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den Block der zur
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Nachfolgender Beitrag gibt die Ansicht der Autoren wider und muss nicht mit dem der Redaktion von Kommunisten-online überein stimmten Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora vom 4. November 2002 Anspruchsvolle Auftragslage für den neugewählten Präsidenten im bankrotten Brasilien: Lula,
Sie schulden uns was! Das
brasilianische Volk darf wählen, und es wählt glatt Lula da Silva, den
Kandidaten der oppositionellen Arbeiterpartei (PT) und ehemaligen Gewerkschaftsführer.
Und schon fragt sich die gesamte Fachwelt für freie Wahlen, ob die Brasilianer
denn da auch richtig gewählt haben: Ausgerechnet Lula, den "Börsenschreck",
wollen sie haben, der von Anbeginn seiner Kandidatur für "die Finanzmärkte
den schlimmsten aller denkbaren Fälle darstellt"(FAZ, 8.10.02). Es
geht also gar nicht darum, was die Brasilianer sich mit der Wahl
eingehandelt haben und ob eine "Regierung Lula" ihnen irgendwelche
sozialen Vor- oder nur neue Nachteile bringt: Die
Sorgen des internationalen Freundeskreises für gutes Regieren und gute Geschäfte gelten
dem in Brasilien engagierten Finanzkapital und dessen ungewissem
Schicksal unter der neuen Regierung. Die Finanzwelt betrachtet Lula als einen höchst
unberechenbaren Zeitgenossen, der sie auf Grund seiner Herkunft, seiner
zeitweise sozialreformerischen Rhetorik und seiner befürchteten Nachgiebigkeit
gegenüber den nach der Wahl erwarteten Forderungen seiner Wähler noch vor dem
zweiten Wahlgang "auch weiterhin in Alarmstimmung" (SZ,
25.10.02) versetzte. Mit einem aus diesen Kreisen, als "fatal für das
stagnierende Brasilien" an die Wand gemalten "Anstieg der seit
Jahren sinkenden Reallöhne und einer schnelleren Landreform" (SZ,
ebd.), stiftet man eben kein Vertrauen, sondern nur Unsicherheit für die
internationale Geschäftswelt, die sich "Haushaltskonsolidierung" und
Schuldenbedienung wünscht und keine alternativen nationalen Flausen. Deshalb
haben die einschlägigen Herrschaften von Beginn an gegen Lula gehetzt – "die
Situation ist schon dramatisch, aber jetzt hat man auch noch Sorgen wegen der
Ideologie!" (George Soros, SZ, 30.9.) – und ihrerseits im Vorfeld der
Wahlen schon eine eigene kleine Abstimmung abgehalten: "Die
Finanzmärkte haben in den zurückliegenden Wochen bereits abgestimmt - und das
Ergebnis ist besonders an der fortschreitenden Abwertung des Real zu erkennen.
Sie drückt Nettokapitalabflüsse aus." (FAZ, 7.10.) Das
ist gedacht als ein Stück Orientierungshilfe für den verantwortungsbewussten
demokratischen Wähler: Die Brasilianer sollen beim Abstimmen über ihren künftigen
Chef nicht kurzsichtig irgendwelche eigenen sozialen oder nationalen Interessen
verfolgen, sondern das große Ganze, das wirklich Wichtige im Auge behalten: Mit
ihrer Stimmabgabe sollen sie Vertrauen stiften für die beunruhigte
Spekulantengemeinde, sonst nichts. Und wenn sie das nicht einsehen, dann, so die
unmissverständliche Drohung, wird das Unglück des beschädigt abziehenden
Kapitals auf jeden Fall Brasilien treffen. Bei solch wohlmeinenden wirtschafts-
und sozialkundlichen Lektionen lässt es der IWF allerdings nicht bewenden. Eine
politisch funktionelle Bewirtschaftung des brasilianischen Kredits muss
nach dem Willen der Behörde sein, und darum kümmert sie sich praktisch.
Nachdem schon im August vor der Wahl internationale Anleger einige
Dollarmilliarden abgezogen hatten, genehmigt der IWF einen Kredit über 30 Mrd.
Dollar, um nicht durch die Zahlungsunfähigkeit Brasiliens das Kreditsystem in
ganz Lateinamerika und womöglich weltweit in Schieflage geraten zu lassen.
Brasilien soll funktionsfähig erhalten werden – vor und während der Wahlen
und auch nach ihrem Ausgang. Dazu wird der Kredit durch ein handfestes
Erpressungsszenario ergänzt, das für alle zur Auswahl stehenden
brasilianischen Führungsfiguren verbindlich gemacht wurde und von ihnen
unterschrieben werden musste: Die Konditionen des vom IWF in Aussicht gestellten
Kreditpakets gelten unabhängig vom Wahlausgang; in jedem Fall wird der Kredit
nur in Tranchen von jeweils 3 Mrd. Dollar ausgezahlt, die darauf berechnet sind,
die anfallenden Schuldendienste zu begleichen, und die Auszahlung der Tranchen
wird daran gebunden, dass gleichzeitig im brasilianischen Staatshaushalt ein Überschuss
von 3,75 % des BIP zu erwirtschaften ist. Damit
trug der IWF dafür Sorge, dass das Abstimmungsergebnis an der Zurichtung
Brasiliens als weiterhin funktionierender Dauerschuldner möglichst nichts ändert.
Er machte sein Programm einerseits vom Erfolg eines bestimmten Kandidaten unabhängig,
trieb andererseits kräftig Wahlhilfe für Lulas Konkurrenten, indem er keinen
Zweifel daran ließ, dass dem "bürgerlichen Lager" die seriöse Erfüllung
der Kreditbedingungen und damit die Rettung der brasilianischen Zahlungsfähigkeit
eher zugetraut wird. Die
vordringlichen nationalen Aufgaben von Regierungen in Schuldnerstaaten wie
Brasilien stehen nämlich grundsätzlich fest, und zwar unabhängig von den
"Aufträgen", die sie sich in ihren mehr oder weniger gelungenen
demokratischen Wahlveranstaltungen bei ihren Wählermassen abholen: Wenn ein
Land wie Brasilien nach Argentinien die höchsten Schulden in Lateinamerika hat,
dann ist es erstens zuvorderst seinen Gläubigern verpflichtet und nicht
irgendeinem "Wählerwillen". Deren Anspruch auf Schuldendienst hat es
zu entsprechen, für die Ableistung der Zinspflichten sind die Reichtumsquellen
der Nation zu mobilisieren, und diesem Zweck hat sich das Regieren in Brasilien
unterzuordnen – wie der Wahlsieger das hinbekommt, ist seine Sache und
die der von ihm herbei zu regierenden Opferbereitschaft seines Volkes. Insofern
haben die Wahlen in jeder Hinsicht alternativlos zu sein: Welche Figur
auch an die Macht kommt, sie bekommt ihre Auftragslage von den internationalen
Verwaltern des brasilianischen Schuldenberges mitgeteilt und darf ihrem Volk
dann die Notwendigkeiten nahe bringen, denen es zu gehorchen hat. Zweitens
halten alle Beteiligten an diesem großkalibrigen Kreditgeschäft eines für
grundsätzlich ausgemacht: Wenn, wie im Fall Brasiliens, wegen der seit Jahren
akkumulierten Schulden bereits der größte Teil des nationalen Reichtums den Gläubigern
verpfändet oder – wie Telefongesellschaften, Wasserkraftwerke und Anteile an
der heimischen Erdölindustrie – bereits veräußert worden ist; wenn
weiterhin schlechte Geschäfte im Land ebenso wie rückläufige Exporte im Zuge
der weltweiten Krise die Einnahmen des brasilianischen Staates weiter sinken
lassen, dann bekommt man einen Haushaltsüberschuss als Voraussetzung der
Kreditauszahlung – wenn überhaupt – nicht anders hin als durch die radikale
Kürzung der staatlichen Ausgaben. Brasilien hat zu sparen und soll sich
die Rettung vor dem Staatsbankrott nach den Vorschriften des IWF durch flächendeckende
Einschnitte in alle Budgets des Landes erkaufen. Das trifft – wen sonst –
natürlich zuerst die notorisch "nicht investiven" Sozialhaushalte,
die sich mit den Armen im Lande befassen, zu denen die nationale Statistik jetzt
schon mehr als die Hälfte der Brasilianer zählt. Das brasilianische Volk ist
als Opfer dieser internationalen Rettungsaktion zugunsten gefährdeter
Zahlungsansprüche an das Land allemal vorgesehen. Aber nicht nur die –
angesichts des in Brasilien erreichten Elendsniveaus – ohnehin bescheidenen
sozialstaatlichen Ambitionen des größten Staates Lateinamerikas unterliegen
jetzt dem prüfenden Urteil des multinationalen Gläubigerausschusses. Alle
anderen Vorhaben der Nation werden über das vom IWF auferlegte Haushaltsregime
dahingehend überprüft, ob sie mit der wichtigsten Aufgabe aller Brasilianer
vereinbar sind: Denen, die auf Brasilien ihr Geld gesetzt haben, möglichst viel
davon zurückzuzahlen. So
wird der brasilianischen Politik und ihrer gesamten Haushaltsführung ein sehr
einsinniges Rechnungswesen auferlegt, ganz im Geiste der alternativlosen
Unterordnung der Nation unter den Dienst an ihren Gläubigern. Und jede einzelne
Kredittranche dient als Anlass, den von der Nation geforderten
Unterwerfungswillen erneut auf den Prüfstand zu stellen. Allerdings: Eine
etwas verwegene Anspruchshaltung gegenüber Brasilien macht
sich da schon geltend. Tatsächlich ist weder Lula da Silva noch einer der
anderen Kandidaten für die Bedingungen verantwortlich, unter denen in Brasilien
Geschäfte laufen oder nicht und die für wachsende Unzufriedenheit bei den
internationalen Kapitalisten sorgen. Bekanntlich herrscht eine weltweite Krise
und die Spekulanten machen die "Gefahr", der Kredit des Landes könnte
zusammenbrechen und Brasilien zahlungsunfähig werden, schon längst selbst
wahr, weil sie ihre Rechnungen nicht mehr bedient sehen. Jahrelang aufgehäufte
Schulden können nicht mehr aus neuen, auf weitere gute Geschäfte rechnenden
Kreditzuflüssen bedient werden, so dass manche Spekulation auf den Erfolg eines
brasilianischen "Investments" nicht aufgegangen ist. Deshalb sind die
ausländischen Geldgeber jetzt so sehr um die Rettung ihrer Kredite besorgt,
dass sie Brasilien jeden weiteren verweigern, das Land ähnlich wie Argentinien
in eine Zahlungskrise treiben und sich der IWF zur Rettung des Kreditsystems
veranlasst sieht. Für die Lage haftbar gemacht wird allerdings das Land und
seine Regierung. An sie geht die Forderung, ihre Mittel gefälligst so
einzuteilen, dass zusammen mit dem Kredit des IWF der Schuldendienst
weiterlaufen und neues Vertrauen und neuer Kredit gestiftet werden können. So
wird der politischen Führung die Aufgabe gestellt, die Krisenfurcht der Anleger
zu therapieren, als handle es sich bei der Frage der Wiederherstellung
kapitalistischen Erfolges mitten in der Krise lediglich um eine Frage der
politischen Vertrauenswürdigkeit und des verlässlichen Willens zu "gutem
Regieren". Finanzkapitalisten allerdings ticken offenbar so. Und deswegen
fordern sie von jeder künftigen brasilianischen Regierung, endlich den
Misserfolg ihres Geschäftes ungeschehen zu machen. Dabei werden ihre
Ansprüche an die politischen Leistungen des Landes zur Rettung ihrer Geschäftsbedingungen
umso rigoroser, je mehr ihre Rechnungen nicht aufgehen und sie durch den Abzug
ihres Kapitals und die Verweigerung neuer Investitionen und Kredite alle
Rechnungen Brasiliens über den Haufen werfen. Prinzipiell
haben auch alle Kandidaten, die sich um das Amt des Präsidenten bewerben,
nichts anderes im Sinn, als den Erfolg und die Rettung der Nation in der
Fortsetzung des Weges zu suchen, der sie in den Bankrott geführt hat: Sich dem
internationalen Kapital weiterhin als zuverlässiger Standort für gute Geschäfte
anzubieten, dessen Ansprüchen also so gut wie möglich gerecht zu werden.
Insbesondere Lula da Silva versteht sich auf einen Vertrauenskampf
auf allen Ebenen so
gut, dass sogar den eingefleischtesten Hetzern gegen ihn eine
"wundersame" Läuterung nicht entgangen ist: "Der wundersamste
Wandel vollzog sich im Schoße von Lulas Arbeiterpartei und in der Person des
linken Kandidaten selbst. Mit seinem Seriosität suggerierenden Äußeren, dem
gepflegten Bart und den Maßanzügen gibt sich Lula staatsmännisch gelassen,
den kämpferischen Habitus hat er fast völlig abgelegt (FAZ, 1.10.).
‚Wundersam’ allerdings ist der Wandel nicht, den der Mann hingelegt hat, und
ein bisschen mehr als einen ‚kämpferischen Habitus’ hat er damit auch
abgelegt. Der ehemalige Gewerkschaftler hat längst Abstand von dem Ansinnen
genommen, gewerkschaftliche Macht für die Interessen von Lohnarbeitern zu
mobilisieren und sich stattdessen vorgenommen, die Staatsmacht zu erobern, um
mit der die Interessen der Nation voranzubringen. Deren Krise will er bewältigen,
und das geht nur – zu der Überzeugung ist er gelangt – mit dem
internationalen Kapital, nicht gegen es. Um damit auf die internationalen
Kreditgeber den entsprechenden Eindruck zu machen, unterschrieb er demonstrativ
die Auflagen des IWF für den Dreißig-Milliarden-Kredit und stellte eine
anerkannte Unternehmerfigur als Vizepräsident auf. Die vom IWF geforderte
Unterschrift leisteten zwar alle anderen Kandidaten auch. Aber wenn einer wie
er, der als Sozialkämpfer groß geworden ist, dies tut, fällt die symbolische
Geste der Vertrauenswerbung für Brasilien eben besonders aus. Zumal er nicht
allein dem IWF gegenüber zu verstehen gibt, dass eine von ihm geführte
"Regierung des Volkes" allen Auflagen willig nachkommen wird, die im
Zuge der weiteren Konsolidierung des brasilianischen Schuldendienstes fällig
werden. Immerhin wartet ein erprobter Gewerkschaftsführer und ehemaliger
Organisator einer antikapitalistischen Gegenmacht mit der Einsicht auf,
dass wirklich alles, was er sich für sein Land und dessen Insassen an "ökonomischer
Entwicklung" noch vorstellen kann, bloßes Derivat der Rendite ist, auf die
internationale Finanziers bei ihrem (Wieder-)Einstieg in Brasilien setzen: "Es
muss klar sein, dass, wenn man über die Kapitalmärkte spricht, man über die
Finanzierung von Produktion und Beschäftigung spricht. Es ist möglich und erwünscht
für eine Regierung des Volkes, sicherzustellen, dass das Risikokapital ein
neues Projekt der ökonomischen Entwicklung finanzieren kann" (R.
Berzoini, Mitverfasser einer "Denkschrift" der Arbeiterpartei "für
die Kapitalmärkte", El País, 20.10.) – Damit
sichert Lula den internationalen Investoren zu: Andere Risiken als die, die zu
den Eigentümlichkeiten ihres eigenen spekulativen Geschäfts gehören, haben
die internationalen Risikokapitalisten in Brasilien nicht zu gewärtigen. Und
noch eines macht diese Botschaft glaubwürdig, wenn sie von einem wie Lula da
Silva kommt. Einer wie er, der selbst aus dem Volk kommt, kennt nicht nur die Härten
besonders gut, die er ihm zur Rettung Brasiliens zu verordnen gedenkt, wenn er
an der Macht ist: Er kann sie ihm auch besonders gut verkaufen. Als einer, der
schon einmal selbst gearbeitet hat und ihre Nöte kennt, vermag er seine
brasilianischen Massen extrem glaubwürdig davon zu überzeugen, worin alle ihre
sozialen Anliegen aufgehoben sind – darin nämlich, dass die Nation sich aus der Notlage befreit,
unter der sie leidet: Sein eigener Lebenslauf, seine erfolgreiche
Karriere vom Kämpfer für Soziales zum Retter der Nation sollen seine
Landsleute als Exempel für die korrekte Reihenfolge nehmen, in der sie auch
ihre Anliegen zu gewichten haben – und den Dienst an der Nation, den er von
ihnen verlangt, als vollständige Bedienung aller Interessen begreifen, die sie
haben. Erste
Erfolge der volksnahen Krisenbewältigung stellten
sich prompt ein. Kaum dass seine Volksbetörung verfangen und er die Wahl
gewonnen hatte, brach Zuversicht aus: "Lula
wird sich mit dem System verstehen und die Banken werden merken, dass die Welt
nicht untergeht..." (M.
Bernardi, Unternehmer, SZ, 30.9.) Sogar
den staatlichen Almosen zur Betreuung von Hunger und Elend vermag man etwas
abzugewinnen – Geld, das wieder Wachstum an der richtigen Stelle schafft, ist
eben nicht zweckentfremdet: "Der
größere Stellenwert des Sozialbereichs unter Lula könnte der Lebensmittel-
und Baubranche Vorteile bringen, meinen Analysten. So könnten etwa die Papiere
der Supermarktkette Pão de Açucar oder des Getränkeriesen AmBev mittelfristig
profitieren" (SZ,
30.10.) Sicher ist nur eins: Angesichts der an die neue Regierung gestellten Ansprüche wird auch das künftige Urteil, ob Lula nun "gut regiert" hat oder "gescheitert" ist , am wenigsten davon abhängen, wie er sein Präsidentenamt versehen hat, sondern davon, welche Anlageentscheidungen die Finanzwelt in Sachen Brasilien fällt. |
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