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Dokumentation Mord in Genua

Weiterer Bericht vom Ueberfall in Genua

von: Anonym 24.07.2001 13:34 

Bericht von dem Ueberfall auf die Schule Diaz in Genua in der Nacht von
Samstag auf Sonntag. 

Eine Delegation besuchte gestern das Frauengefaengnis in Vercelli. Auch dort
wird von Misshandlungen berichtet.

Am Samstag, den 21.7.2001 um 23.56 Uhr haben Sondereinheiten der Carabinieri
und der italienischen Polizei (ca. 200 Beamte) die Schule Diaz, in der
GegnerInnen des G8-Gipfels uebernachteten, gestuermt. Die Polizeibeamten
haben eine Seitentuer eingeschlagen und sind mit lautem Gebruell in das
Gebaude gestuermt. Sekunden spaeter konnten Leute vom gegenueberliegenden
Inedependent Media Center lautes Geschrei vernehmen.
Die in der Schule Anwesenden wurden brutal zusammengeschlagen und
schliesslich alle verhaftet.
Ein Grossteil der Leute in der Schule wurde von SanitaeterInnen auf Bahren
hinausgetragen.
Sie waren schwer verletzt und blutbeschmiert, viele hatten Kopfverletzungen.
Einige waren bewusstlos. Die allerwenigsten waren noch in der Lage zu
laufen.
Im Gebaude selbst wurde alles verwuestet, die 5 Computer kaputtgeschlagen,
saemtliches Gepaeck ausgeschuettet, Geld und Reiseausweise sowie Kameras
etc. geklaut.
Nachdem alle in Krankenhaeuser und Knaeste abtransportiert worden waren,
wurde bei der Besichtigung des Gebaudes ueberall Blut gefunden. Blut
zwischen den Schlafsaecken, Blut auf den Klos, Blut im Treppenhaus.
Ueberall, wo die Polizei Leute erwischt hat, die noch zu fliehen versucht
haben, wurden sie auf der Stelle zusammmengeschlagen und misshandelt.
Mehrere Personen wurden lebensgefaehrlich verletzt.
Nach Presseangaben vom Sonntag wurden in der Schule 66 Personen
festgenommen, 50 davon verletzt.
Heute wird berichtet, dass bei der gesamten Operation 93 Personen
festgenommen wurden, das schliesst auch die Leute ein, die sich in den
umliegenden Strassen oder vor der Schule aufhielten.
15 ItalierInnen wurden freigelassen. Die verbleibenden 78 Personen aus
unterschiedlichen Laendern sind noch in Haft.
Nach Angaben einer Krankenhausangestellten aus dem San Martino Krankenhaus
in Genua waren die Verletzten in einem unvorstellbarem, furchtbarem Zustand.
Sie berichtete von multiplen und komplizierten Frakturen, eingeschlagenen
Schaedeln und ausgeschlagenen Zaehnen. Viele befanden sich in einem
Schockzustand, waren kreidebleich, kaum ansprechbar und hatten Angst,
ueberhaupt beruehrt zu werden. Nach ihren eigenen Angaben hatte sie so etwas
noch nie erlebt oder gesehen.
Wir wissen sicher von Eltern, die vom Auswaertigen Amt informiert wurden,
dass in einem Fall ein Mann an der Schaedeldecke operiert werden musste.
Inzwischen muss er nicht mehr kuenstlich beatmet werden. In einem anderen
Fall wurden die Eltern informiert, dass sich ihr Sohn nicht mehr in
Lebensgefahr befindet. Mehr Informationen wurden den Eltern nicht gegeben.
Einer anderen Person, einem Briten, wurden die Rippen gebrochen, was zu
schweren Lungenverletztungen fuehrte.
Es gibt bisher keine gesicherten Informationen ueber den Verbleib aller in
der Schule Verhafteten.
Bei vielen Leuten ist immer noch nicht klar, wo sie sich befinden, im
Krankenhaus oder im Gefaengnis. Viele wurden auch zuerst ins Krankenhaus und
danach ins Gefaegnis gebracht.
AnwaeltInnen durften bisher niemand sehen, die Krankenhauser gleichen
Polizeifestungen, niemand durfte rein. Der Schwester eines Schwerverletzten
wurde gestern (23.7.) abend der Krankenbesuch verweigert.

Am 23.7. besuchte eine Delegation, bestehend aus dem Europaabgeordneten
Luigi Vinci von der Partei Rifondazione Comunisti, einem Mitglied eines
Sozialen Zentrums aus Mailand sowie einer Dolmetscherin aus Deutschland, den
Frauenknast in Vercelli. Wir geben hier einen Bericht der Dolmetscherin
wieder:

Von den verhafteten Frauen aus der Schule befinden sich 6 im Gefaengnis von
Vercelli, mit 4 von ihnen wurde gesprochen:
Nach einem 5-minuetigen Gespraech mit ihnen gibt es folgende
Kurzeinschaetzung:

Alle Frauen gaben an, in der Schule geschlagen worden zu sein. Weiterhin
erzaehlten alle Frauen, dass der Zustand der Maenner aus der Schule Diaz in
jedem Fall schlimmer sei. Sie geben an, dass die Maenner die ganze Nacht auf
dem Polizeirevier weiter gefoltert worden sind, da sie die ganze Nacht von
Ihnen Schreie gehoert haben. Sie selber sind auf dem Polizeirevier weiter
schikaniert worden: Beschimpfungen, Schlaege und Tritte beim aufs Klo gehen.
Sie sagen alle aus, dass sie relativ gut bei weggekommen sind. Im Gefaengnis
ist die Behandlung besser als bei den Bullen. Ihnen wurde teilweise erlaubt,
Anrufe zu machen. Sie sind in 2-3 Zellen weitgehend (ausser 1 Person) nach
Staatsangehoerigkeit geordnet.

Fast allen Frauen wird oeffentlicher Widerstand vorgeworfen. Mindestens ein
Mann, der der Polizei nicht mehr bekannt ist, soll eine Angklage wegen
versuchten Mord (Homicide) bekommen.
Eventuell wurden Roentgenaufnahmen aus dem Krankenhaus konsfiziert.

Weiterhin traf die Dolmetscherin Italienerinnen, die bereits
Samstagnachmittag verhaftet worden waren. Sie wurden gestern aus Vercelli
entlassen. Sie berichten folgendes:

Sie selbst wurden auf dem Bullenrevier in Genua nicht geschlagen. Sie
mussten sich jedoch 19 h mit den Haenden erhoben ohne Essen und Trinken an
eine Wand stellen. Sie gaben an, dass die Bullen offen organisierte
Faschisten waren. Es gab permanente Beschimpfungen wie " scheissjuedische
Zigeunerin ", " Hasta la Victoria sempre" mit gleichzeitigem Hitlergruss,
weiterhin wurden Mussolinibilder an den Waenden gesehen.
Einer Person, der vorher die Beine gebrochen worden, konnte nicht an der
Wand stehen, wurde weiter geschlagen bis sie sich irgendwie hingestellt hat.
Die Bullenfrauen waren teilweise schlimmer als die Maenner. Haben die Frauen
an den Haaren gezogen und gerissen. Sie wurden von den Festgenommenen Als
"totale Psychopatinnen" bezeichnet.
Weiterhin berichteten sie, dass Traenengas in die Zellen geworfen worden
ist. Eine Person hat daraufhin Blut erbrochen.

Alle Inhaftierten bitten darum irgendwie Druck auszuueben und zu helfen !!!!


Hier endet der Bericht der Dolmetscherin.
Die Gefangenen sitzen seit 60 Stunden im Knast (Stand Dienstag, 24.7., 12.00
Uhr)


Weitere Informationen:
Am Montag wurden insgesamt noch min. 38 Personen in und um Genua oder an der
Grenze festgenommen. Es ist gefaehrlich sich zur Zeit in Genua aufzuhalten.
Sie haben in Bars und Kneipen nach auslaendischen Leuten gesucht. Einige
wurden bereits wieder entlassen. Anderen drohen Haftbefehle wegen
Pluenderung und Verwuestung.

Alle in der Schule Verhafteten haben morgen (25.7.) einen
Haftpruefungstermin und kommen evt. frei.

Insgesamt waren gestern noch 570 Personen im Krankenhaus und ueber 100 im
Knast.
Wir haben eine Liste mit 60 Deutschen und weiteren 32 Gefangenen aus 12
unterschiedlichen Laendern.
Die Gefangenen befinden sich in folgenden Gefaengnissen : Alessandria,
Pavia, Vercelli und Voghera und Genova.

Bericht der italienischen Zeitung Corriere della Serra (Zahl der Verhafteten
siehe oben) ueber den Blitz /ueberfall auf die Schule Diaz vom 24.7. , Seite
5:
Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter in der Angelegenheit Blitz. Die
Namen eines Grossteiles der noch 78 verbliebenen Gefangenen sind den jeweils
fuer sie zustaendigen Behoerden aus 13 Laendern uebergeben worden. Sie
worden bisher wg. Fluchtgefahr nicht freigelassen. Es gibt eine Reihe
italienische PolitikerInnen, die mit den Gefangenen sprechen und wissen
wollen, ob es wahr ist, dass sie, die Gefangenen und in der Schule sich
befindlichen Personen von der Polizei misshandelt worden sind. Der
Staatsanwaltschaft wurden die Festnahmen erst am Sonntag um 18.30
uebermittelt, also erst 18.5 Stunden nach dem Ueberfall. Die
Staatsanwaltschaft bezeichnete die ganze Durchsuchung als "peinlich". Die
Familien haben zum Teil keine Nachrichten und Informationen ueber den
Gesundheitszustand/Haftgrund/Aufenthaltsort u.s.w. ihrer Toechter und
Soehne.

EA Berlin : Tel: 0049-30- 692 2222
EA Muenchen: Tel: 0049-89-4489638
EA Oberhausen/Druckluft: Tel: 0049-208-852454

Auswaertiges Amt Berlin
0188 8170

Telefonnummern von Krankenhaeusern in Genua:
San Martino 0039-10-555022
- 5551
Galliera 0039-10-56321
S.P.D.'Anna 0039-10-41021

Dienstag, 24.7. 2001 - 12.30 UHR

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