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Österreich:
(aus:
Neue Volksstimme)
Der
Eisenbahnerstreik -
notwendig,
gerecht und zu früh abgebrochen!!
Helmuth
Fellner
Gleich
vorneweg: Es handelte sich bei diesem Eisenbahnerstreik nicht nur um den längsten,
sondern auch um einen der wichtigsten Streiks (zumindest) der
Nachkriegsgeschichte. Und er war ein wichtiges Signal in der und für die
österreichische Gewerkschaftsbewegung. Die 66 Streikstunden am Stück
taten dem Kapital und seinen Fraktionen weh, nicht so sehr finanziell
(Berechnungen über Streikkosten bewegen sich sowieso immer zwischen
Wahrsagerei und Absurdem Theater), sondern wegen der Wirkung des Streiks
auf die Lohnabhängigen. Der ORF-Regierungsfunk war sehr bemüht, nur die
Kritik am Streik, den Streikenden und am GdE-Chef Willi Haberzettl in den
Vordergrund zu rücken, dennoch wurde klar, dass ein Streik, der noch vor
Kurzem für helle Empörung unter anderweitig Beschäftigten gesorgt hätte,
heute sehr weite Akzeptanz als Mittel sozialer, klassenmäßiger
Auseinandersetzungen findet. Ein Verkäuferin brachte es in einem
ORF-Interview auf den Punkt: „Bei uns im Handel ist ein Streik schon
lange überfällig, aber da rührt sich die Gewerkschaft nicht." So
eine Kritik kann man sich gefallen lassen.
Dieser
Streik war zudem tatsächlich eine Mischung aus politischem und
arbeitsrechtlichem Streik:
Einerseits
wurde gegen die Zerstückelung und Zerschlagung der ÖBB als Vorspiel für
deren Privatisierung gemäß GATS und EU-Auftrag gekämpft. (Gorbach
schließt - entgegen Gesamtregierungsbeteuerungen - die Privatisierung
auch nach Ende des Streiks ausdrücklich nicht aus!) Das Ergebnis der
Arbeitskampfes auf diesem Feld ist allerdings mehr als mager, daher lässt
Willi Haberzettl unter dem doch irreführenden Titel „Streikziele
erreicht" in der Sonderausgabe des ÖGB-Nachrichtendienstes
verlauten, „ÖGB und EisenbahnerInnen lehnen weiterhin die geplante
Zerschlagung und Privatisierung weiterhin ab". Das dafür vorgesehene
Schwert ist nach Streikabbruch allerdings mehr als stumpf! Der
„Kompromiss", der maßgeblich Verzetnitschs Handschrift trägt,
sieht angeblich vor, dass statt ursprünglich 9 „nur" mehr 6
Gesellschaften die einheitliche Struktur des ÖGB ablösen sollen. Unter
dem Strich haben hier das EU-Kapital und seine österreichischen
Regierungsfraktionen einen glorreichen Sieg davon getragen.
Andererseits
wurde dagegen angekämpft, dass per Gesetz in das Dienstrecht der
Eisenbahner eingegriffen wird. Diese Auseinandersetzung war im Grunde eine
ganz wichtige für die gesamte Arbeiterklasse, für alle Lohnabhängigen.
Wäre hier ein Durchbruch gelungen, hätte dies eine Lawine ausgelöst:
Kollektivverträge wären nicht einmal mehr das Papier, auf dem sie
stehen, wert. Also ist – wenn auch brüchig – hier durchaus als Erfolg
des Arbeitskampfes zu verbuchen, dass über das neue Dienstrecht der
Eisenbahner zwischen ÖBB-Vorstand und GdE verhandelt wird. Die ungehörige,
gesetzlich keineswegs haltbare Fristsetzung bis April 2004 lässt
allerdings Schlimmes befürchten. Dies hat mehrere Gründe:
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Noch
im Dezember wird die Zerstückelung der ÖBB beschlossen, mit 1.1.2004
soll also deren Umsetzung beginnen. Welcher Vorstand der - möglicherweise
nicht mehr vorhandenen - ÖBB wird/soll verhandeln? Wer wird tatsächlich
im neuen Jahr Verhandlungspartner der GdE sein? Und wie viele D i e n s t r e c h t e
(Mehrzahl!) wird es geben?
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N
e u verhandlungen von irgendwelchen Rechten, insbesondere aber von
Dienst- und Arbeitsrecht bedeuten in diesen Zeiten, mit dieser
Regierung, in diesem Land, in dieser EU, in diesem Kapitalismus:
VERSCHLECHTERUNG. Daher drängt sich die Frage auf, wie viel
Verschlechterung ist die GdE- bzw. ÖGB-Führung bereit, in Kauf zu
nehmen?
Die
Aussendung der GdE- Chefs Haberzettl und Bacher „... wir können mit
Stolz behaupten, dass wir unser Streikziel erreicht haben. Die von der
Bundesregierung geplanten gesetzlichen Eingriffe in unser Dienstrecht
konnten abgewehrt werden." Zumindest müsste dort stehen „zunächst
abgewehrt werden".
Wie
ist nun dieser Streik einzuschätzen?
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Er
wurde praktisch lückenlos befolgt, alle Eisenbahner standen hinter
den Kampfmaßnahmen. Ein Gedanke an Streikbruch war bei keinem
Eisenbahner zu befürchten, da befürchtete die ÖGB-Spitze schon eher
den Wunsch nach Radikalisierung.
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Die
Kritik am Streik fiel im Grunde zahmer aus, als zu erwarten war. Seit
2003 können sich immer mehr Lohnabhängige mit Kampfmaßnahmen und
Streiks anfreunden, dadurch kommen die traditionellen Befürworter der
Sozialpartnerschaft in den Gewerkschaften unter stärkeren Druck.
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KollegInnen
aus allen Branchen und Fachgewerkschaften solidarisierten sich und
erfreuten sich auch am Kampf.
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Kampferfahrungen
im Streik sind aus dem kollektiven Gedächtnis der Arbeiterklasse
nicht mehr zu bannen. Klassenbewusstsein wurde also aufgebaut.
Die
Wirtschaft wurde mit Streikdauer zusehends nervöser, das war an der
Reaktion Leitls ganz deutlich erkennbar. Folgewirkungen auf andere
Branchen wurden befürchtet. Eine Ausweitung des Streiks wurde nicht
ausgeschlossen. Nun, das hat Verzetnitsch erfolgreich verhindert.
Damit
sind die positiven Ergebnisse aber schon erschöpft. Negativ ist
anzumerken, dass trotz Schönfärberei das Streikziel klar verfehlt worden
war, was allerdings - realistisch betrachtet – zu erwarten war. Das
beschwichtigende Eingreifen Verzetnitschs (in neuer
sozialpartnerschaftlicher Achse mit Leitl) hat der Sache der Eisenbahner
geschadet und auch den Handlungsspielraum der GdE-Führung beschnitten.
Der Streik wurde – selbst wenn man von aushandelbaren Kompromissen ausgeht – eindeutig zu früh
und auf zu vage Versprechungen hin abgebrochen. Solidaritätsstreiks
anderer Gewerkschaften und Branchen wären hilfreich gewesen,
Generalstreik durchaus denkbar, ja sogar möglich. Aber die „neue
Sozialpartnerschaftslinie“ Verzetnitschs hatte schon bei den Lohn- und
Gehaltsverhandlungen obsiegt: Erzielt wurden kampflose, „moderate“
(d.h. zu niedrige) Abschlüsse statt des mehrfach angekündigten „heißen
Herbstes“. Alles wie gehabt. Der ÖGB muss sich den Vorwurf gefallen
lassen, meist nur „parteitaktisch“ (im Sinne einer politischen
Strategie der Sozialdemokratie) zu agieren: im Ruhighalten wie im
Aufbegehren.
Und
wie schaut es links von der Sozialdemokratie aus? Walter Baier,
Langzeit-Noch-Vorsitzender der KPÖ, der sich noch kürzlich außerhalb
der Arbeiterklasse auf der Suche nach einem neuen Subjekt befand, ließ -
aus dem fernen Paris, beim Europäischen Sozialforum weilend - linkisch
seine Solidarität mit dem Streik künden. Der größte Arbeitskampf der
Zweiten Republik fand in seiner Anwesenheit statt. Das wird diesem Kampf
allerdings am wenigsten geschadet haben. Aber es bleibt die Ernüchterung,
dass in der derzeitigen Situation und bei diesem politischen und
ideologischen Zustand der KPÖ, die tatsächlichen sozialen Kämpfe an ihr
vorbeiziehen. In diesem Sinne ist auch die „kritische" Zustimmung
des GLB in der Gewerkschaft der Eisenbahner zu werten. Ohne mich jetzt zu
sehr in innerfraktionelle Zusammenhänge einmischen zu wollen: Auch eine
kritische Zustimmung ist letztlich eine Zustimmung. Und es bleibt die
Frage, ob sich nicht gerade die kämpferischen Teile der
sozialdemokratischen Eisenbahner eine andere Reaktion des GLB erwartet, möglicherweise
gewünscht hätten.
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Die
so genannten „Privilegien“ der Eisenbahner
Hier
soll auch zur Sprache kommen, dass die ach so privilegierten
Arbeitsverhältnisse der Eisenbahner - was die GdE gern verschweigt
- eine Reihe von Schlechterstellungen gegenüber KollegInnen in der
„Privatwirtschaft" aufweisen: generelle Selbstbehalte bei
Arztbesuchen, einen 50 % höheren Pensionsbeitrag, generelle 40-
Stunden-Woche, im Turnusdienst eine 7-Tage-Woche (dadurch werden
mehr Urlaubstage für Zeiträume wie Weihnachten etc. benötigt),
schlechtere Überstundenregelungen und -abgeltungen.
Die
kleinen Eisenbahner kommen nur auf Grund ihrer Zulagen zu einigermaßen
existenzsichernden Einkommen, werden diese „Nebengeräusche“ gekürzt
oder gar gestrichen, dann drohen ihnen eklatante Gehaltseinbußen
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