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1933: Die Nacht des Faschismus bricht an mehr


2. Mai 1933

SA und SS stürmen die Gewerkschaftshäuser

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde,

mit diesen Worten berichtete der Generalanzeiger am 03.05.1933 über die "ordnungsgemäße" Übergabe des Bonner Gewerkschaftshauses. Wie in Bonn, so wurden fast überall in Deutschland die Gewerkschaftshäuser ohne größeren Widerstand von den Gewerkschafts-Apparaten an die Nazis übergeben. Nur in einigen Städten, wie z.B. in Siegburg hatten sich Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter bereit gefunden, ihre Häuser gegen den braune Terror zu verteidigen. Dort hatten bereits am 14. und 15. Februar SA- und SS-Trupps versucht, das Volkshaus zu besetzen. Nach zweitägigem Widerstand wurde die Selbstschutzbesatzung, die aus sechszehn Gewerkschaftern und Sozialdemokraten bestand dann aber doch überwältigt und verhaftet und kurze Zeit später zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.

Gerne stellen sich die deutschen Gewerkschaften heute immer noch im Licht dieser Widerständler gegen den braunen Terror dar:
Am 2. Mai seien die Gewerkschaftshäuser quasi aus heiterem Himmel gestürmt und besetzt worden, und gerade das sei ein Zeichen dafür, dass auch und gerade die Gewerkschaften als Ganzes Teil des antifaschistischen Deutschlands seien.

Die historischen Tatsachen sprechen eine andere Sprache...

Spätestens seit dem Mannheimer Parteitag 1906, in dem die SPD die politische Führung der Arbeiterbewegung offiziell mit den mächtigen Gewerkschaften teilen musste, war der revisionistische Einfluss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) - Vorläuferorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) – bestimmend für die Politik der organisierten Arbeiterbewegung in Deutschland.

Seither fielen die Entscheidungen zu gesellschaftspolitischen Fragen fast immer zugunsten der Systemintegration und –anpassung und zu lasten der revolutionären und systemoppositionellen Strömungen innerhalb der Partei und den Gewerkschaftsorganisationen.

Beispielhaft seien hier folgende genannt:

  • Die Absage an den politischen Massenstreik im Vorfeld des ersten Weltkrieges, die direkt in den Burgfrieden des 04. August 1914 und die Schützengräben und das Gemetzel von 1914-1918 führten.

  • Die Absage an die sozialistische Räterepublik und die militärische Durchsetzung der bürgerlich parlamentarischen Demokratie unter zu Hilfenahme, völkisch-nationalistischer und militaristischer Kreise des alten Kaiserreichs in der Novemberrevolution 1918. Den geheimen Bündnissen mit den alten Bossen und Generälen folgte im Januar 1919 die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie vieler revolutionärer ArbeiterInnen in ganz Deutschland. Die Mörder kamen aus den Reihen faschistischer Freikorpsverbände, wie der Brigade "Erhard", deren Einsatz u.a. vom SPD-Innenminister Noske organisiert wurde, dem hierzu nur einfiel: "Einer muss halt der Bluthund sein."

  • Wozu dieses Verhalten führen sollte, bekamen die Spitzen der MSPD und des ADGB bereits etwas mehr als ein Jahr später präsentiert, als reaktionäre Militärs und faschistische Freikorpsverbände den Militärputsch wagten, der nur durch den sofortigen Generalstreik besiegt werden konnte, der überall in Deutschland in Selbstorganisation der Arbeiterinnen und Arbeiter ausbrach. Zwar riefen auch die Führungen von SPD und ADGB mit Verzögerung zum Massenstreik auf. Nachdem die Putschregierung Kapp-Lüttwitz jedoch durch die Aktion der Arbeiterinnen und Arbeiter zum Abdanken gezwungen worden waren, waren es dieselben Funktionäre, die die ArbeiterInnen ultimativ aufforderten, die Waffen aus der Hand zu legen und zur alltäglichen Arbeit in die Fabriken zurückzukehren. Als das die ArbeiterInnen z.B. im Ruhrgebiet ablehnten und erneut die Forderung nach weitgehenderen sozialen Reformen stellten, setzten erneut, so wie bereits im Januar 1919 in Berlin, sozialdemokratische PolitikerInnen Freikorpsverbände in Bewegung, um die rote Ruhrarmee blutig niederzuschlagen. Auf der Strecke blieben dabei mehrere tausend tote ArbeiterInnen.

  • Am Ende der Weimarer Republik und nach der Machtübergabe an die Nazis am 30. Januar 1933, nachdem bereits die KPD durch die Reichstagsbrandverordnung illegalisiert war und auch das Verbot der SPD absehbar war, schlossen sich noch im April 1933 die Bundes- und Hauptvorstände der christlichen und der hirsch-dunkerschen Gewerkschaften sowie des ADGB zum "Führerkreis der vereinigten Gewerkschaften" zusammen. In dessen Gründungsdokument heißt es u.a.:


    "Die nationale Revolution hat einen neuen Staat geschaffen. Dieser neue Staat will die gesamte deutsche Volkskraft einheitlich zusammenfassen und machtvoll zur Geltung bringen. Aus diesem volklichen Einheits- und Machtwillen heraus kennt er weder klassenmäßige Trennung noch volksabgewandte Internationalität"
    - gemeint war der nationalsozialistische Terrorstaat...

  • Der Bundesvorstand des ADGB begrüßte ausdrücklich, dass die Nazis den 01. Mai, den seit 1889 begangenen internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, zum Tag der nationalen Arbeit deformierten. Die Gewerkschaftsbosse riefen offiziell zur Teilnahme an den Maikundgebungen der Nazis auf – die KollegInnen sollten sich "festlich beteiligen". Vielerorts standen die Gewerkschaftsführer am 01. Mai 1933 mit den lokalen Führern der faschistischen Deutschen Arbeitsfront (DAF) zusammen auf der Rednertribüne.

Doch diese naive Anbiederungspolitik unter dem revisionistischen Prinzip der Aufgabe zentraler Forderungen der Gewerkschaftsbewegung zur Rettung der Organisation hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Bereits am 21. April wurde im geheimen Aktionsbefehl der NSDAP festgehalten:

"Dienstags, den 2.Mai 1933, vormittags 10.00 Uhr, beginnt die Gleichschaltung gegen die freien Gewerkschaften."

Und so geschah am 2. Mai das, was man bei kritischem Blick kommen sehen konnte. Die Gewerkschafts- und Volkshäuser wurden durch SA-Horden besetzt. Das dieser Vorgang tatsächlich überraschend für einige der revisionistischen Gewerkschaftsfunktionäre kam, möchte ich gar nicht ausschließen.

Doch selbst in diesem Augenblick reichte die Zivilcourage in den meisten Fällen nicht mehr auch nur zu den kleinsten Formen des Widerstandes.

  • Statt die Druckmaschinen für die Untergrundpropaganda in Sicherheit zu bringen, händigten überall in Deutschland ordentliche Gewerkschaftsbürokraten den Nazi-Unterdrückern dieses wichtige Instrument für zivilen Ungehorsam gegen Quittung und auf nimmer Wiedersehen aus.

  • Statt die Kassen für die Finanzierung des Widerstandes verschwinden zu lassen, entledigten sich die Gewerkschaften durch Übergabe an ihre eigene Henker der ökonomischen Basis für die erforderlichen Auseinandersetzungen.

  • Statt die Mitgliederkarteien zu vernichten, wurde sie den Nazischlächtern ausgehändigt, die damit eine für ihre Zwecke hoch funktionale Abhakliste gegen ihre GegnerInnen in die Hände bekamen.

In der Folge des 2. Mai 1933 bekamen Tausende aufrechte GewerkschafterInnen Hausbesuch von der Gestapo. Die KZs, die bereits zu diesem Zeitpunkt existierten und bis 1939 überwiegend als Internierungslager für politische Gefangene dienten, begannen sich rapide zu füllen. Zehntausende GewerkschafterInnen, SozialdemokratInnen und KommunistInnen und KollegInnen aus der christlichen Arbeiterbewegung fielen dem Naziterror zum Opfer. An ihrer Stelle nenne ich hier den ersten Bonner Genossen und Kollegen, Otto Renois, KPD-Stadverordneter und Mitglied des Holzarbeiterverbandes, der von den Nazis bereits am 04. April auf offener Straße entführt und anschließend durch Genickschuss ermordet wurde.

Gäbe es nicht die tausende GewerkschaftskollegInnen, die offen oder durch stille Sabotage in ihren Betrieben und Wohnvierteln Widerstand leisteten, hätten ich als Gewerkschafter heute wahrlich keinen Grund mit Respekt über das Handeln von Menschen aus meiner Organisation im deutschen Faschismus zu reden.

Die Rolle der Führungsspitzen der Gewerkschaftsapparates war selbstverleugnerisch, jämmerlich und gegenüber den Millionen Organisierten, die in ihre Zentralen vertrauten, heimtückisch.

Der Zynismus der Geschichte drückte den meisten der Gewerkschaftsführer jedoch kurze Zeit später genau das Messer in die eigenen Rippen, das sie so trefflich den Nazis geschliffen hatten: nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hatten, fanden auch sie sich zum großen Teil – zusammen mit ihren KollegInnen – in den KZs und Zuchthäusern wieder. So auch im Zuchthaus in Siegburg, dass eines der größten im Rheinland war, und in dem von 1933-1945 alleine 600 politische Gefangene umkamen.

Nicht verschwiegen werden darf aber auch, dass ebenso wie die Mehrheit der Apparate auch ein großer Teil der organisierten KollegInnen an der Basis der Gewerkschaften dem braunen Zeitgeist bereits erlegen waren oder sich innerhalb kürzester Zeit unter dem Eindruck zunehmenden Terrors und Repressalien aus "Vernunftgründen" der Diktatur bedingungslos unterwarfen und anpassten.

Heute sollten wir über diesen KollegInnen nicht den selbstgerechten Stab antifaschistischer Erkenntnis brechen.

Wer um sein Leben fürchten muss, ist nicht mehr frei in seinem Denken und Handeln.

Wer materielle Not wegen Arbeitslosigkeit erfährt, wer ideelle Not wegen politischer Verunsicherung erleidet, wer permanentem psychischen Druck durch Angst vor Entlassung oder Misshandlung ausgesetzt ist, wird anfällig für Rattenfänger, wird anfällig für politische Unterlassung.

Gerade dies beachtend gilt es jedoch heute, angesichts von Massenarbeitslosigkeit, grassierendem Rassismus und Antisemitismus, wiedererstarkendem Militarismus und Neofaschismus, das Vermächtnis der Kolleginnen und Kollegen aus dem gewerkschaftlichen Widerstand in den Organisationen des DGB fortzusetzen, in denen fast 8 Millionen Menschen Mitglied sind.

Konkrete Anlässe gibt es tagtäglich. Beispielhaft nenne ich jetzt zwei:

In Lüdenscheid wurde der türkische Gewerkschaftskollege Metin Serefoglu fristlos gekündigt, weil er sich weigerte an der betrieblichen Schweigeminute für die Terroropfer von New York und Washington teilzunehmen. Diese fristlose Kündigung wurde vom zu 100% IG-Metall organisierten Betriebsrat ausdrücklich bestätigt. Die zuständige Verwaltungsstelle der IGM schweigt nicht nur, nein, sie greift diejenigen an, die das Verhalten der Betriebsräte öffentlich kritisieren.

Im Falle des Siegener Lehrers und GEW-Kollegen Bernhard Nolz war eine Rede auf der Abschlusskundgebung eines Trauermarsches für die Opfer des 11. September Anlass für seine sofortige Suspendierung vom Dienst. In der inzwischen veröffentlichten Rede kann jeder nachlesen, dass der Kollege Bernhard Nolz den terroristischen Anschlag in den USA verurteilt hat. Gleichzeitig verurteilte er aber zu recht die Weltpolitik der USA und wandte sich gegen einen Krieg durch USA, NATO und Bundeswehr. Daraufhin wurde eine Hetzkampagne gegen ihn entfacht. Es wird ihm unter anderem eine "unheimliche Allianz mit den Terroristen" vorgeworfen.

Den antifaschistischen Widerstand heute fortsetzen heißt:

  • Wir solidarisieren uns mit den Kollegen Serefoglu und Nolz!

  • Wir wehren uns gegen die massiven Eingriffe in demokratische Grundrechte und die Verhängung von Denkverboten unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung stattfindenden.

  • Wir kämpfen gegen den äußeren und inneren Krieg!

  • Gegen Rassismus und Antisemitismus.

  • Gegen Neonazismus und Militarismus.

  • Gegen die Festung Europa und die Angriffe auf die Rechte von MigrantInnen unter dem Vorwand der "Regulierung von Zuwanderung".

Zur Verteidigung – zumindest der Möglichkeit – einer zivilen und humanen Fortentwicklung der globalen menschlichen Gesellschaft ist es wieder einmal und spätestens jetzt an der Zeit, den größten Mut zu beweisen, sich gegen die herrschende Meinung zu stellen und laut zu sagen:

Nein!!

Für alle anderen dies mit auf den Weg:

Glauben kostet keine Mühe.
Denken ist anstrengend.
Wer nicht denken will,
muss halt dran glauben.

Andreas Buderus
Arbeitskreis gegen Rassismus und Rechtsextremismus der ver.di NRW-Süd
Rede am 9.11.2001 vor der Uni Bonn

 

 

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