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Harro
Schulze-Boysen (1909-1942):
Widerstandskämpfer
gegen Hitler
Harro
Schulze-Boysen war die Schlüsselfigur einer Widerstandsgruppe, die von
der Gestapo als Rote Kapelle bezeichnet wurde. Am 22. Dezember 1942
wurde er in der Berliner Hinrichtungsstätte Plötzensee getötet,
erhängt an einem Fleischerhaken. Mit ihm starben, ermordet durch Strang
oder Fallbeil, zahlreiche weitere Angehörige der Roten Kapelle,
darunter viele Frauen - Schauspielerinnen, Künstlerinnen, Studentinnen
...
Unmittelbar
vor seiner Hinrichtung schrieb Harro Schulze-Boysen an seine Eltern in
Duisburg: "... Es geht heute auf der Welt um so wichtige Dinge, da
ist ein Leben, das erlischt, nicht sehr viel ... Alles, was ich tat, tat
ich aus meinem Kopf, meinem Herzen u. meiner Überzeugung heraus ...
Dieser Tod passt zu mir ...".
Nach
der Befreiung sah die katholische Schriftstellerin Ricarda Huch den
Widerstandskämpfer als "Märtyrer der Freiheit" und stellte
ihn ebenbürtig in eine Reihe mit Sophie Scholl und Claus Schenk von
Stauffenberg. Auch andere bekannte Schriftsteller setzten Harro
Schulze-Boysen literarische Denkmäler.
Im
Kalten Krieg dagegen wurde das Bild des Widerstandskämpfers völlig
verzerrt. Im Osten als "Kundschafter der Sowjetunion"
gefeiert, wurde er im Westen als "Landesverräter" diffamiert.
Die Sichtweise der Gestapo, welche die "Rote Kapelle" als
"Spionageorganisation Moskaus" sah, konnte sich als Legende
über 40 Jahre lang halten. Die Täter - ehemalige Nazirichter, Abwehr-
und Gestapobeamte - taten alles, um diesen Mythus aufrechtzuerhalten.
Die
Rote Kapelle wurde bewußt auf ihren Kontakt zur Sowjetunion reduziert.
Die Wahrheit ist: die Widerstandskreise um Schulze-Boysen und Harnack
versuchten die Verbindung mit allen Kräften der alliierten
Antihitlerkoalition aufzunehmen, zum Beispiel mit den USA und
Großbritannien. Ihre Warnungen, die sie ans Ausland weitergaben, u.a.
über den bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion, blieben
erfolglos. Sie kamen nicht an oder wurden ignoriert.
Im
übrigen versuchten die Angehörigen der Roten Kapelle die durch
Lügenpropaganda verwirrten Menschen in Deutschland aufzuklären. Mit
Flugblatt- und Klebeaktionen entlarvten sie die Gewaltverbrechen der
Nazis. So prangerten sie u.a. die Vernichtungsaktionen der Wehrmacht
gegenüber Juden und Ausländern an. Sie halfen untergetauchten Juden,
Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Darüber hinaus stellten sie
Verbindungen her zu allen anderen in Deutschland operierenden
Widerstandsgruppen.
Harro
Schulze-Boysen hatte sich schon vor 1933 im Kampf gegen den aufkommenden
Nationalsozialismus engagiert. Doch war sein Weg in den Widerstand nicht
geradlinig. Der Sohn einer berühmten Offiziersfamilie wuchs in Duisburg
auf und erfuhr hier seine erste politische Prägung. Der 15jährige
wurde "Führer" einer eher reaktionären Jugendorganisation
("Jungdeutscher Orden"), die jedoch offen nach allen
politischen Richtungen war.
Nach
dem Abitur am Steinbart-Gymnasium 1928 studierte Harro Schulze-Boysen
u.a. in Berlin. Als Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift
"Der Gegner" bekämpfte er den aufkommenden
Nationalsozialismus und sammelte Gleichgesinnte aus allen Lagern um
sich, darunter revolutionäre Sozialisten. Aus diesen Freundes- und
Gesprächskreisen, deren Leitfigur Harro Schulze-Boysen blieb, bildete
sich seit Mitte der Dreißiger Jahre der Kern der späteren Roten
Kapelle heraus.
Anfang
1933 verschärfte sich Schulze-Boysens Opposition zum
Nationalsozialismus. Die Redaktionsräume des "Gegners" wurden
beschlagnahmt, er selbst in einem "wilden KZ" mißhandelt;
sein Freund, ein jüdischer Journalist, vor seinen Augen totgetreten.
Einige Jahre später nutzte er seine Stellung als Offizier im
Führungsstab des Reichsluftfahrtsministeriums, um geplante
Aggressionsakte des NS-Regimes insgeheim zu enthüllen.
Neuere
Geschichtsforschungen haben das Bild Harro Schulze-Boysens und der Roten
Kapelle von allen Mythen und Legenden befreit. Die Rote Kapelle ist
heute als integraler Bestandteil des antifaschistischen Widerstandes
anerkannt. In der Vielfalt ihrer ideologischen und sozialen Herkunft, in
der Breite ihrer Widerstandsformen, in ihrer Lebensart stehen sie sogar
beispielhaft für den Kampf gegen die NS-Diktatur.
Auch
von offiziell-staatlicher Seite fand insbesondere Harro Schulze-Boysen
im letzten Jahrzehnt Anerkennung und posthume Gerechtigkeit. Höhepunkt
war eine Gedenkfeier und Ausstellungs-eröffnung am 22. Dezember 1999 im
Berliner Finanzmini-sterium. Hausherr Hans Eichel würdigte
uneingeschränkt Schulze-Boysens "Eintreten für Toleranz und
humani-stische Ideale": "Für uns ist diese Haltung
Verpflichtung ... Erinnerungen wachzuhalten und gleichzeitig den Mut zum
Widerstand gegen die staatliche Unrechts- und Gewaltherrschaft zu
ehren".
In
Duisburg ist diese "Botschaft" aus dem fernen Berlin noch
nicht angekommen. Weiterhin wird Harro Schulze-Boysen hier von
offizieller Seite mißachtet und totgeschwiegen.
Manfred
Tietz
Harro
Schulze-Boysen gehörte der Widerstandsgruppe Rote Kapelle an.
Siehe
auch: http://www.dhm.de/lemo/forum/kollektives_gedaechtnis/043/index.html |