Muslime in Deutschland sein? War die Globalisierung nicht eine lautstark beschworene Chance für die deutsche Wirtschaft?

Noch ein Wort zum Herrn Liminski. Er ist noch jung, macht aber schon große Erwartungen. In Demagogie hatte er an der Schule bestimmt eine Eins mit Sternchen. Er stellte ein für alle Mal klar, dass die Integration ein angstbehaftetes Thema sei, denn wenn eine Moschee gebaut werden soll, hätten die Menschen Angst. Nun meint er sicher nicht die Angst vor dem Pfusch am Bau, sondern die Angst vor den Muslimen, die in diese Moschee zum Beten gehen. Warum hat der gute Herr Liminski keine Angst vor katholischen Kirchgängern? Ich bin kein Kenner weder des Islam noch des Katholizismus. Aber ich bin sicher, der Unsinn, der in Moscheen erzählt wird ist nicht viel anders als der Unsinn, der in katholischen Kirchen vermittelt wird. Der Herr Liminski ist ein Anhänger der umfassenden Information. So zitiert er die „unabhängige“ Shell-Studie (wie der Name schon sagt), nach der die wenigsten Deutschen eine türkische Familie als Nachbarn haben wollten. Nun, Herr Liminski, dreimal dürfen sie fragen warum.

Der CSU-Feuerstein (Herr Markus Söder) antwortete auf die Frage, warum der Herr Seehofer eine solche Aussage mache auf die typische Feuersteinart: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ab nächstem Jahr die EU-Freizügigkeit haben. Da wollte Seehofer lediglich vorbauen.“

Ja, schau, da kommen nächstes Jahr alle Muslime der EU nach Deutschland? Wenn die schlau sind, lassen sie es bleiben und gehen lieber nach den Niederlanden, die trotz Wilders immer noch liberaler sind als die ach so guten Deutschen. Außer Bosnien-Herzegowina gibt es nirgendwo in der EU eine größere Gruppe von Muslimen, die einwandern könnten. Ich frage mich allerdings immer noch, warum man so große Vorbehalte  gegen diese Menschen schürt. Wenn jemand tatsächlich integrationsunwillig ist, kann er doch in sein Heimatland abgeschoben werden. Genauso geht das mit Kriminellen. Aber offensichtlich geht es gar nicht um Integration oder Nichtintegration. Es geht ganz einfach um das alte und doch immer neue imperialistische Prinzip des „divede et impere“. Kann man die Arbeiter in kleine Gruppen spalten, die sich gegenseitig angiften, kann  man sie leichter über den Löffel balbieren. Und nur darum geht es: die Festigung der Diktatur der Bourgeoisie. Und was ist dann schöner, wenn man dem deutschen Michel mit dem angeblich immer gewaltbereiten Muslim so richtig schön Angst machen kann.

Immerhin meinen um die 40% der Deutschen, Deutschland sei besser ohne Islam bzw. der Islam breite sich zu stark aus. Über die Ausbreitung der Wiesnkultur oder der Schinkenstraßenkultur braucht man sich keine Gedanken machen, denn das ist urdeutscher  Spieltrieb.

Herr Kolat von der Türkischen Gemeinde in Deutschland bringt es auf den Punkt: „Die Jugendlichen beklagen sich bei mir: ´ Özil wird anerkannt von den Deutschen, ich aber nicht.´“

Wann endlich schaffen wir es, dass ein Mensch als Mensch anzusehen ist, egal welche Hautfarbe er trägt, egal welche Haarfarbe er hat, egal an welchen Gott er glaubt, egal wie er spricht, wie und  was er ißt und trinkt. Aber das ist nur unter der Herrschaft der Arbeiterklasse im Bündnis mit allen anderen werktätigen Klassen und Schichten zu verwirklichen. Im Kapitalismus wird dieser Wunsch ein schöner Traum bleiben. Diskriminierung gehört zum Kapitalismus wie der Profit. Fällt das Eine so fällt auch das Andere. Die Aufgabe ist bekannt, gehen wir sie an.

Rot Front

Werner

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Deutschland war ein Schmelztiegel Europas

Leserbrief von Ulrich aus Nikaragua

Kommunisten-online vom 28. Oktober 2010 – Ich möchte hier einen Sekundärbeitrag zu Werners Artikel über die Integration von Einwanderern leisten.[1]

Mal abgesehen von dem nationalistischen Schmus der Bourgeoisie, müssen wir einmal klarstellen, was ist eigentlich „Deutsch”.

Wenn wir nur das heute sehen, sind es die Menschen, die durch Territorium, Kultur und/oder Sprache  etc. genug Gemeinsamkeiten haben, um  sich einander zugehörig zu fühlen. Ich, zum Beispiel, fühle mich sehr als Deutscher.

Da haben wir allerdings über die Klassenwidersprüche noch nicht gesprochen. Wenn wir aber unsere Freunde und Kollegen aus anderen Ländern und Kulturbereichen betrachten, ist es gut sich ein wenig die Geschichte anzusehen.

Dieser Einheitskonsens, falls, wann und wie er auch immer existiert hat auf dem heutigen deutschen Boden, war immer und unaufhörlich vom Verschmelzungsprozess der Völker  beeinflusst und änderte sich ständig.

Um es den Gauführern aller Zeiten einmal klarzumachen: Wer zuerst an den Rhein kam, etwa im fünften oder sechsten Jahrhundert, waren Orientalen, wie Juden und Syrer aus maßgeblich kommerziellen und oder militärischen Gründen (Händler und Legionäre). Da war der Rhein eine Zeitlang in wichtigen  Gebieten mehrheitlich eher orientalisch. Erst danach kamen mehrheitlich die „lauteren” Christen und, dass das gar nicht mit freundlicher Überredung zu statten ging, ist ja nun wohl bekannt. Es sind also eindeutig Orientalen  an der Wurzel unserer Kultur angesiedelt.

Ich interessiere mich mein ganzes Leben lang sehr für Geschichte und bin zu dem Schluss gekommen, dass schon damals Stämme und Völker keineswegs so homogen waren, wie unsere Geschichtsschreibung, die noch sehr vom Wilhelminischen des 19. Jahrhunderts beeinflusst ist , es uns weismachen will. Abgesehen davon haben asiatische Völker, wie die Hunnen und die Ungarn ganz sicher ihr Erbe hinterlassen, ganz so wie die Slawen und sogar – höre und staune – schwarze Afrikaner. (Irgendein Sultan schenkte Friedrich II. eine Anzahl schwarzer Sklaven. Da dieser nicht wusste, was er mit ihnen anfangen sollte, siedelte er sie in einem Berliner Stadtviertel an, wo sie bis zu Hitlers Völkermord überlebten). Sie sind auch ein Teil „unserer” deutschen Geschichte. Städte wie Mainz und Trier existierten schon, als von Deutschland noch lange  nicht die Rede war, sind aber eindeutig Kulturzentren der Nation. (Mainz hat eine dreitausendjährige Geschichte)

Irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass in England nur etwa 8% der Bevölkerung kein Blut von schwarzen Afrikanern in den Adern haben, wenn man von den schwarzen Sklaven ausgeht, die die Römer nach Britannien brachten. Ich denke, für Deutschland gilt Ähnliches. Wenn wir diese ganze Mischung mal genau ankucken, dann fällt auf, dass die Kulturzentren Deutschlands hauptsächlich da liegen, wo sich Rassen und Völker gemischt haben – und nicht, wo rassicher oder kultureller Inzest die Idiotisierung gefördert hat – etwa ewig blond und blauäugig.

Deutschland war eher ein Schmelztiegel Europas. Wer „Schönfeld” heißt, z.B. hat alle Chancen, dass seine Vorfahren vor wenigen hundert Jahren als verfolgte Hugenotten oder sonst wie aus dem ganz und gar „ungermanischen und  welschen” Frankreich kamen (Schönfeld con Beaucamp).

Viele „Ausländer-raus-schreier” hören auf Namen, die mit – walski, -schinski etc. enden. Sie haben mit Sicherheit polnische Groß- oder Urgroßväter, die hauptsächlich im Bergbau ihrer Haut zu Markte trugen – zur enormen Vermehrung  deutscher, kapitalistischer Profite.       Und so kann es weiter gehen und es geht auch so weiter.

Das ist die deutsche kulturelle Identität von heute und es ist in Ordnung, sich damit zu identifizieren. Aber diese Identität hat ihre Wurzel eben im multikulturellen – und folglich sind die Deutschtümer eigentlich die Ketzer der deutschen Tradition.

Hermann der Cherusker, mit seinem sozialen, politischen und kulturellen Verständnis, das er hatte, hätte einem deutschen Reich ebenso den Krieg gemacht wie dem Römischen. Als Wurzel deutscher Identität, ist er völlig ungeeignet.

Jetzt plötzlich andere kulturelle Einflüsse ausschließen zu wollen, heißt mit der „Tradition” brechen und gegen die Natur der Geschichte agieren. Es ist buchstäblich kulturlos, also so, wie unsere deutschen Politiker. Ein rassisch oder kulturell homogenes Deutschland hat nie existiert. Der heutige deutsche Einheitskonsens in seiner heutigen Ausweitung, ist geschichtlich sehr jung und hat über weite Territorien und Zeiträume völlig andere Vorgänger. In sehr naher Zukunft, kann „Deutschsein” vielleicht oder wahrscheinlich etwas ganz Anderes bedeuten, als heute.

Ich finde es wichtig, drüber Bescheid zu wissen im Klassenkampf um das Bewusstsein und im Kampf gegen reaktionären Nationalismus. Deutsch sein, heißt für mich, seine Wurzeln auch in den Anderen zu erkennen und die Völkerfreundschaft zu pflegen – und hauptsächlich die Welt vom „deutschen Wesen” zu verschonen. Denn wenn wir jetzt mal kucken, was von der „Wichtigkeit” nationaler Ausgrenzung noch an Fakten übrig bleibt, sind es nur  die Interessen der herrschenden Klasse. Ein drittes Mal gibt uns keiner mehr die Hand.

Goethe hat einmal gesagt, dass man eine Nation daran erkennt, wie sie ihre Fremden behandelt. Ich glaube, dies war einer der größten Deutschen der Kultur – mal abgesehen von Karl Marx.

Ulrich aus Nikaragua


[1]  Siehe: Die Rattenfänger aus München, oder: Wie man sich Seehofer schön redet, Von whs, Arbeiterkorrespondenz auf Kommunisten-online vom 26. Oktober 2010 mehr

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