Hubschrauber,
Panzer, Maschinengewehre - der Präsident will den Dialog...
Der
Krieg der Regierung gegen El Alto, die drittgrößte Stadt des Landes
kann den Widerstand nicht stoppen
(Ein Bericht
von Roberto Solana Fuentes)
Quelle:
http://www.labournet.de/internationales/bo/fuentes.html
Seit
Samstag, 11.Oktober 2003 hat die Regierung Sanchez Losada der Bevölkerung
Boliviens den Krieg erklärt: Panzer, Hubschrauber und
Infanterie-Soldaten (mit Tarnfarbe im Gesicht) marschierten auf El Alto,
die drittgrößte Stadt des Landes und Zentrum des seit Wochen
andauernden Widerstandes gegen die Gasgeschäfte mit den USA.
Mindestens
25 Tote nannten diverse bolivianischen Radiosender im Laufe des Sonntags
namentlich - die Regierung gesteht gerade einmal 4 ein, was es auch
nicht besser machen würde. Die Namen der Opfer des Massakers weisen auf
das Naheliegende hin: Es handelt sich zumeist um Aymaras, jene
gesellschaftlich weitgehend ausgeschlossenen Indianer, die die ärmste
Schicht des ärmsten Landes Südamerikas darstellen.
Während
ein Teil der Armee den Marschbefehl verweigerte und die regierungstreuen
Truppen sich als maskierte Mörder profilierten, rief der Präsident zum
"bedingungslosen Dialog" auf.
Jaime
Solara, Exekutivsekretär der Gewerkschaftszentrale COB betonte in
zahlreichen Interviews, es gäbe nur eine Voraussetzung für einen
Dialog: Den sofortigen Rücktritt Sanchez Losadas. Dieser sei für die
nunmehr bereits über 40 Todesopfer verantwortlich, die seit dem Beginn
der Streiks und Straßenblockaden am 15.September zu verzeichnen sind.
Ähnlich
äußerten sich Evo Morales von der MAS (Bewegung zum Sozialismus), der
von Losada angeklagt wurde, einen Putschversuch zu unternehmen und der
Vorsitzende der Landarbeiter- Gewerkschaftsföderation (CSUTCB) Felipe
Quispe.
Die
Ablehnung des Gasgeschäfts mit USA und Mexico ist dabei Höhepunkt und
Klammer einer Vielzahl sozialer und politischer Proteste: Neben
Industriegewerkschaften und Landarbeitern haben auch die
Lehrergewerkschaften, die Organisationen des Gesundheitswesen inklusive
des Ärzteverbandes, die Organisationen der Freiberufler, Schüler und
Studentenvereinigungen sowie Kokabauern und diverse regionale
Koordinationen in den letzten Wochen immer heftigere und größere
Aktionen organisiert. Überall finden Demonstrationen und Straßenblockaden
statt, mehrere Städte beschlossen den generellen Zivilstreik, Landlose
besetzen Ländereien im Süden des Landes: Neben der Rücknahme des
"Gasvertrages" ist der Rücktritt des Präsidenten Sanchez
Losada als zentrale Forderung getreten.
Schon
vor dem Wochenende konnten die massiven Militäreinsätze in
verschiedenen Regionen den widerstand nicht brechen: die Menschen
bewaffneten sich mit allem, was sie hatten und setzten sich zur Wehr -
und ihre Aktionen fort. Das bolivianische Gas, das British Gas, British
Petroleum und Repsol (über Chile oder Peru - ein überflüssiger
Streit, der geeignet ist, antichilenische Stimmungen anzuheizen)
vermarkten wollen, würde diesen Gesellschaften über einen absehbaren
Zeitraum hinweg etwa 2,7 Milliarden Dollar im Jahr einbringen, dem
bolivianischen Staat vielleicht je 70 Millionen. Die
"Gas-Koordination" die sich auf nationaler ebene am
5.September 2003 in Oruro gegründet hat und alle wesentlichen
Organisationen des Landes umfasst, hat mit dieser Verteilung alle
Unzufriedenheit und Widerstände gegen die Regierung mobilisieren können.
In
diesem Prozess hat sich der Widerstand zunehmend radikalisiert, auch
aufgrund der Erfahrungen, die große Teile der bolivianischen Bevölkerung
zu Beginn des Jahres 2003 mit der angeblichen Dialogbereitschaft der
Regierung gemacht haben.
Der
Vorsitzende der CSUTCB, Felipe Quispe sagte in einem vielbeachteten
Interview, die Aimaras verlangten jetzt ihr Land zurück, stünden unter
Waffen und hätten kein Interesse mehr an irgendwelchen Dialogen. Der
letzten Monat neu gewählte Sekretär des Gewerkschaftsbundes COB, Jaime
Solara hatte bereits als erste politische Maßnahme nach seiner Wahl in
einer Konferenz aller COB-Gewerkschaften die Forderung nach dem rücktritt
der Regierung zum Programmpunkt der Gewerkschaftsbewegung gemacht und
die COB durch Organisierung einer erweiterten nationalen
Dringlichkeitsversammlung zu der alle Gruppierungen geladen waren, zu
einem organisatorischen Pol der Widerstandsbewegung gemacht. Im
Unterschied etwa zu den Ereignissen zu Jahresbeginn sind damit alle
Schichten der Bevölkerung versammelt, auch wenn das "MAS -
Universum", also viele derjenigen Kräfte, die sich um die Bewegung
des Zweiten bei der Präsidentschaftswahl Evo Morales gruppieren, erst
einiger Aufforderung bedurften... |