So
geht also eine friedliche Revolution!
Ein
Kommentar
Von
Helmut Lucas
Kommunisten-online,
11. September 2003 - Ach
ja, es ist lange her. Vielleicht kommt es mir aber auch nur so vor. Was sind
schon dreißig Jahre? Als am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg bei einer friedlichen
(!) Demonstration in Berlin gegen den Schah von Persien von einem Polizeibeamten
in „Notwehr“ erschossen wurde, war für mich die Welt nicht mehr in Ordnung.
Ich ließ keine Demonstration gegen den Vietnamkrieg mehr aus.
Im
Oktober kam die Meldung, Che Guevara sei erschossen worden. Er sagte, so hörte
ich, „Schafft zwei, drei vier, viele Vietnams!“ . Ich war gerade mal 18
Jahre alt. Richtig verstanden hatte ich das nicht.
1970
Allende! Wahlsieg!
Es
geht also doch ohne Gewalt! Aber meine Genossen hatten Zweifel.
Ich
habe viel gelernt in dieser Zeit. Zum ersten Mal hörte ich von der Pariser
Kommune, die den erbeuteten Staatsschatz zurück gab und damit ihre eigene
Niederschlagung finanzierte. Und Spanien 1936? Auch da ging eine demokratisch
gewählte Volksfrontregierung zu Werke und wurde durch einen Militärputsch
entmachtet. Das Volk hatte sich bewaffnet und erfolgreich dagegen gekämpft.
Aber dann griffen Hitlers und Mussolinis Truppen ein. Dagegen konnten auch die
Internationalen Brigaden nicht viel ausrichten.
Wir
kamen zu dem Ergebnis, dass Allende das Volk bewaffnen muss, wenn das nicht
alles in einer Katastrophe enden soll. Denn dass die USA sich die Enteignung der
Kupfer- und Salpeterminen nicht würde bieten lassen, war uns schon klar. Wir
hatten uns auch mit Cuba befasst, wo die Invasion der CIA-gesteuerten
Exilkubaner scheiterte.
Und
da sind wir wieder beim Thema. Allende war kein Dummkopf, er war – ganz im
Gegenteil – brillant. Das, was wir jungen Leute damals diskutierten, war auch
ihm bekannt! Aber er hat die Lehre aus der Geschichte nicht gezogen. Er hat sich
in die Idee einer friedlichen Revolution regelrecht verrannt, als ginge das
wirklich mit Stimmzetteln. Der alte Spruch:
„Würden
Wahlen etwas ändern, wären Wahlen verboten!“
hat
sich hier auf makabere Weise Geltung verschafft! Pinochet hat die Wahlen ja tatsächlich
abgeschafft und eine faschistische Diktatur errichtet!
Hier
zwei Zitate aus dem Buch von Luis Corvalan und Klaus Huhn (siehe unten) zum
Thema:
„Die
Sozialisten, die am meisten über die Verteidigung des Prozesses
(gemeint ist die „friedliche Revolution“. H.L.) gesprochen haben, waren
ein trauriges Beispiel der Inkonsequenz.“ Und:
„Die
Parteibasis und die sozialen Organisationen, die sich mit dem Prozess
identifizierten, haben auf ihre Klagen bezüglich der notwendigen Mittel, um den
Prozess zu verteidigen, nur eine Antwort erhalten: die Waffen werden rechtzeitig zur Verfügung stehen! Aber als der
entscheidende Moment gekommen war, gab es die versprochenen Waffen nicht.“
Ich
setze noch ein drittes Zitat drauf:
„sogar
die 6. US-amerikanische Flotte wartete für alle Fälle an der chilenischen Küste,
um die Putschisten zu unterstützen.“
Noch
Fragen? Die Geschichte lehrt uns, dass die Reaktion furchtbar wütet, wenn sie
siegt!
Ob
man friedlich für alle Menschen ein menschenwürdiges Dasein erreichen möchte
oder ob man gleich zum Gewehr greift. Kapitalisten lassen sich nicht friedlich
enteignen, schon gar nicht demokratisch! Die Schlussfolgerung kann nur sein:
Friedlich,
aber bitte bewaffnet!
Es
sind die Kapitalisten und ihre Handlanger, die letztenendes die Gewaltfrage
entscheiden.
Das
alles hat Allende gewusst!
Und
das ist sowohl Tragik, wie auch Verbrechen!
Genauso
wie wir machtlosen, weit entfernten deutschen Jungkommunisten wussten, was da
kommen würde, genauso wusste es eben auch Allende! Er hat hartnäckig an einer
Illusion festgehalten, die er selbst nicht mehr geglaubt und Tausenden von
Menschen Folter und Tod gebracht hat.
Er
selbst ist kämpfend gestorben, das ist ehrenvoll. Aber dass er das kampfbereite
Volk nicht bewaffnet hat, ist unverzeihlich!
Nachbemerkung:
Ich habe hier aus dem empfehlenswerten Buch „Der andere 11. September“ von
Luis Corvalan und Klaus Huhn zitiert.
Spotlessverlag,
Berlin. (www.spotless.de).
Ich
weise besonders darauf hin, weil Luis Corvalan Zeitzeuge ist und auch
Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles war.
Klaus
Huhn ist langjähriger Journalist des „Neuen Deutschland“ gewesen.
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